Flottengesetze
Der Bau der deutschen Schlachtflotte vor dem Ersten Weltkrieg geschah auf der Grundlage der Flottengesetze von 1898, 1900 und den Flottennovellen von 1906, 1908 und 1912. Ziel der Flottengesetze war es, dass die politischen Entscheidungsträger den Aufbau und die Finanzierung der deutschen Flotte nicht mehr aufhalten konnten und ein dauerhafter Bestand im Sinne des "Risikogedankens" gesichert war.
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Risikogedanke
Unter Großadmiral Alfred von Tirpitz wurde der Ausbau der deutschen Schlachtflotte systematisch vorangetrieben. Grundlage für sein Flottenbauprogramm war der so genannte Risikogedanke. Diese Doktrin besagte, dass die deutsche Flotte so groß sein müsse, dass ein Angriff auf sie die Seemachtstellung des Angreifers erschüttere und damit zu riskant sei.
Die Flottengesetze von 1898 und 1900
Das erste Flottengesetz von 1898 enthielt einen sechsjährigen Bauplan und legte den Umfang der Schlachtflotte auf zwei Geschwader mit je acht Linienschiffen fest. Die Schiffe konnten nach Fertigstellung auf Dauer in Dienst gehalten werden, so dass der Reichstag zur Bewilligung der nötigen Mittel gezwungen war. Das zweite Flottengesetz von 1900 verdoppelte den Bestand der deutschen Schlachtflotte. Demnach sollte die deutsche Schlachtflotte aus zwei Flottenflagschiffen und vier Geschwadern mit je acht Linienschiffen bestehen. Hinzu kamen acht große und 24 kleine Kreuzer sowie die Auslandsflotte mit drei großen und vier kleinen Kreuzern.
Die Flottennovellen 1906 und 1908
Mit der Flottennovelle von 1906 reagierte das Reichsmarineamt auf den Bau britischer Schiffe vom Typ Dreadnought. Die Neubauten ließen sich zwar ohne Probleme als Linienschiffe im deutschen Programm unterbringen, allerdings musste der Reichstag die wesentlich höheren Baukosten genehmigen. Zudem wurde der Bau von drei zusätzlichen Schlachtschiffen und sechs großen Kreuzern, die 1900 gestrichen worden waren, bewilligt.
Die Flottennovelle von 1908 brachte hinsichtlich des Flottenbestands keine Änderungen. Sie wurde oftmals auch als eine rein technische Novelle bezeichnet, da sie lediglich die Dienstzeit der Linienschiffe von 25 auf 20 senkte.
Aufgrund dieser beiden Flottennovellen wurde in Großbritannien die Doktrin des "Two-Power-Standards" entwickelt: Der Bau eines deutschen Großkampfschiffes wurde mit dem Bau von zwei gleichwertigen britischen Schiffen beantwortet, um die britische Suprematie zur See zu behalten.
Die Flottennovelle 1912
Die Flottennovelle 1912 stand im Zeichen von Richtungskämpfen zwischen dem Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg und Alfred von Tirpitz. Der Reichskanzler wollte aus finanziellen und außenpolitischen Gründen keine weitere Flottennovelle. Bethmann Hollweg wollte mit Großbritannien eine Entspannung über ein Neutralitätsabkommen erreichen, während Tirpitz den Ausgleich mit Großbritannien über den Flottenbau zu erreichen suchte. Tirpitz sah das von Großbritannien geforderte Verhältnis von 1:2 als nicht akzeptabel an und bot das Verhältnis 2:3 bei den Großkampfschiffen an, da dieses dem Risikogedanken entsprach. Dieses war allerdings für Großbritannien nicht akzeptabel.
Mit der im Mai 1912 verabschiedeten Flottennovelle sollte die deutsche Schlachtflotte bis 1920 auf fünf Geschwader mit je acht Linienschiffen ausgebaut werden. Der Gesamtbestand sah 41 Linienschiffe, 20 große Kreuzer und 40 kleine Kreuzer vor.
Zustand der deutschen Schlachtflotte 1914
Die ehrgeizigen deutschen Pläne waren 1914 noch nicht abgeschlossen. Es war bis zum Kriegsausbruch gerade gelungen drei Geschwader fertigzustellen. Das Verhältnis bei den Großkampfschiffen lag bei 10:16 und somit zwischen den von beiden Seiten angestrebten Verhältnissen von 1:2 beziehungsweise 2:3.
Durchsetzung im Reichstag
Bei der Durchsetzung der Flottengesetze und Novellen hatte Tirpitz mit dem Nachrichtenbüro des Reichsmarineamtes eine hervorragend geeignete Stelle zur Hand. Das Nachrichtenbüro war nur für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und versorgte zum Beispiel den Deutschen Flottenverein mit Materialien. Der Flottenverein war überhaupt ein wichtiges Mittel zur Verankerung des "Flottengedankens" in der Bevölkerung, da er unabhängig vom Reichsmarineamt zu sein schien. Allerdings waren viele seiner Angehörigen aktive oder ehemalige Marineoffiziere und das Reichsmarineamt ermunterte die Offiziere zum Beitritt. Die Zusammenarbeit hinter den Kulissen war bis auf einige Ausnahmen sehr eng. So versicherte der 1908 gewählte Vorsitzende Großadmiral von Köster bei seinem Antrittsbesuch im Reichsmarineamt, dass der Flottenverein stets im Sinne des Amtes handeln werde. Im Reichstag selber regte sich nur 1898 heftiger Widerstand gegen die Flottenpläne. Insbesondere die Freisinnige Partei und die SPD wehrten sich erbittert gegen das Vorhaben. Im Laufe der Jahre reduzierte sich der Widerstand allerdings und letzten Endes stimmten alle bürgerlichen Parteien für die Flotte. Um diese Mehrheiten zu sichern organisierte Tirpitz für die Abgeordneten Studienfahrten zu den Stützpunkten und Manövern der Flotte, die zum Teil begeistert angenommen wurden.
Einsatz im Ersten Weltkrieg
Im 1. Weltkrieg vermied die Royal Navy die von Tirpitz erhoffte Entscheidungsschlacht in der Deutschen Bucht. Stattdessen betrieb sie die Fernblockade der Nordsee. Der Großteil der Flotte musste aufgrund des Versailler Vertrags zerstört oder an die Siegermächte übergeben werden.
Literatur
- Deist, Wilhelm: Flottenpolitik und Flottenpropaganda - Das Nachrichtenbureau des Reichsmarineamtes 1897-1914, Stuttgart 1974
- Epkenhans, Michael: Die wilhelminische Flottenrüstung 1908–1914. Weltmachtstreben, industrieller Fortschritt, soziale Integration, München 1991
- Fernis, Hansgeorg: Die Flottennovellen im Reichstag 1906-1912, Stuttgart 1934
- Fischer, Jörg-Uwe: Parlamentarische Studienfahrten vor 1914: "...den Flottengedanken zu fördern", in: Zeitschrift für Parlamentsfragen (ZParl), Heft 4/2000, Opladen, S.775-786
- Huber, Ernst Rudolf: Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789, Bd.4: Struktur und Krisen des Kaiserreichs, 2. Auflage, Stuttgart u.a. 1982
- Tirpitz, Alfred von: Politische Dokumente, Bd.1: Der Aufbau der deutschen Weltmacht, Stuttgart, Berlin 1924
