Deutsches Volkslied

"Was ist das alte, klassische Volkslied? Es ist das Lied des ganzen, in sich noch geschlossenen Menschen, jenes starken Menschen, der alle Entwicklungsformen und -möglichkeiten noch in sich trug, der nur recht von Herzen zu singen brauchte, um dem ganzen Volke Herzenskünder zu werden. Diese Art Menschen lebt heute noch, draußen in den stillen Landeswinkeln, sie aber neu zu schaffen ist menschenunmöglich, unmöglich, da aller Fortschritt unserer Zeit auf einem Opfer gleichsam des ganzen, vollen Lebens beruht, auf einem trotzigen Sprunge ins Halbleben des Sonderberuflers und Spezialisten." (Hans Breuer, Zupfgeigenhansl, Vorwort zur 10. Auflage 1913)

Inhaltsverzeichnis

Ursprünge

Das alte, klassische, deutsche Volkslied hat seine Quellen im 12. Jahrhundert, in der Zeit der Minnesänger oder "Meistersinger". Parallel zu deren Kunstliedern entstanden volkstümliche Lieder und Moritaten, die ihre Bekanntheit und Verbreitung den Bänkelsängern verdanken.

Reformation

Ab der Zeit der Reformation (spätes 15. Jahrhundert) werden diese Lieder in Liedsammlungen, wie dem "Lochamer Liederbuch" (um 1460) und dem "Glogauer Liederbuch", aufgeschrieben.

Renaissance und Barock

Im 17. Jahrhundert schwindet das Interesse am Volkslied als Auswirkung der renaissancebedingten Trennung in gebildete Schicht und Volk sowie des Aufkommens mehrstimmiger, französischer und italienischer Liedformen (wie Villanellen, Chansons, Madrigale). Dem Zeitgeist folgend ordnet Johann Sebastian Bach in seiner Bauernkantate die Arie den gebildeten Städtern, das Volkslied aber den ungebildeten Bauern zu.

Herder als Pionier der Volksliedpflege

1778/79 veröffentlicht Johann Gottfried Herder (unter Mitwirkung von Johann Wolfgang von Goethe und Gotthold Ephraim Lessing) in der Weygand'schen Buchhandlung zu Leipzig ohne Nennen eines Herausgebers eine erste Sammlung in- und ausländischer Lieder und Dichtungen unter dem Titel "Volkslieder (Herder)". Schon in dieser Sammlung wird romantisierend kein Wert auf Autorenangaben gelegt, sodass die Lieder als "unverfälschte Äußerungen der Volksseele" angesehen werden, obwohl viele Texte von bekannten Autoren stammen.

Herder selbst hat den Begriff „Volkslied“ als Übersetzung des englischen „popular song“ - in scharfer Abgrenzung zur hochgestochenen, zeittypischen Poesie der gebildeten Schichten – für die deutsche Sprache geprägt. Mit dieser neuen Bezeichnung (anstatt Bezeichnungen wie Gassenhauer, Straßenlied etc.) wertet er die literarisch-musikalische Gattung „Volkslied“ und deren Träger, das jeweilige Volk, auf. Im "Volks"lied offenbart sich nach Herder das eigentliche Wesen eines Volkes. In einem kleinen Aufsatz von 1777 („Von der Ähnlichkeit der mittlern englischen und deutschen Dichtkunst“) schildert Herder sein Volkslied-Projekt und legt seine diesbezüglichen Motivationen offen: „Eine kleine Sammlung ... Lieder aus dem Munde jeden Volks, über die vornehmsten Gegenstände und Handlungen ihres Lebens, in eigener Sprache, zugleich gehörig verstanden, erklärt, mit Musik begleitet. ...“ Er erwartet, so mehr zu erfahren „... von Denkart und Sitten der Nation! von Ihrer Wissenschaft und Sprache! Von Spiel und Tanz, Musik und Götterlehre!“ Sachverhalte, „... auf die der Menschenkenner doch immer am begierigsten ist ...“. Er fordert am Ende berufene Personen aller Nationen zu Sammlung und Studium solchen Liedgutes auf in der Gewissheit, „ ... andern Nationen gäben sie hiermit die lebendigste Grammatik, das beste Wörterbuch und Naturgeschichte ihres Volkes in die Hände“.

Durch diesen wahrhaft völkerverbindenden Ansatz direkt oder indirekt inspiriert gewinnt Herder im Laufe seiner Rezeption national wie international ein Heer tatkräftiger Mitstreiter. Sammler und Forscher, Komponisten und Dichter in Deutschland, vor allem auch in Osteuropa nehmen das bis dato vernachlässigte und das wegen seiner mündlichen Tradierung im bäuerlichen Milieu so hoch gefährdete Volkslied unter ihre Fittiche. In den "Neuen Medien" der Zeit - den Konversationslexika und den Notensammlungen für das aufkommende städtische Bildungsbürgertum - wird dem Volkslied allenfalls eine marginale Rolle zugedacht. Intellektuelle Erneuerung, nicht Weiterführung von Tradition heißt die oberste jetzt herrschende Maxime. Wer dann - wie das Volkslied - nicht mehr zitiert, geschweige denn gepflegt wird, der verliert in einer zunehmend medialen Welt seine Existenzberechtigung und schließlich auch die Existenz. Herder hat diesen Zusammenhang weltweit als erster erkannt, benannt und dann mit aller Macht gegen das Verstummen des Volksliedes angekämpft.

Johannes von Müller veröffentlichte 1807 - vier Jahre nach Herders Tod - dessen große internationale Liedersammlung "Stimmen der Völker in Liedern", den von Herder neu geprägten Begriff Volkslied noch bewusst vermeidend. 1808 veröffentlichten Arnim und Brentano die Textsammlung "Des Knaben Wunderhorn". Alle Volksliedsammlungen bis einschließlich Ludwig Uhlands "Alte hoch und niederdeutsche Volkslieder" von 1844/45 repräsentierten notenlose, reine Textaufzeichnungen.

Entstehung

Im Geiste Herders entstanden in enger Zusammenarbeit von Dichtern wie Achim von Arnim, Clemens Brentano, Matthias Claudius, Simon Dach, Heinrich Heine, Wilhelm Müller und Ludwig Uhland auf der einen sowie Musikern und Komponisten wie Johann Friedrich Reichardt, Johann Abraham Peter Schulz, Friedrich Silcher und Karl Friedrich Zelter auf der anderen Seite neue Lieder, die das Volk in einen hoch kreativen Pflege- und Tradierungsprozess aufnahm und sie so selbst zu Volksliedern bestimmte. Für diese Kooperation stehen Lieder wie „Der Mond ist aufgegangen“ (M. Claudius / J.A.P Schulz) oder „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“' (H. Heine / F. Silcher) Pate. Schuberts „Lindenbaum“ (Worte von W. Müller, 1821), ein idealtypisches Kunstlied, wird in dem vereinfachenden Satz Silchers zu dem auch international bekannten Volkslied „Am Brunnen vor dem Tore“.

Diese entstehungsgeschichtlichen Angaben zu drei bekannten deutschen Volksliedern widerlegen aus sich heraus die romantische Auffassung von einer anonym-kollektiven Volksliedproduktion. Stattdessen ist das Volk neben den oft namentlich bekannten Textdichtern und Komponisten der dritte im Bunde in Sachen Volkslied. Es trägt die aktive Tradierung, Kultivierung und Weiterentwicklung des Liedgutes. Lieder werden im Volk „zersungen“, d.h. in Text und Melodie zu mannigfachen, hochinteressanten Varianten fortentwickelt. Diesen Zusammenhang im Bewusstsein stellt Herder bewundernd fest: „Nichts in der Welt hat mehr Sprünge und kühne Würfe als die Lieder des Volkes!“ (Zitat aus: Stimmen der Völker in Liedern). Der Germanist, Volksliedforscher und spätere Gründer des deutschen Volksliedarchives John Meier widerlegt 1906 auch wissenschaftlich diese romantische Theorie der anonym-kollektiven Volksliedproduktion (J. Meier: Kunstlieder im Volksmund, Halle 1906).

19. Jahrhundert

Unter dem Einfluß der ab 1850 anhebenden industriellen Revolution mit ihrem rasanten gesellschaftlichen Wandel versiegte zunächst die Pflege und Tradierung des Volksliedes. Die nun auch notenschriftlich gefassten Volksliedsammlungen von Ludwig Erk und Franz Magnus Böhme "Deutscher Liederhort" (3 Bde., 1893-1894) bis hin zu Louis Pincks "Verklingende Weisen" (4. Bde. 1926-1940, Bd. 5 1963) wiesen vielfach implizit im Titel auf den voranschreitenden Verfalls- und Auflösungsprozess in der Tradierung des Liedgutes hin. Diesen mehr wissenschaftlich orientierten Werken standen mehr der Unterhaltung und Erbauung dienende Sammlungen gegenüber wie "Deutsche Volkslieder mit ihren Originalweisen" (Berlin 1838/1841; 2 Bände) von Anton Wilhelm von Zuccalmaglio und August Kretzschmer. Diese beiden Autoren änderten außerst geschickt dem Geschmack der Zeit folgend Texte und Melodien oder fügten verschiedene Lieder zu neuen Liedeinheiten zusammen (z.B. "Kein schöner Land", Wort und Weise von A.W. Zuccalmaglio nach den alten Volksliedern "Ade, mein Schatz, ich muß nun fort" und "Ich kann und mag nicht fröhlich sein"). Der ungeheure Erfolg ihrer Sammlung läßt schließlich ihren Ansatz gerechtfertigt erscheinen.

Jugendbewegung

Das Volkslied-Repertoire wurde ab dem 19. Jahrhundert angereichert durch Arbeiter- und Studentenlieder sowie durch patriotische Gesänge. 1914 gründete der Germanist und Volkskundler John Meier (1864 - 1953) in Freiburg das "Deutsche Volkslied-Archiv", bis heute die zentrale Sammelstelle für die Pflege und Dokumentation des deutschsprachigen Volksliedes. Um 1900 entdeckte die Wandervogelbewegung das Volkslied neu. Hans Breuer veröffentlichte 1909 mit dem "Zupfgeigenhansl" das Liederbuch der Jugendbewegung. 1914 erschien die 10. und endgültige Auflage dieses Werkes, das bis 1933 in einer Auflage von weit über einer Million Exemplaren gedruckt und verbreitet wurde. Nach dem 1. Weltkrieg brachen die Bemühungen dieser Bewegung zunächst zusammen. Bald darauf aber forcierten Fritz Jöde in Norddeutschland und Walther Hensel in Süddeutschland mit ihren Singbewegungen im Rahmen der Jugend- und der Jugendmusikbewegung neue Grundsätze:

Nationalsozialismus

Diese Singbewegungen wurden 1933 von den neuen Machthabern in Deutschland zu nationalsozialistischen Organisationen gleichgeschaltet wie dem Reichsbund für Volk und Heimat, den Musikschulen für Jugend und Volk, der Hitler-Jugend. Der Nationalsozialismus rückte die Jugendmusikbewegung ins Zwielicht. Führende Persönlichkeiten wie Jöde, Hensel oder der Verleger der bündischen Jugend Günther Wolff (Günther-Wolff-Verlag, Plauen) wurden verfolgt. G. Wolff kam schließlich nach der Liquidierung seines Verlages 1936 im Konzentrationslager um.
Andere Mitglieder sahen die Zeit gekommen, ihre musikalischen Ziele auf breiter Front umzusetzen. Die oben genannten Grundsätze der Jugendmusikbewegung waren in ihrer vagen Artikulation nicht vor Missbrauch und Korrumpierung geschützt. In dieser 12-jährigen politischen Vereinnahmung der Jugendmusikbewegung gründete eine wesentliche Ursache der Voreingenommenheit breiter Schichten gegenüber gemeinsamen Singen im Allgemeinen und gegenüber dem deutschen Volkslied im Speziellen.

Weitergefasste Ansätze seit 1945

Nach dem Zusammenbruch von 1945 war deshalb unter Musikpädagogen zunächst eine klare Bevorzugung ausländischer Volkslieder festzustellen. Man wollte sich nicht ohne weiteres auf das deutsche Volkslied einlassen, das sich in der Vergangenheit als Instrument der Nazi-Ideologie erwiesen hat. Umgekehrt ganz auf das Singen verzichten wollte und konnte man auch nicht. Im Freundes- und Familienkreis wurde weitgehend von der Öffentlichkeit und der Musikwissenschaft unbeachtet das deutsche Volksliedgut aus dem 19. Jahrhundert weiter gepflegt.

Ab den 1960er Jahren manifestierte sich in der Bundesrepublik Deutschland durch die Protestbewegung bestimmt die angloamerikanische Folksongbewegung mit ihren Protestsongs (Bob Dylan, Pete Seeger, Joan Baez und andere), die oft mit neuen, deutschen Strophen und Texten ausgestaltet wurden. Neben ihren Wurzeln in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung (Civil rights movement) baute diese Bewegung auch auf den Fundamenten der deutschen Jugendmusikbewegung auf. Franz Josef Degenhardt und Peter Rohland waren deutsche Vertreter dieser Richtung. Rohland gehörte zu den ersten deutschen Folksängern, die auch deutsche Lieder aufführen, ein Umstand der unter vielen Jugendlichen damals absolut verpönt war. Rohland präsentierte demokratische Lieder aus der in der DDR von Wolfgang Steinitz veröffentlichten zweibändigen Sammlung "Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten", der "Bibel" der Folk- und Liedermacherszene in den 1970er Jahren.

Exkurs: Das "Bürgerlied"

Das Bürgerlied aus dieser Sammlung Ob wir rote, gelbe Kragen findet sich heute fast in jeder neueren Volksliedsammlung. An diesem Lied sei einmal der „Lebenslauf“ eines Volksliedes gewagt: Der Text entstand im Elbinger Bügerverein im Mai 1845, also im Vorfeld der Märzrevolution von 1848. Der eigentliche Verfasser ist nicht bekannt. Es wird gesungen zur Melodie des Volksliedes und der Ballade Prinz Eugen, der edle Ritter. Prinz Eugen von Savoyen (1663 – 1736) befreite als Oberbefehlshaber der Armee Kaiser Leopold I. Belgrad von den Türken. Die Ballade wurde wohl unmittelbar nach dem Sieg von einem Soldaten der kaiserlichen Armee gedichtet und zu einer älteren Melodie von 1683 Als Chursachsen das vernommen gesungen. Das Bürgerlied selbst geriet in der Restaurationsphase nach der 1848er-Revolution in Vergessenheit bis W. Steinitz es wieder veröffentlichte. Sowohl das Bürgerlied als auch die Ballade Prinz Eugen der edle Ritter zeigen, dass auch die Geschichte des Volksliedes vielfach eine Geschichte der Sieger ist. Prinz Eugen hat seine Schlacht gewonnen, die deutschen Demokraten von 1848 die ihre noch nicht. Auf diese Weise sind viele kritische Volkslieder im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen. Die jeweils führenden Gesellschaftsschichten – sei es nun der Adel, die Kirche, das Bürgertum oder eine Partei – bestimmten, was ihren politischen und ästhetischen Vorstellungen gemäß veröffentlicht werden durfte. Dieser Zensur zum Trotz wurden viele kritische Lieder über die Jahrhunderte hinweg von Mund zu Mund überliefert. Hier zeigt sich die Robustheit und die Wandlungsfähigkeit des Volksliedes, die schon Herder so sehr bewundert hat.

Die Folksongbewegung und die Aneignung europäischer Volkslieder haben die Volksliedkultur in Deutschland auf ein wesentlich breiteres Fundament gestellt. So erarbeitet bis heute die von Josef Gregor 1949 in Essen gegründete Klingende Brücke in ihren internationalen Liedsingstudios Melodie, Text (in der Originalsprache) und den jeweiligen kulturellen Hintergrund von Volksliedern aller europäischen (einschließlich der deutschen) Sprachen. Singend wurde die große, durch den 2. Weltkrieg entstandene Kluft zwischen Deutschland und seinen Nachbarn im Sinne von Herders völkerverständigendem Ansatz durch gegenseitiges Kennen- und Schätzenlernen abgebaut. Neue Klingende Brücken gegenseitigen Vertrauens und Verständisses werden fortdauernd gebaut und gepflegt. Der Wunsch der Jugendmusikbewegung, Deutschland solle wieder ein singendes Land werden, ist zwar in der vollen Breite an den Massenmedien Rundfunk, Tonträgern und Fernsehen gescheitert. Dennoch besteht kein Grund zur Totenklage. Die Volksliedbewegung vermochte über die Jahre hinweg Tausende Leute in Chören und Singgruppen zu binden. "Das Singen in seiner ursprünglichen Form, das Singen von Volksliedern, scheint ein Potential des freien Menschen zu sein. Man kann es ihm weder aufzwingen, noch kann man es ihm aberziehen. Er lernt es wie das Essen und lebt mit ihm wie mit seinem täglichen Brot." (Formulierung nach Ernst Klusen: Volkslied).

Weiterführende Hinweise

Siehe auch

Volkslied, Gassenhauer, Volkstümlicher Schlager, alpenländisches Volkslied,

Beispiele

Literatur zum Volkslied

Liedsammlungen

Weblinks

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See also: Deutsches Volkslied, 12. Jahrhundert, 15. Jahrhundert, 17. Jahrhundert, 1845, 19. Jahrhundert, Anton Wilhelm von Zuccalmaglio, Arbeiterlied, Arnim, Bildungsbürgertum