Demografie

Die Demografie (auch Demographie geschrieben, griechisch δημογραφία, von δήμος, démos – Volk und γραφή, graphé – Schrift, Beschreibung) bzw. Bevölkerungswissenschaft ist eine wissenschaftliche Disziplin, die sich mit dem Leben, Werden und Vergehen menschlicher Bevölkerungen befasst, sowohl mit ihrer Zahl als auch mit ihrer Verteilung im Raum und den Faktoren, insbesondere auch sozialen, die für Veränderungen verantwortlich sind. Die Erforschung der Regelmäßigkeiten und Gesetzmäßigkeiten in Zustand und Entwicklung der Bevölkerung wird mit Hilfe der Statistik erfasst und gemessen.

Inhaltsverzeichnis

Untersuchungsobjekt

Die Demografie untersucht:

Methodik

Ihre Daten bezieht die Bevölkerungswissenschaft aus der laufend fortgeschriebenen Statistik, aus Stichproben und aus Volkszählungen.

Zur Untersuchung demografischer Prozesse (also der Bevölkerungsbewegung) werden neben verschiedenen, statistischen Kennziffern wie Geburtenrate, Fruchtbarkeitsrate, Sterberate, Migrationsrate, Lebenserwartung, etc. auch graphische Darstellungen wie die Alterspyramide verwendet.

Für die vorstatistische Zeit (also vor 1850) werden derartige Daten durch die Auswertung von Kirchen- und Ortsfamilienbüchern und anderen Quellen berechnet.

Demografische Entwicklung

Deutschland

In Zusammenhang mit der politischen Debatte um die Aufrechterhaltung der Sozialversicherungen ist in Deutschland häufig von der demografischen Entwicklung oder dem demografischen Wandel die Rede. Damit ist die prognostizierte Veränderung der Gesellschaft gemeint, die von drei entscheidenden Merkmalen geprägt ist:

  1. Zunehmende Lebenserwartung der Menschen: "Wir leben vier Jahre länger als unsere Eltern, unsere Kinder vier Jahre länger als wir", sagt Axel Börsch-Supan, Direktor des Mannheimer Forschungsinstituts Ökonomie und demographischer Wandel. Dies sei ein einmaliger Alterungsprozess, der in Kombination mit der in Deutschland vorherrschenden niedrigen Geburtenrate eine enorme Herausforderung für unser Sozialsystem, unsere gesamte Infrastruktur und vor allem für unsere Wirtschaft darstellt.
  2. Niedrige Geburtenrate: Mit derzeit im Schnitt 1,4 Geburten pro Frau hält Deutschland in der Disziplin „niedrigste Geburtenrate“ – gleichauf mit Italien und Spanien – einen demografischen Weltrekord. Bereits seit 1972 verzeichnet das Land einen Bevölkerungsrückgang, der sich durch den Geburtenrückgang begründet. So bleiben heutzutage etwa 1/3 aller Männer und Frauen ihr Leben lang ohne Nachwuchs (vgl. Kinderlosigkeit). Die Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen prognostiziert einen langfristen Anstieg der deutschen Geburtenziffer auf 1,85 im Jahre 2050. Dies ist jedoch umstritten.
  3. Außenwanderung: Für die zukünftige Bevölkerungszahl und die Altersstruktur ist der Wanderungssaldo, d.h. die Differenz zwischen Zu- und Fortzügen, von Bedeutung. Der Wanderungssaldo war in den letzten 50 Jahren überwiegend positiv und betrug im Jahresdurchschnitt knapp 200.000 Personen. Davon waren drei Viertel Ausländerinnen und Ausländer. Das Statistische Bundesamt ging (2003) davon aus, dass die Zahl der Zuwanderungen langfristig sinken wird.

Die ersten beiden Merkmale stützen die Befürchtung einer Überalterung der Gesellschaft. In der Vergangenheit hat das positive Wanderungssaldo jedoch für eine Zunahme der Bevölkerung gesorgt. Über die Genauigkeit von Bevölkerungsprognosen gehen die Meinungen auseinander. In der zehnten koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung prognostizierte das Statistische Bundesamt 2003, dass bis zum Jahre 2050 noch zwischen 67 und 81 Millionen Menschen leben werden. Diese Berechnungen basieren jedoch auf der Annahme einer niedrig bleibenden Geburtenziffer von 1,4.

Aktuell leben 82,5 Millionen Menschen in Deutschland. Das entspricht einer Bevölkerungsdichte von 231 Einwohnern je km² (Stand April 2005).

Andererseits: Hätten sich die geburtenstarken Jahrgänge der sechziger Jahre konstant fortgesetzt, so wären in Deutschland zusätzlich etwa 20 Millionen mehr Kinder geboren worden.

Weltweit

Im weltweiten Kontext stellt sich v. a. das Problem der Bevölkerungsexplosion, was in letzter Konsequenz in Überbevölkerung mündet. Durch hohes natürliches Bevölkerungswachstum (also hohe Geburtenraten bei niedrigen Sterberaten) in zahlreichen mittleren und kleineren Ländern (v. a. in Afrika) und durch mittleres bis hohes absolutes Bevölkerungswachstum in Ländern mit breiter Bevölkerungsbasis (v. a. in Asien) wächst die Weltbevölkerung rasant.

Modell des demografischen Übergangs

Siehe Hauptartikel: Demografischer Übergang

thumb|right|350px|5-phasiges Modell des demografischen Übergangs Um die Veränderungen in der Bevölkerungsentwicklung von Staaten bzw. Gesellschaften zu beschreiben, wurde das Modell des demographischen Übergangs (theory of demographic transition) entwickelt. Dieses Modell teilt die Bevölkerungsentwicklung während des Übergangs in fünf Phasen ein:

  1. Prätransformative Phase – hier sind sowohl Sterbe- als auch Geburtenrate sehr hoch, wobei die Geburtenhäufigkeit im Trend etwas höher als die Sterbehäufigkeit ist. Das Bevölkerungswachstum ist daher eher gering
  2. Frühe Transformationsphase – die Sterberate sinkt, während die Geburtenrate unverändert hoch bleibt und erst gegen Ende dieser Phase leicht rückläufig ist. Daher steigt die Wachstumsrate der Bevölkerung. In Europa war diese Phase der Beginn der Industrialisierung
  3. Mittlere Transformationsphase – die Geburtenrate sinkt ebenfalls schnell, allerdings hält die Sterberate einen Vorsprung. Die vorherige und diese Phase sind die Abschnitte schnellen Bevölkerungswachstums. Im Durchschnitt aller Länder gesehen, nähert sich die Weltbevölkerung heute dem Ende dieser Phase
  4. Späte Transformationsphase – die Sterberate ist sehr gering und stabilisiert sich. Die Geburtenrate nähert sich dem niedrigen Niveau der Sterblichkeit an. Das Wachstum der Bevölkerung nimmt weiter ab
  5. Posttransformative Phase – Sterbe- und Geburtenrate stabilisieren sich auf geringem Niveau. Das Bevölkerungswachstum ist gering oder sogar negativ. Im Vergleich zur prätransformativen Phase ist die Lebenserwartung höher und langfristig nimmt der Anteil der älteren Menschen an der Gesellschaft überproportional zu

Kritik an der Demografie

Kritik an der Demografie wurde insbesondere in Bezug auf die Voraussetzung der Berechenbarkeit der Bevölkerung sowie auf ihre politische Funktion geübt:

Der britische Demograph David Eversley, dessen Spezialgebiet Bevölkerungsprognosen sind, hält die Vorstellung von einer exakten Berechenbarkeit für einen „irrigen Glauben“. „So komplex diese Modelle auch sein mögen, die ihnen zugrunde liegenden Thesen sind doch von zweifelhafter Gültigkeit. Entweder handelt es sich um rein mechanische Extrapolationen vergangener Trends oder um Berechnungen, die auf Vermutungen der Verfasser beruhen.“ Bevölkerungsprognosen, so Eversley, hätten normalerweise immer auch einen politischen Zweck verfolgt: „Die Geschichte der Bevölkerungsprognosen ist daher nie frei von Ideologie, und es muß immer gefragt werden, warum wurde die Prognose aufgestellt, was bezweckte der Autor wirklich.“ (Heim/Schaz, S. 12)

Hätte man vor 50 Jahren die heutige Bevölkerungszahl Deutschlands prognostizieren wollen, so wäre es nicht möglich gewesen, entscheidende Einflussfaktoren wie z. B. die Vermarktung der Antibabypille zu antizipieren. Dennoch wird häufig, z. B. im Zusammenhang mit der sogenannten Rentenreform, mit sehr langfristigen und daher wissenschaftlich fragwürdigen Prognosen argumentiert.

Dem Mainstream der Demographen wird auch auch eine unkritische Haltung zur Geschichte ihrer eigenen Disziplin vorgeworfen:

Die Bevölkerungswissenschaftler, die vor der „Überbevölkerung“ warnen, argumentieren jedoch bewusst geschichtslos und das aus gutem Grund: Andernfalls müßten sie nicht nur ihre epochalen Irrtümer und Fehlleistungen reflektieren und von all den Voraussagen reden, die sich, obwohl „wissenschaftlich“ exakt berechnet, nicht bewahrheitet haben, sondern auch über den Beitrag ihrer Disziplin zu den realen Katastrophen des Jahrhunderts: die wissenschaftliche Vorbereitung und Billigung beispielloser Verbrechen. Bis heute haben es die Demographen weitgehend vermieden, eine fachinterne Kritik zu leisten. Während es in anderen Disziplinen eine Heterogenität der Ansätze gibt, Richtungs- und Meinungsstreits offen ausgetragen werden, dominiert in der Bevölkerungswissenschaft dagegen ein Korpsgeist, der sich nicht zuletzt aus der besonderen Regierungsnähe, aus dem intimen und nie kritisch hinterfragten Verhältnis zur jeweiligen Macht erklärt. (Heim/Schaz, S. 12/13)

Zu den demografisch, nämlich mit Hinweis auf die angeblich drohende „Überbevölkerung“ begründeten Zwangsmaßnahmen gehören auch die Zwangssterilisationen, wie sie in Bolivien, Indien und anderen Ländern der dritten Welt angewendet wurden.

Literatur

Populärwissenschaftliche Literatur

Siehe auch

Sozialwissenschaften, Bevölkerungsgeografie, Bevölkerungspolitik, Bevölkerungswachstum, Demoskopie, Soziographie, Ältester Mensch Generationengerechtigkeit

Weblinks

Kritik an den demografischen Prognosen und ihren Folgen


Kategorie:Demografie

See also: Demografie, Afrika, Agenda 2010, Alterspyramide, Antibabypille, Asien, Bevölkerung, Bevölkerungsexplosion, Bevölkerungsgeografie, Bevölkerungsgeschichte