Erkenntnis als Prozess gegensätzlicher Momente
Erkenntnis als Prozess gegensätzlicher Momente bezeichnet ein Kapitel über die transzendente Logik in der Schrift Kritik der reinen Vernunft von Immanuel Kant.
In der Kantschen Darstellung des Erkenntnisprozesses ist unschwer eine Vorform der Hegelschen Lehre vom Begriff zu finden. Hegel sieht deshalb diesen Teil der theoretischen Philosophie Kants als ihren Kernpunkt an:
Das Urteil von Hegel zum Kern der Kantschen Erkenntnis
"Der Begriff, den Kant in den synthetischen Urteilen a priori augestellt hat, - der Begriff von Unterschiedenem, das ebenso untrennbar ist, einem Identischen, das an ihm selbst ungetrennt Unterschied ist, gehört zu dem Großem und Unsterblichen seiner Philosophie"(in Hegel, Logik, Bd. 1):
In den Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie formuliert Hegel(Werke Bd. 19):
"Bei Kant sind die 'Bestimmungen des Denkens ... näher von der Art, daß sie Bestimmungen der Allgemeinheit, der Einheit überhaupt sind. Einheit heißt Verknüpfung von unterschiede- nen Bestimmungen, und das Denken nennt Kant insofern Synthesieren, Verknüpfen. Das Denken enthält aber schon in ihm selbst, in seinen Bestimmungen solche Verknüpfun- gen; es ist ein Einen, ein Vereinen von Unterschieden.
Die Unterschiede sind der Stoff, der durch die Erfahrung gegeben ist; und um diesen Stoff zu verknüpfen, muß in den subjektiven Bestimmungen schon die Anlage sein, sie verknüp- fen zu können, wie in Ursache und Wirkung (Kausalität) u. s. f. Dies ist für sich selbst eine Verknüpfung.
Kant stellt nun die Frage der Philosophie auch so: 'Wie sind die synthetischen Urteile a priori möglich?' Urteil heißt Verknüpfung von Gedankenbestimmungen, wie Subjekt und Prädikat; Synthesieren heißt Verknüpfen. Synthetische Urteile a priori sind nichts anderes, als ein Zusammenhang des Entgegengesetzten durch sich selbst, oder der absolute Begriff, d.h. Beziehungen von unterschiedenen Bestimmungen, Verknüpfungen, die nicht durch die Erfahrung gegeben sind...
Das ist die große Seite der Philosophie. Kant zeigt dies auf, daß das Denken in sich konkret sei, synthetische Urteile a priori habe."
Zur den Schwierigkeiten der Bewältigung der gegensätzlichen Momente der Erkenntnis
In der Tat hat Kant in der Lehre von den synthetischen Urteilen a priori (der Synthesis) den dialektischen Charakter der menschlichen Erkenntnis festgehalten: die Erkenntnis wird in ihr als Prozess dargestellt, in dem sich die gegensätzlichen Momente durchdringen und zur Einheit werden.
Kant hat jedoch die Schwierigkeiten, die sich aus der dialektischen Fassung des Erkenntnisprozesses ergeben, nicht bewältigt. Die Gegensätze, die er als notwendige Momente des Erkenntnisprozesses feststellt, werden bei ihm abstrakt zusammengespannt:
- Sinnlichkeit und Verstand,
- Anschauung und Begriff,
- Inhalt und Form,
- Vielheit (Mannigfaltigkeit) und Einheit
sind in Wirklichkeit absolut voneinander getrennt und haben nichts Gemeinsames. Die Vereinigung der gegensätzlichen Momente des Erkenntnisprozesses erfolgt nur im Bewußtsein und durch dessen Tätigkeit. Der ganze Erkenntnisprozess wird so eine ausschließlich subjketive Angelegenheit.
Zur eigentlichen Einheit und Mannigfaltigkeit im Erkenntnisprozess
Mit diesem subjektiv-idealistischen Herangehen konnte Kant nach Ansichten vieler die selbstgestellte Aufgabe, die Gesetze der Erkenntnis zu formulieren, nicht bewältigen. Was Kant ausschließlich dem Subjekt zuschreibt und zu einem selbsttätigen Akt des Bewußtseins macht - das sei bereits dem Objekt der Erkenntnis eigen.
Wie eine Polemik gegen die Kantsche Lehre von den synthetischen Urteilen a priori hören sich die Marxschen Worte aus der "Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie" an:
"Das Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, als Einheit des Mannigfaltigen. Im Denken erscheint es daher als Prozeß der Zusammenfassung, als Resultat, nicht als Ausgangspunkt, obgleich es der wirkliche Ausgangspunkt und daher Ausgangspunkt der Anschauung und der Vorstellung ist.
Im ersten Weg wurde die volle Vorstellung zu abstrakter Bestimmung verpflüchtigt; im zweiten führen die abstrakten Bestimmungen zur Reproduktion des Konkreten im Wege des Denkens."
Die Einheit ist also gemäß Marx nicht bloße Angelegenheit des Subjekts, die Mannigfaltigkeiten nicht ausschließlich Sache des Objekts, sondern Einheit und Mannigfaltigkeit sind im Objekt, das im Erkenntnisprozess zum Bewußtsein nicht konstituiert, sondern widergespiegelt wird. (siehe als Fortsetzung: Beziehung von Ding an sich und Erscheinung).
Kategorie: Philosophisches Werk
