Artes liberales
Die "artes liberales" (lat. "freie Künste") bezeichnen in der Antike und im Mittelalter die Kenntnisse und Fertigkeiten, die zur Unterrichtung eines freien Mannes für nötig erachtet wurden. Darunter wurden die sogenannten "Sieben Freien Künste" verstanden, d.h. für Lehrfächer bzw. Wissenschaften, deren Aneignung im allgemeinen nicht dem Lebensunterhalt diente. Die artes liberales umfassten einige Bestandteile der einst sehr hoch entwickelten und hochstehenden antiken Bildung und Wissenschaft und stellten das gesamte theoretische Bildungs- und Wissensgut der niedergehenden Antike und fast des gesamten Mittelalters dar.
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Zum Ursprung der artes liberales in der Antike
Ihren Ursprung hatten die artes liberales bei den altgriechischen Sophisten. Der römische Philosoph Seneca erwähnte als erster den Ausdruck artes liberales. Zusammenfassende Abhandlungen über die "Sieben Freien Künste" schrieben der Neuplatoniker Martianus Capella, dann bereits auf der Grundlage der christlichen Weltanschauung Boethius, Cassiodor und Isidor von Sevilla. Die Beschäftigung der Sklaven nannte man im Gegensatz dazu Artes illiberales ("unfreie Künste") oder Artes mechanicae ("mechanische Künste"), worunter man rein mechanische Arbeiten verstand. Ursprünglich neun, wurden sie schließlich auf sieben freie Künste festgelegt.
Zur Aneignung der artes liberales im Mittelalter
Im Frühmittelalter wurden die artes liberales als notwendige Vorstufe zu den theologischen Studien angesehen. Nach der Entstehung und Herausbildung der Universitäten im 12. Jahrhundert und 13. Jahrhundert wurden sie auf der sogenannten Artistenfakultät als Propädeutik zur Philosophie gelehrt und galten als obligatorische Vorbildung für das Studium der Jurisprudenz, der Medizin und der Theologie. Aus den Artistenfakultäten sind die späteren philosophischen Fakultäten der Universitäten hervorgegangen. Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts bildeten die artes liberales die eigentliche Wissenschaft, waren sie die Summe des mittelalterlichen Bildungsgutes. Erst das Eindringen des antiken und arabischen Wissensgutes in die westeuropäische feudale Welt beendete die ausschließliche Vorherrschaft der "Sieben Freien Künste" als alleiniger Wissenschaft.
Aufbau des Bildungssystems
[[bild:Septem-artes-liberales_Herrad-von-Landsberg_Hortus-delicarium_1180.jpg|thumb|200px|Septem artes liberales aus "Hortus deliciarium" der Herrad von Landsberg (um 1180)]] Die sieben freien Künste sind die in Antike und Mittelalter gelehrten sieben klassischen Studienfächer.
Die Freien Künste (artes liberales), die gegenüber den praktischen Künsten (Artes mechanicae) höher bewertet wurden, waren:
Sie wurden personifiziert in Form von weiblichen Allegorien und mit folgenden Attributen dargestellt:
- Grammatik - Rute
- Dialektik - Schlange
- Rhetorik - Tafel & Griffel
- Geometrie - Zirkel
- Arithmetik - Rechenbrett
- Astronomie - Astrolabium
- Musik - Musikinstrument
Die Griechen legten sich nicht auf eine kanonische Anzahl der Fächer der Freien Künste fest.
Erstmals erfuhren die Sieben Freien Künste eine enzyklopädische Behandlung durch den römischen Gelehrten Marcus Terentius Varro im 1. Jahrhundert v. Chr. Die Sieben Künste des Mittelalters kannte man vor allem aus Schriften des 5. bis 7. Jahrhunderts n. Chr., besonders des Martianus Capella, Flavius Magnus Aurelius Cassiodurus und des Isidor von Sevilla.
Im Mittelalter wurden die Freien Künste in Klöstern gelehrt. Man unterschied das Grundstudium (Trivium) und das weiterführende Quadrivium.
Zum Trivium gehörten die sprachlichen Fächer
Zum Quadrivium gehörten die mathematischen Fächer
- Arithmetik,
- Geometrie (die Geographie und Naturgeschichte beinhaltete),
- Astronomie, in der auch Astrologie behandelt wurde, sowie
- Musik, insbesondere Kirchenmusik.
Nach Abschluss des Quadriviums erhielt der Schüler den akademischen Grad eines Magisters der Künste. Mit dem Aufkommen des Humanismus, besser gesagt Renaissance-Humanismus und der Aufklärung wurde die klassische Fächeraufteilung weitgehend aufgegeben. Dennoch basierten die Studia humanitatis auf dieser.
Als Merkvers für die Sieben artes liberales diente in früheren Zeiten das folgende lateinische Epigramm:
- Gram loquitur, Dia verba docet, Rhe verba ministrat / Mus canit, Ar numerat, Geo ponderat, Ast colit astra (dt.: "Die Grammatik enthält die Sprache, die Dialektik erklärt die Worte, die Rhetorik lehrt das Reden / Die Musik singt, die Arithmetik zählt, die Geometrie misst das Gewicht, die Astronomie behandelt die Sterne")
Zur verbindlichen Einführung des artes liberales durch Karl den Großen
Für die allgemeine Bildung der herrschenden Schichten und die Ausbildug der Mönche wurden die artes liberales unter Karl dem Großen als verbindlich eingeführt. Vom Leiter der karolingischen Hofakademie Alkuin wurden sie zur unbedingten Voraussetzung für die geistliche Bildung erklärt. Hrabanus Maurus fügte sie durch seine Schrift De clericorum institutione (Über die Klerikerbildung) für Jahrhunderte fest in das geistliche Bildungsprogramm ein. Diese ausschließlich geistliche Aneignung der in den Sieben Freien Künste erhalten gebliebenen antiken Wissensreste war der Grund dafür, dass sich das im 12. Jahrhundert entstandene weltliche Bildungsstreben nicht in erster Linie an die artes liberales anlehnte, sondern sich auf das Studium des römischen Rechts bzw. der Kommentare zu ihm stützte, das die geistige Basis für die Begründung der ersten europäischen Universität in Bologna bildete.
Zur modifizierten Anwendung bis zum Ignorieren der "artes liberales"
Sowohl von den weltlichen als auch von den geistlichen Vertretern der feudalen Schichten wurden die artes liberales verwendet, um einerseits die religiöse Weltanschauung zur Geltung zu bringen, und andererseits diese in den Stand zu versetzen, ihren gesellschaftlichen Funktionen nachzukommen. Hugo von Blankenburg fügte die "Sieben Freien Künste" in sein mystisches System auf eine solche Weise ein, dass sie zu Vorstufen der mystischen Erkenntnis der göttlichen Vorstellung wurden. Damit nahm er den artes liberales jegliche weltliche Bedeutung. Von streng orthodoxen feudalen Ideologen im 11. und 12. Jahrhundert wurden die "Sieben Freien Künste" sogar für völlig überflüssig gehalten, so z.B. von Gerhard von Czenad, Petrus Damiani, Otloh von St. Emmeram und Manegold von Lautenbach. In den Sentenzen des Petrus Lombardus spielten die artes liberales bereits keine Rolle mehr.
Erstes Zurückdrängen der artes liberales durch die Philosophie der Araber und von Aristoteles
Diese Situation änderte sich jedoch grundlegend mit dem Eindringen der Aristotelischen und arabischen Philosophie in die westeuropäische feudale Weltanschauung seit dem letzten Drittel des 12. Jahrhunderts und während des 13. Jahrhunderts. Die "Sieben Freien Künste" wurden, da sie notwendiges Wissen von der objektiven Realität enthielten, trotzdem an den Dom-, Stifts- und Klosterschulen sowie an den Artistenfakultäten der Universitäten bis ins ausgehende Mittelalter hinein gelehrt, an letzteren als notwendige Voraussetzung zu jeder höheren Bildung. Für die sich seit dem 13. Jahrhundert allmählich immer mehr ausbreitende weltliche Bildung wurden die artes liberales zum Hauptinhalt des zu vermittelnden Wissens.
Überwunden wurden die artes liberales durch die Entstehung und Entwicklung der Wissenschaften, durch das Bekanntwerden neuer Erkenntnisse und neuer Tatsachen sowie durch die sozialen Umstrukturierungen innerhalb der Feudalgesellschaft. Die artes liberales verloren dadurch zunehmend ihre kirchlich dominierende Bedeutung für die Bildungseinrichtungen außerhalb der Kirchen und starben im wesentlichen ab, sofern sie nicht elementarer Bestandteil der sich neu herausbildenden Wissenschaften wurden.
Literatur
- L. Hödl: Artikel "Artes liberales". In: Artemis-Lexikon des Mittelalters I (1980). Sp. 1057?1062
- U. Lindgren: Artikel "Artes liberales". In: GertUeding (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Band I. Tübingen: Niemeyer 1992. Sp. 1080?1109
- Martin Kintzinger: Wissen wird Macht - Bildung im Mittelalter, ISBN 3-7995-0116-9
- Brigitte Englisch: Die Artes liberales im frühen Mittelalter (5.-9. Jh.). Das Quadrivium und der Komputus als Indikatoren für Kontinuität und Erneuerung der exakten Wissenschaften zwischen Antike und Mittelalter, Stuttgart 1994
