Agrarreform

Der Begriff Agrarreform bezeichnet allgemein Maßnahmen zur Veränderung der Agrarstruktur. Agrarreformen können Änderungen in den Bedingungen des Bodenbesitzes (Bodenreform, Bodenbesitzreform oder Landreform) als auch solche der Organisation der Bodenbewirtschaftung (Bodenbewirtschaftungsreform) umfassen (nach Frithjof Kuhnen, siehe Weblinks).

In einem engeren Verständnis werden Richtungsänderungen im Bereich der allgemeinen Agrarpolitik häufig als Agrarreform bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Gegenwärtige Reform der EU-Agrarpolitik

Die EU-Agrarminister haben sich am 26. Juni 2003 in Luxemburg auf eine Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) geeinigt. Mit der Verordnung (EG) Nr. 1782/2003 des Rates vom 29. September 2003 wurden die Richtlinien für den Zeitraum von 2007 bis 2013 festgelegt. Die EU-Mitgliedsstaaten setzen diese Richtlinien ab 2005 in nationale Regelungen um. Die Agrarreform erfolgt zu einer Zeit, in der sich im Rahmen von WTO-Verhandlungen Entwicklungsländer bemühen, Zugang zum EU-Binnenmarkt zu erhalten.

Hauptziele

Kernpunkte

die jedoch national unterschiedlich umgesetzt werden können, sind

Entkopplung der Direktzahlungen

Das bis 2004 angewandte komplexe System produktionsgebundener Direktzahlungen (z.B. Ackerprämie, Stärkekartoffelprämie, Saatgutbeihilfe, Schlachtprämie, Mutterkuhprämie, Sonderprämie für männliche Rinder, Milchprämie, Mutterschafprämie, nationale Ergänzungsbeträge und Extensivierungszuschläge für Rinder, Trockenfutterbeihilfe, Tabakprämie etc.) wird schrittweise bis 2013 auf betriebsbezogene entkoppelte, d.h. produktionsunabhängige Direktzahlungen ("Betriebsprämien") umgestellt. Dies soll zu regional einheitlichen Hektarprämien und zu mehr Marktorientierung führen: die Wahl, welches Produkt ein Landwirt zukünftig erzeugt, soll nicht mehr überwiegend von der Höhe der produktbezogenen Zahlungen bestimmt sein, sondern von den Marktbedingungen abhängen.

Nach Angaben der deutschen Ministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft würden dadurch extensiv und ökologisch arbeitende Betriebe gestärkt und bestehende Ungleichgewichte in der bisherigen Förderung - wie etwa die Benachteiligung von Grünland-Standorten - beseitigt. Schließlich würde damit ein transparenteres und von den Verbrauchern eher akzeptiertes System der Direktzahlungen geschaffen als das bisherige und der Verwaltungsaufwand vermindert.

In Deutschland werden die Eckpunkte des Entkopplungsmodells in dem als Artikel 1 im Gesetz zur Umsetzung der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik enthaltenen Betriebsprämiendurchführungsgesetz geregelt. Die Entkopplung beginnt am 1. Januar 2005.

Der Prozess der Entkopplung umfasst 3 Schritte:

Flächenbezug

Alle bisherigen, produktionsbezogenen Direktzahlungen für landwirtschaftliche Erzeugnisse, bei denen es sich nicht um prämienberechtigte Markfrüchte (Weizen etc.) handelt, werden in einen Betrag je Hektar umgerechnet. Als Grundlage gelten dabei je nach Produkt unterschiedliche Berechnungszeiträume (beispielsweise gilt für Schlachtkälber ein Referenzzeitraum von 2000 bis 2002, der mit der Prämienhöhe von 2002 bewertet wird) oder Stichtage (z. B. bei der Milchleistung ist es der 31. März 2005).

Im Ackerbau wird gleichzeitig die Prämienberechtigung auf diejenigen Flächen ausgeweitet, die bisher keine Zuwendungen erhalten haben (etwa Obst, Gemüse oder Speisekartoffeln). Da die absolute Höhe der Direktzahlungen einschließlich des Budgets für die Modulation (s. u.) nicht verändert wird, gehen die Erweiterungen zu Lasten der bisherigen Prämienempfänger.

Im Beispiel für Schleswig-Holstein ergibt sich ab 2005 für reine Ackerflächen (einschließlich Stilllegungsflächen) eine Prämie von € 283 (vorher € 429) und für Dauergrünlandfächen von € 117 (vorher € 0) je Hektar. Die Milchbetriebe erhalten für die Jahre 2005 und 2006 eine Quotenprämie von 2,365 Cent/kg bzw. 3,55 Cent/kg, so dass ein Milchbetrieb je Hektar auf eine Prämie von rund € 620 je Hektar ab 2006 kommt (Quelle: Landwirtschaftkammer Schleswig-Holstein).

Für die Betriebe ist jedoch nur noch der Prämienanspruch je Hektar relevant: Alle ermittelten Prämien werden in Prämienrechte je Hektar umgewandelt, mit einer eindeutigen Kennzeichnung versehen und in einer Datenbank erfasst. Jedes Prämienrecht ist ab 1. Januar 2006 frei handelbar.

Angleichung

Die vorgenannten Prämienrechte bleiben bis 2009 unverändert. In 2009 findet die sogenannte Halbzeitbewertung statt, bei der die Auswirkungen der jetzigen Reform überprüft werden sollen. Da die jetzige Reform auch nur ein Ergebnis einer Halbzeitbewertung darstellt, ist es fraglich, ob die nachfolgenden Vorgaben tatsächlich umgesetzt werden.

In der Phase der Angleichung sollen die Differenzen zwischen den Prämien abgeschmolzen werden, und in 2013 eine einheitliche Prämie von € 360 je Hektar (Schleswig-Holstein) erreicht werden. Dazu werden niedrigere Prämien in 2010 um 10%, in 2011 um 30% und in 2012 um 60% des Ausgangswerts angehoben. Höhere Prämien werden im gleichen Maße gesenkt.

Betriebsprämie

Ab 2013 sollen die Betriebe eine einheitliche Prämie von € 360 je Hektar erhalten.

Cross Compliance

Um Fördermittel zu erhalten, müssen die Landwirte bei der Produktion bestimmte Grundanforderungen erfüllen. Dazu gehören Umwelt- und Tierschutz sowie Lebens- und Futtermittelsicherheit. Neu ist, dass bei Nichteinhaltung dieser auf EU-Ebene bereits existierenden Standards die Direktzahlungen gekürzt (bei erstmaligen Verstößen insgesamt maximal 5 %) oder bei vorsätzlichen Verstößen im Extremfall vollständig einbehalten werden. Daneben müssen Regelungen zum Bodenschutz und zur Mindestinstandhaltung von Flächen getroffen werden. Des weiteren müssen die EU-Mitgliedstaaten sicherstellen, dass der Anteil des Dauergrünlands an der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche gegenüber dem Verhältnis, das im Jahr 2003 festgestellt wurde, nicht erheblich abnimmt.

Modulation

Neben der Produktion ("erste Säule") sollen Maßnahmen der ländlichen Entwicklung ("zweite Säule") finanziell stärker unterstützt werden. Bisher wird in Deutschland eine freiwillige Modulation angewandt. Dabei werden die Direktzahlungen jährlich um 2 % gekürzt. Die ab 2005 obligatorischen Modulationssätze betragen 3 % in 2005, 4 % in 2006 und jeweils 5 % in 2007 bis 2012. Dabei gilt ein Freibetrag von 5.000 Euro je Betrieb. Die Modulationsmittel stehen erstmals im Jahre 2006 zur Verfügung und werden im Rahmen der Entwicklungspläne der Länder zur Verstärkung der Maßnahmen der 2. Säule eingesetzt. Über die endgültige Verwendung der Mittel entscheiden die Länder im Rahmen ihrer jeweiligen Programme.

Kritische Punkte

Entkopplung

Die Entkopplung führt zu einer Reihe von Problemen.

Erwartete Auswirkungen

Durch die Entkopplung der Direktzahlung vom erzeugten Produkt sind die landwirtschaftlichen Betriebe freier in der Entscheidung des Anbaus und können lukrativere Produkte erzeugen, ohne auf bestehende Transferleistungen Rücksicht nehmen zu müssen. Durch diese Änderung sollen sich die Betriebe vom "Subventionsoptimierer" zum marktwirtschaftlichen Unternehmen entwickeln, was in der Konsequenz den Abbau der heutigen Überproduktion zu Folge haben soll. Diese theoretischen Vorteile der Entkopplung werden durch das Festhalten an einer obligatorischen Stillegung sowie weitergehende Vorschriften in der Fruchtfolge möglicherweise wieder kompensiert. In manchen Fällen wird die beschlossene Reform für Betroffene zu erheblichen Prämienkürzungen führen (z.B. bei intensiven Bullenmastbetrieben oder Milchviehbetrieben, die vorwiegend auf Ackerland wirtschaften und/oder hohe durchschnittliche Milchleistungen aufweisen).

Das EU-Recht sieht vor, dass bestimmte Härtefälle und Betriebsinhaber in besonderer Lage besonders zu berücksichtigen sind. Allerdings ist der Katalog der Härtefälle derart eingeschränkt, dass diese Regelung an der grunsätzlichen Reform nichts ändert.

Von einigen Vertretern bäuerlicher Interessen wird aber befürchtet, dass der mit der Entkopplung einhergehende Strukturwandel insbesondere kleine und mittlere sowie finanzschwache landwirtschaftliche Betriebe vor existenzbedrohende Situationen stellen wird. In der Konsequenz werde der Konzentrationsprozess weiter zunehmen und die traditionelle, bäuerliche Landwirtschaft verdrängen.

Siehe auch

Weblinks

See also: Agrarreform, 1. Januar, 1992, 2000, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006, 2009