Bitterfelder Weg
Der Bitterfelder Weg sollte in der ehemaligen DDR eine neue programmatische Entwicklung der sozialistischen Kulturpolitik einläuten und den Weg zu einer eigenständigen "sozialistischen Nationalkultur" weisen. Diese sollte den "wachsenden künstlerisch-ästhetischen Bedürfnissen der Werktätigen" entgegenkommen.
Namensgebend war eine am am 24. April 1959 veranstaltete Autorenkonferenz des Mitteldeutschen Verlages im VEB Chemiekombinat Bitterfeld. Dabei sollte geklärt werden, wie den Werktätigen ein aktiver Zugang zu Kunst und Kultur ermöglicht werden kann. Die "vorhandene Trennung von Kunst und Leben" und die "Entfremdung zwischen Künstler und Volk" sollte überwunden, die Arbeiterklasse am Aufbau des Sozialismus umfassender beteiligt werden. Dazu sollten u.a. Künstler und Schriftsteller in den Fabriken arbeiten und Arbeiter bei deren eigener künstlerischer Tätigkeit unterstützen ("Bewegung schreibender Arbeiter"). Die im Wesentlichen von Walter Ulbricht ausgegebenen Direktiven standen unter dem Motto "Greif zur Feder, Kumpel!". Schon auf dem V. Parteitag der SED 1958 stellte Ulbricht die Forderung auf: "...in Staat und Wirtschaft ist die Arbeiterklasse der DDR bereits Herr. Jetzt muss sie auch die Höhen der Kultur stürmen und von ihnen Besitz ergreifen."
In der Tat kam es zu einem Aufschwung der Laienkunst, etwa durch regelmäßig veranstaltete Arbeiterfestspiele.
Die zweite Bitterfelder Konferenz am 24. und 25. April 1964 stellte den Kulturschaffenden die Aufgabe, insbesondere die "Bildung des sozialistischen Bewusstseins" und der "sozialistischen Persönlichkeit" zu fördern. Schon im Dezember 1965 wurde der Bitterfelder Weg de facto aufgegeben - das Konzept, Künstler durch den Einsatz in der Produktion an Partei und Werktätige zu binden, ging nicht auf. Noch einmal, im April 1967, wollte der VII. Parteitag der SED den Bitterfelder Weg als Bestandteil des offiziellen Parteiprogramms wiederbeleben.
Die avisierte Aufhebung der Trennung von Berufs- und Laienkunst führte in der Folge jedoch zunehmend zu Differenzen mit prominenten Autoren wie z.B. Christa Wolf, Stefan Heym und Peter Hacks über die kritische Funktion und die gesellschaftlichen Aufgaben der Kunst. Insbesondere wurden die Instrumentalisierung und Reglementierung zu Zwecken der Parteipropaganda und eine zunehmende Bevormundung befürchtet. Die Zusammenarbeit von Schriftstellern und Betrieben hielt sich selbst in der ersten Hälfte der 60-er Jahre in Grenzen; auch die meisten Künstler der DDR waren wenig gewillt, durch dauerhafte Mitarbeit in der Produktion ihre lebensweltliche Erfahrung auszuweiten. So wurden frühzeitig auch alternative Galerien gegründet, um Künstlern, die der Parteilinie nicht folgen wollten, ein Forum zu bieten - z.B. 1960 die "Galerie Konkret" in Berlin.
Begriffsklärung
Es gibt in der Tat immer noch einen Bitterfelder Weg - und zwar in Berlin-Neukölln, Ortsteil Rudow. Er führt vom Lößnitzer Weg zur Zittauer Straße in den Bildhauerweg. Den Namen trägt er seit dem 19. März 1938.
Siehe auch: Zirkel Schreibender Arbeiter, Sozialistischer Realismus, Kulturpolitik
