Arbeitersport in Deutschland
In der deutschen Arbeitersportbewegung organisierten sich seit Ende des 19. Jahrhunderts Sportler, die aus der Industriearbeiterschaft stammten und denen die in der Deutschen Turnerschaft (DT) zusammengeschlossenen Vereine im Kaiserreich zu nationalistisch ausgerichtet waren. Bald nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes (1890) gründeten sie am 2. Mai 1893 in Gera einen eigenen Dachverband, den Arbeiter-Turnerbund (ATB).
In der ersten Ausgabe der Arbeiter-Turnerzeitung des ATB hieß es über ihre Ziele: "Die freiheitlich gesinnten Turner werden eifrig mitarbeiten, ein altes verfaultes System mit Stumpf und Stiel auszurotten, alte Ruinen niederzureißen, damit neues Leben aus ihnen erblühe. Unter diesen neuerrichteten Gebäuden erst werden wir ausrufen können: Wir haben Friede, Freiheit, Recht. Keiner ist des andern Knecht."
Mit der wachsenden Verbreitung des Fußballsportes Anfang des 20. Jahrhunderts benannte sich der ATB im Juni 1919 in Arbeiter-Turn-und-Sportbund (ATSB) um; unter diesem Dach wurden auch andere Sportarten wie Turnen, Radsport, Leichtathletik und Kraftsportarten betrieben, aber der Fußball nahm eine dominierende Stellung ein. Um 1930 zählte der ATSB rund 1,2 Millionen Mitglieder; sein Präsident war während der gesamten Weimarer Republik (1919-1933) der SPD-Reichstagsabgeordnete Cornelius Gellert.
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Fußball
Geschichtliche Entwicklung
Der ATSB trug in der Weimarer Zeit eigene regionale und nationale Meisterschaften aus, es gab ein Ligasystem auf Kreis- und Bezirksebene, ab 1924 eine deutsche ATSB-Auswahl (die Bezeichnungen Nationalmannschaft oder Reichsauswahl waren verpönt) und Arbeitersportler nahmen an den internationalen Arbeiterolympiaden teil. Schon in der Saison 1919/20 beteiligten sich 3.581 erste Mannschaften am ATSB-Spielbetrieb.
Viele Arbeiter blieben gleichwohl Mitglied eines bürgerlichen Vereins; 1923 hieß es in der sozialdemokratischen Tageszeitung Hamburger Echo dazu: "Arbeiter und Angestellte! Wißt Ihr, was Ihr tut? Wißt Ihr, daß Ihr Eure politischen und wirtschaftlichen Gegner nach Leibeskräften unterstützt?"
Auf dem ATSB-Bundestag im Juni 1928 schloss die Verbandsführung alle KPD-Anhänger aus; diese gründeten daraufhin im Mai 1929 die Interessengemeinschaft zur Wiederherstellung der Einheit im Arbeitersport (IG), die sich im Dezember 1930 in Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit (KG) (kurz: Rotsport) umbenannte und der insbesondere im Berliner Raum sowie in den schwerindustriellen Zentren (Sachsen, Ruhrgebiet u.a.) zahlreiche Vereine angehörten.
Wie in der Politik Sozialdemokraten und Kommunisten, so hatten auch im Sport diese beiden Verbände häufig mehr damit zu tun, sich voneinander abzugrenzen, statt die gemeinsamen sozialen und ideologischen Wurzeln angesichts der zunehmend antidemokratischen politischen Entwicklungen zu betonen.
Gegenbeispiele wie die Tatsache, dass der Dresdner SV 10 sowohl ATSB- als später auch Rotsport-Meister wurde, blieben Einzelfälle: Ursache für diesen Verbandswechsel war ein Spiel gegen den sowjetischen Meister aus Charkov, wofür die Dresdner vom ATSB mit einer längeren Spielsperre bestraft wurden.
Basis beider Verbände bildeten die Vereine, die sich in den Arbeiterwohnvierteln der Städte gegründet hatten, gelegentlich vor ähnlich großen Zuschauerzahlen wie die im DFB zusammengeschlossenen "bürgerlichen" Clubs spielten und sich von diesen ganz bewusst abgrenzten. Der ATSB formulierte seine Ziele mit den Worten: "Wir wollen Volkssport treiben; da hat der Sieg nur eine untergeordnete Bedeutung, viel höher stehen Ehre und Ansehen".
Gleichzeitig bestand ein hoher Grad an Identifikation mit dem örtlichen Arbeiterverein: nachdem beispielsweise 1932 der Hafenarbeiter Erwin Seeler (Vater von Uwe und Dieter Seeler) vom proletarischen Lorbeer 1906 Rothenburgsort zu Victoria Hamburg in den bürgerlichen Stadtteil Hoheluft gewechselt war, ließen ihn die Rothenburgsorter Anhänger, Nachbarn und Mitspieler ihre Enttäuschung und Wut über den "Klassenverrat" des erfolgreichen Torjägers und ATSB-Internationalen noch lange spüren.
Das Hamburger Echo überschrieb im Februar 1932 einen Artikel zu diesem Vereinswechsel mit "Verirrte Proletarier!" und schloss ihn mit den Worten: "Lorbeer und die Bewegung aber weinen Euch keine Träne nach; wir sind eine Massenbewegung und keine Kanonenzuchtanstalt!".
Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand endete auch die organisierte Arbeitersportbewegung: die Nationalsozialisten lösten die Vereine und Verbände im Februar (Rotsport) bzw. Mai (ATSB) 1933 auf; viele ihre Mitglieder wurden verfolgt, in Konzentrationslagern inhaftiert (so auch ATSB-Präsident Gellert) und nicht selten ermordet wie z.B. Ernst Grube, Werner Seelenbinder und der Dresdner Fußballer Walter Petruschke. Manche Arbeitersportler haben versucht, das Verbot zu umgehen, beispielsweise unter einem "unverdächtigeren" Vereinsnamen oder durch gemeinsamen Eintritt in einen benachbarten Verein.
Nach 1945 wurden in den westlichen Besatzungszonen etliche Arbeitersportvereine wiedergegründet, im Hamburger Raum beispielsweise TuS Lorbeer Rothenburgsort, der Bahrenfelder SV 19, Teutonia 10 Altona, Ottensen 93 u.a.; die Idee des klassenspezifischen Vereins hatte sich aber spätestens mit Wirtschaftswunder und nivellierter Mittelstandsgesellschaft in den 1950er Jahren überlebt.
In der sowjetischen Besatzungszone bzw. DDR, dem Arbeiter- und Bauernstaat, hingegen waren Sportvereine sozusagen per se Arbeitervereine – oder wurden, wenn sie dem Idealbild der SED-Parteiführung nicht entsprachen, kalt gestellt (wie z.B. der Dresdner SC).
Der Dresdner SV 10 beispielsweise entstand als BSG Tabak Dresden wieder; nach der deutschen Vereinigung (1990) spielte er wieder als Dresdner SV 10, nannte sich aber schon ein Jahr später erneut um (SG Striesen).
Deutsche Meisterschaftsendspiele
ATSB-Bundesmeisterschaft
- 1920 TSV Fürth – TuS Süden Forst 3:2 (5.000 Zuschauer)
- 1921 Leipzig-Stötteritz – SC Nordiska Berlin 3:0 (5.000 Z.)
- 1922 Leipzig-Stötteritz – BV 06 Cassel 4:1 (60.000 Z.?)
- 1923 Leipzig-Stötteritz – Allemannia 22 Berlin 1:0, protestbedingtes Wiederholungsspiel 3:2 (8.000 Z.)
- 1924 Dresdner SV 10 – SV Stern Breslau 6:1 (9.000 Z.)
- 1925 Dresdner SV 10 – SV Stralau Berlin 7:0 (9.000 Z.)
- 1926 Dresdner SV 10 – TuS Süden Forst 5:1 (12.000 Z.)
- 1927 Dresdner SV 10 – TuS Nürnberg-West 4:1 (10.000 Z.)
- 1928 SC Adler Pankow – ASV Frankfurt-Westend 5:4 (12.000 Z.)
- 1929 Lorbeer 06 Rothenburgsort – FT Döbern 5:4 (15.000 Z.)
- 1930 TuS Nürnberg-Ost – Bahrenfelder SV 19 6:1 (18.000 Z.)
- 1931 Lorbeer 06 Rothenburgsort – SpVgg. 12 Pegau 4:2 (14.000 Z.)
- 1932 TuS Nürnberg-Ost – FT Cottbus 93 4:1 (7.400 Z.)
- 1933 Endrunde nicht mehr ausgetragen
Rotsport
- 1931 Dresdner SV 10 – Sparta 11 Berlin 3:2
- 1932 Dresdner SV 10 – Sparta 11 Berlin 3:2
Über den Rotsport liegen, nicht nur wegen der Kürze seiner Existenz, kaum Unterlagen vor.
Die erfolgreichsten Vereine im ATSB
- 5 Endrundenteilnahmen: Dresdner SV 10, BSC München
- 4 Endrundenteilnahmen: SK Böckingen, FT/SV Breslau-Süd, RSV Eintracht Kassel, TuSV Nürnberg-Ost, SC Obersprockhövel
- 3 Endrundenteilnahmen: TuS Süden Forst, SV Vorwärts Königsberg, Leipzig-Stötteritz, Luckenwalder TS, FT München-Gern, FT/FFV Ponath, SC Lorbeer 06 Rothenburgsort
- 2 Endrundenteilnahmen: FT Aschersleben, Bahrenfelder SV 19, Allemannia 22 Berlin, FTSV 95 Bettenhausen, SV Weser 08 Bremen, TV Eichenkranz Eulo, ATSV Feudenheim, FT/ASV Frankfurt-Westend, FT Gerresheim, ASV Hagsfeld, Wacker/FTSV Hindenburg, SpV Ilmenau, TSV Kassel-Waldau, FFC Kickers Ludwigshafen, VfL Naumburg 88, VfL Neckargertach, FFV 25/Vorwärts Neuhofen, TuS Nürnberg-West, FT Podejuch, ATSV Rheinau, FSV Rositz, BSC 19 Stettin, FTSV/VSK Weiden/Opf.
Für 1919/20 sind nur die 4 Finalrundenteilnehmer bekannt, ab 1920/21 die besten 8 Mannschaften und ab 1924/25 alle 16 Kreismeister, die teilnahmeberechtigt waren. – Zu den Vereinsnamen-Abkürzungen: das F steht meist für "Freie" (z.B. FT = Freie Turnerschaft), selten für "Fußball"; A steht teils für "Allgemeiner", teils für "Arbeiter-"; das B für "Ball-", nicht für "Betriebs-".
ATSB-Länderspiele
Zwischen 11. Oktober 1924 (3:0 gegen Frankreich in Paris) und 26. Dezember 1932 (4:1 gegen Polen in Leipzig; Europameisterschafts-Qualifikation) gab es 77 internationale Spiele der ATSB-Auswahl; Bilanz: 45 Siege, 8 Unentschieden, 24 Niederlagen. Der Internationalismus der Arbeiterbewegung (supranational organisiert in der Luzerner Sportinternationale, kurz LSI; 1925 Abspaltung der Roten Sportinternationale) lässt sich gerade an den beiden hierüber genannten Spielen nachweisen: gegen Frankreich, den "Erzfeind in zwei Kriegen" (1870, 1914), trat eine DFB-Auswahl erst 1931 an; und eine Europameisterschaft brachte die UEFA sogar erst 1960 zustande.
Die Gegner der deutschen Auswahl:
- Österreich 15 Spiele (das Team galt als Europas bestes)
- England 11
- Finnland 10
- Belgien 8
- Tschechoslowakei 7
- Schweiz, Norwegen je 5
- Frankreich 4
- Polen 3
- UdSSR, Dänemark, Palästina je 2
- Estland, Lettland, Ungarn je 1
Belgien und Finnland schickten je dreimal eine Regionalauswahl auf's Feld. Auch der ATSB trat dreimal mit einer Regionalmannschaft an und beim allerersten Spiel bestand die deutsche Auswahl aus 11 Spielern des Dresdner SV 1910. Diese Spiele wurden dennoch als Länderspiele mitgezählt.
Endspiele bei den Arbeiterolympiaden
- 1925 (Frankfurt/M.) Deutschland – Finnland 2:0 (40.000 Z.)
- 1931 (Wien) Österreich – Deutschland 3:2
- 1937 (Antwerpen) Veranstaltung ohne deutsche Beteiligung
Begriffliche Abgrenzung
Die DFB-fernen Arbeitervereine der Zeit bis 1933 sollte man von solchen Vereinen unterscheiden, bei denen bis in die späten 1950er Jahre hinein ebenfalls eine soziale Identität zwischen Zuschauern und Spielern bestand, weil deren Spieler sich überwiegend aus dem Arbeitermilieu rekrutierten und beispielsweise im Ruhrgebietsbergbau noch unter Tage arbeiteten. Aber auch wenn die Sportplätze z.T. auf dem Bergwerksgelände lagen wie z.B. der Stimberg an der Zeche Ewald (SpVgg. Erkenschwick) oder das Stadion des SV Sodingen auf der Zeche Mont Cenis im heutigen Herne, war der Vereinsvorsitzende oft der Zechendirektor oder ein leitender Angestellter, jedenfalls kein Arbeiter mehr – und vor allem waren diese Vereine Mitglied im DFB.
Andere Vereine wie der FC Schalke 04 hatten zwar auch noch einzelne Bergleute ("Knappen") in ihren Reihen, aber der Club selbst arbeitete schon in den 1930er Jahren heimlich unter damals noch verbotenen Profi-Bedingungen.
Noch weniger passen Werksvereine wie Bayer Leverkusen und heutige Betriebssportgemeinschaften wie Rot-Gelb Hamburg (Shell-Konzern) unter die Überschrift "Arbeitersport", auch wenn beispielsweise bei Bayer in den frühen 1960er Jahren die allermeisten Spieler Arbeiter oder Angestellte der Bayer-Werke waren: das war zunehmend nur eine Scheinbeschäftigung und diente häufig eher dazu, über das Vertragsspielergehalt hinaus einen finanziellen Anreiz für gute Spieler bieten zu können.
Literatur
- Hardy Grüne. Vom Kronprinzen bis zur Bundesliga - 1890 bis 1963. Kassel 1996 (Agon) ISBN 3-928562-85-1
- Patricia Arnold/Dagmar Niewerth. Heraus Genossen! Die Arbeitersportbewegung in Altona in der Weimarer Republik. In: Arnold Sywottek (Hg.). Das andere Altona. Hamburg 1984 (Ergebnisse)
- Hartmut Hering (Hg.). Im Land der tausend Derbys. Die Fußballgeschichte des Ruhrgebiets. Göttingen 2002 (Die Werkstatt) ISBN 3-89533-372-7
Andere Sportarten
Neben dem ATSB gab es unter anderem folgende Arbeitersportverbände:
- Arbeiter-Angler-Bund
- Arbeiter-Segler-Bund
- Arbeiter-Athleten-Bund
- Arbeiter-Kegler-Bund
- Arbeiter-Schützen-Bund
- Arbeiter-Radfahrer-Bund
Ausbau dieses Kapitels bleibt ein Desiderat
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