Achsformel
Die Achsfolge oder auch Achsformel ist ein Code, mit dem die sehr unterschiedlichen Achs- bzw. Radanordnungen von Lokomotiven und Triebwagen in kurzer Form dargestellt werden können. Sie bezeichnet die Reihenfolge angetriebener und nicht angetriebener Radsätze am Fahrzeug.
Es haben sich verschiedene Systeme zur Codierung der Achsfolge herausgebildet. Zum heutigen internationalen Standard hat sich das erstmals 1908 vom Verein Deutscher Eisenbahnverwaltungen (VDEV, ab 1932 Verein Mitteleuropäischer Eisenbahnverwaltungen VMEV) definierte System entwickelt, welches vom Internationalen Eisenbahnverband UIC im UIC-Kodex 612 übernommen wurde.
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VDEV/VMEV/UIC-System
Anmerkung: nicht alle Details des hier beschriebenen Systems sind im UIC-Kodex 612 enthalten. Besonders bei den Zusatzkennzeichnungen gibt es einige nicht-offizielle Erweiterungen.
Die Anzahl und Reihenfolge der Achsen wird von vorn nach hinten angegeben. Nicht angetriebene Achsen (Laufachsen) werden durch arabische Ziffern bezeichnet, angetriebene Achsen erhalten lateinische Großbuchstaben. Daher ergibt sich:
- 1, 2, 3 … – Anzahl von Laufachsen
- A, B, C …
- ohne Zusatz – Anzahl von gekuppelten bzw. gemeinsam angetriebenen Achsen entsprechend der Alphabet-Stelle
- mit Zusatz o – Anzahl von einzeln angetriebenen Achsen entsprechend der Alphabet-Stelle
- ' – Beweglich gelagerte Achsen bzw. Achsgruppen werden durch einen Apostroph kenntlich gemacht. Oft werden die Apostrophe auch weggelassen (man kann sich sicher sein, dass eine 2D1 in Wahrheit eine 2'D1' ist).
- ( ) – mit dem Klammerzeichen werden Gruppen von Lauf- und Treibachsen zusammengefasst, die sich in einem gemeinsamen Drehgestell separat von weiteren vorhandenen Achsgruppen befinden. Hinter einer Klammergruppe ist kein Apostroph nötig, obwohl man es häufig sieht: (1'C)'(C1')', richtig ist (1'C)(C1')
- + – ein Pluszeichen markiert die Trennstelle in der Achsfolge bei betriebsmäßig ständig zusammengehörigen Einzelfahrzeugen.
Eine Dampflokomotive, die ein vorauslaufendes Drehgestell mit zwei Achsen, dahinter drei miteinander gekuppelte Treibachsen und zum Schluss eine beweglich gelagerte Laufachse hatte, war demgemäß eine 2'C1'-Lokomotive.
Wenn die Achsen nicht gekuppelt sind, sondern jede ihren eigenen Motor hat, schreibt man dafür ein kleines „o“. Dieser Einzelachsantrieb ist bei den meisten Elektrolokomotiven vorhanden. Für die Elektrolok-Baureihe 103 lautet die Achsfolge Co'Co'. Diese Lokomotive hat also
- zwei Drehgestelle ( ' ) …
- … mit je drei angetriebenen Achsen (C) …
- … die jeweils einen eigenen Fahrmotor haben (o)
Triebwagen bestehen häufig aus zwar fest miteinander verbundenen, aber dennoch theoretisch trennbaren Wagen. Die Grenze zwischen zwei einzeln verfahrbaren Teilen einer Lok oder eines Triebwagens wird durch ein Pluszeichen kenntlich gemacht. Wenn in einem Drehgestell sowohl angetriebene als auch nicht angetriebene Achsen vorkommen, klammert man die Angabe zusätzlich.
Hierzu wieder ein Beispiel: Die Achsfolge des Neigetechnik-Triebwagens Baureihe 610 ist 2'(A1)+(1A)(A1)
- Der Triebwagen besteht aus zwei Teilen (das Pluszeichen)
- Im ersten Wagenteil gibt es ein Drehgestell mit zwei Laufachsen …
- … und ein Drehgestell mit einer angetriebenen und einer nicht angetriebenen Achse.
- Im zweiten Wagenteil finden wir zwei Drehgestelle mit je einer angetriebenen und einer nicht angetriebenen Achse.
Durch dieses System werden man fast alle heute im Einsatz befindlichen Bauarten abgedeckt. Seitenverschiebbare Achsen und spezielle Anordnungen wie das Krauss-Helmholtz-Gestell lassen sich nicht darstellen, auch nicht die bei modernen Triebzügen oft verwendeten Jakobsdrehgestelle. Der „Normalfall“ in der heutigen Bahntechnik sind B'B' oder C'C'-Diesellokomotiven und Bo'Bo' oder Co'Co'-Elektrolokomotiven. Bei Triebwagen können allerdings, wie man sieht, leicht recht komplizierte Achsfolgen zustandekommen.
Kennzeichnungen für Hilfsantriebe und Zahnradloks
Vereinzelt gab es Dampflokomotiven, die für einzelne Achsen zuschaltbare Hilfsantriebe hatten (als Anfahrhilfe). Solche Achsen mit Hilfsantrieb werden manchmal mit Kleinbuchstaben gekennzeichnet, Beispiel: 2'Ba'. Da sich diese Zusatzantriebe nicht durchsetzten, blieb ihre Kennzeichnung in der Achsformel weitgehend unbekannt.
Zahnradantriebe werden mit z gekennzeichnet. Entweder schreibt man für jedes Zahnrad ein z oder man zählt die Zahnräder mit Kleinbuchstaben (b = 2) mit nachgestelltem z. Eine laufachslose, dreifach gekuppelte Dampflok mit 2 Zahnrädern wird demnach als Czz oder Cbz bezeichnet.
Zusätze zur Achsfolge für Dampflokomotiven
Für Dampflokomotiven haben sich hauptsächlich im deutschen Sprachraum einige Erweiterungen des VMEV-Systems durchgesetzt, die die Bauart einer Lokomotive näher beschreiben. Diese Zusätze werden durch Leerzeichen oder Bindestrich an die Achsfolge angehängt.
- Dampfart: h = Heißdampf, n = Nassdampf (in Österreich fallweise auch t für Trockendampf).
- die Zahl hinter der Dampfart gibt die Zylinder-Zahl an.
- ein v hinter der Zylinderzahl kennzeichnet Verbundmaschinen
Beispiel: 2'C1'-n4v ist eine Naßdampf-Vierzylinder-Verbundlokomotive, 1'E-h3 ein Heißdampf-Drilling.
Manchmal wird eine Tenderlokomotive durch ein angehängtes t (vor oder hinter der Dampfmaschinen-Bauart) gekennzeichnet (z.B. 1'C1't-h2 oder 1'C1' h2t).
Ein möglicherweise mitgeführter Schlepptender zählt streng genommen nicht mehr zur Lokomotive. Hierfür werden jedoch oft Angaben angefügt, etwa nach dem Muster „+ 2'3 T38 Öl“, was im Klartext bedeutet: „mit Tender, Achsfolge 2 Laufachsen im Drehgestell und 3 feste Laufachsen, Tankinhalt 38 Kubikmeter Wasser, Brennstofftank für Öl. Die Brennstoffmenge wird meist nicht angegeben.
Die vollständige Bezeichnung für die bayerische S3/6 mit Vierzylinder-Verbundtriebwerk und dem 4-achsigen Standard-34-Kubikmeter-Tender wäre demnach „2'C1' h4v + 2'2' T34“.
Zusätze zur Achsfolge für Triebfahrzeuge mit Verbrennnungsmotor
Für Lokomotiven und Triebwagen mit Verbrenunngsmotor findet man manchmal folgende Zusatzbezeichnungen:
- Treibstoff: d = Diesel, b = Benzin
- Kraftübertragung: m = mechanisch, e = elektrisch, h = hydraulisch
Beispiele: A1-bm, B'B'-dh, Bo'Bo'-de
Zusätze zur Achsfolge für Elektro-Triebfahrzeuge
Kaum gebräuchlich sind die Zusatzbezeichnungen für Elektro-Triebfahrzeuge:
- Stromart: g = Gleichstrom, w = Wechselstrom, d = Drehstrom
- die Zahl hinter der Stromart gibt die Motorzahl an
- Antriebsart: k = Kurbelantrieb ohne Vorgelege, u = Kurbelantrieb mit Vorgelege (übersetzt), e = Einzelachsantrieb mit im Rahmen gelagerten Motoren, t = Tatzlagerantrieb, gf = Einzalachsantrieb mit im Drehgestell gelagerten Motoren mit gefedertem Antrieb.
Beispiele: 1'Do1'-w4e, Bo'Bo'-w4gf
Der praktische Wert dieser Zusatzangaben ist gering. Bei der Stromart ist nicht klar, ob die der Fahrleitung oder die der Motore gemeint ist (diese Unterscheidung spielte zum Zeitpunkt als sich dieses System etabliert hat keine Rolle, da es kaum Umformerlokomotiven gab).
Andere Notationssysteme
Kupplungsverhältnis
Beim Kupplungsverhältnis handelt es sich nicht um ein System zur Beschreibung der Achsfolge. Es wird nur in Form eines Bruches das Verhältnis der angetriebenen Achsen zur Gesamt-Achszahl angegeben. Eine 3/6-gekuppelte Lokomotive konnte eine 2'C1' oder eine 1'C2' oder theoretisch jede beliebige 6-achsige Lok mit 3 Treibrädern sein.
In Bayern und der Schweiz wurde das Kupplungsverhältnis als Bestandteil der Baureihenbezeichnung verwendet. Die bayerische S3/6 war eine Schnellzuglok mit der Achsfolge 2'C1', bei der schweizerischen Ce6/8 II handelte es sich um das berühmte Schweizer Krokodil mit der Achsfolge (1'C)(C1').
Altes amerikanisches System
Für bestimmte Achsfolgen haben sich Namen eingebürgert. Eine 1'D heißt beispielsweise „Consolidation“. Den höchsten Bekanntheitsgrad (auch außerhalb von Eisenbahner-Kreisen) hat die „Pacific“, Achsfolge 2'C1' (man denke nur an Arthur Honeggers Orchesterwerk „Pacific 231“).
Laufachslose Lokomotiven werden nach der Räderzahl mit dem Zusatz „switcher“ bezeichnet, z.B. „Six wheel switcher“ für eine C. Lokomotiven ohne Vorlaufachse und mit einer Nachlaufachse (B1', C1', …) erhalten die Bezeichnung „Four coupled and trailer“, „Six coupled and trailer“ usw. Die Achsfolgen B2', C2' usw. heißen „Forney four coupled“, „Forney six coupled“ usw.
Im Laufe der Zeit wurde das System immer unübersichtlicher und man ging zur Whyte-Notation über. Einige Namen (wie „Soviet“ für die sowjetischen 2'G2'-Lokomotiven, oder „Adriatic“ für die österreichischen 1'C2') sind Nachschöpfungen.
Whyte-Notation
Die in den USA und Großbritannien gebräuchliche Whyte-Notation (nach dem Ingenieur Frederick Methvan Whyte der New York Central-Railroad) zählt bei einer Lokomotive die aufeinanderfolgenden Laufräder und Treibräder (nicht die Achsen!) unterschiedslos mit arabischen Ziffern in der Reihenfolge von vorn nach hinten mit Trennstrichen zwischen den Radsatzgruppen.
Beispiele: Eine Dampflokomotive nach der UIC-Achsfolge 2'D1' h2 wäre nach dem Whyte-System eine 4-8-2 (Schema: ooOOOOo). Eine (1'D)D2' h4 Mallet-Lok ist eine eine amerikanische 2-8-8-4 (Schema: oOOOO OOOOoo).
Das Whyte-System geht grundsätzlich davon aus, dass bei Dampflokomotiven hinter den Treibrädern noch Laufräder vorhanden sind. Falls dies dennoch nicht gegeben ist, wird hier eine „0“ geschrieben. Eine Dampflokomotive nach der UIC-Schreibweise 2'C wäre nach dem amerikanischen System eine 4-6-0.
französisches System
Das französischen Achsformel-System ist ähnlich wie das englisch-amerikanische (Whyte), zählt jedoch Achsen statt Räder und verwendet keine Trennstriche. Eine 2'D1'-Lokomotive wäre nach dem französischen System eine „241“.
Gegenüberstellung von Achsfolgebezeichnungen und Achsbild
| Deutsche Bezeichnung | Anglo-amerikanische Bezeichnung | Amerikanischer Name | Bildschema |
| 1A | 2-2-0 | Planet | oO |
| 1A1 | 2-2-2 | Patentee | oOo |
| 2'A | 4-2-0 | Crampton, Norris | ooO |
| 1'B | 2-4-0 | oOO | |
| 2'B | 4-4-0 | American, Eight-Wheeler | ooOO |
| 2'B1' | 4-4-2 | Atlantic | ooOOo |
| 2'B2' | 4-4-4 | Reading | ooOOoo |
| C | 0-6-0 | Six wheel switcher | OOO |
| 1'C | 2-6-0 | Mogul | oOOO |
| 2'C | 4-6-0 | Ten wheeler, six-eight wheeler | ooOOO |
| 1'C1' | 2-6-2 | Prairie | oOOOo |
| 2'C1' | 4-6-2 | Pacific | ooOOOo |
| 1'C2' | 2-6-4 | Adriatic | oOOOoo |
| 2'C2' | 4-6-4 | Hudson | ooOOOoo |
| D | 0-8-0 | Eight wheel switcher | OOOO |
| 1'D | 2-8-0 | Consolidation | oOOOO |
| 1'D1' | 2-8-2 | Mikado | oOOOOo |
| 1'D2' | 2-8-4 | Berkshire | oOOOOoo |
| 2'D | 4-8-0 | Twelve wheeler, Mastodon | ooOOOO |
| 2'D1' | 4-8-2 | Mountain | ooOOOOo |
| 2'D2' | 4-8-4 | Northern, Niagara | ooOOOOoo |
| E | 0-10-0 | Ten wheel switcher | OOOOO |
| E1' | 0-10-2 | Union | OOOOOo |
| 1'E | 2-10-0 | Decapod | oOOOOO |
| 2'E | 4-10-0 | Mastodon | ooOOOOO |
| 1'E1' | 2-10-2 | Santa Fe | oOOOOOo |
| 1'E2' | 2-10-4 | Texas | oOOOOOoo |
| 2'E1' | 4-10-2 | Southern Pacific | ooOOOOOo |
| 2'F1' | 4-12-2 | Union Pacific | ooOOOOOOo |
| C'C | 0-6-6-0 | Erie (Mallet-Type) | OOO OOO |
| (1'C)C | 2-6-6-0 | namenlos (Mallet-Type) | oOOO OOO |
| (1'C)C1' | 2-6-6-2 | namenlos (Mallet-Type) | oOOO OOOo |
| (1'C)C2' | 2-6-6-4 | namenlos (Mallet-Type) | oOOO OOOoo |
| (2'C)C2' | 4-6-6-4 | Challenger (Mallet-Type) | ooOOO OOOoo |
| (2'C)C3' | 4-6-6-6 | Allegheny (Mallet-Type) | ooOOO OOOooo |
| D'D | 0-8-8-0 | namenlos (Mallet-Type) | OOOO OOOO |
| (1'D)D1' | 2-8-8-2 | Chesapeake (Mallet-Type) | oOOOO OOOOo |
| (1'D)D2' | 2-8-8-4 | Yellowstone (Mallet-Type) | oOOOO OOOOoo |
| (2'D)D2' | 4-8-8-4 | Big Boy (Mallet-Type) | ooOOOO OOOOoo |
| (1'E)E1' | 2-10-10-2 | namenlos (Mallet-Type) | oOOOOO OOOOOo |
Literatur
Helmut Griebl, Fr. Schadow: Verzeichnis der deutschen Lokomotiven 1923 – 1965. Verlag Josef Otto Slezak, Wien und Transpress VEB Verlag für Verkehrswesen, Berlin 1967 (enthält eine ausführliche Beschreibung der Achsformel-Kennzeichnung)
Weblinks
http://www.steamlocomotive.com/misc/wheels.shtml
