DDR-Sprache

Unter DDR-Sprache werden allgemein sprachliche Erscheinungen verstanden, die vor allem in Lexik und Stilistik sowohl im Alltag wie auch in den Medien in der DDR anzutreffen waren.

Inhaltsverzeichnis

Unterscheidung

Es gab eine ganze Reihe Wörter, Kurzworte und Abkürzungen, die nur in der DDR Verwendung fanden. In der DDR neu gebildete Wörter, so genannte Neologismen, die sich vom übrigen deutschen Sprachraum unterschieden und dort keine Anwendung finden, zum Teil auch aus dem Russischen stammten bzw. Übersetzungen aus dem Russischen sind, werden auch aufgeführt. Die folgende Liste, die sich als alphabetische Sammlung versteht, enthält gemischte Begriffe, die noch weiter unterschieden werden können:

  1. Begriffe, die von allen ohne oder fast ohne inneres Widerstreben benutzt wurden, um bestehende Sachverhalte zu bezeichnen, ohne diese auf- oder abzuwerten. Beispiele: ABV, Broiler, HO, Kaufhalle, Wandzeitung, sozialpolitische Maßnahmen, Babyjahr, Ehekredit.
  2. Begriffe, deren Gebrauch Linientreue oder eine kommunikative Zwangssituation kennzeichneten. Beispiele: Abschnittsbevollmächtigter, Genosse, Klassenfeind, Werktätige, unser (sollte das Volkseigentum und die Gemeinsamkeit betonen) "unsere Deutsche Demokratische Republik".
  3. Begriffe, deren Gebrauch Ironie gegenüber dem System deutlich machte. Beispiele: Bonbon, Bückware, Ochsenkopfantenne. Auch Begriffe aus 2. wurden durch entsprechende Überhöhung gelegentlich so benutzt.
  4. Begriffe, die in einem anderen Sinn verwendet wurden als in der Bundesrepublik. Beispiele: Diktatur (ist Herrschaft einer Klasse), Stadtrat (ist Teil der Exekutive, nicht Legislative), Demokratie, militärische Überlegenheit (bestünde darin, dass das Volk die Waffen zur Verteidigung nutze), Freiheit (ist Einsicht in die Notwendigkeit)

Zeitliche, örtliche und situative Unterschiede, in welchem Sinn die Begriffe gebraucht wurden, sind außerdem möglich.

DDR-typische Verwendung von Wörtern und Neuschöpfungen

Siehe auch:' Wörterbuch Neufünfländisch

Redewendungen

Losungen

Losungen zu 1.-Mai- und anderen Demonstrationen wurden vorgegeben. Dazu wurden in der Zeitung offizielle Listen veröffentlicht, aus denen Losungen gewählt werden konnten, z.B.:


Transparente mit solchen Losungen sollen mitunter an unpassenden Orten angebracht worden sein:

In der Wendezeit 1989 aber erfanden Demonstrationsteilnehmer selbst sehr treffende, zum Teil ironische und sarkastische Losungen. Losungen wie "Wir sind das Volk!", und "Keine Gewalt" begleiteten die friedliche Revolution. Andere Losungen waren zum Beispiel "Stasi in die Produktion!" (gemeint war, die sollten arbeiten) und "Wir sind ein Volk!".

Werbung

Die Werbung war, so sagte der Volksmund, immer ausgerichtet auf das, was gerade da war und weg musste. Von 1960 bis 1976 gab es auch Werbefernsehen - Tausend Tele-Tips (ttt). Das Werbefernsehen wurde unterbrochen durch einen kurzen Zeichentrickfilm im "Minikino". Zu den gezeigten Filmen gehörte zum Beispiel Arthur, der Engel oder Hase und Wolf.

Ortsnamen

Auch Ortschaften erhielten oft propagandistische Zusätze oder wurden gleich ganz umbenannt:

Projektionsworte

Von westlichen Medien als angebliche DDR-Idiomatismen verwendet, aber in der DDR nie Sprachgut:

Kabarettistische Schöpfungen

Spaßhafte oder ironische Bezeichnungen

thumb|70px|Rache des Papstes

In Ost-Berlin (wo ohnehin dominierende Gebäude im Volksmund ironisiert wurden und werden):

In Leipzig:

In Dresden:

In Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt): thumb|180px|Der "Nischel" in Chemnitz

Das eher bedrückte Aussehen des "Nischels" kam einem Witz zufolge davon, dass dem Denkmal gegenüber ein Intershop war, in den er aber 'nicht gehen konnte'.

In Jena:

Außerdem: Dresden und Leipzig:

Weiter verbreitet:

Humoristische Deutung von Abkürzungen

Entwicklung nach 1990

Vor und auch nach der Wiedervereinigung der DDR mit der BRD 1990 gab es bis heute einen von der BRD abweichenden dialektunabhängigen Sprachgebrauch, sowohl wegen teilweiser Weiterverwendung der "DDR-Sprache" als auch wegen sprachlicher Neuschöpfungen. Sofern DDR-spezifische Wörter beibehalten wurden, verwendete man diese mit gleicher aber auch mit neuer Bedeutung. Teilweise werden diese Wörter auch von westdeutschen Massenmedien und der westdeutschen Bevölkerung aufgegriffen, auch wenn sie überwiegend von Ostdeutschen gebraucht werden oder zumindest dort entstanden sind. Davon abgesehen werden natürlich tausende neue bisher nur in Westdeutschland verwendete Wörter, Begriffe und Redewendungen seit 1990 gleichzeitig auch in Ostdeutschland verwendet, wie Arbeitsamt, Sozialhilfe, Finanzamt, Steuererklärung, ... Einige davon wie Arbeitslosenhilfe, Abwicklung, ABM, Treuhand, Sozialhilfe werden offenbar aufgrund der größeren sozialen Deklassierung häufiger benutzt. Insgesamt gilt es mindestens 4 sprachliche bzw. linguistische Bereiche zu unterscheiden:

  1. Wortschöpfungen der DDR-Alltagssprache, zu denen abweichende westdeutsche Analogbegriffe existieren (Plaste, Broiler, Datsche, Feierabendheim, Freunde, Altstoffhandel, Konsum etc.)
  2. Markennamen typischer DDR-Produkte und Firmennamen, die im Westen vor der Wende nicht bekannt waren (Spee, Amiga, SKET, Minol, Mitropa, Piko etc.)
  3. Fachterminologie des sozialistischen Staatsapparats, von Wissenschaft, Industrie, Polizei, Militär, Landwirtschaft, Verwaltung, Rechtsprechung, Philosophie, Politik, z.B. in Form von Abkürzungen (VEB, PGH, HO, LPG, EVP, SERO, Delikat etc.) bzw. Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie, Republikflucht, Antifaschistischer Schutzwall, Marxismus/Leninismus, Dialektischer Materialismus etc.
  4. normale deutsche Wörter, die im Westen nicht anders als im Osten gebraucht werden, in den Neuen Ländern aber aus rein praktischen Gründen häufiger zu hören sind (Treuhandanstalt, Abwicklung etc.)

Einige in der DDR häufiger benutzten Begriffe (ABM, Vorruhestand, Sandmann, Finanzamt, Steuererklärung, Zellophan) scheinen mit der Ost-West-Problematik nichts zu tun zu haben. Merke: der Sandmann ist keine Erfindung des DDR-Fernsehens, sondern eine alte Märchengestalt; ABM und Vorruhestand gab es im Westen schon vor 1989, wenn auch deutlich seltener und Zellophan (eigentlich sogar ein Markenname!) lange vor dem Krieg.

Ungeordnete Beispiele für häufiger in Ostdeutschland verwendete Wörter, Witze und Redewendungen oder Wörter mit neuer Bedeutung:

Beispiele aller Art für die Weiterverwendung der "DDR-Sprache" (häufiger als in Westdeutschland):

Siehe auch

Weblinks

See also: DDR-Sprache, 1. Mai, 11. Juli, 1960, 1970er, 1973, 1976, 1978, 1979, 1980er