Erkenntnistheorie

Die Erkenntnistheorie ist der Zweig der Philosophie, der sich mit der Frage beschäftigt, wie Wissen, Erkenntnis und Wahrheit prinzipiell zu erlangen und zu nutzen sind und welche natürlichen Grenzen der Erkenntnis gesetzt sind.

Andere Bezeichnungen sind Gnoseologie und Epistemologie, im Französischen wird allerdings zwischen Epistemologie und Erkenntnistheorie unterschieden.

Mitunter wird unter Erkenntnistheorie im umfassenden Sinne auch Wissenschaftstheorie verstanden.

Inhaltsverzeichnis

Begriff

Der Begriff Erkenntnistheorie wurde im Gedankenkreis der Kantianer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebildet wie bei Wilhelm Traugott Krug und Christian Ernst Reinhold. In die philosophische Terminologie wurde der Begriff endgültig erst durch Eduard Zeller 1862 eingeführt. Im angelsächsischen Raum hat sich neben 'Epistemology' auch der Terminus 'Theory of Knowledge' eingebürgert. Dieses Teilgebiet beschäftigt sich eingehender mit der Explikation des Wissensbegriffs und versucht die notwendigen und hinreichenden Bedingungen für Wissen anzugeben.

Gegenstand

Die Erkenntnistheorie bildet in der neueren Philosophie in der Regel eine selbständige Disziplin mit einem relativ abgegrenzten Gegenstandsbereich.

Dieser kann allgemein durch folgende Problemkomplexe charakterisiert werden:

Teilgebiete

Geschichte

Erkenntnistheoretische Überlegungen durchziehen die Geschichte der Philosophie von den Anfängen bis zur Gegenwart.

Antike

Parmenides

Als Begründer der Erkenntnistheorie kann Parmenides angesehen werden. Er erklärte Wahrnehmung und Denken aus der Mischung der Stoffe im Körper; im Denken sah er eine natürliche Tätigkeit des menschlichen Körpers. Man findet bei ihm eine klare Unterscheidung von Sinneserkenntnis und Denken, der beiden Grundformen der Erkenntnis, die er allerdings unvermittelt gegenüberstellt. Nach seiner Auffassung kann nur das Denken zur Erkenntnis des wahren Seins führen.

Heraklit

Heraklit dagegen erkennt die Berechtigung sowohl der Sinneserkenntnis als auch des Denkens an und kommt damit zu einer Einschätzung des Verhältnisses von sinnlicher und rationaler Erkenntnis. Empedokles versucht, das Wesen der Sinneserkenntnis durch seine Theorie der Poren und Ausflüsse näher zu erklären. Er nahm an, daß die Sinnesorgane Poren besitzen, in welche die Ausflüsse, die sich von allen Körpern in Form unsichtbarer Teilchen absondern, eindringen. Die Auffassungen Demokrits bilden den Höhepunkt in der Entwicklung der materialistischen Erkenntnistheorie innerhalb der antiken griechischen Philosophie. Demokrit sieht alle Körper durch die Vereinigung der ewigen, unteilbaren Atome gebildet. Die verschiedenen materiellen Gegenstände mit ihren Eigenschaften sind der sinnlichen Wahrnehmung unmittelbar zugänglich. Die Wahrnehmung und die sich darauf gründende Meinung ist nur eine dunkle Erkenntnis; um das Wesen der Dinge, die Atome und das Leere zu erkennen, muß das Denken, die echte Erkenntnis hinzutreten. Demokrit versuchte, den unmittelbaren Charakter der Sinneswahrnehmung zu erklären, indem er alle Wahrnehmungen auf eine Art Berührung der Atome zurückführte. Er schuf damit die erste Gestalt der Abbildtheorie, nach der alle Körper ständig Atome aussenden, die Bilder (eidola), welche die Sinnesorgane berühren und dadurch die Wahrnehmung ermöglichen.

Platon

Die idealistische Linie der Erkenntnistheorie innerhalb der antiken griechischen Philosophie fand ihren klarsten Ausdruck in den Werken Platons, vor allem im Phaedon, im Theätet und im Staat. Platon vertrat eine objektiv-idealistische, eng mit der Religion verbundene Weltanschauung, nach der wahres Sein nur den ewigen und unveränderlichen Ideen zukomme, während die Gegenstände der materiellen Welt lediglich Nachbildungen, Abschattungen der Ideen seien und eine Mittelstellung zwischen Sein und Nichtsein einnähmen. Die Erkenntnis der Ideen wird bei ihm durch eine immaterielle Seele vollzogen, die ihr Werk am besten verrichten kann, wenn sie von den Einflüssen des Körpers befreit ist. Alles Erkennen ist nur ein Wiedererinnern, denn die Seele besitzt bereits alle Erkenntnisse.

Sie erinnert sich der Ideen, die sie früher, in ihrer körperlosen Existenz schaute. Diese Erkenntnis der Ideen, die in Form der Begriffe, des begrifflichen Wissens erfolgt, ist für Platon allein wahre Erkenntnis. Daneben unterscheidet er noch die mathematische Erkenntnis, die zwischen Vernunft und bloßer Meinung steht, und die Sinneswahrnehmung, die kein Wissen, sondern nur Meinungen ergibt. Platons Erkenntnistheorie ist die erste bekannte Form des Apriorismus.

Aristoteles

Von großer Bedeutung für die Entwicklung der Erkenntnistheorie sind die Anschauungen des Aristoteles. Aristoteles kritisierte eingehend die Ideenlehre Platons, die das Allgemeine verselbständigt und verabsolutiert, und kehrte zu der im Grunde materialistischen Auffassung zurück, daß der Gegenstand der Erkenntnis in der sinnlich gegebenen Realität zu suchen sei.

Er suchte im Gegensatz zu Platon das Allgemeine in den Einzeldingen, erklärte es aber für die ewige Form, die der Materie gegenüber primär sei, ihr Gestalt und Bewegung verleihe und ihr Wesen bilde. Die Form (oder Gestalt) des menschlichen Körpers ist die Seele. Mit ihrem Wahrnehmungsvermögen erkennt sie die einzelnen Gegenstände und Eigenschaften, mit dem Denkvermögen, das vom Körper unabhängig ist, die Formen, das Wesen, wobei sie die Vorstellungsbilder, die aus der Wahrnehmung zurückbleiben, benutzt. Die Erkenntnis muß aber mit der sinnlichen Wahrnehmung beginnen und dann zum Denken übergehen, welches das Sinnenmaterial verarbeitet. Die Wahrheitsauffassung des Aristoteles ist ihrem Wesen nach materialistisch, denn die Wahrnehmung soll in der Übereinstimmung des Urteils mit der Realität bestehen. Wahr ist ein Urteil dann, wenn es das verbindet, was in der Wirklichkeit verbunden ist, und das trennt, was in der Wirklichkeit getrennt ist.

Mittelalter

Die mittelalterliche Philosophie (Scholastik) befasste sich im Anschluss an Platon und Aristoteles zwar sehr ausführlich mit erkenntnistheoretischen Problemen, doch wurden dabei nur wenig weiterführende Resultate erzielt, weil die Triebkraft dieser Bemühungen nicht die Probleme des wissenschaftlichen Erkennens, sondern das Streben nach philosophischen Begründungen der katholischen Glaubensdogmen war. Erst mit der Herausbildung der technischen Produktionsweise im Kapitalismus und dem damit verbundenen Aufschwung der Naturwissenschaften wurden erkenntnistheoretische Untersuchungen erheblich verstärkt. Die materialistische Erkenntnistheorie wurde von englischen Philosophen wie Francis Bacon (Philosoph), Thomas Hobbes und John Locke unter Anknüpfung an die Ideen Demokrits weiter ausgearbeitet; die französischen Materialisten P.H.D. Holbach, Claude Adrien Helvétius, Denis Diderot u.a. setzten diese Entwicklung fort, wobei sie sich auf die Resultate und die Praxis der Naturwissenschaften stützten.

Empirismus

Francis Bacon

Francis Bacon begründete den materialistischen Empirismus, die Lehre, daß der Ursprung allen Wissens in der Sinneserfahrung liegt. Er stellte sich die Aufgabe, "die Stufen der Gewißheit zu bestimmen, die sinnliche Wahrnehmung durch Rückführung auf ihre Gründe zu sichern, aber das den Sinnen folgende Spekulieren des Geistes zu verwerfen, um so dem Verstande einen neuen, unfehlbaren Weg von der sinnlichen Wahrnehmung aus zu eröffnen und zu sichern". Die Erkenntnis ist nach Bacon darauf gerichtet, die Eigenschaften und Gesetze der Natur zu erfassen, um durch dieses Wissen die Macht des Menschen über die Natur zu vermehren.

Dabei sah er in dieser Bestrebung keinen Gegensatz, sondern ein Handeln des Menschen im Sinne der Gesetze der Natur. Das Handeln des Menschen muß von den Sinnen und vom Einzelnen ausgehend, durch Vergleich und Experiment stufenweise zu immer höheren Verallgemeinerungen aufsteigen, so daß man erst auf dem Gipfel zu den allgemeinsten Sätzen gelangt. Die wahre Methode der Erkenntnis sei die Induktion, die mit planmäßig durchgeführten Experimenten zu verbinden ist.

Thomas Hobbes

Bacons erkenntnistheoretische Anschauungen wurden durch Thomas Hobbes fortgeführt. Auch er sieht in der sinnlichen Wahrnehmung die Grundlage allen Wissens. Die Wahrnehmungen im menschlichen Bewußtsein sind Abbilder der Dinge, allerdings sind solche Sinnesqualitäten wie Farbe, Wärme, Ton usw. nicht in den Objekten, sondern nur im wahrnehmenden Bewußtsein, obgleich sie durch die Einwirkung der Objekte auf die Sinne erzeugt werden. Um die Vorstellungen und Ideen von den Dingen im menschlichen Bewußtsein zu bezeichnen und das Wissen anderen Menschen mitteilen zu können, haben die Menschen in Form der Worte Namen geschaffen, welche Zeichen für die Gedanken und mittelbar auch für die Gegenstände sind. Das Denken besteht nach Hobbes darin, daß die Namen miteinander verbunden oder getrennt werden; es ist ein Rechnen mit Zeichen.

John Locke

John Locke hat als erster das Erkenntnisproblem in systematischer und umfassender Weise behandelt und damit die Erkenntnistheorie als eine relativ selbständige und abgegrenzte Disziplin der Philosophie begründet. Er stellte sich die Aufgabe, den Ursprung, die Sicherheit und die Ausdehnung des menschlichen Wissens zu untersuchen. Er begründete ausführlich den Empirismus (Sensualismus), den erfahrungsgemäßen Ursprung aller Erkenntnisse, setzte sich mit der idealistischen Theorie der angeborenen Ideen auseinander und versuchte, eine umfassende und detaillierte Analyse der Bewusstseinsprozesse beim Erkennen zu geben. Lockes Werk wurde dadurch zu einem Markstein der weiteren Entwicklung der Erkenntnistheorie. Wie Bacon und Hobbes sah Locke in der Sinneserfahrung die Quelle aller Erkenntnis. Er traf jedoch den Unterschied zwischen Sinneswahrnehmung (sensation) und Selbstwahrnehmung (reflection).

Diese beiden Formen der Erfahrung sind die Quelle aller Ideen. Die Annahme der inneren Erfahrung als Quelle der Erkenntnis bedeutete eine Abweichung vom Materialismus, weil sie die grundlegende These, dass die uns in den Sinnen gegebene Realität die einzige Quelle unserer Erkenntnis bildet, in einem bestimmten Maße einschränkt und eine zweite Erkenntnisquelle zulässt. Locke unterschied zwei Arten von "Ideen", nämlich einfache und zusammengesetzte. Die einfachen Ideen entstehen unmittelbar aus der äußeren und inneren Erfahrung, die zusammengesetzten sind Kombinationen von einfachen Ideen, die der Verstand schafft. Die einfachen Ideen der äußeren Erfahrung, die Wahrnehmungen der Gegenstände, haben einen objektiven Ursprung und sind teils Abbilder der Eigenschaften der Gegenstände, teils aber haben sie keine Ähnlichkeiten mit den Eigenschaften, durch die sie verursacht werden.

De ersten Eigenschaften nennt Locke primäre Qualitäten - dazu rechnet er Solidität, Ausdehung, Gestalt, Bewegung und Ruhe und Anzahl -, die zweiten nennt er sekundäre Qualitäten, wozu er Farben, Töne, Geschmack, Geruch usw. rechnet. Die sekundären Qualitäten sind keine Abbilder, aber sie entstehen durch die Wirkung der primären Qualitäten der unsichtbaren Teilchen auf die Sinnesorgane und hörten auf, sekundäre Qaulitäten zu sein, wenn wir die primären ihrer kleinsten Teilchen entdecken könnten. Die einfachen Ideen bilden das einzige Material, das dem Verstand für seine Tätigkeit zur Verfügung steht. Es ist nichts im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war. Die Verstandestätigkeit besteht im Unterscheiden, Vergleichen und Zusammensetzen der einfachen Ideen. Durch Abstraktion bildet der Verstand allgemeine oder zusammengesetzte Ideen, d.h. er faßt die einzelnen Ideen einer Reihe von Gegenständen zusammen, wodurch sie zu Repräsentanten für viele Dinge und ihre Namen zu allgemeinen Namen werden.

Die allgemeinen Ideen werden nur gebildet, weil wir sonst unendlich viele Namen brauchen, um jede Idee gesondert zu bezeichnen. In der Realität entspricht den allgemeinen Ideen und Namen nichts. Alle Erkenntnis beschränkt sich darauf, die Eigenschaften der Einzeldinge zu erfassen. Die Erkenntnis des Allgemeinen, der gesetzmäßigen Beziehungen der Dinge fiel aus dem Gesichtskreis dieses einseitigen Empirismus, dem ein gewisses Maß an Skeptizismus eigen ist, heraus, da er das Wesen der Dinge für unerkennbar hält. Die besondere Qualität des Denkens gegenüber der Sinneserfahrung wurde von Locke - wie vom gesamten Empirismus - nicht erfaßt. Das Denken besteht im Vergleichen und Unterscheiden der einfachen Ideen, und die Erkenntnis reduziert sich auf Wahrnehmung der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Ideen im menschlichen Bewußtsein.

Diese Wahrnehmung kann auf verschiedene Weise erfolgen, und entsprechend unterscheidet Locke drei Arten der Erkenntnis, die intuitive, die demonstrative und die sensitive. Die intuitive Erkenntnis ist die klarste und sicherste; sie besteht darin, daß der Geist die Übereinstimmung oder Nichtüberseinstgimmung zweier Ideen unmittelbar durch die Anschauung erfaßt. Bei der demonstrativen Erkenntsnis stellt der Geist die Übereinstimmung der Ideen nicht unmittelbar, sondern unter Zuhilfenahme anderer Ideen, durch Schlußfolgerung und Beweis fest; die sensitive Erkenntnis schließlich ist unsicherer, doch vermittelt sie ein sicheres Wissen von der Existenz der einzelnen sinnlich wahrnehmbaren Gegenstände.

George Berkeley

George Berkeley knüpfte in seinen erkenntnistheoretischen Auffassungen direkt an Locke an, nutze dessen Inkonsequenzen geschickt aus und kritisierte seine Schwächen scharfsinnig. Locke hatte in seinem Essay die vom materialistischen Standpunkt inkonsequente Formulierung verwendet, daß unmittelbares Objekt des Wissens und Erkennens die Ideen (Wahrnehmungen, Vorstellungen, Begriffe) in unserem Bewußtsein seien. Berkeley akzeptierte diese These und zog daraus den Schluß, daß alle Objekte nur im Bewußtsein existieren, daß folglich Existieren gleich Wahrnehmen ist. So wird die ganze objektive Realität in eine Anhäufung von Bewußtseinsinhalten aufgelöst, und die Erkenntnis beschränkt sich dementsprechend auf ein Ordnen der Bewußtseinsinhalte. Von der gleichen subjektiv-idealistischen Position ging auch Hume aus.

David Hume

Auch für David Hume stammen alle Bewußtseinsinhalte aus der Erfahrung, doch zum Unterschied zu Berkeley, für den sie alle "Ideen" sind, unterscheidet er zwischen Gedanken oder Vorstellungen (ideas) und Eindrücken (impressions). Die Eindrücke, die Wahrnehmungen sind die unmittelbaren Gegebenheiten, sie sind daher stark und eindringlich, die Gedanken oder Vorstellungen aber sind nur Abbilder der Eindrücke und daher schwach und weniger eindringlich.

Die Gedanken beruhen also sämtlich auf unmittelbaren Wahrnehmungen, und soll unseren Begriffen ein Sinn zukommen, dann muß man die zugrunde liegenden Wahrnehmungen zeigen können. Läßt sich nicht zeigen, daß einem Begriff eine Wahrnehmung entspricht, dann ist er einfach sinnlos, dann ist das Wort nur eine Zusammensetzung von Lauten ohne Inhalt. Diese Auffassung wurde später die unmittelbare theoretische Quelle der "Sinntheorie" und des "Verifikationsprinzips" des Neupositivismus. Aus Humes Standpunkt folgt notwendig, daß alle Begriffe, die etwas Allgemeines widerspiegeln, keinen Sinn haben, denn für das Allgemeine läßt sich keine Wahrnehmung zeigen. Erkennen besteht für Hume in der Assoziation von Bewußtseinsinhalten, wobei die assoziative Verknüpfung nach bestimmten Regeln erfolgt, die auf die Relationen zwischen den Vorstellungen zurückgehen.

Diese Relationen sind teils unveränderliche, teils veränderliche. Die ersten, die relations of ideas, ergeben sich intuitiv durch bloße Vergleichung der Ideen im Bewußtsein, sie bilden den Gegenstand der Geometrie, Algebra und Arithmetik und werden durch reine Tätigkeit des Verstandes entdeckt. Die zweiten dagegen, die matters of fact, sind nicht gewiß, denn sie entstammen der Erfahrung. Hume spricht aber den mathematisch-logischen Erkenntnissen eine von der Erfahrung unabhängige Geltung und Gewißheit zu, womit er sich auch in diesem Punkt als unmittelbarer Vorläufer des Neopositivismus erweist. Alle Verknüpfung von Tatsachen gründet sich auf die Beziehung von Ursache und Wirkung, denn nur vermöge dieser Vorstellung können wir über die Evidenz unseres Gedächtnisses und unserer Sinne hinausgehen. Die Beziehung von Ursache und Wirkung läßt sich aber durch Denken nicht erkennen, sie stammt aus der Erfahrung, und das bedeutet, daß sie lediglich eine Folge unserer Gewohnheit ist.

Die wahre Erkenntnis beschränkt sich also auf die - so Hume - von der Erfahrung unabhängige Mathematik, in allen anderen Bereichen aber ist der menschliche Verstand schwach, und die "letzten Grundkäfte und Prinzipien" sind der menschlichen Wissbegierde und Forschung ganz und gar verschlossen.

Rationalismus

Descartes

Die Erkenntnistheorie von René Descartes beruht auf einer Weltanschauung, die im Bereich der Physik durch einen konsequenten mechanischen Materialismus, außerhalb der Grenzen der Physik jedoch durch einen idealistischen Standpunkt charakterisiert ist, nach dem die Welt dualistisch in zwei einander ausschließende Substanzen zerfällt, die ausgedehnte und die denkende Substanz. Die wichtigste erkenntnistheoretische Aufgabe bestand für Descartes in der Ausarbeitung einer allgemeinen Methode, die es gestattet, zu sicheren und beweisbaren Erkenntnissen zu kommen, die einen solchen Grad an Klarheit und Gewissheit haben wie die Mathematik.

Unter der Methode verstand er sichere und einfache Regeln, mit denen jeder, der sie peinlich genau beachtet, zu wahrer Erkenntnis gelangen kann. Der Hauptinhalt der Methode besteht aus vier Regeln, die folgendes besagen:

  1. Nur das als wahr anzuerkennen, was klar und ohne jeden Zweifel ist;
  2. alle Schwierigkeiten in möglichst viele Teilprobleme zerlegen, um sie nacheinander zu lösen;
  3. stets bei den einfachsten und am leichtesten zu erkennenden Gegenständen beginnen;
  4. überall vollständige Übersichten und Aufzählungen anzufertigen.

Der Erkenntnisbegriff Descartes' ist an der Geometrie orientiert: Erkennen bedeutet, einen Gegenstand in seine einfachsten Elemente zu zerlegen und ihn daraus aufzubauen. Daher ist das Wichtigste zunächst das Erfassen des Einfachsten; darin besteht das Geheimnis der ganzen Methode. Die einfachsten Elemente werden intuitiv erkannt, und von ihnen werden alle weiteren Erkenntnisse deduktiv abgeleitet. Intuition und Deduktion sind die beiden Erkenntnisweisen, die zur Wahrheit führen; alle anderen, wie die Erfahrung, sind als verdächtig und irreführend zurückzuweisen(in: Regeln zur Leitung des Geistes. Die einfachen, intuitiv erfassten Wahrheiten aber, die das Fundament aller weiteren deduktiven Erkenntnis bilden, sind von Natur in unseren Seelen, es sind angeborene Ideen, die der Verstand bereits in sich vorfindet. Nach der rationalistischen Auffassung Descartes' besteht alles Erkennen in reiner Verstandestätigkeit, im intuitiven Erfassen der angeborenen Ideen und in der deduktiven Ableitung. Nur der Verstand ist befähigt, die Wahrheit zu erkennen, die Sinneswahrnehmung ist keine Quelle der Erkenntnis, kann aber den Verstand in gewissen Fällen unterstützen.

Wenn sich aber die ganze Erkenntnis in der Konstruktion geistiger Gebilde erschöpft und sich lediglich im Geist, in der denkenden Substanz abspielt, die keine Beziehung zur materiellen Welt hat, bleibt die Frage offen, wie sich die Erkenntnis zur objektiven Realität verhält. Aus allen Verstandeserkenntnissen folgt noch nicht einmal, dass es eine materielle Welt gibt, sondern nur, dass es sie geben kann. Um die Existenz der objektiven Realität zu beweisen, macht Descartes den komplizierten Umweg über den Beweis der Existenz Gottes, und aus Gottes Wahrhaftigkeit leitet er dann ab, dass die sinnlichen Wahrnehmungen Wirkungen der materiellen Gegenstände seien, weil Gott den Menschen nicht betrügen könne. Diese Schwierigkeiten ergeben sich vor allem aus dem dualistischem Standpunkt Descartes', der zur Folge hat, dass seine erkenntnistheoretischen Anschauungen im wesentlichen idealistisch bleiben.

Spinoza

Einen materialistischen Rationalismus vertrat Baruch Spinoza. Er kritisierte und überwand des Dualismus Descartes' und die daraus folgenden idealistsichen Inkonsequenzen. Seine pantheistische Weltanschauung geht von der einen unteilbaren Substanz aus, die durch sich selbst existiert, deren Wesen zugleich die Existenz einschließt. Das Wesen der Substanz - die Spinoza auch Gott oder Natur nennt - kommt in ihren Attributen zum Ausdruck, deren es unendlich viele gibt. Attribute der Substanz sind Ausdehnung und Denken, die Substanz ist zugleich ein ausgedehntes und denkendes Ding. Die Substanz mit ihren Attributen tritt in Erscheinung in Gestalt der Modi. Die materiellen Körper sind Modi des Attributs Ausdehnung, und die Ideen sind Modi des Attributs Denken, die beide miteinander übereinstimmen, da sie die gleiche Ursache haben(Identität von Denken und Sein). Erkennen bedeutet für Spinoza ein Abbilden oder Widerspiegeln der Dinge und ihrer Ordnung in den Ideen und deren Ordnung: Die Ordnung und Verknüpfung der Ideen ist dieselbe wie die Ordnung und Verknüpfung der Dinge lautet ein Lehrsatz, der für die Erkenntnistheorie Spinozas grundlegend ist. Dadurch, dass die Ideen mit den Dingen übereinstimmen, sind sie wahr. Das Erkennen ist auf die Dinge gerichtet, nicht auf die Ideen, es soll ein getreues Bild der Natur liefern.

Spinoza unterscheidet drei Gattungen der Erkenntnis:

  1. Die Erkenntnis der ersten Gattung umfasst die unsichere Erfahrung, die verworrene sinnliche Wahrnehmung der Einzeldinge und die Erkenntnis aus Zeichen, d.h. aus Lernen oder Mitteilung. Die Ideen dieser Erkenntnisarten sind inadäquat und verworren, sie sind die einzige Quelle der Falschheit.
  2. Die Erkenntnis der zweiten Gattung ist das Vernunftwissen aus den Gemeinbegriffen (notiones communes) und adäquaten Ideen, und
  3. die dritte Gattung ist die anschauende oder intuitive Erkenntnis.

Nur die zweite und dritte Gattung der Erkenntnis führen zur Wahrheit. Ausgangspunkt der Erkenntnis sind die einfachen Begriffe, die klar und deutlich und folglich wahr sind. Mit Hilfe der Definitionen und der klaren und deutlichen Gemeinbegriffe können die weiteren Ideen in der Ordnung abgeleitet werden, die der Ordnung der Dinge entspricht.

Leibniz

Der Standpunkt des Rationalismus wurde auf idealistischer Grundlage auch von Leibniz vertreten. Er verfasste zu Lockes Werk "Über den menschlichen Verstand" eine ausführliche Gegenschrift: "Neue Versuche über den menschlichen Verstand", in der er die Einwände Lockes gegen die rationalistische Auffassung der Erkenntnis zu entkräften suchte. Auf Lockes programmatische Feststellung, dass nichts im Verstand sei, was zuvor nicht in den Sinnen war, erwiderte Leibniz, dass dieser Satz einer Ergänzung bedürfe: Es ist nichts im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war, mit Ausnahme des Verstandes selbst.

Der Verstand aber enthalte Prinzipien, die von der Erfahrung unabhängig seien, und ebenso die Anlagen, aus sich die notwendigen Wahrheiten zu entwickeln. Diese sind also nicht angeboren wie bei Descartes, sondern sie sind nur virtuell angeboren. Während bei Descartes Gott anläßlich jedes Erkenntnisaktes eingreifen musste, um die Übereinstimmung zwischen Körper und Geist herzustellen, hat Gott nach Leibniz eine prästabilierte Harmonie sowohl zwischen allen Dingen als auch zwischen dem Körper und dem Geist geschaffen, so dass sie wie zwei gleich große Uhren immer übereinstimmen.

Immanuel Kant

Einen großen Beitrag zur weiteren Entwicklung und Begründung der materialistischen Erkenntnistheorie leisteten die französischen Materialisten des 18. Jahrhunderts, insbesondere Holbach, Helvetius und Diderot. Einen Höhepunkt in der Geschichte der Erkenntnistheorie nach Locke stellt die Lehre Kants dar. Kant versuchte in seiner Erkenntnistheorie, Materialismus und Idealismus miteinander zu vereinigen. Kant ging von der Existenz der objektiven Realität, der " Dinge an sich" aus. Die "Dinge an sich", die außerhalb des Bewußtseins existieren, affizieren die Sinne und bewirken dadurch die sinnliche Anschauung. Durch diese werden uns Gegenstände gegeben. Doch die Anschauung allein bleibt blind, wenn nicht das begriffliche Denken hinzutritt. Alle Erkenntnis entspringt aus der sinnlichen Anschauung und dem Verstand.

Es ist aber zu beachten, daß sich der Begriff der sinnlichen Anschauung bei Kant wesentlich von dem der englischen Empiristen unterscheidet. Während bei diesen die empirische Erfahrung mit der Sinneswahrnehmung zusammenfällt, unterscheidet Kant in der sinnlichen Anschauung ebenso wie im Denken reine und empirische Elemente. Die reine Anschauung enthält lediglich die Anschauungsform, die empirische Anschauung dagegen das Sinnesmaterial; die reinen Begriffe sind Denkformen, der empirische Inhalt der Begriffe stammt dagegen der Anschauung. Die empirischen Elemente der Anschauung und des Denkens haben ihren letzten Ursprung in den "Dingen an sich", die reinen Elemente dagegen im menschlichen Bewußtsein, im Erkenntnisvermögen - die ersteren sind a posteriori, die letzteren a priori. Kants Erkenntnistheorie unterscheidet sich vom Empirismus dadurch, daß sie auch in der sinnlichen Anschauung apriorische Elemente (Raum und Zeit als Anschauungsformen), und vom Rationalismus dadurch, daß sie in das Denken ein empirisches Element(die Begriffe erhalten ihren Inhalt aus der Anschauung) einführt.

Nach Kant steuert die sinnliche Wahrnehmung( und damit die objektive Realität) nur einen geringen Teil zur Erkenntnis bei. Sie liefert nur die "Materie" der Erkenntnis, ein "Gewühl von Empfindungen", das erst Ordnung und Sinn erhält, wenn es durch die apriorischen Anschauungsformen des Raumes und der Zeit aufgenommen, unter die apriorischen Kategorien des Verstandes subsumiert und mit Hilfe der apriorischen Schemata des Verstandes auf Gegenstände bezogen wird. Aus der Sinneserkenntnis entspringt nur ein formales "Gewühl von Empfindungen", das erst durch die "transzendentale Einheit der Apperzeption" zu einem Begriff vom Gegenstand verarbeitet wird. Der Verstand steuert also einen wesentlich größeren Teil zur Erkenntnis bei als die Sinnlichkeit, denn seine unabhängig von aller Erfahrung gegebenen Anschauungsformen und Kategorien sind Bedingungen jeder möglichen Erfahrung (Erkenntnis).

Da die " Dinge an sich" die menschlichen Sinne lediglich affizieren und durch die Empfindung die formlosen "Materie" der Erkenntnis liefern, sind die Gegenstände, die wir kennen, nicht die "Dinge an sich", sondern nur Erscheinungen, denen zwar "Dinge an sich" korrespondieren, die aber dem Menschen gänzlich unerkennbar bleiben. Alle Gegenstände der Erfahrung müssen für den Menschen unvermeidlich zu "Sinneswesen" oder Erscheinungen werden. Die Welt der Erscheinungen wird ihrer Form nach durch den Verstand a priori hervorgebracht, und daher ist sie auch erkennbar. Wenn man bisher annahm, die Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten, so nahm Kant an, daß die Gegenstände sich nach der menschlichen Erkenntnis richten müsssen, so daß die Menschen von den Dingen nur das a priori erkennen, was der Mensch selbst in sie hineinlegt, was man als kopernikanische Wende des Erkenntnisproblems bezeichnet.

Die Beschränkung der menschlichen Erkenntnis auf die Erscheinungswelt, auf die Welt der möglichen Erfahrung, soll ihr in diesen Grenzen Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit sichern. Da die apriorischen Anschauungsformen und Kategorien von aller Erfahrung unabhängig sind und die Bedingungen jeder möglichen Erfahrung bilden, erhalten alle Erkenntnisse, die durch den richtigen Gebrauch des Verstandes zustande kommen, Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit. Damit glaubte Kant, den Skeptizismus von David Hume, der außerhalb der Mathematik jede allgemeingültige Erkenntnis bestritt und sie lediglich für gewohnheitsbedingte Erwartung erklärte, überwunden zu haben. Diese Konstruktion war jedoch ein Trugschluß. Kant hatte die Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit, die er ebensowenig wie Hume aus der Erfahrung ableiten konnte, nur in den Verstand verlegt, der nun der Erscheinungswelt seine Gesetze vorschreibt. Das eigentliche Problem aber, wie das menschliche Bewußtsein zu allgemeingültigen Erkenntnissen nicht über eine von ihm selbst bestimmte Erscheinungswelt, sondern über die vom Bewußtsein unabhängige objektive Welt kommen kann, blieb bei Kant ungelöst. Mehr noch: durch seine metaphysische Trennung von Erscheinung und "Ding an sich" und die Begrenzung der Erkenntnis auf die Erscheinung begründete Kant eine Variante des Agnostizismus, welche die Erkenntnis des Wesens der[objektiven Realität prinzipiell für unmöglich erklärte.

Von positiver Bedeutung in Kants Erkenntnistheorie ist die Hervorhebung der Spontanität des Verstandes, d.h. seiner aktiven Rolle im Erkenntnisprozess. Kant hat als erster versucht, die Funktion der Kategorien in der Erkenntnis zu bestimmen und zu untersuchen, wie das empirische Material vermittels der Kategorien, über die der Verstand bereits verfügt, verarbeitet wird. Unter dem apriorischen Charakter der Kategorien will Kant jedoch nicht verstehen, daß sie eine Art angeborener Ideen sind. Er glaubte, daß die Kategorien im menschlichen Verstand im Keime und der Anlage nach vorbereitet liegen und durch die Erfahrung entwickelt werden. Kant trennte durch seinen Apriorismus Form und Inhalt der Erkenntnis scharf voneinander und stellte sie einander metaphysisch gegenüber. In der Unterscheidung von Form und Materie der Erkenntnis steckt ein rationaler Kern, und die Untersuchung der Form der Erkenntnis ist ein großes Verdienst. Doch hat Kant diese berechtigte Unterscheidung verabsolutiert und verfiel dadurch dem subjektiven Idealismus und Agnostizismus. Andererseits enthält Kants Erkenntnistheorie viele rationelle Gesichtspunkte und positive Ansätze, die auch für die Ausarbeitung einer materialistischen Erkenntnistheorie bedeutungsvoll waren (siehe Kritizismus).

Hegel

Die Philosophie Hegels ist ein System des objektiven Idealismus, in dem der Geist, die "absolute Idee", Schöpfer der ganzen Welt und zugleich ihr wahres Wesen ist. Denken und Sein fallen für Hegel zusammen, weil die ganze Entwicklung der Welt nur die stufenweise Entfaltung des Geistes vom Sein bis zur "absoluten Idee" ist. Diese dialektische Entwicklung erfolgt in der Form des Begriffs, und die Entwicklugsstufen des Geistes sind Etappen seiner Bestimmung und Konkretisierung und zugleich seiner fortschreitenden Selbsterkenntnis. Indem der Geist sich, dialektisch von Begriff zu Begriff fortschreitend, bestimmt und konkretisiert, erkennt er sich zugleich immer tiefer und umfassender, bis er in der "absoluten Idee" zur vollen Selbsterkenntnis, zum absoluten Wissen seiner selbst gelangt.

Von großer Bedeutung für die Entwicklung der Erkentnistheorie ist Hegels Kritik des Subjektivismus und Agnostizismus bei Kant. Wie Engels bemerkte, ist das "Entscheidende zur Widerlegung dieser Ansicht ... bereits von Hegel gesagt, soweit dies vom idealistischen Standpunkt möglich war". Hegel wandte sich gegen Kants Auffassung, daß die Verstandesbegriffe oder Kategorien formal und subjektiv seien, und behauptete demegegenüber, daß die Begriffe einen objektiven Inhalt und Wahrheit besitzen, daß die Begriffe zur Realität übergehen, weil sie die Raelität aus sich erzeugen. So klar die Kritik an Kant ist, so zweifelhaft ist Hegels eigene Auffassung, daß die Begriffe die Realität hervorbringen. Scharfe Kritik übte Hegel auch an Kants adialektischer (d.h. metaphysischer) Trennung von Wesen und Erscheinung und der agnostizistischen Beschränkung der Erkenntnis auf die Welt der Erscheinungen. Hegel hatte in seiner Lehre wesentliche Seiten der Dialektik des Erkentnisprozesses erfaßt, wenn auch noch in einer idealistisch geprägten Form. Neben der Anwenung des Entwicklungsgedankens auf die Erkenntnis ist eines seiner großen Verdienste in dem Versuch zu sehen, das Leben, die Tätigkeit in die Logik und Erkenntnistheorie einzubeziehen.

Hegel läßt den Begriff in seiner letzten Entwicklungsetappe, als Idee, drei Stufen durchlaufen:

  1. das Leben
  2. das Erkennen
  3. die "absolute Idee"

In das Erkennen bezog Hegel auch das Handeln in Gestalt der praktischen Idee ein. Die Tätigkeit des Begriffs verändert die Wirklichkeit, so daß das Erkennen sich mit der praktischen Idee vereinigt und in die "absolute Idee", welche die Identität der praktischen und theoretischen ist, übergeht. Wenn die Praxis bei Hegel auch nur in der "Tätigkeit des Begriffs" auftritt, so bedeutet das doch, daß die Praxis als Kettenglied in der Analyse des Prozesses der Erkenntnis steht, und zwar als Übergang zur objektiven (bei Hegel zur "absoluten") Wahrheit.

Ludwig Feuerbach

Ludwig Feuerbach betrachtete sich anfangs als Anhänger des Hegelschen Idealismus, entwickelte aber später eine eigene materialistische Philosophie, die - durch die kritische Überwindung Hegels vermittelt -, in mancher Hinsicht über den englischen und französischen Materialismus hinausreichte. Feuerbach setzte sich gründlich mit Hegels von der Identität von Denken und Sein auseinander. Er wies ihren idealistischen Charakter nach und gelangte zu einer verallgemeinerten Fassung und klaren materialistischen Beantwortung der Grundfrage der Philosophie. Das reale Sein, die objektive Realität, die dem Menschen in den Sinnen gegeben ist, bildet für Feuerbach den Gegenstand der Erkenntnis, und Gegenstand ist nur, was außer dem Kopfe existiert. Der Gegenstand ist dem Menschen nur in den Sinnen gegeben, daher ist die Sinnlichkeit Inbegriff aller Wirklichkeit und daher kann es ohne Sinnestätigkeit kein Denken und keine Erkenntnis geben. Feuerbach braucht "zum Denken die Sinne, vor allem die Augen", gründet seine Gedanken "auf Materialien, die wir in uns stets nur vermittelst der Sinnestätigkeit aneignen können".

Sein Sensualismus ist nicht agnostizistisch, er sieht in den Sinnen zuverlässige Zeugen, deren Material zu einer fortschreitenden Erkenntnis der Welt genügt, um so mehr, als die Natur sich nicht versteckt, sondern sich dem Menschen mit Gewalt, sozusagen mit Unverschämtheit aufdrängt. Da er den Menschen samt seinen Sinnesorganen für ein Ergebnis der natürlichen Entwicklung hält, sind sind diese an die Natur und ihre Qualitäten angepaßt und zu deren Erkenntnis befähigt. Ganz im Gegensatz zu John Locke, der meinte, daß dem Menschen viele Eigenschaften verborgen bleiben, weil der Mensch nicht mehr als fünf Sinne hätte, stellte Feuerbach fest, den Mensch hätte keinen Grund zu der Einbildung, daß, "wenn der Mensch mehr Sinne oder Organe hätte, er auch mehr Eigenschaften oder Dinge der Natur erkennen würde. Es ist nicht mehr in der Außenwelt, in der unorganischen Natur, als in der organischen. Der Mensch hat gerade soviel Sinne, als eben notwendig ist, um die Welt in ihrer Totalität, ihrer Ganzheit zu fassen".

Das Denken ist ebenso eine natürliche Tätigkeit eines wirklichen Wesens, und daher ist ganz erklärlich, daß es die wirklichen Dinge und Wesen auch erfassen kann. Nur, wenn man das Denken vom Menschen absondert und für sich fixiert, entstehen die peinlichen, unfruchtbaren und von diesem Standpunkt auch unlöslichen Fragen, wie das Denken zum Objekt komme. Zwischen dem Denken und der Wirklichkeit herrscht Übereinstimmung, denn die Gesetze der Wirklichkeit sind auch des Denkens, das Denken darf nicht aus der Natur herausgelöst werden. Feuerbach bemühte sich auch, die Rolle des Denkens, des rationalen Moments in der Erkenntnis zu klären. Er wies auf den untrennbaren Zusammenhang des Denkens mit der Natur, deren Produkt es ist, und mit der Sinnestätigkeit hin. Er verwahrte sich dagegen, daß nur dem Denken das Wesen, der Kern, den Sinnen hingegen bloß das Äußere, die Schale, zugeschrieben werde.


(eine weiterführende Erkenntnistheorie wäre sicher mit dem Konstruktivismus bzw. dem radikalen Konstruktivismus (Ernst von Glasersfeld) zu erwähnen)

Zitate

Literatur

Bd.1 Die Natur der Erkenntnis: ISBN 3-7776-0443-7
Bd.2 Die Erkenntnis der Natur: ISBN 3-7776-0444-5

Historisches

Siehe auch

Weblinks

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See also: Erkenntnistheorie, 1808, 1820, 1821, 1832, 1834, 1862, 19. Jahrhundert, 1973