Athanasius Kircher

Athanasius Kircher S.J. (* 2. Mai 1602 in Geisa bei Fulda; † 27. November 1680 in Rom) war ein deutscher Jesuit und Universalgelehrter des 17. Jahrhunderts, der die meiste Zeit seines Lebens am Collegium Romanum in Rom verbrachte und mehr als 40 Werke veröffentlichte.

[[Bild:Athanasius Kircher.jpg|right|thumb|Pater Athanasius Kircher (16021680)]]

Friedrich Kittler bezeichnet Kircher als "eine Art wissenschaftliche Feuerwehr des Papstes: Mit Sonderaufträgen und Sondervollmachten war er immer zur Stelle, wenn wissenschaftliches Neuland zu betreten, aber auch im Namen der Kirche zu verteidigen war" (Kittler 2002: 88).

Kircher veröffentlichte eine große Zahl ausführlicher Monografien über ein weites Spektrum von Themen unter anderem der Ägyptologie, Geologie, Medizin, Mathematik und Musiktheorie. Seine Arbeit über die ägyptischen Hieroglyphen ebnete den Weg für das spätere Werk Jean-François Champollions.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Kircher wurde am 2. Mai 1602 in Geisa bei Fulda geboren. Von 1614 bis 1618 besuchte er das Jesuiten-Kollegium in Fulda, danach trat er selbst dem Orden bei. Er studierte Philosophie und Theologie in Paderborn, musste aber 1622 nach Köln fliehen um einrückenden protestantischen Truppen zu entgehen. Auf der Reise entging er knapp dem Tod nachdem er bei der Überquerung des zugefrorenen Rheins ins Eis eingebrochen war. Später, war er in Heiligenstadt als Lehrer tätig, er unterrichtete Mathematik sowie die Sprachen Hebräisch und Syrisch. 1628 wurde er Priester und im selben Jahr Professor für Mathematik und Ethik and der Universität Würzburg. 1631 veröffentlichte er sein erstes Buch (Ars Magnesia). Im selben Jahr zwang ihn der Dreißigjährige Krieg, seine Arbeiten an der Päpstlichen Universität von Avignon in Frankreich fortzusetzen. 1633 berief ihn Ferdinand II., Kaiser des heiligen römischen Reiches deutscher Nation zum Nachfolger Johannes Keplers als Mathematiker an den Habsburger Hof nach Wien. Diese Berufung wurde allerdings auf Betreiben von Nicholas-Claude Fabri de Peiresc widerrufen. Stattdessen bekam er ein Angebot aus Rom. Ab 1638 unterrichtete er Mathematik, Physik und orientalische Sprachen am Collegium Romanum (Gregoriana). Nach einigen Jahren wurde er von dieser Tätigkeit freigestellt, um sich seinen Forschungen widmen zu können. Er erforschte Krankheiten wie Malaria und die Pest und schuf eine bedeutende Sammlung von Antiquitäten, welche er zusammen mit seinen eigenen Erfindungen im eigens dazu im eingerichteten Museum Kircherianum ausstellte. 1661 entdeckte Kircher die Ruinen einer Kirche, welche angeblich von Konstantin dem Großen an der Stelle errichten worden sein soll an der sich eine Jesuserscheinung zugetragen haben soll. Er sammelte Geld für den Wiederaufbau der Kirche (in Mentorella bei Tivoli) und verfügte die Beisetzung seines Herzens an ebendiesem Ort. Athanasius Kircher starb am 27. November 1680 in Rom.

Werk

Kircher veröffentlichte eine große Anzahl grundlegender Werke mit einem sehr breitem Themenspektrum. Er beschäftigte sich mit Mathematik, Physik, Chemie, Geographie, Geologie, Astronomie, Biologie, Medizin, Musik, Sprachen, Philologie und Geschichte. Kirchers synkretischer Ansatz legte keinen Wert auf die (heutigen) Abgrenzungen zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen. Sein Buch "Magnes" (1641), welches sich vornehmlich mit Magnetismus beschäftigt, behandelt auch andere Formen der Anziehung wie Gravitation und Liebe. Kirchers heute vielleicht bekanntestes Werk ist die "Œdipus Ægyptiacus" (1652), eine breite Studie der Ägyptologie und vergleichender Religionswissenschaft. Seine in Latein verfassten Werke fanden zu seiner Zeit weite Verbreitung und machten die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit einem weiten Kreis von Lesern bekannt.

Ägyptologie

[[Bild:Athanasius Kircher Koptisches Alphabet.jpg|thumb|Das koptische Alphabet; Auszug aus "Prodromus coptus" (1636)]]

Kirchers Interesse an Ägyptologie wurde geweckt als er 1628 in der Bibliothek von Speyer auf eine Hieroglyphensammlung stieß. 1633 lernte er Koptisch und veröffentlichte 1636 die erste Grammatik dieser Sprache (Prodromus coptus sive aegytpicanus). In seinem Werk (Linuga aegyptiaca restituta) von 1643 argumentiert er korrekt, das Koptisch keine separate Sprache sei sondern die letzte Ausbaustufe der antiken ägyptischen Sprache. Er erkannte auch die Beziehung zwischen hieratischen Schriftzeichen und den Hieroglyphen.

In "Œdipus Ægyptiacus" (1652) argumentiert er, dass die antike ägyptische Sprache von Adam gesprochen wurde, dass Hermes Trismegistos und Moses ein und dieselbe Person gewesen, und die Hieroglyphen okkulte Symbole seien, die nicht wörtlich übersetzt, sondern nur mit Hilfe von Zeichen, Buchstaben und Figuren ausgedrückt werden könnten.

Obwohl sein Ansatz zur Entzifferung altägyptischer Texte auf fundamentalen Fehlkonzepten beruhte, betrieb er doch bahnbrechende wissenschaftliche Forschung auf diesem Felde. Kircher selbst glaubte an die Möglichkeit, dass die Hieroglyhen ein Alphabet bilden könnten und setzte sie zum griechischen Alphabet in Beziehung. Seine Ergebnisse wurden später von Jean-François Champollion bei seinen erfolgreichen Bemühungen, diese altägyptische Sprache zu dekodieren, verwendet.

Sinologie

[[Bild:Kircherchinamap.jpg|thumb|275px|Karte des Kaiserreich Chinas (1667) aus "China Monumentis"]]

Kircher entwickelte ein frühes Interesse an der chinesischen Kultur, schon 1629 unterrichtete er seinen geistlichen Mentor, dass er Missionar in diesem Land werden wolle. Sein Werk "China Monumentis" war eine Enzyklopädie über das Kaiserreich China, welche akkurate Kartografie mit mystischen Elementen wie Drachen verband. Es betont die christlichen Elemente der chinesischen Geschichte, sowohl real als auch imaginär: Kircher erwähnt die frühe Anwesenheit von Nestorianern, schreibt aber auch, die Chinesen seine Nachkommen von Ham, Konfuzius sei identisch mit Hermes Trismegistos/Moses und dass die chinesischen Schriftzeichen abgewandelte Hieroglyhen seien. In seinem System standen die Ideogramme unter den Hieroglyphen, weil sie sich auf spezifische Ideen bezogen anstatt auf misteriöse Ideekomplexe. Die Zeichen der Maya und Azteken waren noch niedrigere Zeichen weil sie sich auf einzelne Objekte bezogen.

Umberto Eco bemerkte einmal, dass diese Idee den damaligen europäischen Standpunkt (und damit den Standpunkt der katholischen Kirche) in Bezug auf die chinesische und indianische Zivilisation ausdrücke und untermauere: "China wurde nicht als unbekannter Barbar dargestellt sondern als verlorener Sohn welcher zurückkehren sollte ins Haus des gemeinsamen Vaters."

Geologie

[[Bild:Kircherearthfires.jpg|thumb|Kirchers Modell des Erdinneren aus "Mundus subterraneus" (1678)]]

Auf einer Reise nach Süditalien 1638 stieg Kircher in den Krater des Vesuvs um dann am Rande der Eruptionen das Innere des Vulkans zu erforschen. Er war auch angetan von dem unterirdischen Rumpeln welches er an der Meerenge von Messina vernahm. Seine geologischen und geographischen Forschungen gipfelten in seinem Werk "Mundus Subterraneus" (1664) in welchem er vermutete, dass die Gezeiten von Wassermassen verursacht würden, die sich zwischen den Weltmeeren und einem unterirdischen Ozean bewegen.

Kirchers Standpunkt zu Fossilien war nicht einheitlich. Er verstand, dass einige Versteinerungen Überreste von Tieren waren, andere schrieb er aber dem menschlichen Erfindergeist oder spontanen regenerativen Kräften der Erde zu. Nicht alle Objekte, die er zu erklären versuchte, waren auch Fossilien - daher auch die Vielfalt seiner Ansätze.

Medizin

[[Bild:Kircherears.jpg|thumb|Illustration über das Gehör aus "Musurgia Universalis" (1650)]]

Kircher nahm einen bemerkenswert modernen Ansatz in der Erforschung von Krankheiten: schon vor 1646 setzte er ein Mikroskop ein um das Blut von Pestkranken zu untersuchen. In seinem Werk "Scrutinium Pestis" von 1658 bemerkt er die Anwesenheit von "kleinen Würmern" im Blut und schließt folglich, dass die Krankheit von Mikroorganismen verursacht würde. Der Schluss war korrekt, auch wenn es wahrscheinlich ist, dass das, was er gesehen hat, in Wirklichkeit rote oder weiße Blutkörperchen waren. Er schlug auch hygienische Maßnahmen wie Isolation, Quarantäne, das Verbrennen der Kleider der Kranken sowie das Tragen von Gesichtsmasken zur Vermeidung der Ausbreitung der Pest vor.

Musik

Das Werk "Musurgia Universalis" (1650) legt Kirchers Ansichten zur Musik dar. Er glaubte, dass die Harmonie der Musik die Proportionen des Universums widerspiegelt. Er beschreibt in diesem Buch Pläne von wasserkraftbetriebenen automatischen Orgeln, Charakteristik von Vogelgesängen und den Aufbau musikalischer Instrumente. Eine Zeichnung zeigt die Unterschiede zwischen dem menschlichen Ohr und dem einiger Tierarten.

Auch stellt er einen Algorithmus zur automatischen Komposition vor.

Kurios: Kircher entwarf ein "Katzenklavier", welches nagelähnliche Objekte in den eingespannten Schwanz einer Katze schlägt, die dann je nach Einstichstelle in unterschiedlichen Tonhöhen Laute von sich geben soll. Es ist nicht bekannt, ob er dieses "Instrument" auch wirklich praktisch umsetzte.

Erfindungen und theoretische Leistungen

[[Bild:Kirchermagneticclock.jpg|thumb|230px|Konstruktion einer magnetischen Uhr (1650)]]

Zu Kirchers Erfindungen gehört unter anderem ein Vorläufer der Laterna Magica, das Smicroscopium parastaticum, welches er in seinem Buch "Ars magna lucis et umbrae" (1671) beschreibt. Dieses Gerät bestand aus einer Drehscheibe und einer optischen Betrachtungseinrichtung. Auf dieser Scheibe waren zahlreiche kleine Bilder angebracht, die man durch das Linsensystem dann vergrößert betrachten konnte. Dieses Gerät ist ein direkter Vorläufer des Phenakistiskops, welches wiederum ein direkter Vorläufer des Filmprojektors ist.

Er konstruierte eine magnetische Uhr nach dem von ihm in seinem Werk "Magnes" vorgestellten Mechanismus.

Weiterhin erfand Kircher das Organum Mathematicum, eine Art mathematischer Lernmaschine.

Andere von Kircher entworfene oder konstruierte Maschinen waren:

Nebenbei entwickelte er ein System der verschlüsselten Nachrichtenübertragung unter der Bezeichnung "Stenographia" ("geheimes Schreiben mit Licht") bzw. "Cryptologia". Dieses System verwendete – im Gegensatz zur optischen Telegrafie der Antike – einen Hohlspiegel, der mit den zu übertragenden Schriftzeichen beschriftet wird. Mit diesem Verfahren konnten militärische Kommandos über eine Entfernung von rund dreieinhalb Kilometern "abhörsicher" übermittelt werden.

Sonstiges

In der "Polygraphia nova" (1663) schlägt Kircher eine von ihm geschaffene, künstliche universelle Plansprache vor.

Kircher beschäftigte sich zum Lebensabend auch mit der Sintflut und der Arche Noah (v.a. in technischer Hinsicht), wodurch das äußerst reich illustrierte Buch Arca Noë (erschienen in Amsterdam bei Jansson & Waesberge 1675) entstand. Einige Ausarbeitungen beziehen sich auf Studien des französischen Mathematikers Johannes Buteo, der 1554 eine den biblischen Angaben entsprechende Arche beschrieben hatte.

Das Voynich-Manuskript

1665 erhielt der damals als "Entzifferer der Hieroglyphen" bekannte Kircher von seinem langjährigen Freund Johannes Marcus Marci das so genannte Voynich-Manuskript, in der Hoffnung dass er es entschlüsseln könne. Das Manuskript blieb bis zur Annektierung des Vatikanstaates durch den italienischen König Viktor Emmanuel II. im Jahre 1870 und der einhergehenden Säkularisierung des Kirchenbesitzes mit Kirchers restlicher Korrespondenz im Archiv des Collegium Romanum.

Standpunkt

Kircher war und blieb während seines gesamten Lebens ein Mann der katholischen Kirche. Stets versuchte er, die Ergebnisse seiner Arbeit in Einklang mit den Ansichten der Kirche zu bringen. Entsprechend der offiziellen Lehrmeinung wendete sich in seinem Werk "Magnes" (1641) gegen das Kopernikanische Weltbild (er unterstützte das von Tycho Brahe), präsentierte aber entsprechend der sich ändernden wissenschaftlichen Einstellung in seinem späteren Werk "Itinerarium extaticum" (1656, revidiert 1671) mehrere, alternativ mögliche Systeme, einschließlich des Kopernikanischen.

Bedeutung

Während eines Großteils der Zeit seines wissenschaftlichen Wirkens war Kircher einer der poplulärsten Gelehrten der damaligen Welt. Gemäß der amerikanischen Historikerin Paula Findlen war Kircher "Der erste Gelehrte mit weltweiter Reputation". Seine Bedeutung erreichte er mit einer Doppelstrategie: Seinen eigenen Forschungen und Experimenten fügte er die Informationen hinzu, die er aus seiner Korrespondenz mit über 760 anderen Wissenschaftlern, Physikern und vor allem seinen Jesuitenbrüdern aus aller Welt zusammentrug. Die "Encyclopædia Britannica" nennt Kircher eine "Ein-Mann Clearingstelle für intellektuelle Themen". Seine nach seinen Anweisungen illustrierten Werke waren sehr populär. Er war der erste Wissenschaftler, der sich durch den Verkauf seiner Bücher vollständig selbst finanzieren konnte. Zum Ende seines Lebens begann sich der Cartesianismus durchzusetzen und seine Popularität verebbte. René Descartes selbst nannte Kircher "mehr Quacksalber als Gelehrten".

Aus heutiger Sicht erscheinen seine Werke als eine Mischung von Ergebnissen genuiner Forschung, durchdachten Beziehungsmanagements, zukunftsweisender Intuition, bloßer Spekulation und bewundernswerten Marketings.

Nach seinem Tod wurde Kirchers Werk bis ins späte 20. Jahrhundert weitgehend mit Nichtachtung gestraft. Seitdem erfährt es aber eine gewisse Renaissance: Man führt seine Wiederentdeckung auf die Ähnlichkeiten seines eklektizistischen Ansatzes mit der Postmoderne zurück. "Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist Kirchers Geschmack für Trivialitäten, Täuschung und Wunder wieder gefragt." "Kirchers postmoderne Qualitäten umfassen unter anderem seine Subversivität, seine Berühmtheit, seine Technomanie und seinen bizarren Eklektizismus." Da ein Großteil von Kirchers wissenschaftlicher Arbeit heute nicht mehr aktuell ist und wenige seiner Werke übersetzt wurden, liegt das heutige Interesse mehr auf deren ästhetischer Qualität als auf dem eigentlichen Inhalt. Eine Reihe von Ausstellungen hat bereits die Schönheitvon Kirchers Werken herausgestellt:

Umberto Eco schrieb über Kircher sowohl in seiner Novelle "Die Insel des vorigen Tages" als auch in seinen nichtfiktionalen Texten "Die Suche nach der vollkommemen Sprache" und "Serendipities. Language and Lunacy".

Publikationen

Kirchers Nachlass wird mit 44 gedruckten Bänden und 14 Briefschaften angegeben.

Seine wichtigsten Werke, in chronologischer Reihenfolge:

Literatur

Weblinks und Referenzen

Seiten in englischer Sprache:

Online-Versionen seiner Bücher:

Quellenangaben zitierter Texte:

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Personendaten
Kircher, Athanasius
deutscher Universalgelehrter
2. Mai 1602
Geisa bei Fulda
27. November 1680
Rom

See also: Athanasius Kircher, 1554, 1602, 1614, 1618, 1622, 1628, 1629, 1631