Ethnologie

Ethnologie (grch.: ethnos(fremdes) Volk), auch "Völkerkunde", ist eine der Sozialwissenschaften. Sie erforscht als vergleichende Wissenschaft die verschiedenen Ethnien bzw. Völker der Welt und ihre Kulturen.

Inhaltsverzeichnis

Begriff

Die klassische Völkerkunde wandte ihr Augenmerk vornehmlich der Kultur außereuropäischer schriftloser Völker zu, die überwiegend in die Kategorie indigene Völker fallen, bzw. sich selbst als solche definieren.

Im internationalen (und damit auch im deutschen) Bereich wird Ethnologie zunehmend als ein System vielfältiger miteinander verflochtener Disziplinen verstanden. Anthropologie und Geschichte gehören ebenso hinzu wie Sozialpsychologie, Kultursemiotik oder Ökonomie. Das Feld der ethnologischen Forschung wird vor allem im angelsächsischen Bereich unter den Begriffen "cultural anthropology" (USA) und "social anthropology" (GB) beschrieben. [Achtung: nicht mit "Kulturanthropologie" bzw. "Sozialanthropologie" gleichzusetzten.] Der bedeutende französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss nannte sein Programm auch "strukturale Anthropologie".

In Europa wird zusätzlich die Europäische Ethnologie betrieben (vormals: "Volkskunde"), die als Selbstreflexion der europäischen Kultur das Andere in der eigenen Gesellschaft untersucht. Eigendarstellung ebenda auch die Fachgeschichte.

Gegenstand

Die Ethnologie untersucht die Struktur und Funktion von Gesellschaftssystemen und versucht sie in Modellen darzustellen. Dabei wendet sie sich der gesamten Breite gesellschaftlichen Lebens zu, wie ethnischen Gruppen in städtischen Gesellschaften, Geschlechterdifferenzen, sozialer Schichtung, internationalen Beziehungen wie auch Spezialgebieten wie Medizin-, Wissenschafts-, oder Musikethnologie. Ihr Gebiet reicht von der Archäologie, dem Studium der Religionen mit ihrem Brauchtum (Volkskunst) bis hin zur Sozial- und Individualpsychologie. Biologische Faktoren (Genetik) finden ebenso Berücksichtigung (Soziobiologie) wie maßgebliche philosophische Entwürfe (Strukturalismus). Problematische Begriffe betreffen den der Kultur selbst, die Einheit bzw. die Vielfalt der Kulturen.

Geschichte

Ethnologie in einem weiteren Sinn wurde schon in der griechischen und römischen Antike betrieben. Im 5. Jahrhundert v. Chr. gab Herodot von Halikarnassos bereits eine ausführliche und empirisch gestützte Darstellung der Völker der damals bekannten Welt und ihrer Sitten. Beschreibungen anderen Kulturen finden sich auch bei Platon und Aristoteles und anderen. Für die Neuzeit hat zunächst die Epoche der großen Entdeckungsreisen zu neuen Kontakten mit fremden Völkern geführt, die sich vielfältig in Reiseliteratur und anderen Texten spiegeln (z.B. bei Montaigne, "Über Kannibalen", bei Montesquieu und vielen anderen). Die Geburt der Ethnologie im heutigen Sinne ist im Schatten des Kolonialismus geschehen, und zwar seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie erscheint somit als eine Art verwissenschaftlichten "schlechten Gewissens" der Kolonialpolitik der europäischen Nationen. Daher erklärt sich, daß die Ethnologie eine westeuropäisch geprägte Disziplin ist und ihre wichtigsten Exponenten in den Nationen gefunden hat, die rund um die Welt Macht beansprucht haben, also vor allem England, Frankreich und Deutschland. Von den anderen Kontinenten ausgehend, gibt es keine vergleichbare Wissenschaft des kulturell Fremden. Somit trägt sie exemplarisch den Vorwurf des Eurozentrismus aus. Aktuell sind es vor allem Fragen der Methode, die die Forschung beschäftigen und die auch auf die anderen Sozialwissenschaften ausstrahlen. Als Grundprobleme haben sich herausgestellt: Wie beschreibt man eine fremde Kultur, ohne sie zugleich zu beeinflussen? Wie interpretiert man fremde Lebensweisen, ohne sie in die eigenen Wertmaßstäbe einzuzwängen?

Literatur

Weblinks

Siehe auch: Portal Ethnologie, Ethnobotanik, Liste der Museen für Völkerkunde, Brauchtum; Soziologie

See also: Ethnologie, 5. Jahrhundert v. Chr., Archäologie, Aristoteles, Brauchtum, Claude Lévi-Strauss, Ethnobotanik, Europäische Ethnologie, Eurozentrismus, Friedrich Ratzel