Kunstbegriff

Im Kunstbegriff einer Kultur oder Epoche drückt sich aus, was an Artefakten oder Handlungsweisen allgemein der Welt der Kunst zugehörig gehalten wird und sich somit vom profanen Alltag der Gebrauchsgegenstände oder der Natur unterscheidet. Dabei kennen eigentlich alle Kulturen zumindest Formen der Gestaltung, aber nicht unbedingt Kunst im heutigen Sinne, oft wird die Sphäre der Kunst nicht von der Sphäre des Heiligen getrennt.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Der Anfang der Kunst liegt in der Höhlenmalerei der Altsteinzeit, allerdings ist bis heute nicht geklärt, welchem Zweck sie diente - ob sie überhaupt einem Zweck diente (L'art pour l'art). Das griechische Wort techné für Technik wiederum stand zum Beispiel auch für Kunst(-fertigkeit), und im Gegensatz zur Baukunst oder zur Lyrik war die Malerei bei den antiken Griechen nicht hoch angesehen.

Mit dem Kunstbegriff verbunden sind Fragen der Ästhetik, zum Beispiel, aber nicht nur, die Frage der Schönheit.

Kunstwerke unterlagen oft in Anlass, Form and Stil mehr oder weniger strengen Konventionen, Könnerschaft bewies sich (auch) in technischer Perfektion, dennoch erklärt diese nicht allein die ästhetische Wirkung von Werken. In der Kunstgeschichte Europas und der Welt spiegeln sich technische Entdeckungen, Erfindungen und philosophische und religiöse Debatten wieder, die den jeweiligen Kunstbegriff prägen.

Der Stellenwert der Kunst und die Arbeit des Künstlers ändern sich in der Neuzeit mit dem Übergang zu einer bürgerlichen Gesellschaft: Wo vorher meist im Auftrag von Kirche und Adel Werke geschaffen werden, entdeckt sich der Künstler nun als Subjekt, dessen eigene Arbeit auch reiner Selbstzweck sein kann. Das romantische Bild des verarmten Künstlers oder der Geniebegriff des 18. und 19. Jahrhunderts sind die Folgen davon.

Häufig fanden Künstler zu Lebzeiten keine Anerkennung (Van Gogh), erst nach ihrem Tod hatte sich der allgemeine Kunstbegriff soweit gewandelt, dass ihre Werke nun von der Öffentlichkeit als besonders gelungen empfunden wurden.

Besonders im 19. und 20. Jahrhundert veränderten Künstler und Kunstrichtungen wie die Impressionisten, Abstrakte Malerei, Marcel Duchamp oder die Dadaisten einen bis dahin allgemein gültigen Kunstbegriff radikal und es entstanden heftige Diskussionen in der Öffentlichkeit und Fachwelt darüber, was noch Kunst sei und was nicht mehr. Kunstskandale erregten immer wieder heftigen Streit. Die Ansichten, dass Kunst nicht unbedingt schön oder gegenständlich sein muss, und schöne Artefakte nicht unbedingt Kunstwerke darstellen; dass Kunst niemandem verantwortlich ist und manchmal mehr eine Frage von Denken und Intuition als von Leistung, bleiben für viele Außenstehende oft rätselhaft.

Robert Böttcher, der 1938 in Deutschland Reichssachbearbeiter für Kunsterziehung wird, fordert 1940 eine soldatische Kunsterziehung, in der nirgends ein lasches Gewährenlassen, ein Austoben in Form und Farbe, Spielerei, Unordnung, Zuchtlosigkeit oder Unehrlichkeit (...) geduldet werde.

In der Ausstellung Entartete Kunst prangerten die Nationalsozialisten vermeintlich jüdische, dekadente und wahnsinnige Kunstwerke in Form einer verhöhnenden Präsentation an, den Künstlern, sofern sie nicht emigriert waren, wurde teilweise verboten zu arbeiten. Unter den beklagten Arbeiten waren viele Klassiker der frühen Moderne, die heute unter Sammlern mit Höchstpreisen gehandelt werden.

In der Sowjetunion entstand in den 20er Jahren noch radikale avantgardistische Kunst, im späteren Ostblock war jedoch der sozialistische Realismus offizielle Vorgabe, Was das Volk nicht braucht, schrieb die Prawda bereits in den 30ern, kann auch keine ästhetische Bedeutung besitzen.

Das Grundgesetz garantiert die Freiheit der Kunst - und urteilt nicht über den künstlerischen Wert von Werken.

Die Avantgarde als Phänomen der Moderne versucht noch einmal neue Grenzen zu sprengen - bis in der Postmoderne dann das ganze Konzept von vorneweg obsolet wird.

Im Zeitalter von elektronischen Medien, Maschinen, Arbeitsteilung und Automatisierung veränderte sich der Status von handwerklicher Arbeit in der Kunst, von Kunst an sich, auch der Status des Autors / Künstlers selbst wird zunehmend thematisiert. Ausstellungsorte werden von einer Metaebene aus hinterfragt (White Cube). Die Grenzen zwischen Popkultur und Subkultur einerseits und Hochkultur andererseits verschwimmen.

Im Rahmen des sog. Iconic Turn bekommen bildliche Darstellung und Bildwissenschaften neue Aktualität.

Was ist ein Kunstwerk

An einer universalen Definition und Theorie von Kunst, an einer Definition Was ist ein Kunstwerk? versuchten sich zuletzt Kunst-Theoretiker wie etwa Weitz, Beardsley oder Dickie, mit teils widersprüchlichen Argumentationen.

Nach Ludwig Wittgenstein und dessen Familienähnlichkeitstheorie kann man ein Kunstwerk identifizieren, indem man wesentliche einzelne Merkmale eines Werkes auch an anderen (älteren/unstrittigeren) Kunstwerken feststellt, die somit als Menge aller Kunstwerke ein Netzwerk von Ähnlichkeiten bilden, ohne dass notwendigerweise alle gemeinsam ein bestimmtes Merkmal aufweisen würden.

Zumeist unterliegt heute der Kunstkritik, dem Kunstmarkt der Sammler und natürlich den Künstlern selber die Deutungshoheit darüber, was ab wann Kunst ist und was nicht. In der zeitgenössischen Kunst arbeitet man weiterhin gerne am Projekt der Erweiterung des Kunstbegriffs.

Erweiterter Kunstbegriff

Ein erweiterter Kunstbegriff in der neueren und zeitgenössischen Kunst zielt darauf ab, auf Feldern tätig zu werden, die im allgemeinen Kunstverständnis der Kunst noch nicht/nicht mehr zugerechnet werden.

Dabei können reine Ideen zur Kunst werden wie in der Konzeptkunst, mit Kugelschreiber absichtlich unbeholfene Witzzeichnungen auf Hotel-Schreibblöcken entstehen (wie bei Sigmar Polke oder Martin Kippenberger), kunsthandwerkliche Tätigkeiten in der bildenden Kunst wieder aufgegriffen werden (wie bei den Häkelarbeiten von Rosemarie Trockel), Politik und Soziologie als ein Feld für Kunst betrachtet werden (wie bei Joseph Beuys, bei den Situationisten oder dem Park Fiction-Projekt von 1997), oder wissenschaftliche Experimente auf künstlerisch-philosophische Inhalte untersucht werden (wie etwa bei der Tropfsteinmaschine von Bogomir Ecker in der Kunsthalle Hamburg oder den Arbeiten von John Bock).

Diskussionen um einen erweiterten Kunstbegriff berühren Fragen nach Themen wie der Wahrnehmung, Idee und Bild, Bild und Abbild, oder der Freiheit, den Aufgaben und dem Sinn, Zweck oder Wesen von Kunst. Es wird mit der Erwartungshaltung des Publikums gespielt. Der Dadaist Hugo Kersten 1914: Das oberste und letzte Kunstgesetz ist: jedes zu brechen!

Probleme der Vermittlung von Kunst

Oftmals verschließt sich Kunst heute dem Verständnis von Menschen auf ersten Blick. Einerseits sind die verschiedenen Bezüge, Zitate, Anklänge nur lesbar, wenn man über entsprechendes (kulturelles) Wissen verfügt, da sich der Fokus in der Kunst hinter das Bild hin zur Idee verschoben hat, andererseits ist die vielgestellte Frage Was will der Künstler sagen in der bildenden Kunst oft Polemik, weil unbeantwortbar. Hätte der Künstler etwas zu sagen, könnte er es in Sprache fassen und aufschreiben. Ein Bild spricht anders zum Betrachter als ein Text. (Probleme der modernen Kunst).

Dass man ein Kunstwerk verstehen, von ihm berührt sein, es ablehnen, oder ignorieren kann, ist selbstverständlich, näheres dazu auch unter Stil und Geschmack.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

See also: Kunstbegriff, Abbild, Abstrakte Malerei, Adel, Antike, Arbeit, Arbeit (Philosophie), Arbeitsteilung, Artefakt (Archäologie), Automatisierung