Besiedlung Amerikas
Bezüglich der Besiedlung Amerikas ist eines sicher: sie erfolgte relativ spät. Der am meisten verbreiteten Theorie zufolge wanderten die amerikanischen Ureinwohner in einem Zeitraum von vor 30.000 bis 11.000 Jahren ein. Diese Einwanderung geschah in mehreren Wellen, wobei es heute noch umstritten ist, wer genau von wo einwanderte. Genetische Untersuchungen deuten darauf hin, dass der Mensch den amerikanischen Kontinent frühestens vor 18.000 Jahren erreicht hat. Damit würden frühere Schätzungen bestätigt, die von einer Besiedlung zum Ende der Eiszeit vor 13.000 Jahren ausgingen. Für ihre Abschätzung hatten die Forscher bestimmte Regionen des Y-Chromosoms bei der heutigen amerikanischen Urbevölkerung untersucht. Hier entdeckten sie eine Mutation, die auch heutige Asiaten tragen und vermutlich vor 18.000 Jahren im menschlichen Erbgut auftrat. Die Trennung zwischen Asiaten und Amerikanern müsste demnach später erfolgt sein.
Die verschiedenen Theorien
- Die Bibel-Theorie: In der Kolonialzeit versuchte man die Frage der Besiedlung Amerikas mit Hilfe der Bibel zu beantworten. So dachte man beispielsweise, dass die Indianer von den 10 jüdischen Stämmen abstammen, die aus Israel vertrieben wurden.
- Die Clovis-Theorie: Diese in Fachkreisen nicht unumstrittene Theorie besagt, dass vor rund 11.500 Jahren aus Ostasien kommende Jäger und Sammler erstmals den amerikanischen Kontinent betraten. Dort wo sich heute die Beringstraße befindet, gelangten sie über eine durch den niedrigen Wasserstand während der letzten Eiszeit entstandene Landbrücke auf den damals noch menschenleeren Kontinent.
- Die Europa-Theorie: Die Steinwerkzeuge der Clovis haben große Ähnlichkeit mit Steingeräten der Solutréen-Kultur, einer Kultur, welche im Zeitraum von ca. 22.000 bis 16.500 vor heute in den heutigen Gebieten Frankreichs, Portugals und Spaniens beheimatet waren. Diese Tatsache lässt daher auch überseeische Einwanderer aus Europa in Erwägung ziehen. Dieser Theorie zufolge fuhren die Einwanderer über den Atlantik an der weit in den Süden reichenden Polarkappe entlang und landeten an der Ostküste Nordamerikas. Oder sie wanderten von der iberischen Halbinsel oder von Frankreich aus nordostwärts durch Russland und Sibirien und überquerten dann die Beringstraße in Richtung Amerikanischer Kontinent.
- Die Polynesien-Theorie: Diese eher junge Theorie besagt, dass südpazifische Seefahrer vom Südpazifik her den Stillen Ozean überquerten und an den Westküsten Nordamerikas, bzw. Südamerikas landeten. Aufgrund der relativ gut datierten Ankunftszeiten der Polynesier auf den verschiedenen pazifischen Inselgruppen sowie mangelnder sprachlicher, genetischer und kultureller Gemeinsamkeiten zwischen Polynesiern und Indianern ist diese Theorie nicht weit verbreitet.
- Die Sibirien-Theorie: Gemäß dieser Theorie fuhren frühe Seefahrer über den nördlichen Pazifik auf die Westküste Amerikas zu und besiedelten den gesamten Kontinent bis zur Südspitze von Feuerland.
Zahlreiche Funde in Sibirien und Alaska sprechen sowohl für die Clovis-Theorie als auch für die Sibirien-Theorie. Die Wissenschaftler erachteten die Clovis-Menschen lange Zeit als die Ahnen der heutigen Indianer.
Jedoch waren die Clovis-Menschen unter Umständen nicht die ersten Menschen, welche den amerikanischen Kontinent besiedelten. Neuere Funde weisen darauf hin, dass Menschen aus den Gebieten des heutigen China, Australien, Polynesien und vielleicht sogar aus Europa ihren Weg über das Meer gefunden haben könnten. Zudem gibt es Funde - Feuerstellen, Werkzeuge, Wandmalereien und auch Knochenfunde - aus Südamerika, die auf eine frühere und auch geographisch anders gelagerte als die oben erwähnte Besiedlung aus Asien oder Ozeanien hindeuten.
Literatur
Bardelle, Frank, Jenseits des Atlantiks - Zur Kritik der eurozentrischen Kultur- und Kolonialgeschichtsschreibung, Prokla 76, September 1989, S. 119 - 135 (ISBN 3-88022-576-1)
