Entäußerung

Entäußerung (lat. alienatio, griech. ekénosis) ist ein philosophischer Begriff. Er ähnelt der Entfremdung, hat aber auch Aspekte des Schaffens und Weggebens.

Zur Entstehung des Begriffs

Das Wort Entäußerung wird von Fichte und Hegel aus der Alltagssprache heraus als philosophischer Begriff gebraucht, also als solcher "umgemünzt".

Hegel nutzt - wie schon beim Begriff „Aufhebung“ - die (von ihm sehr gelobte spekulative) Eigenart der Sprache, mehrere gegensätzliche Bedeutungen in einem Wort zu verbinden.

Entäußerung hat sowohl den Aspekt

Hilfreich zum Verständnis der Entstehung des Begriffs ist vielleicht folgender 3. Vers aus dem Weihnachtslied Lobt Gott ihr Christen alle gleich (Ev.Gesangb. 27 von Nikolaus Herman):

 Er äußert sich all seiner G'walt,
  wird niedrig und gering
  und nimmt an eines Knechts Gestalt,
  der Schöpfer aller Ding. 
 

Dies ist eine Versfassung der Bibelstelle Phil 2,6-8. Der im Urtext verwendete Begriff ekénosis (etwa: Ausleerung) wird von Luther mit Entäußerung übersetzt. Der große japanische Philosoph des 20. Jahrhunderts Nishitani Keiji sieht im Begriff Entäußerung deshalb Aspekte des Weges zum buddhistischen Shunyata (etwa: Leerheit).

Hegel bestimmt die Entäußerung als zweite Phase seiner Dialektik: Der absolute Geist ist am Anfang ein reiner Begriff. Dieser wird zur Natur und zum Menschen durch Entäußerung. Dies entspricht (beim in theologischen Kategorien denkenden Hegel) der zweiten Person Gottes, dem Sohn. Der Gang der Weltgeschichte verläuft nach Hegel derart, dass der Weltgeist sich mittels der bewußten Tätigkeit des Menschen zu Antithesen entäußert, die ihm gegenüber eine selbständige Existenz annehmen, in Widerspruch zu ihm geraten und damit eine neue, höhere Form des Bewußtseins provozieren.

Auf diese Weise arbeitet der Weltgeist in ständiger Entäußerung, Rücknahme und neuer Entäußerung den historischen Prozess aus sich heraus. Hegel gelingt es so, eine enge Verklammerung von Subjekt und Objekt darzustellen, in Widerspruch zu setzen und dialektisch aufzuheben.

Zur materialistischen Auffassung der Entäußerung

Die ökonomische und gesellschaftliche Interpretation des Begriffs wird erst bei Verwendung durch Karl Marx durchgeführt, der wesentliche Begriffe Hegels übernahm und umdeutete.

Marx versucht, den Hegel unterstellten mystifizierten Sachverhalt der Entäußerung als Vergegenständlichung und gleichzeitigen Verlust der menschlichen Wesenskräfte auf ihren realen Inhalt zurückzuführen, auf die menschliche Arbeit unter den konkreten kapitalistischen Verhältnissen der Warenproduktion und -zirkulation. Anstöße dazu gab Ludwig Feuerbach, der Hegels idealistische Dialektik verwarf und der anstelle des geistigen Wesens, das die Gegenständlichkeit aus sich heraussetzt, von der sinnlich-gegenständlichen Welt des Menschen ausgeht.

See also: Entäußerung, Antithese, Brief des Paulus an die Philipper, Dialektische Aufhebung, Entfremdung, Evangelisches Gesangbuch, Fichte, Hegel, Kapitalismus, Karl Marx