Apriorismus

Der Apriorismus (lat. a priori: vom Früheren her) bezeichnet eine erkenntnistheoretische Richtung, welche die Existenz von Erkenntnisprinzipien vor jeder Erfahrung bzw. eine erfahrungsunabhängige Erkenntnis selbst annehmen.

Inhaltsverzeichnis

Zur Methodik des Apriorismus

Das Wesen der aprioristischen Methode besteht darin, die Eigenschaften eines Gegenstandes nicht aus dem Gegenstand selbst zu erkennen, sondern sie als Beweis aus dem Begriff des Gegenstandes abzuleiten.

Zum Auftreten des Apriorismus in der philosophischen Entwicklung

Der Apriorismus tritt in der Geschichte der Philosophie in verschiedenen Formen auf, die sich darin voneinander unterscheiden, welcher Aspekt der Erkenntnis bzw. des Erkenntnisprozesses von ihnen als vor und unabhängig von der Erfahrung gegeben betrachtet wird.

So ist bei Platon die Erkenntnis insofern apriorisch, als sie in der Wiedererinnerung (Anamnese (Philosophie)) der Seele an von ihr früher und vor aller Erfahrung geschaute Ideen bestehen soll.

Eine andere Form des Apriorismus zeigt sich im Thomismus. Diese vertritt die spekulative These, dass es insofern apriorische Erkenntnisse gebe, wie der menschliche Geist in gewisser Weise am göttlichen Geist teilhabe und deshalb zu Einsichten in die Ordnung der Welt gelangen könne, die die Erfahrung übersteigen.

Auch die Lehre von den eingeborenen Ideen (ideae innatae), wie sie von Rene Descartes, Nicolas Malebranche und Leibniz vertreten wurde, ist eine Variante des Apriorismus. Descartes zufolge verfügt der Mensch über bestimmte Begriffe (z. B. Sein, Ausdehnung, Dauer, Bewegung u. a.) und evidente Prinzipien, die ihm vor aller Erfahrung - gewissermaßen als Gesamtheit der Erkenntnisanlagen - gegeben sind und gemäß den jeweiligen äußeren Bedingungen der Erkenntnis angewendet werden und sich auswirken.

Im englischen Deismus, bei Herbert von Cherbury, werden die aprioristischen Erkenntnisanlagen als Ausdruck unwandelbarer göttlicher Wahrheiten gedeutet und sollen zwischen letzteren und der konkreten menschlichen Erkenntnis eine ursprüngliche Beziehung herstellen.

Malebranche legt die Lehre von den eingeborenen Ideen im Sinne des Platonismus aus, wenn er die Erkenntnis materieller Körper an die entsprechenden eingeborenen Ideen und die von jeder sinnlichen Erfahrung getrennte rationale Verstandestätigkeit knüpft.

Leibniz verteidigte die Lehre von den eingeborenen Ideen gegenüber der Auffassung von John Lockes, dass der Verstand eines Neugeborenen eine tabula rasa sei, und korrigiert das sensualistische Credeo Lockes: "Nihil est in intellectu, quod non fuerit in sensu" im Geiste des Apriorismus durch die Ergänzung: "nisi ipse intellectus".

Die in der Geschichte der Philosophie ausgeprägteste Erscheinungsform des Apriorismus hat Immanuel Kant entwickelt. Während die Lehre von den eingeborenen Ideen einen erfahrungsunabhängigen Erkenntnisinhalt behauptet, nimmt Kant apriorische Formen der Anschauung wie Raum und Zeit und des Verstandes (den Kategorien) an, die ihm als Voraussetzung jeglicher Erfahrung gelten.

Zur Kritik des Apriorismus vom Standpunkt der Erkenntnistheorie

Der Apriorismus ist konsequenter Rationalismus; der Gegensatz von Apriorismus und Aposteriorismus bildet eine Erscheinungsform des Gegensatzes von Rationalismus und Empirismus. So wie ein absoluter Rationalismus nicht existieren kann, so ist auch der erkenntnistheoretische Apriorismus absolut gesehen wissenschaftlich unhaltbar.

Er abstrahiert vom tatsächlichen geschichtlichen Gang der menschlichen Erkenntnis, deren erste Voraussetzung und letztes Kriterium die Kenntnis der tatsächlichen Beziehungen der objektiven Realität bildet.

Während z. B. Kant zu den apriorischen Voraussetzungen unserer Erkenntnis Raum und Zeit als Formen der Anschauung und die Kategorien zählt, hat die Relativitätstheorie aufgedeckt, dass es keine vor jeder Erfahrung gegebenen Anschauungsformen von Raum und Zeit geben kann, und die Quantenphysik hat das, was Kant unter Substanz und Kausalität verstand, auf den Rang einer nur relativen Wahrheit, die lediglich im Bereich der klassischen Physik absolute Geltung hat, verwiesen.

Der Apriorismus ist nur möglich als relativer Apriorismus, der rationalistische wie empiristische Einseitigkeit gleichermaßen vermeidet. Der relative Apriorismus beharrt grundsätzlich auf dem Grundprinzip jeder materialistischen Erkenntnistheorie, dass anders als durch Empfindungen der Mensch keine Wirkungen auf die Sinnesorgane erfahren kann.

Es ist aber anzuerkennen, dass sich das menschliche Individuum im Erkenntnisprozess auf gewisse Voraussetzungen stürzen kann, die ihm unabhängig von seiner individuellen, aktuellen Erfahrung in diesem Sinne also relativ a priori gegeben sind.

Zum Auftreten vorheriger Kenntnisse als relatives Apriori

Insbesondere sind es drei Arten des relativen Apriori, die im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess eine Rolle spielen:

See also: Apriorismus, A priori, Anamnese (Philosophie), Anschauung, Deismus, Eidetischer Sinn, Empirismus, Erfahrung, Erkenntnis, Ideae innatae