Fehlerfreundlichkeit
Fehlerfreundlichkeit ist ein auf Ernst Ulrich und Christine von Weizsäcker zurückgehender Begriff, der zunächst für biologische Systeme definiert wurde, dann aber auf andere Bereiche ausgedehnt wurde (siehe Technikfolgenabschätzung).
"Fehlerfreundlichkeit bedeutet zunächst einmal eine besondere intensive Hinwendung zu und Beschäftigung mit Abweichungen vom erwarteten Lauf der Dinge. Dies ist eine in der belebten Natur überall anzutreffende Art des Umgangs mit der Wirklichkeit und ihren angenehmen und unangenehmen Überraschungen" Ernst Ulrich von Weizsäcker [1]
Für die Fehlerfreundlichkeit müssen drei Komponenten zusammenwirken: "Redundanz, Vielfalt und Barrieren zusammen garantieren lebenden Systemen ihre Fehlerfreundlichkeit und damit ihr Vorbereitetsein auf künftige Ereignisse" Ernst Ulrich von Weizsäcker [1]
Systeme und Netzwerke
Fehlerfreundlichkeit eines Systems bedeutet, dass es so eingerichtet ist, dass (kleine) Fehler nicht zu weit reichenden negativen Folgen oder gar zur Auslöschung des Systems führen. Das System ist also in der Lage aus Fehlern lernen zukönnen. Dies ist z.B. in stabilen Ökosystemen der Fall, da es immer genug Ausweichmöglichkeiten gibt, wenn Störungen auftreten (siehe auch Resilienz).
So kann es z.B. bei vernetzten Systemen gefährlich sein, Redundanzen zuweit zu vermeiden, also das Netzwerk zustark auszudünnen (vergl. Lean Management, Verschlankung, schlanker Staat, schlanke Organisation), da dann unter Umständen Ausfälle von den verbleibenden Bestandteilen des Systems nicht mehr kompensiert werden können (z.B. bei Sicherheitseinrichtungen, aber auch in Organisationen).
Psychologie
Im Kontext der Psychologie (Drogenberatung, Psychodrama) wird Fehlerfreundlichkeit so definiert: Fehler akzeptieren bzw. eingestehen und anschließend auswerten. Fehler werden als Entwicklungchance gesehen, aber auch als Risiko. Auch hier liegt der Schwerpunkt auf der Lernchance die im Fehler steckt. Fehlerfreundlichkeit wird auch im Zusammenhang mit der Entschleunigung diskutiert.
Fehlerfreundlichkeit und Risikobereitschaft
Wird Risikobereitschaft als verantwortliches Handeln verstanden, dann ist Fehlerfreundlichkeit eine notwendige Voraussetzung. Nur in fehlerfreundlichen Systemen führen die Auswirkungen risikofreudigen Entscheidens nicht zu unkalkulierbaren Risiken.
Dis gilt besonders für Technologien und Tätigkeiten mit besonderen Risiken, z.B. bei großtechnologischen Anlagen und im Arbeitsschutz.
Weblink
- [1] Definition der Fehlerfreundlichkeit
- Jochen Krautwald (2002): Fehlerfreundlichkeit - Zusammenfassung des Aufsatzes von Christine und Ernst von Weizsäcker als .pdf
sonstige Links
- Fehlerfreundlichkeit in der Friedensforschung
- Definition in einer Magisterarbeit über Musik
- Uni Oldenburg Abteilung Arbeits- & Organisationspsychologie Publikationen
- Sicherheit als Fehlerfreundlichkeit
Literatur
Weizsäcker, Christine / Weizsäcker, Ernst Ulrich von (1984): Fehlerfreundlichkeit. In: Kornwachs, Klaus (Hrsg.): Offenheit – Zeitlichkeit – Komplexität. Zur Theorie der Offenen Systeme. Frankfurt/New York: Campus. S. 167 - 201.
Wehner, T., Nowack, J., und MEHL, K. (1992). Über die Enttrivialisierung von Fehlern: Automation und ihre Auswirkungen als Gefährdungspotentiale. In T. Wehner (Hg.), Sicherheit als Fehlerfreundlichkeit: arbeits- und sozialpsychologische Befunde für eine kritische Technikbewertung (Sozialverträgliche Technikgestaltung; Bd. 31) (S. 36-56). Opladen: Westdeutscher Verlag.
Ähnliche Thematik:
MEHL, K. (1993). Aus Fehlern lernt mann! Was lernt man wie aus Fehlern? In E. Rümmele (Hg.), Kognitive Repräsentationen über Unfälle und Sicherheitsunterweisungen im Sport (S. 129-140). Köln.
