Antrieb (Psychologie)
Der Antrieb bezeichnet innere dynamische, aktivierende Verhaltensbedingungen oder -tendenzen, die die Zielorientierung, -gerichtetheit und -bindung des Verhaltens gewährleisten.
Da der Antrieb nicht unmittelbar beobachtbar ist, kann er nur aus den Wechselbeziehungen zwischen Organismus und Verhaltensziel oder, wie beim sprachfähigen Menschen, aus verbalen Äußerungen erschlossen und erklärt werden. Aus der Stärke der Bemühungen um Nahrungsbeschaffung oder aus entsprechenden verbalen Bekundungen schließt man beispielsweise auf die Existenz eines Nahrungs-Antriebs.
| Inhaltsverzeichnis |
Zur Unterscheidung der Antriebsmotivation beim Menschen
Während die Antriebe der Tiere (die man im engeren Sinne meist als Instinkte oder - ein Synonym - als Triebe bezeichnet), als Bestandteile von unbedingten Reflexen oder von Instinktverhalten überwiegend zur Erbausstattung gehören, sind beim Menschen nur die vitalen Antriebe, die primäre Antriebe genannt werden, als phylogenetisch erworbene Komponenten erbmäßig fixiert, zum Beispiel
- Hunger und Atmung
- Durst
- Sexualtrieb
- Schlafbedürfnis
Aber auch als solche unterliegen sie einer starken gesellschaftlichen Überformung und somit der Veränderung. Sie werden in einem solchen Ausmaß humanisiert, dass sie sich qualitativ grundsätzlich von tierischen Trieben unterscheiden, beispielsweise in Hinsicht auf Bewusstheit und Kontrollierbarkeit, d.h. auf die Antriebssteuerung, wobei normale Lebensumstände vorausgesetzt werden.
Zur Herausbildung von Antrieben als Handlungsmöglichkeiten
Die meisten menschlichen Antriebe werden über Lernvorgänge im Verlauf der Ontogenese (siehe Entwicklungspsychologie) erworben, und zwar innerhalb der Spielsphäre, im Unterricht, im Arbeitsprozess oder in der Freizeitbeschäftigung. Sie bekunden sich in Erlebnissen und erschließbaren Zuständen, die je nach ihrer Stärke als
- Wunsch
- Begehren
- Drang oder Sucht
in Erscheinung treten und in höheren, bewussteren, "vergeistigten" Formen als Interessen oder Strebungen fassbar sind.
Zur Charakterisierung der Entsprechungen von Antrieben
Charakteristisch für alle diese Erlebnisse und Zustände sind zwei Sachverhalte:
1. Jeder Antrieb hat seine Entsprechung in einem Zielobjekt, das über den Antrieb eine emotionale (siehe Emotion) Tönung oder Valenz, einen Aufforderungscharakter (nach Lewin), erhält, der es begehrenswert, anziehend oder abstoßend macht.
2. Es entsteht damit nach Lewin eine Zielspannung, ein innerer Spannungszustand, der den Organismus an das Ziel fixiert, zum Ziel treibt oder eine Aversion verursacht.
Zur Projektion der Antriebsmöglichkeiten im Gehirn
Experimentelle neurophysiologische Untersuchungen, z. B. gezielte Reizung von Hirngebieten oder Läsionen (siehe Psychophysiologie), belegen die Bedeutung zentralnervöser Strukturen für die Antriebsprozesse, zum Beispiel im Frontalgehirn, im Zwischenhirn, im Limbischen System oder in der Formatio reticularis. In der Neurophysiologie wurden zahlreiche Modelle über das Zusammenwirken nervaler Mechanismen beim Zustandekommen von Antriebswirkungen erarbeitet, beispielsweise das Modell des funktionellen Systems von Anochin oder das Modell der mulktifaktoriellen Kontrolle von Stellar, die jedoch noch alle stark hypothetischen Charakter haben.
Zur Unterscheindung von allochthonem Antrieb und allochthoner Aktivierung
Der Antriebsbegriff gehört zu den psychologischen Begriffen, die in der letzten Zeit sehr uneinheitlich definiert und verwendet werden (ähnlich wie der Begriff "Bedürfnis"). Wird eine Verhaltensweise nicht durch den zugehörigen Drang und die entsprechenden Kennreize versursacht, sondern beruht ihr Auftreten auf der Wirkung anderer Antriebsmechanismen, so spricht man in der Verhaltensforschung von einem allochthonen Antrieb bzw. von allochthoner Aktivierung.
Als Beispiele hierfür werden gewöhnlich die so genannten Übersprungbewegungen angeführt, d.h. Verhaltensweisen, die in einem bestimmten Zusammenhang ohne für den Beobachter nachvollziehbaren Situationsbezug auftreten. Manche Vögel führen inmitten eines Kampfes plötzlich Pickbewegungen aus, Nagetiere putzen sich oder scharren auffallend, und Paviane gähnen in dieser Situation. Als Ursache dieses "unpassenden" Verhaltens wurde von manchen Ethologen die gleichzeitige und gleich starke Aktivierung gegensätzlicher Instinkte angeführt, zum Beispiel der Angriffs- und der Fluchtbereitschaft bzw. der Angriffs- und der Abwehrbereitschaft. Diese Deutung des Verhaltens, die u.a. auf Konrad Lorenz zurückgeht, ist heute aber umstritten.
siehe auch: Antriebsmangel
Kategorie:Motivation
Kategorie:Verhaltensbiologie
