95 Thesen

Der Thesenanschlag zu Wittenberg vom 31. Oktober 1517 ist erstmalig erwähnt durch Philipp Melanchthon. Da Melanchthon erst 1518 nach Wittenberg berufen wurde, ist es höchst unwahrscheinlich, dass er Augenzeuge des Ereignisses gewesen sein konnte, bei dem Martin Luther angeblich die weltberühmten 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg nagelte, die sich nach üblicher Schilderung von dort aus lauffeuerartig in ganz Deutschland verbreiteten und somit den Beginn der Reformation ausmachten. Der Absicht Luthers entsprach diese Wirkung nicht. Er war überrascht von der ungeheuren Wirkung eines Papiers, das als Disputationsgrundlage dienen sollte.

Die Authentizität des Ereignisses als solches ist umstritten. Dass es zumindest ein solches Thesenpapier gibt, ist hingegen zweifelsfrei. Ein solches erging an den Erzbischof Albrecht von Mainz und weitere geistliche Würdenträger des Reiches, als Reaktion auf dessen Instruktionen für den Ablassverkäufer Johannes Tetzel, ohne dass sich hieraus Reaktionen von seiner Seite her ergaben. Zumindest dürfte dieses Papier in einer größeren Anzahl gedruckt worden sein. Ohne dessen Einverständnis wäre eine solche öffentliche Disputation als schwere Provokation aufgefasst worden. Es ist unwahrscheinlich, dass Luther dieses beabsichtigte oder zumindest sich nicht über eine solche mögliche Konsequenz im klaren gewesen wäre.

Das Ereignis selbst wird seit 1961 von Erwin Iserloh in Frage gestellt, der schlicht sagte, dass der Thesenanschlag nicht stattgefunden habe. Für die Authentizität des Wittenberger Ereignisses sprach sich der Kirchenhistoriker Heinrich Bornkamm aus, der meinte, dass es damals neben dem Schreiben an den Erzbischof in akademischen Disputationen durchaus den üblichen Gepflogenheiten entsprochen hätte, in Wittenberg die Thesen öffentlich anzuschlagen. Auch der Kirchenhistoriker Kurt Aland aus einer jüngeren Generation als Iserloh und Bornkamm stimmte für die Authentizität dieses Ereignisses.

Dies ist durchaus denkbar, weil die Schlosskirche zugleich auch die Wittenberger Universitätskirche war. Endgültig geklärt ist diese Streitfrage, ob der Thesenanschlag Wahrheit oder Legende ist, bis heute nicht. Es ist nicht so, dass lediglich wie Iserloh die katholische Kirchengeschichtsschreibung die Authentizität des Thesenanschlages anzweifelt. Auch seitens der evangelischen Kirchengeschichtsschreibung beharrt man nicht unbedingt auf dem Beibehalten dieses Diktums. Heute tendiert man generell dazu zu sagen, dass der Thesenanschlag nicht stattgefunden habe, ohne allerdings einstimmig die Authentizität zu verwerfen. Bis zu Luthers Tod im Jahre 1546 ist hiervon nie offiziell die Rede. Melanchthon spricht davon in einem Abstand von nahezu zwanzig Jahren. Es mögen dabei auch Glorifizierungsabsichten eine Rolle gespielt haben.

Gerhard Prause (1966) faßt in seinem Buch "Niemand hat Kolumbus ausgelacht - Fälschungen und Lügen der Geschichte richtig gestellt" die Geschichte der 95 Thesen - es waren zunächst auch nur 93 - im Kapitel 3 zusammen. Demnach geht die Mythe vom Anschlag der 95 Thesen auf einen Lesefehler des einzigen Zeitzeugen Johann Schneiders aus Eisleben, genannt Agricola, zurück. Man las "me teste" (wie ich bezeugen kann) statt, wie sich später herausstellte "modeste" (in bescheidener Weise). Prause (S.76): "Jahrhunderte lang war die Forschung also einem ganz simplen Lesefehler erlegen. Die Stelle in jener Wittenberger Handschrift, die man so lange für einen Augenzeugenbericht gehalten hatte, heißt richtig: 'Im Jahre 1517 legte Luther in Wittenberg an der Elbe nach altem Universitätsbrauch gewisse Sätze zur Disputation vor, jedoch in bescheidener Weise und damit ohne jemand beschimpft oder beleidigt haben zu wollen.'".

Lit

Prause, Gerhard (1966). Luthers Thesenanschlag ist eine Legende. In: Niemand hat Kolumbus ausgelacht - Fälschungen und Lügen der Geschichte richtig gestellt, 75-88. Düsseldorf: Econ.

Weblinks

See also: 95 Thesen, 1517, 1518, 1546, 1961, 31. Oktober, Ablass, Agricola, Deutschland, Diktum