Esoterik

[[Bild:Hildegard von Bingen Liber Divinorum Operum.jpg|thumb|240px|Die christliche Mystikerin Hildegard von Bingen: Liber Divinorum Operum - "Buch von den göttlichen Werken"; Darstellung einer Vision des Menschen als Teil des Kosmos]] Esoterik (griechisch εσωτερική) ist ein Sammelbegriff für ein weites Spektrum an Lebensanschauungen und "Geheimlehren", welche die spirituelle Entwicklung des Individuums betonen, jedoch keine Religion im engeren Sinn sind.

Den sich teilweise deutlich unterscheidenden Lehren ist gemeinsam, dass sie die Existenz von Kräften und Einflüssen außerhalb des naturwissenschaftlich Messbaren voraussetzen und Wissenschaft und traditionelle Religionen als zu beschränkt ansehen, um die Welt vollständig zu erklären.

Inhaltsverzeichnis

Wortbedeutung und Etymologie

Wörtlich bedeutet das griechische Adjektiv εσωτερική [γνώση] „das innere, innerliche, verborgene, geheime Wissen“ und „zum inneren Kreis gehörig“ (esôteros – das Innere). Das Wort „Esoterik“ bezeichnet traditionell und nach seiner Etymologie demnach eine Geheimlehre, die nur Eingeweihten zugänglich gemacht wird; im Gegensatz dazu bezeichnet der Begriff der Exoterik eine offene und für jeden zugängliche Lehre. Im heutigen Sprachgebrauch wird die Bedeutung des Wortes aber meist übergangen, und das eigentlich Exoterische wird esoterisch genannt.

Manche Esoteriker deuten die Bedeutung des Wortes auch „auf das Innere bezogen“, also auf die Seele des Menschen. Exoterisch sind in dieser Deutung dann Dinge, die mit den fünf Sinnen des Menschen oder dem Verstand vollständig erfasst werden können.

Geschichte

Die klassische Lehre der Esoterik wurde in der Tradition der auf Hermes Trismegistos zurückgehenden antiken Geheimlehre auch als Hermetik bezeichnet. Die klassische Esoterik war in Orden, Logen und esoterischen Schulen organisiert und machte ihre Lehren nur Mitgliedern zugänglich. Neben okkulter Praxis überlieferte sie vor allem überliefertes Gedankengut im Bereich Tarot, Astrologie und Zahlenmystik. Auch die Lehren der Gnosis, Hermetik, Kabbala, Alchemie und der Rosenkreuzer zählten neben zum Teil lokal bedeutenden Strömungen zu den esoterischen Überlieferungen.

Im viktorianischen Zeitalter erlebten Okkultismus und verschiedenste Formen von Orakeln eine Blütezeit. Etwas gemäßigter war demgegenüber die Bewegung des Spiritualismus, die auch eine Brücke zu den fernöstlichen Religionen schlug.

In den letzten 150 Jahren hat sich die Esoterik inhaltlich zu einer Weltanschauung gewandelt, deren Anhänger sie oft als allumfassend und universalreligiös und als Vereinigung der Urlehren aller Religionen sehen. Seit den 1980er Jahren ist die Esoterik – insbesondere im westlichen Kulturkreis – zu einer Massenbewegung mit Breitenwirkung geworden, die viele teilweise widersprüchliche Teilströmungen umfasst.

Esoterische Weltanschauung

Da es sich, im Gegensatz zur Spiritualität, bei der Esoterik nicht unbedingt um ein persönliches religiöses Erleben handelt, sondern um eine Vielzahl einzelner Angebote und Wege zur Realisation einer individuellen religiösen Erfahrung, lässt sie sich kulturell und soziologisch nur sehr beschränkt festlegen.

Die traditionelle Aufteilung in eine öffentliche und eine geheime Lehre, wie sie zum Beispiel von den Rosenkreuzern praktiziert wird, gilt für die heutige Esoterik meist nicht mehr. Allerdings wird von vielen Esoterikern behauptet, man könne esoterische Lehren nur nach langjährigem Studium verstehen und beurteilen.

Verbreitung heute

Esoterik ist eine Pseudowissenschaft, jedoch als Ausdruck individueller Spiritualität gesellschaftlich teilweise akzeptiert. Eine gewisse Bedeutung für die Entwicklung in der Nachkriegszeit hatte hier die Vereinigung OARCA (Omnia Arkana), die Zeitschrift esotera, sowie die Veröffentlichungen der Psychotherapeuten Thorwald Dethlefsen und Rüdiger Dahlke. In der Schweiz nahmen das Medium Oskar Rudolf Schlag, der Ex-Pfarrer Hans-Dieter Leuenberger sowie die Zeitschrift Spuren mit dem Herausgeber Martin Frischknecht.

Richtungen, Strömungen, Bereiche

Esoterische Disziplinen

Es gibt zahlreiche unterschiedliche Strömungen der Esoterik, die sich teilweise überlappen, teilweise untereinander nicht viel miteinander zu tun haben. Nicht alle von ihnen können vollständig zur Esoterik gerechnet werden. Zu den wichtigsten gehören:

Die meisten esoterischen Richtungen betonen Spiritualität und Erleuchtung (Erkennen von Metaphysischem) des Individuums.

Esoterische Weltanschauungen beziehen sich meist auf fünf Bereiche:

Esoterische Anschauungen betonen grundsätzlich die spirituelle oder intuitive Erfahrung gegenüber wissenschaftlichen Methoden des Erkenntnisgewinns.

Quellen esoterischer Weltanschauung

Wichtige Quellen esoterischer Ansichten sind Religion und Mystik. Umgekehrt wird der Begriff Esoterik in manchen esoterischen Kreisen aber auch im Sinne eines ursprünglichen Kerns aller Mystik und Religion verwendet.

Die einzelnen esoterischen Strömungen gründen ihre Anschauungen und Lehren auf recht unterschiedliche Quellen. Es lassen sich aber einige häufige Grundlagen feststellen:

Lehre und Prinzipien

Es gibt keine einheitliche esoterische Lehre. Vielfach werden aber von Esoterikern einige oder alle aus einer Gruppe von allgemein gehaltenen Prinzipien als gültig akzeptiert, die oft dem mythischen Hermes Trismegistos zugeschrieben werden. Das Innenleben des Menschen und die Seele wird in esoterischer Praxis im Vergleich zum äußeren Leben sehr stark thematisiert. Viele Esoteriker sind der Meinung, das Leben von sich und anderen (z.B. bei Krankheit oder psychischen Beschwerden) mittels der persönlichen Einstellung und Gedankenkraft sehr stark beeinflussen zu können. Was aus diesen Prinzipien im Einzelfall konkret folgt, wird von Esoterikern oft unterschiedlich gesehen.

Esoterik zu Gott und Wiedergeburt

Gott wird in der Esoterik nicht durchgängig als persönliches Gegenüber, sondern auch als „die höchste Schwingung“, als „die vollkommene Liebe“ und ähnliches aufgefasst. Der Unterschied zwischen Gott, Mensch, Tier, Pflanze, Erde wird häufig nur graduell gesehen, die naturalistische Wirklichkeit wird als Erscheinungsform "fließender Energie" aufgefasst. Chakren sind nach dieser Auffassung die Energiezentren eines jeden Lebewesens mit denen es mit dem gesamten Sein im Austausch steht. Gott wird im esoterischen Umfeld eher als universelle Quelle allen Seins empfunden, ähnlich der Auffassung im Hinduismus oder im Yoga.

Heutige Esoteriker glauben oft an Reinkarnation, verbunden mit der Vorstellung, dass sich die Seele von Leben zu Leben evolutionär in Richtung Vollkommenheit entwickle. Schicksalsschläge werden von diesen Menschen als „Folge des Karmas“ und als Möglichkeiten zum Lernen oder zur Läuterung betrachtet, die auch vor Antritt des Lebens selbst ausgesucht bzw. akzeptiert wurden. Für solche Esoteriker ist vieles im heutigen Leben eine karmische Folge eigener Handlungen in vorangegangenen Leben. Esoteriker sehen darin das Prinzip von Ursache und Wirkung, das auch für vermeintliche Zufälle einen Grund liefere, die sich mit den bekannten Naturgesetzen nicht erklären ließen. Nach dem Leitspruch „wie oben so unten“ sollen Reaktionen darauf basieren, dass Gleiches Gleiches hervorrufe. Daher rührt zum Beispiel auch die Auffassung, dass Frieden auf Dauer nie mit gewalttätigen Mitteln erreicht oder gesichert werden kann und das Missverständnis, Esoteriker seien grundsätzlich fatalistisch ausgerichtet.

Kritik

Gemeinhin gelten esoterische Lehren als pseudowissenschaftlich.

Kritiker bemängeln an der Esoterik, dass sie wegen ihrer Betonung der spirituellen und intuitiven Erkenntnis im Gegensatz zur wissenschaftlichen Methode keine Möglichkeit biete, zutreffende Erkenntnisse von Fehlschlüssen zu unterscheiden. Behauptungen und Annahmen der esoterischen Lehren können weder belegt noch widerlegt werden, sind also gegenüber wissenschaftlicher Kritik immun. So sind in der alternativen Medizin viele angebliche Heileffekte nicht von Placebo-Effekten zu unterscheiden und schneiden in empirischen Studien sogar teilweise schlechter ab; eine Heilwirkung der Therapie ist somit nicht belegbar und teilweise kann sogar eine Schädigung der Patienten gezeigt werden.

Einige Religionen, wie das Christentum, der Islam oder das Judentum lehnen esoterische Ansichten als Irrglauben ab. Auch von verstandesbetonten Menschen mit naturwissenschaftlicher Überzeugung und atheistischer Lebensauffassung wird die Esoterik als rückschrittlich und Irrtum kritisiert, den die Aufklärung und die Wissenschaft eigentlich schon überwunden hätten.

Es wird zudem kritisiert, dass die Esoterik wegen der mangelnden objektiven Überprüfbarkeit der meisten Behauptungen ein gutes Betätigungsfeld für Scharlatane biete, die es relativ leicht hätten, mit erfundenen Aussagen andere Menschen finanziell oder emotional auszunutzen. Dies kann bis zu weitgehender Abhängigkeit in Sekten gehen.

Gegner als auch Esoteriker selber beklagen auch einen „Supermarkt der Spiritualität“: Verschiedene, teils widersprüchliche spirituelle Traditionen, die über Jahrhunderte in unterschiedlichen Kulturen der Welt entstanden, werden in der Konsumgesellschaft zur Ware, wobei sich verschiedene Trends und Moden schnell abwechseln („gestern Yoga, heute Reiki, morgen Kabbala“), und als Produkt auf dem Markt ihres eigentlichen Inhalts beraubt würden (Lifestyle). Dieser Umgang sei oberflächlich, reduziere Spiritualität auf Klischees und beraube sie ihres eigentlichen Sinns.

Trotz Berufung auf ein gemeinsames Urwissen werden einzelne Begriffe von einzelnen esoterischen Strömungen oft sehr unterschiedlich gebraucht.

Literatur

Weblinks

Pro

Kritisch

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See also: Esoterik, 1980er, Adjektiv, Alchemie, Alternativmedizin, Analogie, Anthroposophie, Aromatherapie, Astrologie, Atheismus