Erdstall
thumb|Charakteristisch für Erdställe sind die Engstellen. Man muss sich durch diese „Schlupfe“ durchzwängen, um in den nächsten Gangabschnitt zu kommen. Als Erdstall wird ein im Mittelalter von Menschenhand geschaffenes unterirdisches (nicht ausgemauertes) Gangsystem bezeichnet. Charakteristisch für einen Erdstall ist, dass er mindestens eine Engstelle aufweist, die nur kriechend passierbar ist. Die Gänge sind üblicherweise 60 cm breit und 1,0 bis 1,4 m hoch. Besonders typische Bauelemente sind die Engstellen, die „Schlupfe“ genannt werden. In vielen Erdställen gibt es auch Lampennischen, kammerartige Erweiterungen und Sitznischen. Ein Erdstall meint eine „Stätte unter der Erde“ bzw. einen „Erd-Stollen“, hat mit einem Viehstall also nichts gemein. Der Volksmund nennt diese Anlagen „unterirdische Gänge“ oder einfach „Geheimgänge“. Vor allem in Bayern ist auch die Bezeichnung "Schrazelloch" verbreitet.
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Typen
Anhand ihrer Bauweise lassen sich Erdställe in vier Kategorien einteilen.
- Typ A
Der erste Typ (A) besitzt einen längeren Hauptgang mit Durchschlupfen und Seitengängen.
- Typ B
Der zweite Typ (B) geht über mehrere Etagen, die durch vertikale Schlupfe miteinander verbunden sind. Auch ein mit einer Trockenmauer verschlossener Bauhilfsschacht ist hier anzutreffen. Am Ende des Ganges gibt es Sitznischen oder eine Raumerweiterung mit einer Sitzbank.
- Typ C
Der dritte Erdstall-Typ (C) besitzt meist horizontale Schlupfe und am Ende einen Rundgang.
- Typ D
Der vierte Typ (D) weist Kammern auf, die durch Gänge miteinander verbunden sind. Die Engstellen dazwischen sind überwiegend horizontal angelegt.
Verbreitung
thumb|Viele Menschen kennen eine Sage von einem unterirdischen Gang, der von A nach B führen soll. Diese kilometerlangen Verbindungsgänge hat es nie gegeben. Es existieren aber mittelalterliche Gangsysteme, die als „Erdställe" bezeichnet werden.Erdställe gibt es in Bayern, Oberösterreich, Niederösterreich und vereinzelt in der Steiermark und im Burgenland. Ähnliche Anlagen kennt man auch in Tschechien, der Slowakei und Ungarn. Vergleichbare unterirdische Objekte finden sich auch in England und Spanien sowie in Frankreich wo sie als Souterrains bezeichnet werden.
Die geographische Verbreitung der Erdställe hängt mit geologischen Bedingungen zusammen. Der Boden muss ausreichend fest und gut bearbeitbar sein. Diese Bedingungen bietet etwa der Löß, Schlier, Lehm, Sandstein oder der sogenannte Flins (verwitterter Granit). Im massiven Fels oder losen Schotter kommen Erdställe nicht vor.
Zeitstellung
thumb|Am Gangende einer Erdstallanlage finden sich oft Sitznischen oder Sitzbänke. Erdställe wurden während der mittelalterlichen Rodungs- und Besiedlungsperiode in der Zeit um 1200 angelegt. Funde in den Erdställen ermöglichen eine Aussage darüber, wann die Gänge von Menschen aufgesucht wurden.
Holzkohle-Proben aus dem Erdstall von Trebersdorf in Bayern die mittels 14C Datierungen untersucht wurden, erbrachten ein Datum von 950 bis 1050 nach Christus. Die 14C Datierungen von Proben aus dem Erdstall von Kühried in Bayern zeigten ein Datum von 950 bis 1160.
Eine Holzkohle aus dem Bauschacht eines Erdstalls in Bad Zell (Oberösterreich) stammt laut 14C Datierung aus der Zeit 1030 bis 1210. Die Erdställe sind also gut 800 Jahre alt. In einem Erdstall in Pregarten im Bezirk Freistadt fand sich an einem Gangende ein hölzerner Schemel, eine Feuerstelle und Keramik. Es handelt sich dabei um Bruchstücke von Gefäßen mit Bodenzeichen aus der Zeit um 1100. In einem Erdstall in der Gemeinde Sankt Agatha im Bezirk Grieskirchen fanden sich Keramikbruchstücke von Gefäßen des 12. Jahrhunderts.
Die erste urkundliche Erwähnung eines Erdstalls stammt aus dem Jahr 1449. Im Urbar der Herrschaft Asparn an der Zaya ist der Untertan Methl Huendl erwähnt, der für den 3 ½ Joch großen Acker "auf den erdstelln" sechs Pfennig an die Herrschaft zu zahlen hat. Der Tumeregker muss für sein 3 Joch großes Feld "auf den erdstelln" sechs Pfennig an Abgabe entrichten.
Zweck
Der Zweck der Erdställe ist unklar. Es gibt zwei Thesen, die einander gegenüberstehen. Manche Erdstall-Forscher glauben, dass es sich bei Erdställen um Kultstätten oder symbolische Leergräber handelt. Diese wurden der Theorie zufolge von mittelalterlichen Siedlern als Heimstatt für die Seelen ihre Ahnen angelegt.
Andere Forscher lehnen diese Theorie ab und sehen Erdställe als Zufluchtsanlagen. Dieser Theorie zufolge wurden Erdställe als Verstecke angelegt, in denen gefährdete Personen im Gefahrenfall „wie vom Erdboden verschluckt“, verschwinden konnten.
Überblickt man die Erdstall-Literatur, so fällt auf, dass für Archäologen die Erklärung der Erdställe als Kultplatz als völlig irrig abzulehnen ist. Vielmehr wird der Erdstall als Zufluchtsanlage und Versteck gesehen. Für die Zufluchtsthese sprechen Erdställe die in direkter Verbindung mit mittelalterlichen Wehranlagen stehen und so wesentlicher Bestandteil der Wehranlage sind. Beispiele dafür sind die Erdstallanlagen unter dem Hausberg von Gaiselberg oder Großriedenthal (Niederösterreich), oder unter der Wehrkirche von Kleinzwettl (Niederösterreich, Bezirk Waidhofen an der Thaya). Von der Wehrkirche aus ist ein 52 m langes Gangsystem zugänglich.
Erdstallforschung
Als Pionier der Erdstallforschung gilt der Benediktiner-Pater Lambert Karner. Er untersuchte von 1879 bis 1903 zahlreiche Erdställe und publizierte seine Forschungsergebnisse in dem Buch „Künstliche Höhlen aus alter Zeit“.
In Bayern setzte sich Karl Schwarzfischer ab 1950/60 ausgiebig mit Erdställen auseinander und gründete 1973 den Arbeitskreis für Erdstallforschung. Von ihm gingen durch seine Forschungen, Publikationen und einer breiten Öffentlichkeitsarbeit viele Impulse aus. Er gilt als der Wegbereiter der heute noch aktiven Erdstallforschung im deutschsprachigen Raum. Karl Schwarzfischer verstarb im September 2001. Der Arbeitskreis für Erdstallforschung in Roding (Bayern) publiziert seit 1975 in seinen Jahresheften "Der Erdstall“ aktuelle Forschungsergebnisse.
