Christliche Mystik

Die christliche Mystik wird auch Kontemplation genannt. Ihr wesentliches Merkmal ist die Hingabe an Gott in Form von Versenkungen oder Betrachtungen, Gebeten und Gesängen. Dies kann allein oder in Gruppen geschehen, mit Hilfsmitteln wie Rosenkränzen oder Ikonen, wandelnd im Kreuzgang, in Liturgien usw. Die äussere Form bewirkt eine Wendung nach innen, das Ich wird aufgegeben und die Person wird eins mit Gott. Entscheidend ist die persönliche Erfahrung, weniger theoretische Studien oder altruistische Taten. Der Kirchenvater Origenes spricht von der Geburt Gottes in des Menschen Seele.

In der orthodoxen Kirche hat die Mystik eine lange Tradition. In der Mönchsbewegung Hesychasmus (von griechisch "hesychia": Ruhe, Stille) wird die Mystik praktiziert durch das Jesusgebet (auch Herzensgebet genannt) und die Nabelschau. Im Westen waren ebenfalls die Klöster die Zentren der Mystik. Im Mittelalter widmeten sich Nonnen und Mönche verschiedener Orden der Kontemplation und schrieben Texte über ihre Erfahrungen. Obwohl die Reformation mit der Tradition der katholischen Kirche brach, kam es bald auch in den protestantischen Gebieten zu mystischen Bewegungen.

Die christliche Mystik basiert auf dem Neuplatonismus in seiner christlichen Umprägung. Der wichtigste Philosoph, der den spätantiken christlichen Neuplatonismus ins Mittelalter weitergab, war Dionysius Areopagita. In der modernen Theologie findet sich der Gedanken der Mystik in den Überlegungen zum Pantheismus (Gott und Welt sind eins) und zur negativen Theologie. Letztere weist darauf hin, dass Gott nur erfahren und nicht beschrieben werden kann.

Während der Weg zu diesem Zustand und auch dessen Ausdruck sich kulturell am Christentum ausrichtet, ist das Erleben desselben ähnlich den mystischen Zuständen in anderen Religionen: Sufismus (Islam), Zen (Buddhismus), Tantrismus (Hinduismus/Buddhismus) oder Kabbalistik (Judentum). Die moderne Mystik kann auch eine Mixtur von mystischen Elementen aus verschiedenen Religionen sein und wird dadurch von vielen als eine ersehnten Universal-Religion empfunden, gerade weil sie auf persönlichem Erleben beruht und deshalb keine einheitlichen Begriffe und Konzepte liefern kann. Ein Beispiel dafür ist die Lehre vom Enneagramm.

Mystikerinnen und Mystiker

Bekannte katholische Exponenten der christlichen Mystik sind Johannes vom Kreuz, Hildegard von Bingen, Meister Eckhart, Theresa von Ávila, Franz von Sales, Johannes Tauler, Heinrich Seuse und Angelus Silesius. Wichtige protestantische Mystiker sind Valentin Weigel, Sebastian Franck, Jakob Böhme und Johann Valentin Andreae (Rosenkreuzer).

Emanuel Swedenborg formulierte ein eigenes Lehrsystem, welches später zur Gründung der Neuen Kirche (Kirche des neuen Jerusalem) führte.

Moderne christliche Mystiker sind beispielsweise Grete Ganseforth aus dem Emsland, Pierre Teilhard de Chardin, Dag Hammarskjöld, Willigis Jäger, Anselm Grün oder Hugo Makibi Enomiya-Lassalle.

Kennzeichen eines Mystikers ist die Ergebenheit in den Willen Gottes: "Nicht mein, sondern dein Wille geschehe" (Lk 22,42), wodurch im Christentum gleichzeitig die Anerkennung von Christus als Erlöser der Welt deutlich wird.

Mystische Musik

Musik ist ein verbreitetes Medium, um Mystik erfahrbar zu machen. In den gregorianischen Gesängen, der Gregorianik, findet die christliche Mystik des Mittelalters einen Höhepunkt. Inspiriert wurden aber auch zeitgenössische klassische Komponisten, etwa Arvo Pärt oder Olivier Messiaen.


See also: Christliche Mystik, Angelus Silesius, Anselm Grün, Arvo Pärt, Buddhismus, Christentum, Dag Hammarskjöld, Dionysius Areopagita, Emanuel Swedenborg, Enneagramm