Der Bergkristall (Stifter)

Bergkristall - (Der heilige Abend) ist eine Erzählung von Adalbert Stifter (1845/1853)

(Zitiert nach: Adalbert Stifter, Gesammelte Werke in sechs Bänden, hg. v. Michael Benedikt u. Herbert Hornstein, Güterloh 1960)

Inhaltsverzeichnis

Überblick

Die Erzählung Bergkristall erschien erstmals 1845 in der Zeitschrift Die Gegenwart und trug hier noch den Titel Der heilige Abend. 1853 fand sie dann in überarbeiteter Fassung unter dem Titel Bergkrystall (dann: Bergkristall) Eingang in die Sammlung Bunte Steine. Die Erzählung, in der, wie auch in Granit und Katzensilber, Kinder die Protagonisten sind, soll durch ein Bild des Stifter-Freundes Friedrich Simony inspiriert worden sein, der ein Motiv von in eine Höhle geflüchteten Kindern abbildete. Dennoch ist Bergkristall nur auf den ersten Blick eine abgewandelte Hänsel- und Greteliade, die dann aber in einem christlich-symbolischem Ausgang kulminiert, der das Fest der Geburt Jesu, das zu Feiern gerade ansteht, als die Kinder sich verirren, mit der österlichen Auferstehung zu deren Rückkehr verbindet vor einer Kulisse einer gnadenvollen Natur, ist eine Weihnachtsgeschichte, die über Weihnachten hinausgreifen, vielleicht sogar die schon in diesem Feste verschüttete Heilslehre befreien, über die Natur transformiert reaktualisieren will.

Inhalt

Die beiden Alpendörfer Gschaid und Millsdorf liegen in Einsamkeit, wo die Bewohner »[…] im Winter oft ihre Toten aufbewahren müssen, um sie nach dem Wegschmelzen des Schnees zum Begräbnisse bringen zu können« (159), sind von Kontinuität und Tradition bestimmt, die Menschen sind »[…] sehr stetig und es bleibt immer beim alten« (160), doch »die Bewohner bilden […]« so auch »eine eigene Welt« (ebd.). Millsdorf und Gschaid sind so, einander ähnlich, doch voneinander getrennt: Auch durch ein Gebirge voneinander getrennt. Der Berg, der trennt und doch vereint, ist Zentrum der Geschichte, wie der darin waltenden Menschen, ist »Stolz des Dorfes« (161), von dem die Bewohner gern reden »als hätten sie ihn selber gemacht« (ebd.), ja sogar »zum Ruhme des Berges [zu] lügen« (ebd.) sind sie bereit.

Über diesen Berg, dies treffend »Gars« genannte Gebirge, freit nun der Schuster des Dorfes Gschaid in Milldorf seine Braut. Die Färberstochter zieht zu ihrem Gatten, zwei Kinder namens Konrad und Susanna erblicken das Licht der Welt. Und über das Freien des Schusters, über den Blick über den Berg, der wiederum von dem Blick auf den alten und, so scheint es, längst situierten Schuster abhängt und ausgeht, über die Betrachtung der Dorfidylle und deren »Mühseligkeiten« (165) hinausgreifend, wird nun die eigentliche Geschichte erzählt: Erschien der wohlhabende Färber aus Millsdorf noch mit einigen Dünkeln behaftet gegen den Schuster aus Gschaid, dessen Frau zu werden seine hübsche Tochter sich in den Sinn gesetzt hatte, so wird dieses trennende »Gebirge« nun aber mit der einen Kinder und anderen Enkeln überwunden: Zuerst noch sind es die Großeltern, die es über das Gebirge zu den Nachkommen zieht – dann, als diese größer und jene älter geworden sind, wandern die Enkel zu Oma und Opa. Dass mit der &8250;Annäherung‹ über eine Generation hinweg, gerade das Leben der hier übersprungenen sich in deren dörflichen Verhältnissen dadurch nicht erleichtert, sie sogar im Dorf als Besucher des Nachbardorfes schon zu »Fremden« (171) werden, wird nicht nur nicht verschwiegen, sondern beschreibt auch den Umriss einen Mikrokosmos, der den schärfsten Kontrast zum aufragenden Gebirge bildet: Hier die dörfliche Kleinstwelt, dort das drohende Bergmassiv – dieses jenes in seiner Abgeschlossenheit bedingend.

Im folgenden jedoch begibt sich der Erzähler mit den Kindern auf die Reise. Zum Heiligen Abend begeben sich der kleine Konrad und seine noch jüngere Schwester Susanna, Sanna genannt, wieder auf den Weg nach Millsdorf. Es ist Winter, die Tage sind kürzer, die Witterung unsicher, an Warnungen mangelt es nicht, auch wenn keine dazu gereicht, dies Unterfangen vor seinem Beginn abzubrechen. Bis zu den Großeltern gelangen die Kinder noch problemlos, auch sorgt die Großmutter für der Kinder rechtzeitigen Aufbruch nach hause – hierbei dann jedoch beginnt das Unheil sich zu verfertigen.

Doch dieses Unheil gibt sich durchaus nicht als Unheil zu erkennen. Es wird zwar auch kälter, friert sogar, doch beginnt es vor allem zu schneien. Und die Kinder erfreuen am Schnee, erfreuen sich an der weißen Weihnacht‘, trödeln sogar immer wieder, um die Festigkeit vereister Erde zu prüfen (s.177), ihre Fußspuren zu beschauen, lassen den Schnee an den Kleidern kleben (s.181). Die Kinder, ohnehin abgeneigt, Kälte allein als Grund zur Klage anzuerkennen, wähnen sich mit dem Schnee »weich unter den Sohlen« (ibd.), in einer Landschaft »ruhig und heimlich« (ibd.), in einem wießen Paradies – bei zunehmend wachsender Freude (vgl. ibd.).

Den Empfindungen der Kinder entsprechend sind sodann die landschaftlichen Eindrücke gestaltet, gibt sich der »[…] dichte Waldrand schon recht lieblich gesprenkelt […]« (179f.)., zeigen »Tannen und Fichten […] schon weiße Flämmchen […] (180). Kurze Zeit später dann aber schon »duckten [sie] die Köpfe« (181), waren kaum noch die Bäume sichtbar, »wie neblige Säcke in der Luft« (182) zu stehen scheinen, waren »[…] ihre hinter ihnen liegenden Fußstapfen […] nicht mehr lange sichtbar« (183). Später dann – nun schon ist die Orientierungslosigkeit der Kinder offensichtlich – ist nur noch von dem »blendenden Weiß« des »unersättlich niederfallenden Schnees« (185), von einer »Lichtfülle«, die doch nur eine »weiße Finsterniss« (186) ist, die Rede.

Aus der freudigen Trödelei ist längst »Hast« (187) geworden. Eine Säule, die man an dem Platz errichtet hatte, an dem einst ein Bäcker erfror, deren rote Markierungsfarbe aber sodann auch Leitung war, den Übergang vom Auf- zum Abstieg anzeigend – diese Säule wird von den Kindern nicht mehr gefunden. Und so steigen sie weiter hinan, geraten in die unbekannte, surreal anmutende Welt der Gletscher und Türme aus ewigem Eis. Hierüber nun will Konrad, dem die Hoffnung schon um seiner Schwester willen das letzte ist, das er aufzugeben bereit ist, den Marsch fortsetzen:

 »Jenseits wollten sie wieder hinabklettern. Aber es gab kein Jenseits.« (190)

An dieser Stelle jedoch, an der die eschatologische Perspektive wegzubröckeln scheint, bietet die Natur dann auch den notwendigen Schutz: Die Stein- und Eismassen, die wie »Hütten und Dächer« (191) darstehen, werden den Kindern nun wirklich zu Hütte und Dach (s. 194). In einer Höhle nun, die einen sehr vorläufigen, über die Nacht reichenden Schutz bietet, scheinen die Kinder sogar ein wenig des Weihnachtsfestes erleben zu wollen, erinnern sich ein letztes mal der Lichter und Klänge, die auf dem Gipfel des Berges nicht wahrzunehmen sind (vgl. 193f.), essen ihre Brote und geraten in die Nähe des Todes, der nun den Namen des Schlafes trägt. Und erst hierin, nicht am Rande einer abfallenden Klippe, wendet sich die Natur den Kindern wieder zu:

 »so würden sie den Schlaf nicht überwinden können […] wenn nicht die Natur in ihrer Größe ihnen beigestanden wäre« (197)

Die Natur selbst, gerät so, wie in vielen Werken Stifters, in ihre eigene Position. Wurden mit dem Verlauf des Aufstieges, mit dem Verirren dann, das Schneien, der Wald, die verschütteten Wege in ihrer Gleichförmigkeit, beinahe in einem Desinteresse gezeigt, dass nur von den sich wandelnden Empfindungen der Kinder her seine Aufladung erfuhr – so wird die Natur nun in den Spären des ewigen Eises zu einer nicht nur duldenden, sondern aufnehmenden, bewahrenden. Nicht die Segen der Eltern und Grosseltern (vgl. 176 u.a.), so scheint es, nicht der letzte vom Menschenhand geschaffene Orientierungspunkt, der doch keine Wegweisung zu bieten vermochte, sondern allein der felsige Unterstand (und erst dann der mitgenommene Kaffee, mit dem, eigentlich für die Eltern gedacht, die Kinder sich wärmen, sich am einschlafen hindern) erweist sich als Schutz und Lebensrettung.

Erst hiernach dann, nach der überlebten Nacht, kann dann auch die Rettungsunternehmung der Bewohner beider Dörfer gelingen, kann sich menschliches Mitgefühl entfalten, die Bergung gelingen. Der dräuende Morgen, der dies dann ankündigt, ist von beinahe religiös überwältigender Kraft:

 »Es fing der Himmel an, heller zu werden, langsam heller, aber doch zu erkennen; es wurde seine Farbe sichtbar, die bleichsten Sterne erloschen, und die anderen standen nicht mehr so dicht [...] Eine riesengroße, blutrote Scheibe erhob sich an dem Schneesaume im Himmel, und in dem Augenblick errötete der Schnee um die Kinder, als wäre er mit Millionen Rosen überstreut worden [...]« 

In diesem Augenblick wird das Lichtermotiv der Weihnacht an das in Sonnenaufgang und Rosenmeer vorgestellte der Auferstehung geknüpft, ist der Tod endgültig überwunden. Die Scheidung zwischen Leben und Tod findet sich erstmals an der roten Unglückssäule des Bäckers (s. 177). Als dieser Wendepunkt der Wanderung, der die Schritte, die bis dahin hinan gingen, nun wieder hinab lenken sollte, überschritten wird, wird auch die Sphäre des Lebens verlassen. Oberhalb der Markierung wartet der Tod des ewigen Eises. Und oberhalb dieser Markierung findet sich auch die Auferstehung, das Aufstehen am kommenden Morgen, das Aufgehen der Sonne, die den feindlichen Schnee nun wie von »Rosen überstreut« (199) erscheinen lässt. Die »unwissenden« (174) Kinder überleben in einer aus der Sphäre des Todes heraus nutzbaren Höhle. Hierin kulminiert sowohl das sich über alle Zweifel hinwegredende vermeindliche Vertrauen Konrads, als auch das absolute, eben im Bruder begründete Vertrauen Sannas. Hierin auch findet sich die Kehrtwende, die »unergründliche Natur« (197) wieder an die Seite der Kinder zu stellen.

Die Auferstehung, die mit der ungewollten Besteigung des Berges topographisch schon vollzogen ist, wird rückentwickelt zum freudigen Geburtsfest, wenn die Eltern mit ihren überlebenden Kindern sich als beschenkt betrachten dürfen. Hier aber wird in den Umkehrung er Richtung nicht nur der Wandernden dann nicht mehr im Leben der Tod, sondern im (dräuenden) Tod das Leben gefunden. Hierin ist Stifers Erzählung tief religiös und sodann auch (für heutige Leserinnen und Leser) nicht frei von Pathos.

Verfilmung

Die Erzählung dient als - sehr frei verwendete - Grundlage des gleichnamigen Films von Joseph Vilsmaier (Deutschland, 2004) (mit Daniel Morgenroth, Dana Vavrova und Katja Riemann).

Literatur (Auswahl)

Bergkristall, Der

See also: Der Bergkristall (Stifter), 1845, 1853, 2004, Adalbert Stifter, Dana Vavrova, Deutschland, Erzähler, Erzählung, Friedrich Simony