Erlebnisgesellschaft
Achtung: Überschneidungen mit "Überflussgesellschaft"
"Erlebnisgesellschaft" ist ein teils journalistisch-populärsoziologisch, teils wissenschaftlich-soziologisch gebrauchter Begriff, der eine auf Eudämonismus (Glückseligkeit als oberstes Lebensziel) und auf Genuss ausgerichtete gegenwartsorientierte (geduldfeindliche) Konsumgesellschaft bezeichnet, die besonders von hedonistischen Werten gekennzeichnet ist und zunehmend auf sog. Tugenden wie Disziplin, Ordnung, Anstrengung, Geduld und Askese verzichtet. Teilweise kommen hier im experimentalistischen Sinne postmaterialistische (d.h. nicht materielle) Werte zum Tragen, die generell aber nicht auf die Überwindung der Konsumgesellschaft zielen, sondern die individualistische Ausgestaltung des eigenen Lebensstils - auch mit den Mitteln des Konsums - intendieren.
Der Begriff bezeichnet also vereinfacht gesagt eine Gesellschaft in der der Einzelne sehr egoistisch auf das Erreichen von möglichst viel Genuss konzentriert ist.
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Herkunft
Der von Gerhard Schulze als Buchtitel gewählte Terminus "Erlebnisgesellschaft" formuliert ein soziologisches Dauerproblem: Historisch hat es vor allem in wohlhabenden Oberschichten viele hedonistische Subkulturen gegeben. Eine Frucht relativ hohen Volkswohlstandes, hatte die "Erlebnisgesellschaft" in den 1990er Jahren bereits die "Spaßgesellschaft" als Vorläuferin.
Schwierigkeit einer Theoretisierung
Es gibt nicht die eine "Erlebnisgesellschaft", sondern in pluralistischen Gesellschaften nur Gruppen von Menschen, die in ihrem Sinne gleiche Wertvorstellungen haben (vgl. dazu auch die Ergebnisse der Sinus-Studie 2004). Als makrosoziologische Kategorie scheint sie mit dem Trend zu "Bastelbiographien" auf der mikrosoziologischen Ebene des Individuums (vgl. Ulrich Beck) verknüpft zu sein.
Das Konzept der "Erlebnisgesellschaft" ist als eine Kombination aus der Individualismus-These (->Risikogesellschaft) und der Wertewandel-These zu verstehen. Der neue Akzent wird hierbei durch die individuelle Erlebnissuche gegeben. Ein Konzept der "Erlebnisgesellschaft" spricht von "Ich-verankerter – egozentrischer – Selbstverwirklichung," die kaum noch vom blanken Egoismus zu unterscheiden sei.
Glücksuche als Glücksversprechen?
Die soziale Problematik liegt in der zunehmenden 'Beliebigkeit' der Bedürfnisse nach Erlebnissen und in deren stets nur kurzfristigen Befriedigung. Insofern macht sie nicht unbedingt 'glücklicher', als es der Materialismus oder die Askese vermag.
Wegen ihrer kurzen Planungshorizonte und ihrer habituellen Ungeduld entpolitisiert sie ihre Anhänger, die zugleich auch den Anforderungen des Wirtschaftslebens voraussetzungsgemäß fremd gegenüber stehen. Religiös neigt sie zu anlassbezogener, beliebig kombinierbarer, d.h. der Mode unterworfener Esoterik (vgl.: Synkretismus). In sozialen Krisen ist eine "Erlebnisgesellschaft" also sehr verletzlich.
Siehe auch
Überflussgesellschaft (Überschneidungen)
