Adiaphora
Adiaphora ( griech. αδιάφορα; Singular: Adiaphoron, adiaphoros : nicht verschieden) bezeichnet Ununterschiedenes, Gleichgültiges, ethisch Wertloses. Mitteldinge, gleichgültige Dinge, d.h. solche, die weder angenehm noch unangenehm für das Gefühl, weder lobens- noch tadelnswert für das ästhetische und moralische Urteil sind. Im moralischen Sinne sind dies nur rein mechanische oder im Zustand der (unverschuldeten oder verschuldeten) Bewußt- und Willenlosigkeit getane Lebensäußerungen (Reflexbewegungen der Glieder, unwillkürliches Öffnen und Schließen des Auges, Regen des Fußes, der Hand, der Stimmwerkzeuge, Muskelbewegungen, Schlagen, Stoßen, Töten im Rausch, im Delirium), da diese ohne die Fähigkeit besonnener Überlegung im Zustand des Außersich- oder Nochnichtzusichgekommenseins erfolgen, sind sie demnach in Wahrheit gar keine Handlungen und können daher auch keiner moralischen Beurteilung unterliegen.
Dieser Begriff wurde im Zusammenhang mit dem sogenannten adiaphoristischen Streit über "die Mitteldinge, die man ohne Verletzung göttlicher Schrift halten mag", um die Durchsetzung des Augsburger Interims von 1548 in Sachsen unter Kurfürst Moritz wichtig.
Moritz wollte für sein Fürstentum ein Mittelding von Bewahrung reformatorischer Neuerungen und gleichzeitiger Rücksichtnahme auf die vom Kaiser geforderten gegenreformatorischen Maßnahmen haben. Daher beauftragte er Melanchthon, eine Kirchenordnung zu entwerfen, die solch einem Mittelweg gerecht wurde.
Melanchthon stellte in seinem Gutachten eine Reihe von sog. "Adiaphora" fest, in denen Zugeständnisse an die altgläubige Kirchenordnung möglich seien. Dazu gehörten z.B. Dinge wie die Meßgewänder oder die Heiligenbilder. In Folge wurde die von Melanchthon entworfene Kirchenordnung von ihren Gegner im reformatorischen Bereich polemisch als "Leipziger Interim" bezeichnet, womit zum Ausdruck gebracht werden sollte, dass es sich bei dieser Kirchenordnung um eine handele, die dem "Augsburger Interim" und seiner gegenreformatorischen Intention in nichts nachstand. In Folge kam es daher auch zum sogenannten, "Adiaphoristischen Streit" zwischen Melanchthon und den streng lutherische gesonnenen Theologen Matthias Flacius und Nikolaus Amsdorf, die Melanchthon Verrat an den lutherischen Idealen vorwarfen.
Philosophie
Bei den Stoikern und Kynikern werden alle Gegenstände als Adiaphora bezeichnet mit Ausnahme der Tugend und des sittlich Guten. Bei Diogenes Laertius wird Aphiora als ein Mittelding zwischen Gut und Böse beurteilt. Selbst das Leben hat keinen Wert an sich und kann daher, wenn es notwendig ist, aufgegeben werden, so zieht Seneca (in: Ep. 12, 10) den Schluß aus der Aphoria-Lehre.
Später nehmen die Stoiker aus der Aphoria-Lehre die Schärfe der Ablehnung heraus und unterscheiden bei den Gegenständen zwischen proegmena und apoprogmena (vorzuziehende Dinge und abzulehnende Dinge). Theodor Gomperz berichtet, dass Prodikos den Begriff "Adiaphora" als gleichgültige Dinge, die erst durch die richtige Anwendung bzw. Verwendung zu Wert gelangen, in die Sittenlehre eingeführt hat(in: Griechische Denker, 1893).
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