Essentialismus

Inhaltsverzeichnis

Zur Bildung des Begriffs des Essentialismus

Der Begriff Essentialismus wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Pierre Duhem (1861 bis 1916) unter anderem eingeführt, um die Position bestimmter Vertreter des Realismus im mittelalterlichen Universalienstreit zu bezeichnen.

Als essentialistisch kann ein philosophischer Standpunkt bezeichnet werden, wenn dieser davon ausgeht, dass jede Sache eine wahre Essenz besitze, die erfahrbar oder erkennbar sei. Je nach Ansatz wurde das Wesen der Essenz als Seele, Geist, Ideal oder Form postuliert. Jede Sache bilde ferner eine Einheit mit ihrer Essenz.

Zur ideellen Form des Essentialismus nach Platon

Die Beschreibung der Essenz der Dinge als Idee oder Ideal geht auf die Ideenlehre des griechischen Philosophen Platon zurück, der hinter jeder realen Sache ein real existierendes Ideal ihrer Selbst behauptete.

Ein ideeller Essentialismus nimmt insbesondere an, dass Sache und Ideal eine Einheit bilden. Das Ideal wird somit auch Ursache der Entwicklung von Leben.

Evolutionsbiologen und Sozialphilosophen (u. a. Karl R. Popper, Gilles Deleuze) widersprechen dieser ideellen Form des Essentialismus.

Ihrer Kritik liegt zugrunde, dass die Idee eine Fähigkeit des menschlichen Bewusstseins ist, genauer gesagt die Fähigkeit zur Abstraktion und Vereinfachung, zur Generalisierung.

Wenn aber jede Sache im Kern nur eine Vereinfachung von etwas anderem ist, was ist dann dieses andere? Diese Frage wurde später von Hegels Idealismus als Problem erkannt, aber nur umgangen, indem er postulierte, jedes Ding könne sein wahres Ideal nie erreichen, wodurch er die Natur und den Menschen zur ewigen Unvollkommenheit verdammte.

Zur Auseinandersetzung um den methodologischen Essentialismus

In seiner Kritik an der materialistischen Form der Erkennbarkeit der Welt verwendete Karl R. Popper den Begriff des methodologischen Essentialismus. Der methodologische Essentialismus wurde nach der Ansicht von Popper von Aristoteles begründet.

Aristoteles lehrte, dass die wissenschaftliche Forschung zum Wesen der Dinge vordringen muss, um sie zu klären. Die methodologischen Essentialisten haben die Neigung, wissenschaftliche Fragen in Formen wie "Was ist Materie", "Was ist Kraft" zu formulieren.

Popper gibt nun in seiner Kritik an, dass die materialistische Auffassung als Grundlage aller Prozesse "unveränderliche Wesenheiten" (Essentia) annehme, worin sich zeige, dass diese Auffassung ein Nachfolger der scholastischen Philosophie des Mittelalters sei, was sich auch in einer Assoziierung zum Holismus zeigen würde (Popper, in: Das Elend des Historizismus).

Den Gegensatz zum methodologischen Essentialismus bildet nach Popper der methodologische Nominalismus, für den "die Aufgabe der Wissenschaft nur in der Beschreibung des Verhaltens der Dinge" bestehe.

Die Vehemenz, mit der Popper diese Form des methodologischen Essentialismus angreift, erklärt sich daraus, dass dieser die geistige Voraussetzung für das Auffinden objektiver Gesetze, die Annahme einer gesellschaftlichen Entwicklung, strikt negiert.

Allgemeine Kritik am Essentialismus

Ein radikal essentialistisches Paradigma müsste eigentlich den Erkennbarkeitsanspruch aufgeben, und allen Dingen, insbesondere dem Leben, seine höchst variable, auch unbekannte Essenz zugestehen, und zugeben, dass über Wandel und Unbekanntes keine Aussage gemacht werden kann, ohne damit selbst Einfluss zu nehmen, zu manipulieren.

Zum Wirken kommt aber auch heute noch ein projektiver Essentialismus, der unbewusst Essenz im Objekt sucht: dieses Suchen bedeutet Eindringung, Unterwerfung unter den Mechanismus Konform/Nonkonform, was endlich zur Ver-formung nach dem vorgedachten Ideal führt. In diesem Sinne führt der Essentialismus zu einem sich selbst verstärkenden Konformitätsdruck.

Unbewusster Selbstzwang, sich den Projektionen und Urteilen anderer Menschen, der Gesellschaft, eigener gelernter Maßstäbe, auszusetzen, ist seit jeher von verzweifelter Tragik bestimmt. Der bis zum Herzinfarkt getriebene Manager, die traurige Trostlosigkeit des preußischen Ordnungssinns, der Wahnsinn, ein guter Deutscher sein müssen, sind die extremeren Beispiele hierfür.

Aber warum kann der unbewusste Essentialist seinem Schicksal nicht entfliehen, was hindert ihn denn daran? In Beantwortung dieser Frage, lässt sich anführen, dass im 19. Jh. die Kinder strengen und zuweilen grausamen Erziehungsmethoden unterworfen waren. Es ist naheliegend, zu glauben, dass bei vielen dieser Kinder Entwicklungsschritte, über herrschende Konventionen hinauszukommen, gerade innerhalb der Familie, hart sanktioniert wurden und damit effektiv verhindert wurden: das Kind lernt, die Konventionen zu verinnerlichen, was ja auch das Ziel dieser Erziehung war.

siehe auch: kritischer Rationalismus, Nominalismus

See also: Essentialismus, 1861, 1916, 20. Jahrhundert, Aristoteles, Erziehung, Essenz, Gilles Deleuze, Hegel, Holismus