Antideutsche
Antideutsche sind eine neuere Strömung der radikalen Linken, die sich diesen Namen als Reaktion auf den angeblichen deutschen Nationalismus im Zuge der Wiedervereinigung gegeben hat. Die Antideutschen behaupten im Gegensatz zum Antiimperialismus, daß nicht primär ein globaler, imperialistischer Kapitalismus bedrohlich sei, sondern die Gegenreaktionen auf diesen Kapitalismus die eigentliche Gefahr darstelle, insbesondere diejenigen in Deutschland. Kritik am Kapitalismus falle nach Ansicht der Antideutschen hinter diesen zurück, wenn sie völkische und reaktionäre Utopien und Ideologien beinhalte. So kritisieren die Antideutschen die Sympathie weiter Teile der Linken mit nationalen Befreiungsbewegungen, insbesondere mit der palästinensischen. Diese sei regressiv, weil sie in einem Jargon vertreten werde, der unmittelbar Anklänge mit völkischer und antikapitalistischer Hetze antisemitischer Parteien, insbesondere der NSDAP, aufweise. So werde in dieser ideologischen Tradition behauptet, daß ein Volk auf seinem angestammten Boden und Lebensraum durch das "internationale Großkapital" geschädigt werde.
Mit den Antinationalen teilen die Antideutschen die kategoriale Kritik an der Nation, unterscheiden sich jedoch von ihnen dadurch, dass sie Deutschland eine besondere Ausprägung dieser für den Kapitalismus konstitutiven Vergesellschaftungsform attestieren. Im Unterschied zu den USA oder Frankreich verfüge nach dieser Auffassung Deutschland von je her über einen völkischen Nationenbegriff, der auf der Idee der "Blutszugehörigkeit" beruhe und in Auschwitz kulminierte.
Im Unterschied zur traditionellen Linken rücken Antideutsche weniger den Klassenkampf und die Arbeiterbewegung in den Vordergrund ihrer sich meist als kommunistisch verstehenden Programmatik. Das Proletariat habe ihrer Ansicht nach durch die Partizipation am Faschismus und am Nazismus den Anspruch auf einen besonderen emanzipatorischen Gehalt, der nach vorgeblich orthodox marxistischer Sicht zwingend aus ihrer Situation erwachse, verloren.
Theoretisch orientiert man sich einerseits an der Kritischen Theorie und andererseits am französischen Poststrukturalismus, der jedoch von manchen Antideutschen abgelehnt wird.
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Historische Entwicklung
Während antinationale und antideutsche Positionen bis zum Jahr 2000 die gesamte radikale Linke beeinflussten und daher kaum identitär markiert waren, kam es nach Ausbruch der zweiten Intifada durch extreme palästinensische und islamistische Gruppen in Israel/Palästina zu einer schroffen Polarisierung zwischen den eher traditionellen Linken auf der einen und den nunmehr als eigenständige Strömung erkennbaren Antideutschen auf der anderen Seite. Seitdem steht die Solidarität mit dem Staat Israel und die Kritik an antizionistischen Haltungen im Vordergrund des antideutschen Selbstverständnisses. Die Anschläge vom 11. September 2001 führten darüber hinaus zu einer vehementen Zurückweisung von einzelnen Theorie-Elementen des Antiimperialismus sowie antiamerikanischer Tendenzen innerhalb der Linken.
framed|right|Antideutsche am 10. April 2005 in Buchenwald Die Unterstützung des Afghanistan- und der von den USA initiierten Irak-Kriege seit 1991 durch zahlreiche antideutsche Aktivisten, mehr noch aber der Vorwurf, dass die Kritik am Islamismus sich bei manchen Vertretern dieser Strömung in einem rassistischen Register abspiele, führte nach und nach zu einer Spaltung in zwei Lager, polemisch oft als "Softcore"- und als "Hardcore"-Antideutsche bezeichnet. Erstere sehen letztere dagegen häufig als Postantideutsche an, weil sie die Kritik an den Deutschen durch rassistische Positionen gegenüber Muslimen eingetauscht hätten. Viele Antideutsche sehen im Islam starke Tendenzen eines "Islamofaschismus" der durch vorgeblich gemäßigte Islamisten und Muslime weder erkannt noch bekämpft werde. Dieser Standpunkt stößt bei orthodoxen Antirassisten auf Unmut, nicht zuletzt weil das Stilmittel der Polemik weitverbreitet in antideutschen Publikationen ist.
Insbesondere das Mitführen israelischer oder US-amerikanischer Nationalflaggen durch Vertreter der antideutschen Strömung führte auf Demonstrationen schon zu körperlichen Auseinandersetzungen mit anderen Linken. Dies wird folgendermaßen begründet: - Eine bürgerlich-demokratischer Rechtsstaat sei ein wesentlicher Fortschritt gegenüber fundamentalistischen oder nationalistischen Regimes. - Diese seien Grundlage und Zweck sowohl der palästinensischen Hamas und PLO als auch der irakischen Guerillas als auch der Taliban als auch der UCK. - Israel sei vor allem Opfer beständiger Aggression durch palästinensische Organisationen. Diese arbeiteten während des 2. Weltkrieges mit den Nazis zusammen und stellten eine eigene SS-Division unter dem Großmufti von Jerusalem Al-Husseini. Als solches habe es ein Recht sich mit rechtsstaatlichen Maßnahmen wie Kontrollen und Sicherungsanlagen zu verteidigen. - Die Kritik europäischer und besonders deutscher Öffentlichkeiten sei tendenziös, geschichtsvergessen im Jargon und arbeite teilweise mit bösartigen antisemitischen Stereotypen.
Zunächst trug der eskalierende Streit zwischen Antideutschen und Antiimperialisten zu einer deutlichen Schwächung der autonomen Linken bei. Allerdings erhielten die Antideutschen in den letzten Jahren regen Zulauf von Seiten junger Antifa-AktivistInnen, so dass sie sich bundesweit als eigene Bewegung etablieren konnten. In vielen Orten hat sich die anfängliche Hysterie wieder gelegt, viele arbeiten mit antideutschen Gruppen in Zweckbündnissen zusammen oder haben das Grundverständnis einer Solidarität mit Israel und einer Absage an völkischen Widerstand akzeptiert.
Häufig wird Antideutschen vorgeworfen, elitär zu sein, da sie durchaus komplizierte Theoriegebäude vertreten, die für Missverständnisse aber auch Fehlschlüsse anfällig sind. Theoretisch knüpfen Antideutsche vor allem an Marx, die aufklärerischen Philosophen Kant und Hegel, und der daran erfolgten Kritik v.a. durch Adorno, Horkheimer und andere an.
Publikationen
Vertreter der so genannten Hardcore-Antideutschen organisieren sich um die Zeitschrift "Bahamas", während die gemäßigtere Variante sich eher lose an Zeitschriften wie der "Phase 2" orientiert. Die Wochenzeitung Jungle World und die Monatszeitung Konkret dienen dagegen beiden Seiten als Plattform, lassen aber auch Gegner der Antideutschen zu Wort kommen.
Kritik und Kontroverse
Die im Folgenden referierte Kritik stammt von Autoren und Autorinnen der radikalen Linken, die für die Entstehung einzelner antideutscher Politikkonzepte selbst sehr prägend waren, was insbesondere ihre deutliche Positionierung gegen Antisemitismus nicht nur in der deutschen Gesellschaft, sondern auch in der deutschen Linken betriff.
Kritik am Kritikbegriff
Das Böse musste her, damit der Riss in der Biographie gekittet werden konnte (Ilse Bindseil). Kritisiert wird von Ilse Bindseil, dass auch die Anti-Deutschen ebenso wie der Mainstream sich letztlich nicht mit den Konsequenzen von Auschwitz für die deutsche Gesellschaft und für die eigene Biographie beschäftigen. Sie sieht in moralischem Sektierertum der Antideutschen die Suche nach Flucht in die Unschuld der Nach-68ger, die erkennen mussten, dass der Bruch mit der Generation sie nicht vor den Zuständen der Postfaschistischen-Gesellschaft schützt. Statt der Komplexität von Themen wie Auschwitz gerecht zu werden, bestände, wie in der Gesamtgesellschaft auch, in diesem Teil der Gesellschaft der Hang zu unterkomplexen Reflexions- und Handlungsschemata, die letztlich vom Ausgangsproblem ablenken und dieses nicht mehr transparent erscheinen lassen. Hanloser moniert daran anknüpfend eine Kritische Kritik, wie Marx sie kritisierte, die eine Selbstbespiegelung vermeintlich kritischer Geister darstelle. Kritik verkomme so als Habitus und setze sich mit Denunziation und Polemik gleich.
Abstraktion und Gleichsetzung von Israel mit „dem Juden“.
Unter ähnlichem Blickwinkel beleuchtet der israelische Soziologe Moshe Zuckermann Phänomene deutscher Positionen zu Israel. In einem Beitrag Was heißt: Solidarität mit Israel? kritisiert er einen ideologischen auf "den Juden" abstrahierenden Bezug auf Israel seitens Teile der Antideutschen. Eingefordert wird von ihm u.a., die israelische Gesellschaft in ihrer geschichtlichen, politischen, sozialen und gesellschaftlichen Komplexität und Heterogenität wahrzunehmen und Israel nicht als - wie auch immer geartete - Projektionsfläche zu missbrauchen.
Bellizismus
In der Unterstützung der USA im Krieg gegen den internationalen Terror und dem Irak wird die Legitimierung von Krieg und staatlichem Gewaltmonopol seitens der Antideutschen grundsätzlich kritisiert. "Nein zu Krieg" und grundsätzliche Kritik am Staat wird als Basis jeder radikal linken Politik gesehen. Diese Kritik wird nicht nur aus generellem Pazifismus erhoben. Kritisiert wird diese From des Bellizismus u.a. in dem Beitrag Antideutsche Kriegsführung von Wolf Wetzel in: Krieg ist Frieden, sowie von der gruppe demontage aus Hamburg.
Die Bellizismuskritik geht dabei auf innerlinke Konfrontationen um den 2. Golf-Krieg von 1991 zurück, als damalige Linke wie Enzensberger und Dan Diner sowie der Publizist Gremliza sich für viele Linke überraschend für einen Krieg gegen den Irak aussprachen. Zitat Wetzel: Wenn im folgenden von ›Antideutschen‹ die Rede ist, dann ist damit eine Positionierung gemeint, die sich eigentlich in Gegnerschaft zu Kapitalismus, deutschem Nationalismus und Imperialismus wähnt, aber – aufgrund außergewöhnlicher Umstände – davon absieht, um an der Seite der US-Alliierten etwas noch ›Schlimmeres‹ zu verhindern. Im Zentrum vieler antideutschen Argumentationsfiguren steht deshalb die Begründung eines Ausnahmezustandes, der das eigentlich Richtige, sprich das eigene politische Handeln zugunsten einer Kriegsbefürwortung suspendiert, die mit den US-alliierten Kriegen gegen die »Achse des Bösen« zusammenfällt. Die Paradoxie, das »Schreckliche« für das »jetzt Richtige« auszugeben, ist nicht mehr originell. Sie ist bereits Geschichte - eingeführt vom Konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza, als er dem US-alliierten Krieg gegen den Irak 1991 seine Zustimmung gab.
Relativierung der Geschichte
Kritisiert wird hier u.a. von Wolf Wetzel sowie Ulrich Enderwitz die Gleichsetzung der geschichtlichen Konstellation von 1945 auf heute. Die Befreier von 1945 könnten heute nicht die gleiche antifaschistische Position geltend machen. Hier wird den Antideutschen vorgeworfen, mit dieser Relativierung der Geschichte einen „imperialistischen“ Krieg gegen den Irak einerseits zu legitimieren und andererseits Widersprüche des postfaschistischen deutschen Subjekts auf ein Ersatzobjekt zu projezieren.
Affirmation
Für Gerhard Hanloser entwickelte sich die antideutsche Bewegung heute aus einer fehlgeschlagenen Selbstkritik von oftmals nationalistischen und populistischen Linken – insbesondere der K-Gruppen - zu einem affirmative turn, der die herrschenden Verhältnisse nicht mehr einer radikalen Kritik unterziehe. Er umschreibt diese Haltung mit einem ironischen Motto Vereinzelt euch, seid stark, individualistisch und konsumistisch, damit auch ihr euch nicht zum deutschen Volksgenossen eignet. Ex-Bahamas Initiator Bernhard Schmidt stellt vor diesem Hintergrund einen neoliberalen Rechtsruck bei der Bahamas fest. Der Antisemitismusforscher Enderwitz sieht in aktuellen antideutschen Politikkonzepten den unternommenen Versuchs, unter dem Eindruck des weltweiten Bedrohungsszenariums Gesellschaftskritik durch die obsessive Bornierung auf Faschismus und Antisemitismus in eine Affirmation des Kapitalismus und seiner globalen, alias imperialistischen, Entfaltung umzufunktionieren.
Weblinks
Überblick
- Verfassungsschutzbericht NRW über Antideutsche
- Die Antideutschen und die Debatte der Linken über Israel
- Antideutsch für Einsteiger
Gruppen und Netzwerke
- Antideutsch-Kommunistische Initiative (NRW)
- Sinistra - radikale Linke an der Uni Frankfurt
- Café Morgenland - antideutsche MigrantInnengruppe / Kritik an rassistischen Antideutschen
- Bad Weather - antifaschistische & israelsolidarische Gruppe aus Hamburg
- Initiative Sozialistisches Forum (ISF) Freiburg
- Antideutsche Kommunisten Berlin
- Prozionistische Linke Frankfurt
- Antifa-Giessen
- Autonome Antifa Nord-Ost antifaschistische & israelsolidarische Gruppe aus Berlin
- antifaschistinnen.de antideutsche Gruppierung in Hessen.
- Anti-Defamation Forum Berlin - antifaschistisches & israelsolidarisches Kommunikationsportal aus Berlin
- Morgenthau - antideutsche kommunistische Gruppe in Frankfurt/Main
Kritik
- www.left-action.de Die Antideutschen und die Radikale Linke
- www.im.nrw.de Verfassungsschutzbericht Bericht Linksextremismus
- www.free.de/schwarze-katze/doku/ad.html Sonderseite antideutsch - Schwarze Katze
- www.gegenstandpunkt.com Text der Redaktion GegenStandpunkt
- www.autonome-antifa.com Text der Autonomen Antifa über den innerlinken Konflikt
Publikationen
- Bahamas, Berliner Zeitschrift für das antideutsche Spektrum
- Phase 2 - Zeitschrift gegen die Realität
- Jungle World, Berliner Wochenzeitung
- konkret - Politisches Monatsmagazin aus Hamburg
- Charlie Churchills Papagei, "Saarländisches Plapperorgan gegen die Deutsche Nation"
- Context XXI, Zeitschrift aus Wien
- t-34, Zeitung der Antifa Duisburg
- Risse Analyse und Subversion (Schweiz)
English
- Asayake Text Archive - Anti-German and Middle East-related texts in English
Literatur
- Joachim Bruhn: Was deutsch ist : Zur kritischen Theorie der Nation. Freiburg 1994. ISBN 3-924627-38-X.
- Ulrich Enderwitz: Konsum, Terror und Gesellschaftskritik. Eine Tour d’horizon. 2005. ISBN 3-89771-437-X
- Gerhard Hanloser (Hg.): "Sie warn die Antideutschesten der deutschen Linken" : Zu Geschichte, Kritik und Zukunft antideutscher Politik. Münster 2004. ISBN 3-89771-432-9.
- Patrick Hagen: Die Antideutschen und deren Rezeption.Ein Blick auf die Debatte der Linken über Israel. Magisterarbeit an der Universität Köln 2004
- Robert Kurz: Die antideutsche Ideologie. Vom Antifaschismus zum Krisenimperialismus: Kritik des neuesten linksdeutschen Sektenwesens in seinen theoretischen Propheten. 2003. ISBN 3-89771-426-4
- Wolf Wetzel: Antideutsche Kriegsführung. Ein Lehrgang für AnfängerInnen und Fortgeschrittene [1] in: Krieg ist Frieden. Über Bagdad, Srebrenica, Genua, Kabul nach .... 2002. ISBN 3-89771-419-1
- Matthias Küntzel: Djihad und Judenhaß. Über den neuen antijüdischen Krieg. Freiburg, ca-ira Verlag, 180 S. 2002. ISBN 3-924627-06-1
Kategorie:Politische Bewegung
Kategorie:Linksextremismus
