Alternativbewegung

Alternativbewegung ist die Sammelbezeichnung für die ab den 1970er Jahren entstandene große Anzahl von Gruppen und sozialen (Neuerungs-) Bewegungen, die teilweise untereinander vernetzt waren, denen es darum ging, im Gegensatz zur bisherigen, herkömmlichen Praxis nun „alternativ“ neue Politikinhalte (Umweltschutz, Tierschutz), neue Arbeitsformen und Politikstile (direkte Partizipation und Selbstverwaltung) und neue Lebensstile (Selbstverantwortung, Selbsthilfe) zu propagieren, einzuführen und selbst zu leben. Die alternative Lebensweise wird dabei teilweise als Gegenkultur zur Konsumgesellschaft betrachtet. Ihr ging die außerparlamentarische Opposition der 60er Jahre voran.

Der Begriff „alternativ“ kommt in dem in diesem Zusammenhang verwendeten Sinn vermutlich aus den USA. Die Wurzeln der Bewegung lagen einerseits in der Jugendkultur der 1968er-Bewegung (Hippies), andererseits in den Studentenunruhen Ende der 1960er Jahre. Hauptakteure der Alternativbewegung waren Babyboomer, die von den gesellschaftlichen Entwicklungen nach dem 2. Weltkrieg enttäuscht oder desillusioniert waren.

Die Alternativbewegung war eng vernetzt mit der Ökologiebewegung, Friedensbewegung und Frauenbewegung. Das Label Alternativ bezog sich jedoch nicht auf eine bestimmtes politisches Engagement, sondern auf den Versuch, durch Änderungen der eigenen Lebensweise die Vision einer besseren Welt zu verwirklichen. Somit war die Alternativbewegung eine klassische Bottom-to-Top-Bewegung, bei der die Gesellschaft von unten her, ausgehend vom Individuum, verändert werden sollte. Es bildeten sich eine Vielzahl von Gruppen, darunter Landkommunen, Bürgerrechtsgruppen, Nahrungsmittelkooperativen, ökologischen Protestgruppen und Frauenzentren.

Auf individueller Ebene bedeutete die Alternativbewegung eine auf die Bedürfnisse der Natur und der Mitmenschen Rücksicht nehmende Lebensweise. Darunter fielen beispielsweise aktiver und passiver Tier- und Umweltschutz (Vegetarismus), Subsistenzwirtschaft und, wo dies nicht möglich war, Vorzug biologischer Produkte und Produkte aus fairem Handel. In Bezug auf die Gemeinschaft wurde nach neuen Formen des Zusammenlebens gesucht, so beispielsweise Kommunen mit direkter Partizipation und Selbstverwaltung, Initiativen zur gegenseitigen Hilfe und Selbsthilfe.

Als Gegenkultur entwickelten Alternative ein eigenes System an Werten, Normen und Regeln. Kennzeichnen war die Suche nach Selbsterfahrung und Selbstverwirklichung, eine antikapitalistische Grundeinstellung, neue Formen des Wirtschaftens, neue Produktionsformen, eine ökologische Lebensweise, neue Methoden in der Arbeit mit Jugendlichen, sozialen Randgruppen, alten oder behinderten Menschen, neue Politikformen, neue Wohn- und Lebensformen, Gleichberechtigung und Gleichheit aller Menschen, eine Abwendung von herkömmlichen Religionen und Hinwendung zu einer "neuen Spiritualität", die Ablösung vom Konsum hin zu einer ganzheitlichen Lebensweise.

Kritisiert wurde an der Alternativbewegung, dass sie häufig die gesamtgesellschaftlichen Fragen, Probleme und Machtstrukturen ausblende, ihr „Rückzug ins Private“, dass ihr die individuelle Veränderung, die Veränderung im Kleinen ausreiche.

Die Alternativbewegung als soziale Bewegung hatte keinen Bestand. Ihre Ideen und Visionen beeinflussten jedoch nicht nur andere soziale Bewegungen, sondern führten vielerorts zu einem Umdenken. Andere urprünglich aus der Alternativbewegung stammende Ideen sind heute institutionalisiert oder in der Umsetzung begriffen (Fairer Handel, dauerhafte Entwicklung usw.)

Siehe auch: Neue soziale Bewegungen, Simple living

Literatur

See also: Alternativbewegung, 1960er, 68er-Bewegung, Alternative, Antikapitalismus, Außerparlamentarische Opposition, Fairer Handel, Hippie, Kommune (Lebensgemeinschaft), Konsumgesellschaft