Afro-Lateinamerikaner

Als Afro-Lateinamerikaner werden die Bewohner Lateinamerikas bezeichnet, welche zumindest teilweise schwarzafrikanischer Abstammung sind. Die gängige Konvention zur Bezeichnung dieser Ethnien folgt dem Muster Afro-Brasilianer, Afro-Dominikaner, Afro-Panamaer etc.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Mehrheit der Afro-Lateinamerikaner stammt von Sklaven ab, die im 18. und 19. Jahrhundert von Afrika nach Südamerika, Mittelamerika, Mexiko und in die Karibik verschleppt wurden. Im Gegensatz zur Geschichte der Afroamerikaner ist ihre Geschichte relativ schlecht erforscht.

Allein für Südamerika wird die Zahl der importierten Sklaven auf 2 Millionen geschätzt. Zum Vergleich: Im Zeitraum von 1820-1924 wanderten geschätzte 6 Millionen Europäer - mehr oder weniger freiwillig - nach Südamerika aus.

Andere schwarze Ethnien entstanden durch massenhafte Auswanderung aus wirtschaftlichen Gründen (siehe Gastarbeiter, Wirtschaftsflüchtling) oder geflüchtete Sklaven.

In vielen Staaten wurde die rein afrikanischstämmige Bevölkerungsgruppe in den letzten 200 Jahren rapide kleiner. Ein Grund dafür ist der schleichende Genozid an den schwarzen Sklaven, die an schlechten hygienischen Verhältnissen, Krankheiten und schlechter Behandlung zugrunde gingen.

Der zweite Grund ist die große Häufigkeit von Mischehen und außerehelichen Kindern mit der indigenen oder europäischstämmigen Bevölkerung. Die Vermischung wurde ab ca. 1850 auch von Staatsregierungen mehr oder weniger offen propagiert, um eine "weißere" Bevölkerung zu erhalten. Zur Verwirklichung dieses rassistischen und oft auch nationalistischen Programms wurden auch gezielt europäische Siedler angeworben (z.B. in Brasilien).

Einzelne Länder

Im Folgenden werden die afrikastämmigen Bevölkerungsanteile nach Ländern aufgegliedert. Die Statistiken beziehen sich dabei auf den aktuellen Stand nach dem CIA World Factbook, Februar 2005.

Argentinien

Die Anzahl afrikanischstämmiger Argentinier liegt unter 1%, lag ursprünglich jedoch sehr viel höher. Der überwiegende Teil der schwarzen Argentinier lebt im Großraum Buenos Aires

Brasilien

Brasilien besitzt die größte schwarzafrikanische Bevölkerung außerhalb Afrikas (38% gemischt, 6% schwarz). Die Sklaven wurden vor allem für die Arbeit auf Zuckerrohr-Plantagen im Nordosten des Landes importiert.

Chile

Die Einfuhr schwarzer Sklaven nach Chile war zu allen Zeiten sehr gering. Die Mehrheit von ihnen konzentrierte sich auf die Städte Santiago de Chile, Quillota und Valparaíso. Im Laufe der Jahrhunderte vermischten sich die Schwarzen mit den Weißen und Mestizen, so dass heute das afrikanische Element in Chile fast völlig verschwunden ist. Eine Ausnahme bildet die Stadt Arica in der Provinz Tarapaca. Arica wurde 1570 gegründet und gehörte bis 1883 zu Peru. Die Stadt zählte zu den peruanischen Einfuhrzentren für afrikanische Sklaven. Von hier aus wurde auch ein großer Teil der bolivianischen Handelsgüter auf europäische Schiffe verladen. Arica lag mitten in der Wüste und bildete – Dank der hervorragenden Anbaumöglichkeiten von Zuckerrohr und Baumwolle im Azapatal – eine Oase. Die vielen Erdbeben, Piratenüberfälle und der Ausbruch von Malariaepidemien führte dazu, dass viele Weiße die Stadt verließen. So entwickelte sich mit der Zeit eine mehr oder weniger isolierte afro-chilenische Enklave.

Costa Rica

In Costa Rica sind 2% der Bevölkerung afrikanischer Abstammung. Die überwiegende Anzahl von ihnen sind Nachfahren der aus Jamaika eingewanderten Siedler. Sie sprechen mehrheitlich ein englisches Kreolisch und leben hauptsächlich in der Provinz Limon.

Dominikanische Republik

73% der Dominikaner sind Mulatten; 11% zählen zu den Schwarzen. Ihre Vorfahren wurden zum größten Teil aus Westafrika eingeschleppt, um auf Zuckerrohrplantagen zu arbeiten.

Ecuador

Etwa 3-5% der Ecuadorianer sind Schwarze oder Mulatten. Die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung lebt im Nordwesten des Landes, vorwiegend im Flachland der Provinz Esmeraldas. Daneben existiert im Hochland (Provinzen Carchi und Imbabura) das Chota-Tal, das fast nur von Schwarzen und Mulatten bewohnt wird. Im Chota-Tal befinden sich etwa 10 bis 15 kleinere Dörfer mit einer Bevölkerungszahl von insgesamt 15.000.

Guatemala

Nur etwa 1% der Bevölkerung Guatemalas sind Schwarze. Es werden drei Gruppen von Afro-Guatemalteken unterschieden: Die größte Gruppe sind die Mulatten, die hauptsächlich im Tiefland der Pazifikküsten leben. Sie sind Nachfahren afrikanischer Plantagen-Sklaven. Entlang der Ostküste des Landes leben die Garifuna, deren Anzahl in Guatemala auf 17.000 geschätzt wird. Die dritte Gruppe sind die Schwarzen der Westindischen Inseln, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Belize und Jamaika kamen. Sie sprechen noch heute ein englisches Kreolisch.

Honduras

2% der Einwohner von Honduras sind heute Schwarze. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde die Mosquitoküste von Briten besetzt. Die englischen und schottischen Siedler betrieben Holzwirtschaft und importierten dafür schwarze Sklaven von den Westindischen Inseln. Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts immigrierten schwarze Einwanderer von den Westindischen Inseln an die Nordküste Honduras'. Daneben leben etwa 75.000 Garifuna an der Karibikküste.

Kolumbien

Die Kolumbianer afrikanischer Abstammung bilden heute 21% (Mulatten 14%, Schwarze 4% und Zambos 2%) der Gesamtbevölkerung. Sie konzentrieren sich mehrheitlich an der Nordküste des Landes.

Kuba

Etwa 51% der Kubaner sind gegenwärtig Mulatten, während 11% der Einwohner zu den Schwarzen gezählt werden. Ihre Vorfahren stammen mehrheitlich aus Westafrika und wurden in erster Linie auf den Zuckerrohrplantagen eingesetzt.

Mexiko

Die Anzahl schwarzer Mexikaner liegt bei unter 1%. Sicher ist, dass die Mehrheit der Afro-Mexikaner wie in anderen Staaten in den letzten 200 Jahren innerhalb der Mestizenbevölkerung aufgegangen ist. Nur im Bundesstaat Veracruz und an der Westküste sind noch einige schwarze Mexikaner zu finden. Das einzige auf mexikanischem Boden gesprochene Kreol ist das Gullah. Es wird von den Angehörigen der Schwarzen Seminolen in der kleinen Gemeinde Nacimiento de los Negros (in der Nähe von Muzquiz, Coahuila) gesprochen.

Nicaragua

In Nicaragua sind etwa 9% der Bevölkerung Schwarze. Die Mehrheit von ihnen sind Nachfahren der von den Westindischen Inseln eingeführten Sklaven bzw. der eingewanderten Gastarbeiter. Sie konzentrieren sich hauptsächlich an der Karibikküste des Landes. Im gleichen Gebiet leben die Garifuna, deren Zahl auf 1.500 geschätzt wird.

Panama

Panama hat die größte schwarze Bevölkerung in Zentralamerika. Die meisten von ihnen leben an der Karibikküste und stammen mehrheitlich von den Westindischen Inseln (vorwiegend Jamaika). Sie kamen ursprünglich als Gastarbeiter ins Land, um bei der Errichtung des Panamakanals zu helfen.

Peru

Der schwarze Bevölkerungsanteil von Peru liegt bei unter 2%. Die Mehrheit von ihnen konzentriert sich auf das Küstengebiet des Landes.

Puerto Rico

Fast alle Puertorikaner haben afrikanische Vorfahren. Etwa 10% von ihnen sind heute Schwarze, während die Übrigen afrikanisch-europäischer bzw. afrikanisch-indianischer Abstammung sind. Die meisten schwarzen Puertorikaner leben an der Nordküste der Insel.

Venezuela

Etwa 10% der Bevölkerung Venezuelas sind Schwarze bzw. Mulatten. Sie stammen mehrheitlich von afrikanischen Sklaven und Einwanderern der Westindischen Inseln ab. Der venezuelanische Präsident Hugo Chávez gehört zu den Afro-Venezuelanern und ist somit der erste südamerikanische Staatspräsident afrikanischer Abstammung.

Siehe auch

Weblinks

See also: Afro-Lateinamerikaner, 1570, 18. Jahrhundert, 1883, 19. Jahrhundert, 2005, Afrika, Afroamerikaner, Afrodeutsche, Afrokanadier