Bora (Wind)

[[Bild:Bora_Kvarner_Dalmatien.jpg|thumb|right|300px| An der von orkanartiger Bora geprägten Gestaden in Norddalmatien (Kroatien) fehlt die Vegetation fast völlig]] Die Bora (kroatisch Bura) ist ein kalter Fallwind (engl. downslope wind) an der kroatischen und montenegrinischen Adriaküste.

Inhaltsverzeichnis

Etymologie

Das Wort Boreas (v. griech. μπόρα „der Nördliche“) bezeichnet die griechische Windgottheit Boreas, der der Gott der Nordwinde ist. Da ein starker Nordwind die persische Flotte vor Athen vernichtete, war er hier Schutzpatron und wurde in einem eigenen athener Tempel kultisch verehrt. Er galt als der mächtigste Windgott, weshalb er auch für den gefürchteten Orkanwind Bora Pate stand. Der Term bedeutete ursprünglich „Wind aus den Bergen“ und hat mit der Kälte des Fallwindes zu tun. So war die Bora lange Zeit der Prototyp katabatischer Winde.

Es gibt zudem verschiedene Sondernamen für eine Bora. Die Bora scura ist ein Bora bei trüber Sicht. Der Borino ist eine schwache Bora in der Gegend von Triest, während die heftigen Stöße der Bora dort Reffoli genannt werden. Ein Borasco ist heftiger Wind, meist von Gewittern begleitet, über dem Mittelmeer. Ein Levantera ist eine Bora, die in Istrien aus Richtung Osten kommt und bei bewölktem Wetter auftritt.

Charakter

Die Bora ist sehr stürmisch und böig, wobei die Böen in Einzelfällen bis zu 200 km/h erreichen. Die Bora bläst vorwiegend im Winter. Im Sommer dauert sie einen Tag oder einige Stunden, während sie im Winter bis zu 14 Tage wehen kann. Vorherrschende Windrichtung ist aus Ost-Nordost. Die einschneidenste Wirkung erreicht die Bora wenn sehr kalte Kontinentalluft oder gealterte Polarluft die Adria erreicht. Die kalte Luft über den Karsttälern Kroatiens stürzt dann als Fallwind durch die Gassen der Karstgebirge herunter. Trotz der trockenadiabatischen Erwärmung beim Herunterwehen, wird der Wind als kalt empfunden, da die relative Höhe der litoralen Dinariden für eine spürbare Erwärmung zu niedrig ist (Velebit 1756 m, Orjen 1894 m höchste Gebirge in Dalmatien) und die auch sonst relativ warme Luft des Mittelmeerraums von der sehr kalten Kontinetal- oder gealterten Polarluft verdrängt wird.

Karl Marx entwarf 1856 ein zutreffendes Bild über die Bora:

„Die Bora, der große Störenfried dieses Meeres, erhebt sich stets ohne das kleinste Warnungszeichen; mit der Gewalt eines Tornados überfällt sie die Seeleute und gestattet nur dem Kühnsten, auf Deck zu bleiben. Manchmal tobt sie wochenlang und am heftigsten zwischen der Bucht von Cattaro und dem Südende von Istrien. Der Dalmatiner aber ist von Kindheit an gewöhnt, ihr zu trotzen, er wird hart unter ihrem Atem und verachtet die armseligen Winde anderer Meere.“

Definition

Föhn und Bora sind die warm/kalt Typ-Loci aller Fallwinde, die so ähnlich auch weltweit beobachtet werden können. Die Ähnlichkeit zum Föhn ist durch i) auftreten in relativ beschränkten Regionen im Lee eines Gebirges ii) eine Wolkenwand über dem Gebirgsgrat (Föhnwand, Kapa) iii) einen Luftdruckunterschied zwischen Luv und Lee gegeben. Im folgenden soll auf den Fallwindtyp der Bora näher eingegangen werden. Was diesen vom Föhn stärker unterscheidet, ist zum einen der abkühlende Charakter, der zudem eine Küstenregion betrifft und meeresdynamisch wirksam wird, zum anderen die Dauer der Ereignisse. Sind Föhnwinde in der Regel kurzzeitige Phänomene, so ist lang anhaltendes Auftreten ein primäreres Kennzeichen der Bora.

Durch diese divergente bioklimatische Wirkung und gegensätzliche landschaftsprägende Folgen ist eine Separierung von Föhn- und boragenen Typen auch zwangsläufig sinnvoll.

Phänomenologisch lassen sie sich einfach definieren:

„The föhn is a fall wind on the leeward side of a mountain range. When it blows the air temperature on the leeward slope becomes higher than before. On the other hand, the bora is also a fall wind on the leeward side of a mountain range, but when it begins, the air temperature on the leeward slope becomes lower than before.“ (Yoshino 1976)

Zum Föhn ist eine strömungsdynamische Unterscheidung schwierig, da der Fallwindcharakter mit dem hydraulischen Sprung deutlich ausgeprägt ist (kein katabatischer Wind im engeren Sinn). Daher ist die Trennung vom Föhn aus klimatologischer Sicht problematisch. Verschiedene Klassifikationen hatten nur bedingt Erfolg:

„In the case of downslope windstorms, some authors have used bora for a cold-advection flow (or one that results in cooling to the immediate lee of the mountain barrier), whereas chinook or foehn refer to a warm- or neutral-advection wind (or one that results in warming or no temperature change leeward of the barrier). Those who have attempted to classify downslope windstorms, however, have found that many cases do not fall neatly into one category or the other.“ [1]

Wendet man auf Föhn und Bora anstelle einer zweidimensionalen thermodynamischen Strömung, ein dreidimensionales hydrodynamisches Konzept an (siehe Föhn), so sind physikalische Unterschiede nicht auszumachen. Sowohl die Gravitation, als auch potenzielle Energie - die in kinetische Energie umgewandelt wird - sind essentiell. Trifft nämlich Luft auf eine Gebirgsregion, wird sie abgebremst und staut sich wie Wasser vor einem Damm an. Nach einer bestimmten Zeit fällt sie über niedrigere Gebiete auf die andere Seite des Gebirges. Dabei erhöht sich die kinetische Energie und am Grund der Leeseite taucht ein Wind auf.

Globale Verbreitung boragener Fallwinde

Bei 40°N bilden sich im Winter bei 20-40°E (Adria und Schwarzes Meer), 80°W (Great Plains) und 140°E (Japan) drei quasi stationäre klimatische Tröge in der Troposphäre. Dies bedeutet, daß polare Kaltluft leicht in Gebiete westlich der Tröge nach Süden abfließen kann. Boraregionen sind daher in einem weiteren Kontext an diese Längengrade gebunden. Vom synoptischen Standpunkt ist die regionale Einengung durch die Topographie vorgegeben. Als Randerscheinung des Hochs über Zentralasien ist die makroklimatische Form des Luftabflußes mit einer Gebirgsumrahmung verbunden. Bora ist vor Dalmatien, dem Schwarzen Meer, auf Nowaja Zemlja, in Skandinavien, im Golf von Mexiko und von der Kanto Ebene Japans bekannt.

Die dalmatinische Bora

Synoptische Typen der dalmatinischen Bora

Für die dinarische Bora - wie auch für die boragenen Winde Nordamerikas - gilt, dass aufgrund einer Nord-Süd Orientierung der Gebirge (Dinariden, Cascade Ranges, Rocky Mountains), eine signifikante östliche Komponente über den synoptischen Gebirgswinden herrschen muss. Die Westströmung bleibt dabei jedoch über den östlich strömenden Fallwinden. Der abkühlende Effekt wird durch die hohe Windgeschwindigkeit und Böigkeit verstärkt. Über die adiabatische Erwärmungsrate kann die Temperatur zwischen Hoch- und Tieflagen errechnet werden, die eine Vorhersage möglicht macht und bei Kulturen in subtropischen Klimaten notwendig ist.

Man unterscheidet zwischen zyklonaler Bora (bora scura = schwarze Bora) mit Druckabfall über dem Meer, die durch niedrige dunkle Wolken und reduzierte Sichtweite mit Regen und/oder Dunst gezeichnet ist, sowie antizyklonaler (mit Druckanstieg über dem Festland) Bora (bora chiara = weiße Bora), die bei klarem Himmel und guter Sicht auftritt. Über den Dinariden ist eine Föhnnwand nur während der weißen Bora gebildet. Sie dient Seeleuten als untrügerisches Anzeichen den schützenden Hafen anzulaufen. Die antizyklonale Bora ist an der Küste sehr intensiv, erstreckt sich aber nur über eine kurze Distanz auf See hinaus. Die kritische Geländeneigung für das Auftreten von Bora liegt bei 1:100.

Entstehung

Die dalmatinische Bora ist an einen, aus dem Polargebiet wandernden, starken Kaltluftausbruch, als nördliche oder nordöstliche Windströmungen zur adriatischen Küste über die Dinariden gebunden. Am Boden ist der horizontale Gradient der Lufttemperatur in Windrichtung 4-5 °C pro 100  km, wobei die Temperatur des adriatischen Meeres um 4-10 °C höher ist als die Lufttemperatur. Die Bora fließt vor allem über Gebirgspässe kräftig zur Küste. Bekannt sind Einfallstore bei Triest, in der Kvarner Bucht, im Velebit Kanal, in Šibenik, in Makarska und in Risan. Je kälter die anströmende Luft und je geringer die Gebirgshöhe, umso weniger spielt zudem eine adiabatische Erwärmung eine Rolle. Beim niedrigen Küstengebirge reicht die adiabatische Erwärmung daher auch nicht aus um eine größere Temperaturerhöhung hervorzurufen.

Die besondere Stärke der Bora kann durch den Luftdruckgradienten, sowie beim zyklonalen Fall durch die Größe des Tiefs erklärt werden. Ähnlich ist dies bei boragenen Winden in den Cascade Mountains im pazifischen Nordwesten.

Aerologische Situation

Die aerologische Situation der Bora tritt insgesamt mit hoher Frequenz auf. Kennzeichen eines Boraereignisses sind:

Am Anfang der Bora ist ein plötzlicher Temperaturanstieg, mit anschließend deutlichem Abfall festzustellen. Während der Bora ist die relative Humidität bei antizyklonaler Situation sehr niedrig. Die Höhe der Boraströmung ist normalerweise unter 3000 m. Starke Bora dämmt tagsüber Seebrisen, nachts drängt der kalte Landwind warme Seewinde weit vor die Küste ab. Stärkste Windgeschwindigkeit tritt in tiefen Schichten auf.

Maximalwerte wurden in Triest mit 231,5 km/h, Krk 69,0 m/s = 248,4 km/h, Split 48,5 m/s (29.10.1994), Makarska 69,5 m/s = 250,2 km/h (26.01.1996) und Montenegro 42,9 m/s (05.01.1978) gemessen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit der Bora vom 15.11.2004 betrug an der dalmatinischen Küste 33 m/s = 118,8 km/h, Spitzenböen verzeichneten 60 m/s.

Wirkungen der Bora auf Mensch und Natur

[[Bild:Orjen_Bora_neu.jpg|thumb|right|200px| Orkanartige Bora tritt insbesondere im inneren der Bucht von Kotor unterhalb des Orjen auf. Kälteempfindliche Arten fehlen in der Vegetation fast völlig]] Die Bora prägt die völlig kahlen Inseln Norddalmatiens, was fälschlicher Weise meist dem Menschen als Raubbau an der Natur angelastet wurde. Für die Entwaldung wurden Römer und Venezianer verantwortlich gemacht, oder man schob die Schuld auf den Karstcharakter und seine eigentümliche Dynamik. Da oft missinterpretiert, wird hier auf die Interaktion zwischen Landschaftsstruktur und atmosphärischen Geschehen gewiesen. Baumwachstum ist durch die mechanische Schädigung erschwert. Eine naturbedingte Wirkung bei der Versalzung der Böden durch Salzgischt ist ein sekundäre Resultat der Bora. Die Regeneration degradierter Flächen ist unter diesen Bedingungen kaum mehr möglich.

Für die Seefahrt war die Bora schon immer gefährlich. Der Seegang bei Bora ist zwar kurz, aber er erreicht eine beachtliche Höhe, die Wellenkämme werden dann zu Schaum gepeitscht, zerstäubt und in Dunstwolken (fumarea) fortgerissen. Der Seestaub ist mitunter so dicht, daß der Auslug erschwert ist. Die Höhe des Seegangs bei Borastürmen, wie am 14. November 2004 mit Spitzenböen von 60 m/s, nimmt mit der Entfernung von der Ostküste bedeutend zu. Vor den ersten Anzeichen einer Bora bleiben Seeleuten nur etwa 30 Minuten um einen sicheren Ankerplatz anzulaufen.

Die Bora bringt Frost und Schneestürme. Vereinzelt kann es selbst an der Küste zu andauernder Schneedecke kommen, wenn, wie im Inneren der Bucht von Kotor, Winde diesen konservieren. Im Winter 1965 vielen zum Beispiel in Risan 93 cm Schnee und 1983 hielt sich hier eine Schneedecke 43 Tage (bei 19 Schneefalltagen).

Ein ausgeprägter Kontrast, boragen geprägter Küste und mediterraner Region, ist so in der Kvarner Bucht und der Bucht von Kotor, zu beobachten. Kälteresistente Arten finden sich beispielsweise an Borahängen des Orjens, arten- und lianenreiche, subtropische Mischwälder, an geschützteren Hängen.

Literatur

Weblinks

See also: Bora (Wind), Adiabatische Zustandsänderung, Adriatisches Meer, Boreas, Bucht von Kotor, Bö, Dalmatien, Degradation, Dinariden, Fallwind