Anatoli Wassiljewitsch Lunatscharski
Anatoli Wassiljewitsch Lunatscharski (russisch: Анатолий Васильевич Луначарский; * 11./23. November 1875 in Poltawa, heute Ukraine; † 28. Dezember 1933 in Menton, Frankreich) war im nachrevolutionären Russland Volkskommissar für das Bildungswesen (NARKOMPROS). 1917 von Lenin in diese Funktion berufen, hatte er das Amt bis 1929 inne. Er gilt als einer der bedeutendsten marxistischen Kulturpolitiker.
Leben
Lunatscharski, Sohn eines höheren Beamten in Poltawa, besuchte das Gymnasium in Kiew und kam dort erstmals mit revolutionärem Gedankengut in Kontakt, woraufhin er bald das Land verlassen musste. 1892 bis 1894 studierte er in Zürich Natur- und Wirtschaftswissenschaften, 1894 bis 1896 in Paris Ästhetik, Kunstwissenschaften und Literatur. Nach seiner Rückkehr nach Russland war er wieder politisch tätig und wurde mehrfach festgenommen und inhaftiert. Seit 1904, erneut in der Emigration, arbeitete er in Genf in der Redaktion der Zeitschriften Vorwärts (Вперед) und Proletarier (Пролетарий). 1905 kehrte er nach Sankt Petersburg zurück, wurde erneut verhaftet und floh nach Stockholm. 1908 erregte er Aufmerksamkeit mit einer Schrift, die eine Verbindung zwischen Religion und Marxismus herzustellen versuchte. 1910/11 organisierte er in Italien eine Schule nach dem Montessori-Prinzip, später arbeitete er in Paris wieder als Journalist.
Lunatscharski war seit 1897 Mitglied der Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands. Er war gegenüber den Künsten, der Literatur, dem Theater und der Musik sehr aufgeschlossen. Durch seine Aufenthalte in der Emigration von 1906 bis 1917, wo er während des Ersten Weltkriegs zum engeren Kreis Lenins gehört hatte, besaß er profunde Kenntnisse der westeuropäischen Kunstszene und vertrat in Kunstfragen eine eher liberale Haltung. Lenin dagegen war in Kunstfragen ausgesprochen konservativ. Lunatscharski sorgte dafür, dass auch mit der "Neuen Ökonomischen Politik", die in Russland ab 1921 galt, der Avantgarde noch gewisse Freiräume offenstanden. Er war ein ausgesprochen geschickter Taktierer, der in Kauf nahm, dass sich seine Äußerungen widersprachen. Lunatscharski verstand sich letztlich als politischer Revolutionär, bei dem die Bedürfnisse der Massen von Arbeitern und Bauern Vorrang hatten. Den Niedergang der avantgardistischen Kunst, die in die Doktrin des Sozialistischen Realismus endete, konnte er nicht verhindern.
Die Veränderung in der Kunstpolitik Russlands läßt sich an drei von Lunatscharskis Veröffentlichungen gut nachvollziehen. Sie sind im folgenden zitiert:
- 1918; aus einem Artikel für die "Kunst der Kommune":
- Dutzendmal habe ich erklärt, das Kommissariat für Volksaufklärung solle in seiner Einstellung zu den einzelnen Richtungen im Kunstleben unparteiisch sein. Was Formfragen anbetrifft, darf der Geschmack des Volkskommissars und sämtlicher Vertreter der Staatsgewalt nicht in Rechnung gestellt werden. Allen Personen und Gruppen im Kunstbereich ist eine freie Entwicklung zu gewähren! Keiner Richtung darf gestattet werden, die andere zu verdrängen, sei sie mit erworbenem traditionellem Ruhm oder mit Modeerfolg ausgestattet!
- 1920, (Oktober); Auf einer Sitzung des Kunstsektors seines Kommissariats und der kommunistischen Fraktion des Zentralkomitees der Gewerkschaft der Kunstschaffenden trägt Lunatscharski seine von ihm als Richtlinien verstandenen Thesen zur Kunstpolitik vor:
- 1. Erhaltung der wirklichen Kunstwerte der Vergangenheit.
- 2. Kritische Aneignung dieser Kunstwerte durch die proletarischen Massen.
- 3. Jede erdenkliche Förderung der Schaffung experimenteller Formen revolutionärer Kunst.
- 4. Einsatz aller Kunstarten zur Propaganda und Verwirklichung der Ideen des Kommunismus, dazu Förderung des Einflusses der kommunistischen Ideen auf die Massen der Kunstschaffenden.
- 5. Objektive Einstellung zu allen künstlerischen Strömungen.
- 6. Demokratisierung aller künstlerischen Einrichtungen, die den Massen auf jede erdenkliche Weise zugänglich gemacht werden müssen.
- 1921; Artikel für "Das Rote Neuland" (mit der inhaltsleeren Sujetlosigkeit war vor allem der Suprematismus gemeint):
- Die Kunst selbst ist heute in verschiedene Lager gespalten und eine Trennungslinie fällt sofort ins Auge: die sogenannte realistische Kunst, unter der man jetzt gemeinhin die gesamte vergangene Kunst versteht, und die sogenannt futuristische. Ich persönlich glaube, dass der Weg von der Kunst der Vergangenheit zur proletarischen, sozialistischen Kunst nicht über den Futurismus verläuft, und wenn sie durch diese oder jene Errungenschaft des Futursimus, und seien sie nur technischer Art, beruchtet wird, so ist dies wahrscheinlich nicht sehr ernst zu nehmen (dies gilt nicht für das Kunstgewerbe): Aber das ist meine persönliche Meinung, die wahrscheinlich ein Großteil anderer Kommunisten teilt... Für micht unterliegt es keinem Zweifel, dass dem Proletariat und dem Bauerntum erheblich mehr von lebensvollen Epochen der Vergangenheit gegeben wird, als von einer Kunst, die von vornherein erklärt, dass sie inhaltlich leer, dass sie rein formal sei, und die schließlich zu einer absolut inhaltsleeren Sujetlosigkeit kommt. .. Ohne der sogenannten neuen Kunst Privilegien zu gewähren, sollte man auch weder ein Kesseltreiben gegen sie veranstalten, wodurch wir uns die Symathie von Hunderten junger Künstler verscherzen würden, noch aus ihnen Märtyrer im Namen ihrer Ideen machen, hinter denen sie fest stehen. Das wäre völlig vergeblich, ohne jede Notwendigkeit und jeden Nutzen.
Literatur
- Heiner Stachelhaus; Kasimir Malewitsch - ein tragischer Konflikt, Claasen Verlag Düsseldorf, 1989, ISBN 3-546-48681-1. Stachelhaus beschäftigt sich in diesem Buch ausführlich mit der Unvereinbarkeit von politischer und geistig-Künstlerischer Revolution am Beispiel von Kasimir Malewitsch. Die obigen Zitate sind aus diesem Buch entnommen- S. 62ff
Lunatscharski, Anatoli Lunatscharski, Anatoli
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Lunatscharski, Anatoli Wassiljewitsch |
| ALTERNATIVNAMEN | |
| KURZBESCHREIBUNG | russischer Volkskommissar für das Bildungswesen (NARKOMPROS) |
| GEBURTSDATUM | 23. November 1875 |
| GEBURTSORT | Poltawa |
| STERBEDATUM | 28. Dezember 1933 |
| STERBEORT | Menton, Frankreich |
