Generative Grammatik

Generative Grammatik ist ein Oberbegriff für solche Grammatik-Modelle, mit deren Regelsystem sich alle grammatischen Sätze einer Sprache erzeugen lassen. Häufig wird der Begriff auch synonym zu generative Transformationsgrammatik verwendet. Allerdings sind auch alternative Grammatik-Modelle wie die Head-driven Phrase Structure Grammar oder Lexical Functional Grammar generativ im obigen Sinne.

Der Begriff „Generative Grammatik“ bezeichnet außerdem eine sprachwissenschaftliche Schule, in der solche formalen Grammatiken eine wichtige Rolle spielen.

Generative Grammatik muss von traditioneller Grammatik unterschieden werden, da letztere oft stark präskriptiv (statt deskriptiv) und nicht mathematisch explizit ist und sich meist mit einer relativ kleinen Menge einzelsprachspezifischer syntaktischer Phänomene befasst. Genauso sollte die generative Grammatik von anderen deskriptiven Herangehensweisen unterschieden werden, wie z.B. den verschiedenen funktionalen Theorien.

Die Bezeichnung „generative Grammatik“ kann auch eine bestimmte Anzahl an formalen Regeln bezeichnen, die für eine bestimmte Sprache gelten, man könnte also von der „generativen Grammatik des Deutschen“ sprechen. Eine generative Grammatik in diesem Sinne ist ein formales Mittel, mit der man alle und nur die grammatischen Sätze einer Sprache erzeugen kann. In einem noch engeren Sinne ist eine generative Grammatik ein formales Verfahren (oder ein Algorithmus) mit dem man entscheiden kann, ob ein gegebener Satz grammatisch richtig ist oder nicht.

In den meisten Fällen ist eine generative Grammatik in der Lage, aus einer endlichen Zahl von Lexemen eine unendliche Zahl an Sätzen zu generieren. Diese Eigenschaft ist sehr wünschenswert für ein Modell natürlicher Sprachen, da menschliche Gehirne nur eine endliche Kapazität haben, die Anzahl der möglichen grammatischen Sätze jeder Einzelsprache aufgrund von deren Rekursivität aber unendlich ist (ein triviales Beispiel: jede NP kann durch beliebig viele weitere NPs modifiziert werden, Der Hut der Frau deren Mann die Frau deren Sohn die Tochter [...]). Performanzbedingt sind derart verschachtelte Sätze zwar nur mit Mühe zu verstehen, sie sind aber nichtsdestotrotz grammatisch.

Generative Grammatiken können mit Hilfe der Chomsky-Hierarchie verglichen und beschrieben werden, die von Noam Chomsky in den 50er Jahren entworfen wurde. Diese ordnet eine Reihe von verschiedenen Typen formaler Grammatiken nach ansteigender expressiver Kraft. Unter den einfachsten Typen sind die regulären Grammatiken (Typ 3). Chomsky behauptete, dass reguläre Sprachen nicht ausreichend als Modell für menschliche Sprachen sind, da alle Sprachen die Einbettung von Nebensätzen in Sätze in einer hierarchischen Anordnung erlauben.

Auf einer höheren Komplexitätsebene sind die kontextfreien Grammatiken (Typ 2). Die Ableitung eines Satzes durch eine kontextfreie Grammatik kann als Baumstruktur abgebildet werden. Sprachwissenschaftler, die im Feld der generativen Grammatik arbeiten, betrachten solche Bäume oft als ihr hauptsächliches Studienobjekt. Dieser Ansicht zufolge sind Sätze nicht nur Ketten von Wörtern, sondern Bäume mit unter- und übergeordneten Ästen, die durch Knotenpunkte verbunden sind.

Das Baummodell funktioniert in etwa wie in diesem Modell, in dem S ein Satz ist, D ein Determinans, N ein Nomen, V ein Verb, NP eine Nominalphrase und VP eine Verbalphrase:

                    S
                  /     \
                NP      VP   
               / \     /   \  
              D   N    V    NP
            Der Hund  fraß  / \
                           D   N
                          den Knochen
 

Der Satz, der dabei herauskommt, ist “Der Hund fraß den Knochen”. Ein solches Baumdiagramm wird auch als Phrasenstrukturmodell bezeichnet. Der Baum kann auch als Text dargestellt werden, auch wenn der schwieriger zu lesen ist:

[S [NP [D Der ] [N Hund ] ] [VP [V fraß ] [NP [D den ] [N Knochen ] ] ] ]
 

Chomsky war allerdings zu einem Zeitpunkt der Meinung, dass auch die Phrasenstruktur nicht ausreicht, um natürliche Sprachen zu beschreiben. Um das zu beheben, formulierte er das komplexere System der Transformationsgrammatik.

Als die generative Grammatik zum ersten Mal beschrieben wurde, wurde sie als eine Methode bejubelt, mit der man die impliziten Regeln formalisieren kann, die jeder Mensch „kennt“, wenn er seine Muttersprache spricht und in ihr grammatische Sätze formulieren kann. Chomsky hat allerdings diese Interpretation wiederholt abgelehnt. Ihm zufolge ist die Grammatik das, was ein Mensch wissen muss um zu erkennen, ob eine Äußerung grammatisch ist, aber sie ist keine Hypothese über den Prozess, der beim Verstehen und Produzieren von Sprache abläuft.

Auf jeden Fall ist es in der Realität so, dass die meisten Muttersprachler viele Sätze ablehnen würden, die von der Phrasenstrukturgrammatik produziert werden. Obwohl zum Beispiel sehr tiefe Einbettungen von der Grammatik erlaubt werden, werden solche Sätze von den Zuhörern nicht akzeptiert und die Grenze des Akzeptablen ist eine empirische Sache, die je nach Person unterschiedlich ist, und nicht etwas, das von einer formalen Grammatik beschrieben werden kann. Folglich hat der Einfluss der generativen Grammatik auf die empirische Psycholinguistik stark abgenommen.


Übersetzung aus der englischen Version von Wikipedia


Kategorie:Linguistik

See also: Generative Grammatik, Baumdiagramm, Chomsky-Hierarchie, Deskriptiv, Gehirn, Generative Transformationsgrammatik, Grammatik, Head-driven Phrase Structure Grammar, Kontextfreie Grammatik, Lexem