Ethnopluralismus
Ethnopluralismus ist ein zentrales Konzept der Neuen Rechten für eine Politik der internationalen Apartheid, das heißt der räumlichen Trennung der Mitglieder verschiedener Kulturen. Dabei wird von verschiedenen Völkern mit jeweils eigener Identität ausgegangen, die sich nur im angestammten Territorium entfalten kann. Einflüsse anderer Völker gefährden in dieser Theorie die Identität eines Volks, weswegen sich ihre Vertreter strikt gegen Zuwanderung und Multikulturalismus aussprechen.
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Inhalt des Konzeptes
Hinter der beschworenen "kulturellen Identität" der unterschiedlichen Völker verbergen sich sozialdarwinistische Sichtweisen und ein ausgeprägter, allerdings "modernisierter" Rassismus, bei dem lediglich der Begriff Rasse bewusst vermieden wird (siehe Rassismus ohne Rassen). Im Unterschied zum "klassischen" Rassismus postuliert der Ethnopluralismus aber meist keine Höherwertigkeit eines Volkes, wobei die meisten Vertreter, insbesondere Henning Eichberg, der Forderung nach der Vorherrschaft der europäischen Völker bzw. des "Abendlandes" bzw. West- und Mitteleuropas in der Welt erheben. Im Wesentlichen soll jedem Volk das gleiche Recht und der gleiche Anspruch auf seine nationale und kulturelle Identität zugestanden werden, allerdings ausschliesslich "an seinem Platz". Vereinfacht entspricht diesem die unter anderem von Franz Schönhuber und der NPD verwendete Parole "Deutschland den Deutschen, die Türkei den Türken". Letztendlich handelt es sich um eine intellektuelle Umschreibung der rechtsextremistischen Kernforderung „Ausländer raus!“ (siehe auch Fremdenfeindlichkeit).
Wurzeln des Ethnopluralismus und der Weg in die Debatten
Begriff und Konzept des Ethnopluralismus gehen im wesentlichen auf Henning Eichberg zurück, der als einer der führenden Köpfe der Neuen Rechten beide in den 1970er Jahren im Zusammenhang mit einer nationalrevolutionären Befreiungsphilosophie entwickelte. Es handelt sich um ein griechisch-lateinisches Kunstwort, das soviel wie "Völkervielfalt" bedeutet. Einer der bekanntesten internationalen Verfechter ist der "Rechtsintellektuelle" und Begründer der französischen "Nouvelle Droite" Alain de Benoist. In Deutschland wird diese Richtung z.B von Pierre Krebs vom rechtsextremen "Thule-Seminar" vertreten. Einer breiten Öffentlichkeit wurde das Konzept des Ethnopluralismus erstmals Anfang der 1980er Jahre mit dem Heidelberger Manifest bekannt, einem Aufruf deutscher Universitätsprofessoren gegen "Überfremdung". Bis 1992 besaß beispielsweise auch die rechtsextreme Wochenzeitung Junge Freiheit eine eigene Rubrik "Ethnopluralismus", die dann in "Nationalitätenfragen" umbenannt wurde. Die Nationaldemokratische Partei Deutschlands berief sich in einem 2002 veröffentlichten Positionspapier auf ihn.
Ihre historische Wurzeln hat diese Theorie bereits in der Weimarer Republik bei den Denkern der Konservativen Revolution, die sich scharf gegen das Postulat der Gleichheit aller Menschen wandte. So ist von Carl Schmitt der Ausspruch überliefert: "Wer Menschheit sagt, will betrügen."
Zur wissenschaftlichen Fundierung wurden dann in der Nachkriegszeit die Arbeiten einiger Verhaltensforscher wie etwa Irenäus Eibl-Eibesfeldt herangezogen, der auch selbst an der Politisierung seiner Ideen arbeitet. Die Scheu vor "Fremden" sei demnach "stammesgeschichtlich" vorprogrammiert. Auch geht der Ethnopluralismus neben seiner kulturellen Argumentation manchmal soweit, genetische Unterschiede zwischen den Völkern zu behaupten.
Die Argumentation des Ethnopluralismus findet sich bereits im Nationalsozialismus: In einem Erlass des NS-Kultusminister Rust heißt es z.B. die Juden seien nicht abzulehnen und auszuschalten, weil sie schlechter seien, sondern weil sie 'unabweisbar anders' seien. Auch Apartheid in Südafrika mit ihren Homelands oder die historische Rassentrennung in den Südstaaten der USA sind ethnopluralistische Politik.
Kritik
Das Konzept des Ethnopluralismus leistet neben der Legitimationsfunktion für die Trennung von "Rassen", "Völkern" und "Kulturen" eine weiteren entscheidenden Schritt der rechtsextremen Theoriebildung. Wenn es tatsächlich unterschiedliche gleichwertige Kulturen im Sinne dieses Theorems geben sollte, dann sind auch die zugehörigen Moral- und Rechtsvorstellungen partikulär: die Universalität der Menschenrechte wäre nichts als ein tyrannisches Phantasma.
Kritiker des Theorems sagen, dass die Definition eines Volks schwer fällt. So könne nicht von einer Identität eines Volks gesprochen werden. Auch weisen die Kritiker darauf hin, dass sich die Kulturen in der Vergangenheit unter Anderem durch den Austausch mit anderen Kulturen entwickelten. Zum Beispiel hat schon die griechische Philosophie sich in den Küstenregionen am schnellsten entwickelt, da dort der Austausch mit anderen Kulturen am einfachsten war.
Literatur
- G. Çağlar: Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen. Der Westen gegen den Rest der Welt. Eine Replik auf Samuel P. Huntingtons »Kampf der Kulturen«, Münster 2003, ISBN 3-89771-414-0
- Moreau, Patrick: Die neue Religion der Rasse. Der neue Biologismus und die kollektive Ethik der Neuen Rechten in Frankreich und Deutschland, in: Fetcher 1983, S.119
- Wolfgang Gessenharter: Intellektuelle Strömungen und Vordenker in der deutschen Neuen Radikalen Rechten, in: Thomas Grumke/Bernd Wagner, Handbuch deutscher Rechtsradikalismus, Opladen: Leske + Budrich, 2002, S.189-201; siehe insbes. Kapitel "Ethnopluralismus", S.194f. ISBN 3810033995
Weblinks
- www.hausarbeiten.de/ Andreas Beisbart: Das Konzept des Ethnopluralismus in der "Neuen Rechten"
- lexikon.idgr.de/ Informationsdienst gegen Rechtsextremismus über das Konzept des Ethnopluralismus
Rassismus | Alltagsrassismus | Rassentheorien | Institutioneller Rassismus | Rassismus ohne Rassen
Verwandt: Ethnopluralismus | Kulturalismus | Ethnozentrismus | Antirassismus
