Dialektik

Die Dialektik (griechisch διαλεκτική (τέχνη), dialektiké (téchne) gleichbedeutend zu lateinisch (ars) dialectica: "(Kunst der) Gesprächsführung") - eigentlich: "Kunst der Unterredung" - ist eine Methode der Philosophie und der Rhetorik, bei der kontroverse Themen diskutiert werden.

Inhaltsverzeichnis

Frühe, vorterminologische Entwicklungsformen der Dialektik

Eine spontane, naturwüchsig-naive Dialektik findet sich in unterschiedlicher Ausprägung in den Weltanschauungen fast aller Kulturvölker. Im frühen Buddhismus, der die Welt als ein ununterbrochenes Werden auffasst, tritt diese elementare dialektische Anschauungsweise ebenso auf wie in der alten chinesischen Philosophie, insbesondere im Taoismus. Ihren Höhepunkt und ihre entwickeltste Gestalt erhielt diese Form der Dialektik in der antiken griechischen Philosophie. Den ionischen Naturphilosophen (u.a. Thales, Anaximenes, Anaximander) galt die Welt als einheitliches Ganzes, in dem beständiges Werden herrscht.

Am ausgeprägtesten bringt Heraklit diese Dialektik zum Ausdruck. Die Welt ist ihm ein ewiger gesetzmäßiger Prozess:

"Diese Weltordnung, dieselbige für alle Wesen, schuf weder einer der Götter noch der Menschen, sondern sie war immerdar und ist und wird sein ein ewig lebendiges Feuer, erglimmend nach Maßen und verlöschend nach Maßen". (in: H. Diels, Die Fragmente der Vorsokratiker, 1903)

Als entschiedene Verfechter einer metaphysischen antidialektischen Anschauung traten die Eleaten, insbesondere Zenon von Elea, gegen Heraklit auf. Sie hielten die Welt für das eine, ewige, unbewegliche Sein, in dem es kein Werden und Vergehen, keine Vielfältigkeit gebe. Was die Sinne dem Menschen an Bewegung und Vielheit zeigen, sei trügerischer Schein.

Dialektik als Methode der Gesprächsführung

Platon

Zum ersten Mal findet sich der Terminus "Dialektik" bei Platon. Die eindeutige Klärung des Begriffs stellt sich bis heute als schwierig dar, da bereits in Platons Dialogen mindestens drei verschiedene Dialektikbegriffe kursieren. In seiner frühen Philosophie bezeichnet er damit lediglich eine bestimmte Form der Gesprächsführung, bekannt als sokratischer Dialog. Später unterscheidet er drei Verfahren; im einzelnen sind dies der Elenchos, das Hypothesis-Verfahren und das Dihairesis-Verfahren.

Für alle Verfahren gilt, dass ein dialektisches Gespräch aus zwei Gesprächspartnern besteht. Der Fragende (Opponent) stellt eine Frage, die der Antwortende (Proponent) nur mit Ja oder Nein beantworten soll bzw. darf (z.B.: ist die Seele unsterblich oder nicht?). Die Zuteilung der Rollen ist dabei zwingend. Ausgangspunkt ist die Definition des Proponenten. Der Opponent stellt nun auf Grundlage dieser Definition solange Fragen, bis sich der Proponent in argumentationslogische Widersprüche verwickelt und seine These aufgeben muß, oder bis die These durch langes Prüfen so erhärtet und unerschüttert ist, daß sie als wahr angesehen werden kann. Klassiches Beispiel für diese Art von Gespräch sind alle platonischen Dialoge. Dort ist Sokrates immer der Opponent, der eine ungeprüfte Meinung seines Proponenten (dessen Namen meistens der Dialog als Titel trägt) auf den Kopf stellt bzw. widerlegt. Oft enden diese Gespräche in einer Aporie (griechisch aporia - Ausweglosigkeit), d.h. nach dem dialektischen Gespräch ist nur bewiesen, dass die alte These zu verwerfen ist, aber eine neue ist dadurch (noch) nicht gefunden.

Später entwickelt Platon Dialektik zu einer Methode, mit der in der Philosophie Wissen über die Ideen zu erlangen sei.

Aristoteles

Aristoteles arbeitet in seiner Topik eine methodische Anleitung der Argumentation aus, die er "Dialektik" nennt. Zu Beginn der Topik schreibt er:

"Die Abhandlung beabsichtigt, ein Verfahren zu finden, aufgrund dessen wir in der Lage sein werden, über jedes vorgelegte Problem aus anerkannten Meinungen zu deduzieren, und, wenn wir selbst ein Argument vertreten, nicht Widersprüchliches zu sagen." (zitiert nach Rapp/Wagner 2004)

Nach Aristoteles ist demnach Dialektik ein Instrument, jede mögliche These auf ihre Tragfähigkeit zu überprüfen. Wahrscheinlich bezieht sich Aristoteles auf den Dialektikbegriff Platons. Von den meisten Forschern wird er als Schüler Platons bezeichnet, den er wohl an der Akademie erlebt hatte. Wie bei Platon ist der Ausgangspunkt seines Denkens ein Gespräch zwischen einem Fragenden und einem Antwortenden, der die These verteidigt.

Konzept der Dialektik im deutschen Idealismus und später

Hier bezeichnet Dialektik eine Denkweise, die auf der Einsicht in die objektive Einheit von Gegensätzen und in qualitative Veränderungen des Geschehens beruht; in ihrer materialistischen Ausprägung eine Auffassung der Theorie von den allgemeinsten Bewegungs- und Entwicklungszusammenhängen in der Natur, der Gesellschaft und in den Formen des Denkens und Handelns. Diese Widersprüche sollen aufgelöst werden und dadurch eine Erkenntnis entstehen (Synthese), wobei Fichtes Terminologie - These, Antithese und Synthese - von Hegel nicht benutzt, sondern kritisiert wird (siehe Triade). Es besteht also eine enge Verwandtschaft mit der Logik. Dialektik wird oft als Teil der Logik oder informale Logik bezeichnet oder gar mit Logik gleichgesetzt.

Kant behauptete, die Dialektik sei die Beschäftigung mit Dingen außerhalb des möglichen Erfahrungsbereiches ("Logik des Scheins") und führe daher unausweichlich zu unauflösbaren Widersprüchen (den kantischen Antinomien). Das Verständnis der Dialektik wurde weiterentwickelt bei Karl Klemens Serol, Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling, um schließlich seinen absoluten Höhepunkt in der Logik Hegels zu erreichen.

Zum Ansatz der Dialektik bei Hegel

Der metaphysischen Denkweise stellt Hegel die Dialektik gegenüber, welche nach Hegel nicht nur eine Methode, eine Theorie des Erkennens, sondern auch eine Ontologie, d.h. ein metaphysisches System ist. Die Dialektik wird deshalb als autonomer logischer Prozess charakterisiert, als Selbstentwicklung des Begriffs, deren Grundlage die logische Struktur der Wirklichkeit selbst bildet.

Ein spekulatives metaphysisches System ist auch ein System logischer Schlussfolgerungen, da sie unabhängig von der Erfahrung sind, über deren Grenzen hinausgehen und das Transzendente als dem Denken Immanentes erfassen, welches das Wesen von allem, darunter auch das menschliche Wesen, ist. Die Dialektik ist nach Hegel auch die echte metaphysische Methode, die es erlaubt, sich über die unausbleibliche Begrenztheit des empirischen Wissens auf jedes beliebige Entwicklungsniveau zu erheben.

Zum System der Hegelschen Dialektik

In Hegels Philosophie ist es der Geist, der sich in einem dialektischen Prozess von Stufe zu Stufe entwickelt, immer neue Gestaltungen hervorbringt und sich zugleich selbst erkennt. Dieser Geist, dessen Entwicklung in Form von Begriffen Hegel darstellt, ist nichts anderes als der vom Subjekt getrennte, verselbständigte und zum Weltprozess verabsolutierte Denkprozess. Aber in dieser objektiv-idealistischen Form hat Hegel mit enzyklopädischer Gelehrsamkeit das Wissen seiner Zeit verarbeitet, um überall in Natur, Geschichte und Denken die inneren Zusammenhänge, die Entwicklung, die Widersprüche nachzuweisen. So hat seine idealistische Dialektik einen sehr realen Inhalt, denn in der mystifizierten Entwicklung des Denkprozesses ist die wirkliche Entwicklung der materiellen Welt in ihrer dialektischen Gesetzmäßigkeit teils bewußt erfaßt, teils genial erahnt.

Hegel hat damit als erster in der Geschichte des philosophischen Denkens die allgemeinen Gesetze der Dialektik formuliert, indem er die Bewegung und Entwicklung als Übergang quantitativer Veränderungen in neue qualitative Zustände, als Entstehung und Überwindung von Widersprüchen und als Negation der Negation faßte. Im Widerspruch der Gegenstände zueinander und in ihrer Wechselwirkung erkannte er die Quelle und Triebkraft aller Entwicklung, denn der Widerspruch "ist die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit; nur insofern etwas in sich selbst einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und Tätigkeit"(in: Logik II 1,2).

Zur Denkmethode im System der Hegelschen Dialektik

Hegel arbeitete seine dialektische Denkmethode in einer ständigen, tiefgreifenden kritischen Auseinandersetzung mit der metaphysischen Denkweise aus, die mit isolierten, erstarrten Begriffen und einseitigen Bestimmungen operierte, ohne die Bewegung der Begriffe, ihre wechselseitigen Übergänge und die Relativität jeder Bestimmung zu sehen. Aber die Dialektik ist für Hegel keine "äußere Kunst" und kein "subjektives Schaukelspiel von hin- und herübergehendem Raisonnement[Urteil, Vernunftschluss]", sondern sie ist "vielmehr die eigene, wahrhafte Natur der Verstandesbestimmungen, der Dinge und des Endlichen überhaupt". "Das Dialektische macht daher die bewegende Seele des wissenschaftlichen Fortgehens aus und ist das Prinzip, wodurch allein immanenter Zusammenhang und Notwendigkeit in den Inhalt der Wissenschaft kommt, so wie in ihm überhaupt die wahrhafte, nichtäußerliche Erhebung über das Endliche liegt"(in: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundriß, § 81).

Die Dialektik ist bei Hegel objektiv bestimmt, "denn die Methode ist das Bewußtsein über die Form der inneren Selbstbewegung ihres Inhalts"(in: Logik, Einleitung). Die dialektische Methode ist "der sich selbst wissende, sich als das Absolute, sowohl Subjektive als auch Objektive, zum Gegenstand habende Begriff", sie ist "Bewegung des Begriffs selbst", und daher ist sie die allgemeine, schlechthin unendliche Kraft, welcher sich kein Objekt entziehen kann. "Sie ist darum die höchste Kraft oder vielmehr die einzige und absolute Kraft der Vernunft nicht nur, sondern auch ihr höchster und einziger Trieb, durch sich selbst in allem sich selbst zu finden und zu erkennen". (In: Logik II, 3,3). Hegel hat auch die wichtigsten Kategorien der Dialektik untersucht. Seine Bestimmungen über solche dialektische Kategorien wie Notwendigkeit und Zufall, Kausalität und Wechselwirkung, Möglichkeit und Wirklichkeit, Wesen und Erscheinung, Gesetz, Freiheit und Notwendigkeit, Kontinuität und Diskontinuität und andere.

Zum Paradigma im System der Hegelschen Dialektik

Hegel bevorzugte als Paradigma der Dialektik den Prozess der geistigen Selbstfindung beim Menschen. Das Bewusstsein eines Kindes ist noch unbestimmt und unerfüllt, offen für alles Einströmende. Insofern ist es - auf leere Weise - umfassend und allgemein als ein abstraktes Ich aufzufassen. Der Jugendliche wendet sich offen der Welt zu, lässt sie auf sich wirken, geht Beziehungen mit dem Anderen, dem Fremden ein. Und genau so findet er sich selber. Das Sich-Öffnen, das Aus-sich-Herausgehen ist tiefer gesehen ein In-sich-Einkehren lassen. Das Fremde wird angeeignet, im Anderen erkennt sich das Selbst: Sein "Abstoßen von sich" ist das "Ankommen bei sich selbst". Vielerlei Besonderes bestimmt und erfüllt nun die zuerst vage und leere Allgemeinheit des Ich. Der derart "gebildete" Mensch ist welthaltig: nicht mehr abstrakt, sondern kon-kret (d. h. ist zusammengewachsen mit der vielgestaltigen Wirklichkeit).

Somit hat der Mensch sich durch 1001 Vermittlungen zu neuer, höherer Ganzheit entwickelt. In dieser mystifizierten Beschreibung sind die drei Stufen der Dialektik zu erkennen, die oft (aber nicht zutreffend: siehe Triade) als These, Antithese und Synthese kennzeichnet:

  1. die unbestimmte Unmittelbarkeit oder das leere, abstrakte Allgemeine, das "Ansich",
  2. das Herausgehen, die Entäußerung aus dem Anfangszustand, als Vermittlung ins Besondere, das "Fürsich",
  3. durch die Negation dieser Negation die neue Position, die höhere, vermittelte Unmittelbarkeit oder das konkrete Allgemeine, das "An-und-für-sich".

Anders als in der klassischen Terminologie der formalen Logik ist die Negation der Negation bei Hegel allerdings nicht gleichzusetzen mit der ursprünglichen Position. Sie ist vielmehr in dreifacher Hinsicht in dieser "aufgehoben": Im Sinne von "elevare", "conservare" und "negare".
Die Kraft, die den sich selbst bewegenden Werdeprozess der Dialektik in Gang setzt und hält, entsteht im Prozess des Widerspruchs als Negation, die das Verneinen seines Zustands an sich selbst vollstreckt: die jeweilige Entwicklungsstufe in ihrem Bestreben zur höherer Vollendung holt - in einer scheinbaren Spiralentwicklung - die verwandelte Ausgangsstufe in sich wieder ein. Darin vollzieht sich das Hegelsche " Aufheben" im dreifachen Wortsinn: Abschaffen (oder Auflösen), Aufbewahren und Emporheben.

Zum Moment des Übergangs von der Hegelschen zur materialistischen Dialektik

Die deutsche Philosophie setzte das Bedürfnis nach Philosophie mit dem Bedürfnis nach einem philosophischen System gleich. Dies ist aber im Idealismus begründet, denn für Hegel ist Philosophie nicht Widerspiegelung der unendlichen materiellen Totalität. Die Philosophie hat hier vielmehr den aktiven Anteil an der Selbstverwirklichung der Totalität. In der Philosophie gestaltet sich das Absolute zur Totalität und schaut in einem Ganzen der Wissenschaft, in einem System der Philosophie an. Die von Hegel entwickelte Vorstellung von der Welt als einem in sich selbst tragenen und vollendeten Ganzen, das keinen Grund außer sich selbst hat, war ein großer Fortschritt in der Geschichte des Denkens. Jedoch ihre Übertragung auf die Philosophie, im Sinne der Möglichkeit der vollendeten begrifflichen Widerspiegelung dieses Ganzen (d.h. in einem philosophischen System), erwies sich als unfruchtbar und in der Folgezeit als hemmend. Friedrich Engels kritisierte eine solche Systemvorstellung: "Ein allumfassendes, ein für allemal abschließendes System der Erkenntnis der Natur und Geschichte steht im Widerspruch mit den Grundgesetzen des dialektischen Denkens; was indes keineswegs ausschließt, sondern im Gegenteil einschließt, daß die systematische Erkenntnis der gesamten äußeren Welt von Geschlecht zu Geschlecht Riesenschritte machen kann"(in: Herr Eugen Dührungs Umwälzung der Wissenschaft).

Kritik an der Dialektik Hegels

Feuerbach führte in seiner Kritik des Hegelschen Idealismus aus, daß das systematische Darstellen im wesentlichen nur das sich darstellende Denken, das seine Ergebnisse reproduzierende Denken ist. Er meinte, das darstellende Denken und das systematische Denken seien nicht das eigentliche, das "wesentliche" Denken. Ähnlich kritisiert auch Kierkegaard die Dialektik Hegels, indem er deren Ergebnisse als für den einzelnen Menschen unerheblich darstellt, da dem Allgemeinen kein Sein zukommen kann. Hegel abstrahiert nach Kierkegaard in die Idealität und verliert dabei denkend den Boden unter den Füßen, während für Kierkegaard das Denken der Wirklichkeit darin bestehen muss, diese auch existenziell in der eigenen Existenz zu verwirklichen.

Zum Ziel und Wesen der dialektischen Erkenntnis

Das Ziel und das Wesen der dialektischen Erkenntnis der materiellen Welt ist die geistige Entfaltung, besser: die Entwicklung der Totalität der Momente der Wirklichkeit. Das aber schließt ein, daß nicht nur das Resultat das wirkliche Ganze ist, sondern vielmehr das Resultat zusammen mit seinem Werden; der Weg des forschenden Denkens gehört dazu. Mit Recht bezeichnet Hegel das bloße Resultat als den Leichnam, der die Tendenz hinter sich gelassen hat. Ziel und Wesen der dialektischen Erkenntnis ist der Weg oder der Prozess der Entfaltung der Momente der Wirklichkeit. In einer Kurzformel zusammengefaßt: die Momente der Kategorien des Logischen und Historischen. Jede einzelne Kategorie offenbart deshalb allein das Moment des Ganzen und seiner Entwicklung, ihren vollständigen Inhalt und ihre Bedeutung. Die Totalität der Kategorien birgt einen Reichtum von Stufen und Momenten in sich, deren relative Einseitigkeit und Beschränkheit in der lebendigen Totalität des Ganzen überwunden wird. Denn erst in ihr kritisieren, ergänzen und berichtigen die einzelnen Kategorien einander und überwinden die Einseitigkeit des Beschränkten.

Zur Überwindung der Hegelschen Illusion

Das systematisch darstellende Denken legt die Resultate seiner Widerspiegelungstätigkeit, der begrifflichen Widerspiegelung, vor. Es kann im Verlauf der Darstellung des Erkenntnisinhalts darauf verfallen, diese Darstellung mit der objektiven Bewegung des Widergespiegelten zu verwechseln, d.h. die materielle Wirklichkeit mit dem Bewußtsein zu identifizieren. Der Prozess der Darstellung wird mit der materiellen Bewegung verwechselt, weil der Anfang der Erkenntnis in der objektiven Realität vergessen worden ist. In der Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie zeigte Karl Marx den inneren Mechanismus, der zur Entstehung der Hegelschen Illusion führte, das Materielle, das Konkrete, die Totalität sei das Resultat des in sich zusammenfassenden Denkens. Dabei kann dem Bewußtsein die Bewegung der Kategorien als die wirkliche Produktionsart der materiellen Totalität erscheinen, weil "die konkrete Totalität als Gedankentotalität ... in fact als ein Produkt des Denkens, des Begreifens ist". Auf diese Weise erscheint die Totalität der Welt dem System des Philosophendenkens zu entsprechen, das sie mit Hilfe der dialektischen Vernunft spekulativ konstruiert.

Zur Aufgabenstellung der Bestimmungen zur Dialektik

An die Stelle der Systemkonstruktion muss die viel inhaltvollere Untersuchung des Verwandlungsprozesses selbst, des großen Grundprozesses, in dessen Erkenntnis die ganze Erkenntnis der Natur sich zusammenfaßt, treten. Engels wies wiederholt darauf hin, daß man zwar richtig den allgemeinen Charakter des Gesamtbildes der Erscheinungen erfassen kann, wie es sich in der griechischen materialistischen Philosophie zeigte, daß man aber auch die Einzelheiten erklären muss, aus denen sich das Gesamtbild zusammensetzt, "und solange wir dies nicht können, sind wir auch über das Gesamtbild nicht klar"(in: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft). Je tiefer die Wissenschaft in das Wesen der Bewegung der materiellen Wirklichkeit eindringt, desto mehr drängt sich ihr vom Einzelnen, vom Konkreten herauf, daß die Gesamtheit der Naturvorgänge in einem systematischen Zusammenhang steht, und sie wird dahin getrieben, diesen systematischen Zusammenhang überall im einzelnen wie im ganzen nachzuweisen(ebenda).

Zur Vermeidung der Einseitigkeit im Verharren einer Kategorie

Damit zeigte sich die Aufgabe der Anwendung der Dialektik darin, den gesamten Reichtum der Bestimmungen der Dialektik bei der Analyse konkreter Prozesse zu entfalten. Somit ist die Notwendigkeit gefordert, die Gleichzeitigkeit nahezu aller Bestimmungen der Dialektik bei der Analyse der Bewegung der materiellen Verhältnisse zu untersuchen. Ein Fehler ist, in der Einseitigkeit einer Kategorie zu verharren, weil die objektive Dialektik sich allseitig und in der Bewegung der Totalität durchsetzt und nicht nur in einer Form des Zusammenhangs, wie etwa der Kategorie des Gesetzes oder der Kausalität. Es gilt, die Totalität des Wissens und das Instrumentarium der dialektischen Methoden gleichzeitig anzuwenden. Das Verharren in der Einseitigkeit kann sich leicht einstellen, wenn allein im Seriellen, d.h. in der Folge des Nacheinaderausführens, der einzelnen Kategorien das Wesen einer gegebenen Erscheinung analysiert wird. Es kann jedoch keine schematische Anleitung im Vorgehen bei der Analyse geben, denn im Prozess der Anwendung der Abstraktionen höchster, also der philosophischen Stufe auf die Analyse des Konkreten, Mannigfaltigen zeigen diese selbst niemals eine im einzelnen vorhersehbare Wandlung, weil sie nunmehr explizite den Reichtum des Besonderen und damit die innere Dialektik selbst zur Darstellung bringen. Das Einzelne kann mit dem Allgemeinen partiell nicht übereinstimmen, denn auf der Ebene des Besonderen verwirklichen sich die Zusammenhänge konkreter und widersprüchlicher, als dies die höchste Abstraktion einzubinden vermag. Darin ist die Begründung zu suchen, daß es nicht möglich ist, philosophische Kategorien unvermittelt und vereinzelt auf konkrete Prozesse anzuwenden.

Dialektik im Marxismus

Karl Marx und Friedrich Engels hatten den Anspruch, auf der hegelschen Dialektik aufzubauen. Sie wollten Hegel dabei 'vom Kopf auf die Füße stellen' und die hegelsche idealistische Dialektik in eine materialistische Dialektik wandeln, bei der sie sich auch auf den (undialektischen) Materialismus Ludwig Feuerbachs bezogen. Dabei gingen sie von einem dialektischen Verhältnis von einerseits Natur und andererseits dem Menschen als Teil der Natur als eines praktisch wirkenden Verhältnisses aus. Natur wird von Marx als real anerkannt, sie sei aber für den Menschen nichts, solange er sie nicht bearbeiten könne. Die dialektisch zu interpretierende menschliche Geschichte beginnt entsprechend erst mit der Evolution des Menschen aus dem Tier (toolmaking animal). Indem der - von der Umwelt/ Natur geprägte - Mensch seine Umwelt durch Produktion seiner Lebensmittel verändert, sie sich langsam immer stärker aneignet, verändert er dabei sich selbst und emanzipiert sich von der Natur und selbst gesetzten Zwängen politischer Herrschaft (siehe Historischer Materialismus).

Marx spricht in seiner Arbeit von Dialektik nur solange es Menschen gibt. Engels versucht in seinen Spätschriften, sie auch auf die Natur anzuwenden, um den sich damals stark differenzierenden Naturwissenschaften "theoretisch über den Berg" zu helfen. Diese Ansätze waren Marx bekannt, der im "Kapital" an einer Stelle bestätigt, Dialektik ließe sich auch auf die Naturwissenschaft anwenden. Natur ist laut Marx und Engels nicht teleologisch und nicht von Gott geschaffen, weshalb sie in Darwins Evolutionstheorie (1859) für die Natur eine faktische Bestätigung ihrer Anschauung über gesellschaftliche Entwicklung sahen, die aber nicht - wie im Sozialdarwinismus versucht - auf die Gesellschaft übertragbar sei. Von Gesetzmäßigkeiten ökonomischer Entwicklung sprachen sie als "Tendenzen". Wenn es auch eine Tendenz vom Einfachen zum Komplexeren gäbe, sei immer auch der Mißerfolg möglich: Sozialismus oder Barbarei, formulierte Marx dazu. (siehe auch: Dialektik bei Marx - Engels)

Besonders Josef Stalins Verbindung von Historischem und Dialektischem Materialismus (siehe Über Dialektischen und Historischen Materialismus), die die hegelsche Logik auf die Form der berühmten drei marxistischen dialektischen Grundgesetze erweitert:

Neben diesen drei aufgeführten Grundgesetzen werden in der marxistischen Dialektik noch die Gesetzmäßigkeiten des dialektischen Zusammenhangs betrachtet. Das sind z.B. die Kategorien bzw. Kategorienpaare.

Dialektik kann mit Bertolt Brecht auch als Kunst verstanden werden, mit Antinomien (=Widersprüchen) umzugehen, und zwar besser als der politische Gegner, der, wie man selber, sich in ihnen bewegen muss.

Kategorien und Kategorienpaare

Manchmal werden diese Gesetzmäßigkeiten auch als dialektische Wechselwirkungen bezeichnet.

Eine besondere Entwicklung hat die marxistische Dialektik in der Volksrepublik China (siehe Mao Zedongs Widerspruchstheorie) genommen.

Die drei Grundgesetze sind die Zusammenfassung der hegelschen Dialektik oder das, was an ihr "rational" ist. Wer etwas zu Hegels Dialektik wissen will, möge Hegels Logik lesen, in der kleinen Logik (1. Band der Enzyklopädie, erhältlich z.B. als stw 608 bei Suhrkamp) oder in der großen Logik (Wissenschaft der Logik, 2 Bände, stw 605-606). Einen ersten Einstieg bieten in der kleinen Logik die Paragraphen 79-82.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Zur hegelschen Dialektik:

See also: Dialektik, Absolutes, Abstraktes, Akademie (Platon), Allgemeines, Anaximander, Anaximenes, Antinomie, Aporie, Argumentationstheorie