Entwicklungstheorie
Die Entwicklungstheorie untersucht die Ursachen der geringeren wirtschaftlichen Entwicklung in Entwicklungsländern.
Die verschiedenen Theorien lassen sich im wesentlichen drei Strömungen zuordnen:
- Die klassischen Imperialismustheorien nach Lenin und Luxemburg gehen als exogene Theorien davon aus, dass die Ursachen des niedrigeren Entwicklungsstandes außerhalb der Entwicklungsländer, genauer gesagt in ihrer Ausbeutung durch die Industrieländer, liegen.
- Die von liberalen und konservativen Theoretikern vertretenen endogenen Theorien dagegen sehen die Urachen in den Entwicklungsländern selbst, z.B. nach der Modernisierungstheorie in archaischen Strukturen oder in der Korruption.
- Die vor allem von Wissenschaftlern aus Entwicklungsländern vertretenen Dependenztheorien betonen die Abhängigkeit der Entwicklungsländer von den Industrieländern und sehen die scheinbar in den Entwicklungsländern liegenden Ursachen (wie z.B. Korruption) als Folgen dieser Abhängigkeit.
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Imperialismustheorie
Die Imperialismustheorien gehen im wesentlichen auf den russischen Revolutionär Wladimir Illitsch Lenin und die deutsche Politikerin Rosa Luxemburg zurück. Dieser sah im Imperialismus das höchste Stadium des Kapitalismus, in dem die Kapitalisten in den Industrieländern versuchen, durch die Ausbeutung der Entwicklungsländer höhere Profite zu erzielen. Rosa Luxemburg wies auf die Bedeutung der ungleichen Handelsverhältnisse hin (die Industrieländer importierten Rohstoffe und Nahrungsmittel und exportierten Fertigwaren), Lenin selbst untersuchte vor allem den Export von Kapital in die damaligen Kolonien zur Erzielung höherer Profite durch Ausbeutung der einheimischen Bevölkerung. Heutige Anhänger der Imperialismustheorien bezweifeln die Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien und sehen in der Verschuldung der Dritten Welt mit Freihandelsabkommen und Handelsverhältnissen ein neokoloniales Abhängigkeitsverhältnis.
Modernisierungstheorie
Vertreter der Modernisierungstheorie sehen in der angeblichen Rückständigkeit der Dritten Welt das Haupthindernis für eine positive wirtschaftliche Entwicklung. Die Bewohner der Entwicklungsländer seien nicht mobil und rational genug, moderne Strukturen zu entwickeln und zu tragen, so die Vertreter eines sozialpsychologischen Ansatzes wie David Lerner.
Im Kern der Modernisierungstheorie steht die Ansicht, dass durch eine Modernisierung der gesellschaftlichen Institutionen wie des Rechts, des politischen Systems, des Bildungswesen, u.a. die Grundlage für Wirtschaftswachstum und damit einhergehender Wohlfahrt geschaffen werden muss. Unter Modernisierung wird dabei der Prozess der Transformation von traditionellen Institutionen zu den modernen Ausprägungen, wie sie in der westlichen Gesellschaft vorzufinden sind, verstanden.
Somit befinden sich Entwicklungsländer auf demselben Entwicklungspfad wie die Industriestaaten, einfach eben noch nicht soweit fortgeschritten. Eine Sicht, die der Modernisierungtheorie Kritik einzubringen vermag, da dadurch die Möglichkeit alternative Wege gesellschaftlicher Entwicklung versperrt bleiben und eine Konvergenz der Systeme als gegeben bzw. eine Frage des Entwicklungsstandes dargestellt wird. Kritiker auf der anderen Seite sehen dahingegen, die westeuropäische Modernisierung nur als eine singuläre historische Entwicklung, der keineswegs eine universale Bedeutung zugemessen werden könne.
Dependenztheorie
Die vor allem in den Entwicklungsländern entstandenen Dependenztheorien sehen - ähnlich wie die exogenen Theorien - die Entwicklungsländer in einer oftmals als neokolonial bezeichneten Abhängigkeit von den Industrieländern. Diese Abhängigkeit erst zwinge den Entwicklungsländern die Strukturen auf, die von den Vertretern der Modernisierungstheorie als eigentliche Ursache der Unterentwicklung bezeichnet werden.
Die Dependencia unterscheidet zwischen Staaten des Zentrums und der Peripherie. Die Probleme der Entwicklungsländer sind dabei die Folgen der Beziehung zwischen Zentrum und Peripherie und manifestiert sich in strukturellen Unterschieden wie ungleiche Handelsstrukturen (Rohstoffe gegen Fertigwaren), Verteilung der Kapitalmacht, Verschuldung, militärische Unterlegenheit und Abhängiggkeit von militärischer Hilfe sowie von den Industrieländern geprägte Eliten in den Entwicklungsländern aus.
Als Konsequenz dieser Ansicht ergeben sich zwei Handlungsoptionen, um die Situation eines Entwicklungslands zu verbessern: Die Veränderung der Strukturen des Weltmarktes oder die Abkoppelung vom Weltmarkt. Die Möglichkeit einer Aufwärtsmobilität von der Peripherie ins Zentrum innerhalb der gegebenen Strukturen, ist von der Dependenztheorie nicht vorgesehen, was vor dem Hintergrund der empirischen Fälle wie z.B. den Tigerstaaten als eine Schwäche der Dependenztheorie angesehen werden muss.
Geodeterminismus
Beim Geodeterminismus geht man davon aus, dass einzig und allein die ungünstige geografische Lage eines Landes Ursache für seine Situation ist. Dies äußert sich zum Beispiel in einer Binnenlage, welche hohe Transportkosten und Sondersteuern, wie Transitgebühren nach sich zieht, geringe flächenmässige Grösse (Inselstaat), ein ungünstigen Klima, welches in Form von langen, periodischen Dürren (Sahelzone), stark schwankenden Niederschlagsmengen, großer Jahrestemperaturamplitude und labilen Ökosystemen auftreten kann. Weitere Faktoren sind minderwertige Böden, ungünstige Oberflächenstrukturen wie Höhenlagen oder Hanglagen.
Kritik zu den Entwicklungstheorien
Keine der Entwicklungstheorien reichen zu einer widerspruchsfreien Erklärung aus. Sie sind vielfach monokausal und berücksichtigen mit ihrem globalen Gültigkeitsanspruch keine lokal relevanten Gegebenheiten. Die Probleme der Entwicklungsländer sind ein Komplex von Symptomen, zu dessen Erklärung naturgeografische, demografische, soziologische, historische, politische und religiöse, das heißt endogene und exogene Faktoren herangezogen werden müssen.
Weblinks
Themendienst: Neue Ansätze zur Entwicklungstheorie
Siehe auch: Imperialismustheorie, Dependenztheorie, Entwicklungspolitik
