Antiqua-Fraktur-Streit

Während in den meisten europäischen Ländern gebrochene Schriften wie die Fraktur nach dem Entstehen der humanistischen Antiqua von dieser relativ schnell verdrängt wurden, hielten sich in Deutschland beide Schriftarten bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Im Laufe der Zeit wurden in Deutschland jedoch beide Schriftarten immer wieder ideologisch konnotiert, was zu einem langen und wechselvollen Streit um die „richtige“ Schrift führte.

Inhaltsverzeichnis

Ursprung

Historisch geht das Problem auf den unterschiedlichen Schriftgebrauch bei den meist gelehrten lateinischen Texten und den sonstigen deutschsprachigen Texten zurück. Für Texte in deutscher Sprache wurde üblicherweise die Fraktur verwendet, für lateinische Texte verwendete man hingegen vorzugsweise Antiquaschriften. Diese Konvention war ursprünglich völlig wertungsfrei.

19. Jahrhundert

Um das Jahr 1800 herum kann ein erster Höhepunkt des Schriftstreits markiert werden, eine Phase in der deutschen Geschichte, in der erstmals versucht wurde, zu bestimmen, was Deutschland kulturell denn eigentlich vereine. Um 1800 gab es massive Bemühungen, eine deutsche Nationalliteratur zu kanonisieren – in diesem Kontext sind auch die Volksmärchen-Sammlungen der Brüder Grimm zu sehen – oder etwa eine einheitliche deutsche Grammatik festzulegen.

Im Umfeld dieser Debatten wurden nun auch die beiden Schriftarten polarisiert: Antiquaschriften galten als undeutsch und sie verkörperten dies durch ihr nun mit Leichtigkeit, Unernsthaftigkeit und Seichtigkeit konnotiertes Schriftbild, wohingegen die Fraktur mit ihrem viel dunkleren und dichteren Schriftbild mit den angeblich deutschen Eigenschaften wie Tiefe, Ernsthaftigkeit, Dunkelheit in Verbindung gebracht wurde.

In der Romantik, die das Mittelalter verherrlichte, gewannen die Frakturschriften noch die (historisch falsche) Interpretation, durch ihr Schriftbild die deutsche Gotik gleichsam darzustellen. So ermahnte auch Goethes Mutter ihren Sohn, der an den klaren Antiqua-Schriften Gefallen gefunden hatte, er solle doch um Gottes Willen deutsch bleiben – auch in den Buchstaben (womit natürlich die Frakturschrift gemeint war).

20. Jahrhundert

Einen weiteren Höhepunkt erreichte der Streit am 4. Mai 1911, in einer Abstimmung des deutschen Reichstags. Der Verein für Altschrift (Antiqua!) hatte beantragt, die Antiqua als Amtsschrift einzuführen (die Fraktur war seit Gründung des Deutschen Reiches die offizielle Amtsschrift), und die deutsche Schreibschrift nicht mehr an den Schulen zu lehren. Dieser Antrag wurde nach einer langen und von beiden Seiten teilweise sehr emotional geführten Debatte mit 85 zu 82 Stimmen abgelehnt.

Der Normalschrifterlass

Eine besondere Überhöhung erfuhren die Fraktur-Schriften dann im Nationalsozialismus. Nachdem sie zunächst als einzig wahre deutsche Schrift propagiert wurde, wurde sie am 3. Januar 1941 mit dem folgenden, von Martin Bormann unterzeichneten Schrifterlass als angebliche „Schwabacher Judenlettern“ verboten:

Rundschreiben
(Nicht zur Veröffentlichung).
Zu allgemeiner Beachtung teile ich im Auftrage des Führers mit:
Die sogenannte gotische Schrift als eine deutsche Schrift anzusehen oder zu bezeichnen ist falsch. In Wirklichkeit besteht die sogenannte gotische Schrift aus Schwabacher Judenlettern. Genau wie sie sich später in den Besitz der Zeitungen setzten, setzten sich die in Deutschland ansässigen Juden bei Einführung des Buchdrucks in den Besitz der Buchdruckereien und dadurch kam es in Deutschland zu der starken Einführung der Schwabacher Judenlettern.
Am heutigen Tage hat der Führer in einer Besprechung mit Herrn Reichsleiter Amann und Herrn Buchdruckereibesitzer Adolf Müller entschieden, dass die Antiqua-Schrift künftig als Normal-Schrift zu bezeichnen sei. Nach und nach sollen sämtliche Druckerzeugnisse auf diese Normal-Schrift umgestellt werden. Sobald dies schulbuchmässig möglich ist, wird in den Dorfschulen und Volksschulen nur mehr die Normal-Schrift gelehrt werden.
Die Verwendung der Schwabacher Judenlettern durch Behörden wird künftig unterbleiben; Ernennungsurkunden für Beamte, Strassenschilder u.dergl. werden künftig nur mehr in Normal-Schrift gefertigt werden.
Im Auftrage des Führers wird Herr Reichsleiter Amann zunächst jene Zeitungen und Zeitschriften, die bereits eine Auslandsverbreitung haben, oder deren Auslandsverbreitung erwünscht ist, auf Normal-Schrift umstellen.
gez. M. Bormann.

Als Motiv für diesen radikalen Sinneswandel wurde vermutet, dass die Antiqua in den besetzten Gebieten besser lesbar sein würde, da die Frakturschriften außerhalb des deutschen Sprachraums nur noch wenig bekannt waren. Gegen diese Hypothese spricht, dass die Nationalsozialisten auch zuvor schon Bücher, Zeitungen und sonstige Texte, die für das Ausland bestimmt waren, in Antiqua gedruckt haben, so hätte man auch alle Drucksachen für die besetzten Gebiete in Antiqua drucken können. Eine Notwendigkeit, den Schriftgebrauch im deutschsprachigen Raum zu ändern, ergibt sich daraus nicht.

Es liegt näher, den Grund für das Verbot bei Adolf Hitler zu suchen, der offenbar eine Abneigung gegen die Fraktur hatte. Auf dem Reichsparteitag von 1934 erklärte er:

Eure vermeintliche gotische Verinnerlichung passt schlecht in das Zeitalter von Stahl und Eisen, Glas und Beton, von Frauenschönheit und Männerkraft, von hochgehobenem Haupt und trotzigem Sinn… Unsere Sprache wird in hundert Jahren die europäische Sprache sein. Die Länder des Ostens, des Nordens wie des Westens werden, um sich mit uns verständigen zu können, unsere Sprache lernen. Die Voraussetzung dafür: An die Stelle der gotisch genannten Schrift tritt die Schrift, welche wir bisher die lateinische nannten…

Durch den obigen Erlass wurden zunächst nur die gebrochenen Druckschriften (Textur, Rotunda, Schwabacher und Fraktur) verboten. Mit einem zweiten Rundschreiben vom 1. September 1941 wurden auch die Verwendung der deutschen Schreibschriften untersagt, sodass mit Beginn des Schuljahres 1941/42 an den deutschen Schulen nur noch die lateinische Normalschrift gelehrt wurde.

Weblinks

Literatur

See also: Antiqua-Fraktur-Streit, 1. September, 1800, 1911, 1934, 1941, 20. Jahrhundert, 3. Januar, 4. Mai, Adolf Hitler