Epikureismus
Der Epikureismus bezeichnet die von Epikur in Weiterentwicklung der Gedanken Demokrits begründete philosophische Schule, die höchste Entwicklungsform des antiken atomistischen Materialismus.
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Ein Überblick zum Wirken und Leben von Epikur
Epikur erstand für sich und seine etwa 200 anfänglichen Anhänger in Athen ein Haus und einen Garten (Kepos), in welchem auch der Unterricht stattfand. Zu dem waren auch Frauen und Sklaven zugelassen.
Der bekannteste Wahlspruch Epikurs lautet: "Lathe biosas!" (Lebe im Verborgenen!), das heißt die Empfehlung, sich von den Wirren und Aufregungen des öffentlichen Lebens, der Politik fernzuhalten und das Glück im engen Kreis zu finden. Als Lebensziel ist die Lust anzustreben, allerdings nicht im Sinne des Hedonismus der Kyrenaiker, also der sinnlichen, "bewegten" Lust, sondern als "erregende" Lust, die aus Erkenntnis, Gleichmut und Überwindung der Angst entspringt.
Da die originalen Schriften Epikurs nur in Fragmenten überliefert sind, stützt sich die Rekonstruktion seiner Lehre vor allem auf Texte seiner Anhänger (Lukrez, Horaz, Plinius der Jüngere) und Gegner (Cicero, Seneca).
Epikureismus wird meist im Gegensatz zum Stoizismus beschrieben.
Zum Einfluss Epikurs in der Römischen Antike
Als Folge des Wirkens von Epikur und seiner Schule blieb die materialistische Philosophie nicht nur in der Zeit des Hellenismus erhalten, sondern auch seit dem 1. Jahrhundert vor der Zeitrechnung auch in Rom, wo er bis zum 2. Jahrhundert großen Einfluss hatte. In einer der größten Dichtungen der Antike hat Lukrez in seinem Lehrgedicht "Von der Natur der Dinge" den Epikureismus in seiner anschaulichen und bilderreichen Sprache dargestellt und popularisiert. Auch der Dichter Horaz vertrat den Epikureismus.
Zum Kern der Lehre Epikurs
Epikur fußte auf der Atomistik Demokrits, hat die Atomistik zur Grundlage eines Systems von größter methodischer Konsequenz und innerer Geschlossenheit gestaltet sowie den Materialismus Demokrits gegen alle Angriffe verteidigt und weiterentwickelt. Dabei sind nicht naturphilosophische, sondern ethische Fragen das Hauptanliegen. Epikurs ethische Normen entstammen dem Diesseits. Das naturgemäße Lebensziel des Menschen ist das Wohlbefinden, verstanden als Grundgefühl körperlicher Intaktheit und Gesundheit, als Freisein von seelischen Verwirrungen (Ataraxia) und von den Leidenschaften, die diese auslösen (Apatheia).
Daraus ergibt sich eine freudige Diesseitigkeit und Lebensbejahung, die seine Weltanschauung vor allem auszeichnet. Jede damals bekannte Form eines Unsterblichkeitsglaubens, jede Furcht vor dem Tode und der Götterglaube des Volkes werden entschieden als dem Leben des Weisen unangemessen verneint. Epikur war letztlich kein Atheist; er erkannte Götter an, die in den Intermundien (Zwischenwelten) lebten, dort auf das Leben der Menschen jedoch keinen Einfluss hatten. Weder für die Weltentstehung noch etwa die Weltlenkung besäßen sie Bedeutung, da sie sich in ihrer Vollkommenheit gänzlich selbst genügten.
Zu den Aspekten der Naturphilosophie bei Epikur
Aber Epikur war der eigentliche radikale Aufklärer des Altertums, der die antike Religion offen angriff und von dem auch bei den Römern der Atheismus, soweit er bei ihnen existierte, ausging. Die entscheidende theoretische Begründung seines ethischen Ideals, für seinen Kampf gegen Götter, Todesfurcht und Jenseitsglauben liefert Epikur die Naturphilosophie, speziell die Atomistik. Karl Marx untersuchte unter anderem diesen Zusammenhang von Ethik und Naturphilosophie in seiner Dissertation "Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie".
Nach Epikur entsteht nichts aus Nichts und nichts kann zu Nichts vergehen. Voraussetzung dafür ist ein ewiger und unwandelbarer Grundstoff, aus dem alle Dinge entstehen und in den sie wieder zurückgehen. Dies sind die letzten unteilbaren Einheiten, die Atome. Sie sind unsichtbar und haben als Eigenschaft Größe, Gestalt und Schwere. Die Anzahl der Atomformen ist begrenzt, ebenso die Anzahl der aufgrund dieser Atomformen möglichen Kombinationen.
Zum Wirken der Atome im Universum als Erklärung der Existenz und Bildung der Welten
Alle möglichen Kombinationen aber müssen in der verflossenen zeitlichen Unendlichkeit unendlich oft realisiert worden sein, so dass die Aufteilung des unendlichen Atomreservoirs an die möglichen Kombinationen eine gleichmäßige ist. Der neben den Atomen der Welt konstituierende, real existierende leere Raum ist unkörperlich. In ihm bewegen sich die Atome. Bewegung ist ihre Daseinsweise und unabdingbare Eigenschaft. Epikur bestimmte den senkrechten Fall als die grundlegende, naturgemäße Urform der Bewegung.
Aber wie sollte es in Anbetracht der wohlgeordneten regulär-linearen Fallbewegung zur Bildung von Atomverbindungen kommen? Infolge einer Abweichung der Atome von der Senkrechten um ein Mininum kommt es nach Epikur zu den verschiedenen Bewegungsformen, die aus dem Zusammenprall und der folgenden Repulsion der Atome hervorgehen.
Diese Abweichung der Atome ist die Ursache der Weltenbildungen, zugleich soll sie die Willensfreiheit des Menschen erklären. In der Erkenntnistheorie vertritt Epikur im Wesentlichen die Abbildtheorie. Im Gegensatz zu Demokrit sieht Epikur die Sinnesempfindungen nicht als zweitrangig an. Da die Wahrnehmung das einzige Wahrheitskriterium ist, ist sie auch das Kriterium für die Schlussfolgerungen über solche Dinge, die nicht unmittelbar wahrgenommen werden, wenn nur diese Schlussfolgerungen nicht im Widerspruch zu den Angaben der Wahrnehmung stehen. Deshalb ist die logische Folgerichtigkeit eine wichtige Bedingung der Wahrheit.
Zu den Ansätzen der Ethik, Sozialtheorie und Rechtsphilosophie bei Epikur
Epikur vertritt eine erste ausgebildete Theorie des Sensualismus. Weiter entwickelt er eine Sozialtheorie und Rechtsphilosophie. Gerechtigkeit ist für ihn bereits ein Produkt historischer Entwicklung. Als Hauptmangel der Ethik Epikurs wird von seinen heutigen Kritikern angegeben, dass er in kontemplativer Ruhe, nicht in der aktiven, Hindernisse überwinden Auseinandersetzung mit der natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt das Ziel guter Lebenspraxis sieht.
Epikurs Philosophie bildet eine Einheit: ihr Zentrum ist die Ethik - die Lehre von dem zum Glück führenden Verhalten. Sie kann aber nur geschaffen werden, wenn der Platz des Menschen in der Welt bestimmt ist. Da der Mensch ein Teil der Natur ist, muss sich die Ethik auf die Physik (das heißt die Atomlehre) stützen, die die Lehre vom Menschen enthält. Der Ausarbeitung der Physik muss wiederum die Erforschung der Erkenntnis vorangehen.
Zum Aufheben der Lehre Epikurs im Mittelalter und der Grundlegung der modernen Staatstheorie
Epikurs Auffassungen wurden fast zwei Jahrtausende von der vorherrschenden christlich geprägten Weltanschauung verfolgt, Epikur zum Symbol der Zügellosigkeit und der Gottlosigkeit verfemt und seine Schriften weggesperrt. Gab es schon im Mittelalter entsprechende Ansätze, so wurde im 17. Jahrhundert die Atomistik Epikurs von Galileo Galilei, Pierre Gassendi, Robert Boyle, Christian Huygens, Isaac Newton, John Dalton und anderen bewusst aufgegriffen und zu einem wichtigen Element der Herausbildung der materialistischen Philosophie der Bürgertums erhoben.
Ebenso hat die epikureische Ethik und Gesellschafttheorie einen beachtlichen Einfluss auf das philosophische Denken der Neuzeit ausgeübt. Bei Thomas Hobbes, Samuel Pufendorf und anderen wird die epikureische Lehre vom Gesellschaftvertrag zur Grundlage der gesamten Staatstheorie. Denn bei Epikur findet sich "zuerst die Vorstellung ..., daß der Staat auf einem gegenseitigen Vertrage der Menschen, einem contract social ...beruhe" (Karl Marx).
Siehe auch
Atomlehre, Demokrit, Erkenntnislehre, Michel de Montaigne, Lebenskunstphilosophie, Plutarch, Sensualismus, Wilhelm Schmid
Weblinks
- Peter Möller - Stoizismus und Epikurismus
- Michael Schmidt-Salomon - Sinn und Sinnlichkeit: Die frohe Botschaft des Hedonismus
