Die Kunst des Liebens
Die Kunst des Liebens ist ein populäres gesellschaftskritisches Werk des Sozialpsychologen Erich Fromm von 1956.
Dem Werk liegt Fromms Sichtweise zugrunde, nach der Liebe Wissen und aktives Bemühen erfordert. Liebe ist also nicht einfach ein schönes Gefühl, dem man sich hingibt. Für die meisten Menschen liege das Problem der Liebe darin, geliebt zu werden, und nicht in der eigenen Fähigkeit zu lieben. Das Bestreben dieser Menschen liebenswert zu sein sei im wesentlichen eine Mischung aus Streben nach Popularität und Sexappeal. Diese These erinnert an eine Passage in Norbert Elias' Werk Über den Prozeß der Zivilisation von 1939: "Die Angst vor dem Verlust oder auch nur vor der Minderung des gesellschaftlichen Prestiges ist einer der stärksten Motoren zur Umwandlung von Fremdzwängen in Selbstzwänge." (Bd. II, S. 366). Des weiteren betrachteten die meisten Menschen das Problem des Liebens eher als das Problem des (geliebten bzw. nicht geliebten) Objekts als dass ihrer eigenen (Un-)Fähigkeit zu lieben. Dies führt Fromm unter anderem auf die Veränderung des Liebesverständnisses der westlichen Welt im 20. Jh. zurück, in dessen Verlauf sich der Begriff der romantischen Liebe durchsetzte. Heutzutage verhielten sich die Menschen in Bezug auf die Liebe marktwirtschaftlich: das Gefühl des Verliebens entwickle sich in der Regel nur hinsichtlich derjenigen "menschlichen Artikel", die innerhalb der Tauschmöglichkeiten des Einzelnen liegen (siehe auch Marketing-Charakter). Ein weiteres Problem macht Fromm darin aus, dass viele Menschen anfängliches Verlieben ("falling in love") und dauerhaftes Lieben ("being in love") miteinander verwechseln.
Neben der Beherrschung der Theorie (die er im 2. Kapitel, dem größten Teil des Buches, behandelt) und der Praxis der Liebe (der er das 4. und letzte Kapitel widmet) nennt Fromm noch ein weiteres konstitutives Element, nämlich die Einräumung des höchsten Stellenwertes für die Liebe, vor Erfolg, Prestige, Geld und Macht.
Die Theorie der Liebe
Im 2. Kapitel, "Die Theorie der Liebe", wird die Grundidee entwickelt, nach der das Bewusstsein der Abgetrenntheit des Menschen die Quelle aller seiner Ängste ist: Das Bewußtsein der menschlichen Getrenntheit ohne Wiedervereinigung durch Liebe - das ist die Quelle der Scham. Gleichzeitig ist es die Quelle von Schuld und Angst. (S. 25).
Fromm weist im Weiteren auf die Diskrepanz zwischen dem in der heutigen Gesellschaft aufgrund dieser Getrenntheit bestehenden Konformitätsbedürfnis und der gleichzeitig behaupteten Individualität der Gesellschaftsmitglieder hin (vgl. dazu Durkheims Theorie zur stark arbeitsteiligen Industriegesellschaft, in der der einzelne zur Verdeckung seiner Abhängigkeit die Ideologie des Individualismus entwickle) und macht auch darauf aufmerksam, dass diese Art von Gleichheit oft nicht ausreiche, um die Angst vor der Getrenntheit zu beruhigen. Er [der Mensch] hat aufgehört, er selbst zu sein - denn jenseits jener Vereinigung durch Anpassung findet keine Vereinigung statt. (S. 36).
Er streicht auch die Unzulänglichkeiten der Arten von Vereinigung heraus: Die durch Konformität erreichte Einheit sei eine Pseudo-Einheit, die durch produktive (schöpferische, kreative) Tätigkeit erreichte Einheit sei nicht zwischenmenschlicher Natur und die orgiastische Vereinigung sei nur vorübergehender Art. Einzige befriedigende Antwort auf die Frage der menschlichen Existenz ist nach Fromm die zwischenmenschliche Einheit: die Liebe.
Liebe definiert Fromm zunächst darüber, was nicht Liebe sei: nämlich nicht symbiotische Vereinigung, deren passive Form die Unterwerfung (Masochismus) ist - unabhängig davon ob dabei ein Mensch oder eine Sache Götze ist -, und deren aktive Form die Beherrschung (Sadismus) ist. Nur die Liebe eines reifen Menschen wahrt die eigene Integrität und Individualität. Eine soche Liebe kann niemals auf Leidenschaft, also einer treibenden Kraft beruhen, sondern muss auf freiem Willen basieren.
Fromm macht klar, dass das liebende Geben nicht mit Aufgeben gleichzusetzen ist. Der Marketing-Charakter (s. o.) sei zwar bereit zu geben, jedoch nur im Austausch mit etwas anderem, ansonsten fühle er sich betrogen. Für den produktiven (aktiven, kreativen) Charakter sei das Geben jedoch Ausdruck des Vermögens, es würde auf beiden Seiten zu einem positiven Zuwachs führen (im Sinne von "Geteilte Freude ist doppelte Freude"). Darüberhinaus enthalte die Liebe des aktiven Charakters auch die Elemente Fürsorge, Verantwortungsgefühl, Achtung vor dem Anderen und Erkenntnis. Fürsorge umschreibt Fromm wie folgt: "Man liebt, wofür man sich müht, und man bemüht sich für das, was man liebt.". Achtung vor dem Anderen sowie Erkenntnis gehören zusammen und sind die Fähigkeit, jemanden so zu sehen, wie er in seiner Individualität ist, jemanden so gut zu kennen, dass man weiß, wie er sich fühlt auch wenn er etwas anderes sagt und schließlich sogar das Wissen um den Grund seines Gefühls.
Neben dem bis dahin behandelten Grundbedürfnis, sich mit einem anderen Menschen zu vereinigen, besteht laut Fromm auch das menschliche Verlangen, den anderen zu ergründen, was wieder über die Liebe ermöglicht werde. Parallel zu dem Problem, einen Menschen zu ergründen, sieht er das Problem, Gott zu erkennen. Für Fromm steht dabei fest, dass man das Geheimnis aller Dinge niemals begreifen, durch die Liebe aber trotzdem erkennen kann.
Nach diesem Exkurs wendet er sich wieder dem Bedürfnis nach Einheit zu, welches auch aus dem biologischen Bedürfnis der Vereinigung des männlichen und des weiblichen Pols resultiere. Fromm holt zu einer Kritik und Weiterführung der Theorie Sigmund Freuds aus, dessen extrem patriarchalisch geprägten Vorstelungen er ablehnt. Fromm definiert die Idealtypen des männlichen und weiblichen Charakters wie folgt: der männliche Charakter besitze Eigenschaften wie Eindringungsvermögen, Führungsqualitäten, Aktivität, Disziplin und Abenteuerlichkeit, der weibliche hingegen solche wie Aufnahmefähigkeit, Beschützenwollen, Realismus, Geduld und Mütterlichkeit. (In der Realität kommen natürlich nicht solche Idealtypen, sondern Mischformen vor.)
Fromm geht nun dazu über, die Liebe zwischen Eltern und Kind abzuhandeln. In den ersten Lebensjahren sei das Kind hierbei der passive Teil; es wird von seiner Mutter bedingungslos geliebt. Diese Mutterliebe bedeutet aber auch, dass sie nicht erworben werden könne. Mit der Zeit würde aber die Beziehung zum Vater immer wichtiger: mit dem sechsten Lebensjahr bräuchte das Kind die väterliche Liebe, Autorität und Lenkung. Die väterliche Liebe definiert er der Mutterliebe gegenüber als mit Bedingungen verbunden. Negativer Aspekt sei hierbei, dass die väterliche Liebe erst verdient werden müsse, während sie positiver Weise an Bedingungen geknüpft ist und man sie sich somit im Gegensatz zur Mutterliebe verdienen könne. (Mütterliche und väterliche Liebe sind auch hier wieder Idealtypen.) Ein reifer Mensch schließlich habe sich von äußeren Mutter- und Vaterfiguren geöst und sie in seinem Inneren aufgebaut.
Liebe ist nach Fromm eine Haltung, die nicht auf ein einziges "Objekt" bezogen sein könne, sondern sich auf die ganze Welt erstrecke. Dennoch könne zwischen den verschiedenen Arten von Liebe nach ihren Objekten unterschieden werden:
- Nächstenliebe
- Mutterliebe
- Erotische Liebe
- Selbstliebe und
- Liebe zu Gott
Literatur
- The Art of Loving (englischsprachige Originalausgabe), Erstauflage 1956.
- Die Kunst des Liebens, 60. Auflage 2003, Ullstein Verlag. ISBN 3-548-36688-3
- Die Kunst des Liebens, Großdruck, 1998, dtv. ISBN 3-423-36102-6
