Der Erwählte

Der Erwählte ist ein 1951 erschienener Roman des deutschen Schriftstellers Thomas Mann.

Inhaltsverzeichnis

Hintergrund

Bei dem Roman handelt es sich um eine Neuerzählung des Werkes „Gregorius oder Der gute Sünder“ von Hartmann von Aue aus dem 12. Jahrhundert. Hartmanns in Versform verfasste, mittelhochdeutsche Erzählung bezieht sich wiederum wohl auf die französische Legende „Vie du pape Gregoire“.

Inhalt

Wiligis und Sibylla

Thomas Mann verlegt die Romanhandlung in das fiktiv-mystische Flandern-Artois, in dem das Herzogenpaar Grimald und Baduhenna ein glückliches Leben am Hofe führen. Nur der bislang unerfüllte Kinderwunsch steht Ihrer Erfüllung noch im Wege. Als dieser sich doch erfüllt, muss Grimald dafür den Tod seiner Frau im Kindbett hinnehmen. Die aus dieser Geburt hervorgegangenen Zwillinge Sibylla und Wiligis werden vom Vater in herzöglicher Manier aufgezogen. Besonders seiner Tochter bringt Grimald sehr viel Liebe und Stolz entgegen, da beide Kinder von ausnehmender Schönheit sind.

Der Vater kann sich der Heiratsanträge für seine Tochter aus den Königshäusern der umgebenden Länder kaum erwehren und lehnt diese samt und sonders, teils sehr unwirsch ab. Auf dem Sterbebett legt er besonders diese Aufgabe in die Hände seines Sohnes. Doch die beiden Zwillinge, die in enger Verbundenheit und in einer narzistischen Selbstverliebtheit Ihre Zeit meist nur miteinander verbracht haben, können niemand Fremden als Ihrer Art würdig wahrnehmen. Dieser gegenseitige Narzißmuss führt unvermeidbar zum Inzest der beiden. Sibylla wird von ihrem Bruder schwanger.

Voller Entsetzen und Verzweiflung ob ihrer Tat, wenden sie sich an Ritter Eisengrein, einen Berater ihres Vaters, was zu tun sei. Der Ratspruch lautet zuerst, Sibylla zur Niederkunft auf die Burg des Ritters zu bringen, und Wiligis zur Läuterung seiner Suenden auf den Kreuzzug in das heilige Land zu schicken. Auf dem Weg dorthin, noch vor der Einschiffung in Marseille stirbt Wiligis an seinem gebrochenen und überfordertem Herz. Sibylla bringt einen Sohn zur Welt, der in einem Fass auf einem Boot in den Ärmelkanal ausgesetzt wird. Heimlich legen Eisengreins Frau, die auch Sibyllas Hebamme ist, und Sibylla dem Kind in dem Fass eine stattliche Summe zur Versorgung und eine Tafel bei, in der die Herkunft des Kindes als adelig, aber auch als aus dem Inzest entstanden beschrieben wird.

Gregorius auf der Insel

Auf einer Kanalinsel wird das Kind nun von Fischern gefunden. Der Abt dieser Insel, Gregorius, legt seine schützende Hand über das Kind und arrangiert zuerst seine Aufzucht bei einer Fischerfamilie und kümmert sich später selbst um seine Erziehung. Diese Erziehung auf den Gebieten der alten Schriften, des Rechtswesens und der Christlichen Lehre und seine auffallend hübsche Gestalt lassen den ebenfalls Gregorius getauften Jungen im Jugendalter mit seinem Bruder in Konflikt geraten. Obgleich Gregorius sich nicht mit der Stärke seines Bruders aus der Fischerfamilie messen kann, ist er diesem wegen seiner Hingabe und Geschicklichkeit in allen körperlichen und sportlichen Disziplinen immer ebenbürtig. Gregorius' Bruder will ein Kräftemessen durch einen Streit erzwingen und im Kampf zerschlägt Gregorius diesem die Nase. Als sein Bruder blutend bei ihrer Mutter gepflegt wird, kann diese nicht an sich halten, und gibt zeternd des Gregorius' wahre Herkunft preis.

Die Unterhaltung wird von Gregorius belauscht und stuerzt diesen verständlicherweise in eine Identitaetskrise. Der Abt der Insel muss Ihn nun vollständig über seine Vergangenheit und die Umstände seiner Ankunft auf der Insel aufklären. Nichts kann Gregorius davon abhalten, die Insel zu verlassen um am Festland die Wurzeln seiner Herkunft zu ergründen. Die in seinem Fass in ein Brot eingebackenen Goldstücke wurden von dem Abt schon bald nach seiner Auffindung an einen Juden zur Vermehrung gegeben, so dass mit dem daraus über die Jahre entstandenen Vermögen die Ritterausrüstung des Gregorius angeschafft werden kann. Damit endet der erste Teil und Gregorius kommt nach 17 Jahren auf das Europäische Festland. Dort angekommen, erhält er Kunde vom Minnekrieg, d.h. der Belagerung der Stadt Burges, Sitz der Herzogin Sibylla, seiner Mutter durch Roger.

Erfüllt vom jugendlichen Tatendrang und zur Sühne seiner Schuld, die quasi in seinem schieren Dasein besteht, befreit er die Herzogin von dem Belagerer welcher das Land seit geraumer Zeit verwüstet im unbedingten Drang, die Herzogin zur Frau zu erhalten. Der Rat des Herzogtums legt trotz dieser Befreiung der Herzogin ans Herz, sich zu vermählen, auf dass sich solche Ereignisse nicht wiederholen. Die Herzogin willigt ein und nimmt ihren Sohn, den Befreier zum Mann.

Diese Ehe, aus der wiederum zwei Töchter entspringen, währt wenige Jahre, bis die Herzogin von einer neugierigen und geschwätzigen Magd auf das Geheimnis ihres Gemahls hingewiesen wird: Alleine in seiner Kammer schluchzt der Herzog Gregorius regelmässig über einer Schiefertafel. Ein Jagdausflug des Herrschers wird alsbald genutzt, um der Sache auf den Grund zu gehen. Sibylla fällt es beim Erkennen der Tafel, die aus ihrer eigenen Hand stammt, wie Schatten von den Augen. Erneut wurde die von ihr ersehnte Liebe zum Inzest. Sie verzweifelt und droht zu sterben - man ruft den Herzog, welcher bei seiner Ankunft seine geliebte Frau als seine eigene Mutter wiederfinden muss. Der Schmerz scheint bodenlos, doch Gregorius findet zumindest die Kraft die nächsten Schritte zu ordnen. Sibylla solle abdanken und sich der Pflege der Ärmsten und Kranken widmen, er wolle sich als Eremit einem Leben in Buße hingeben.

Die Buße

Auf seiner Wanderung durch die Wildnis kommt er zu einem Fischerhaus, welches aber zuerst ausser der beißenden Verachtung des Fischers nichts für ihn zu bieten hat. Nur das Mitleid der Fischersfrau ermöglicht ihm zumindest ein Nachtlager im Schuppen. Am kommenden Morgen, wird er vom Fischer mit dem Boot zu einem großen, mächtigen Stein im See gebracht und oben auf diesem mit einem Eisen angekettet. Dort, auf diesem Stein verhindert eine Nahrungsquelle aus dem innersten der Erde sein Verhungern.

Die Quelle nährt ihn jeden Tag erneut, wie die Mutter das Kind an der Brust. Auf diesem Felsen lebt und büßt er nun weitere 17 Jahre, bis er von zwei Römischen Gesandten befreit wird. Während seiner Zeit der Buße kam es in Rom nach dem Tod des letzten Papstes zu einem Aufruhr und Bürgerkrieg verfeindeter Parteien und damit letztlich zum Schisma der Kirche. In dieser scheinbar ausweglosen Situation erscheint diesen zwei einflussreichen bedeutenden Römischen Bürgern, einem Geistlichen und einem Laien in einer Vision ein Opferlamm, welches genaue Angaben über einen Eremit im fernen Norden macht.

In Flandern auf einem Stein sei der Büßer Gregorius zu finden, welcher der kommende Papst wäre. Beide machen sich unverzüglich auf die Reise und finden schließlich Gregorius mit Hilfe des Fischers auf dem Stein. Dieser hatte den Reisenden einen Fisch zum Mahl angeboten, in dem aber der Schlüssel zu Gregorius' Ketten zum Vorschein kam. Dieses Omen, das er damals spöttisch mit den Worten: "Wenn dieser Schlüssel, den ich nun in den See werfe wieder auftaucht, werde ich dich wieder freimachen" vorweggenommen hatte, bewegt ihn, die Römer zu dem Stein überzusetzen. Der Fischer, der davon ausgehen muss, nur die sterblichen Überreste des Gregorius vorzufinden, aber auch die beiden Gesandten werden nun auf eine schwere Probe gestellt, da sie statt dessen nur ein Murmeltier finden, was zu aller erstaunen mit ihnen spricht. Gefragt nach seinem Namen und seiner Herkunft Antwortet das Murmeltier wie prophezeit. Der Kleriker ist überzeugt, der Laie kann nur daruber spotten, man möge doch bitte kein Murmeltier zum Papst machen, die Muslime würden mit dem Lachen nicht mehr aufhören. Doch auf der Bootsfahrt zurück ans Ufer kommt es zur Rückverwandlung des Gregorius in seine immer noch imposante Menschengestalt.

Zurück in Rom wird dieser nun zum Papst gekrönt und führt die Kirche durch seine Energie aber auch sein Charisma in eine neue, glanzvolle Phase. Einige Jahre später entscheidet sich seine Mutter, über dem Dienst an den Bedürftigen gealtert, nach Rom zu pilgern und wird dort auch von dem Papst Gregorius, ihrem Sohn empfangen. Beide geben zuerst nicht zu, einander zu erkennen, fallen sich aber zu guter Letzt in großer Versöhnung in die Arme. In diesem letzten Abschnitt bekennen sie auch, insgeheim bei ihrer Hochzeit die Identitaet des anderen geahnt zu haben.

Deutung

Das zentrale Thema des Romans ist der schicksalhaft-unterbewusste Inzest der Protagonisten. In diesem, oft auch als Christlichem Ödipus bezeichneten Mythos geschieht der Inzest gleich in zwei Generationen. Wiligis und Sibylla verfallen in ihrer Selbstliebe einander und der daraus entstandene Sohn Gregorius heiratet siebzehn Jahre später wiederum seine Mutter. Auch dieser zweite Fall des Inzest ist verwerflich und wahrlich nicht unvermeidlich, da beide, Sohn wie Mutter (wie im letzten Kapitel aufgelöst) die wahre Identität des anderen vermuten.

Der Vergleich mit Ödipus ist sicher berechtigt, gerät Gregorius ja gerade durch die Suche nach seinen Wurzeln wieder an seine Mutter. Doch gerade an dieser Stelle, der Heirat mit seiner eigenen Mutter kommt das weitere große Element des Romans ins Spiel: Die Schuld. Die Schuld in Form der Selbstliebe, des Narzißmus. Durch der gegenseitigen unbändige Faszination werden alle Bedenken und Vorsichten in den Wind geschrieben.

In seinem Spätwerk erzählt uns Thomas Manns die Geschichte indirekt, durch den Abt Clemens den Iren. Durch diesen fiktiven Erzähler fällt es Mann besonders leicht, sich über die Sittenstrenge und Moralvorstellungen dieser Zeit (insbesondere der Katholischen Kirche) aber auch über die freizügigkeit des Adels lustig zu machen. Besonders die Auffindung des zukünftigen Papstes in Gestalt eines Murmeltiers ist an Ironie und Spott schwer zu überbieten. Immer wieder nutzt Mann in diesem Roman die Chance, den Abt Clemens Dinge unter Beteuerungen sagen zu lassen, die dem Kleriker ja völlig unbekannt sein müssten, aber eben der Vollständigkeit halber beschrieben werden müssen.

See also: Der Erwählte, Hartmann von Aue, Narzißmus, Thomas Mann, Epik