Geschichte der Erforschung der Aale
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Die Geschichte der Aale war lange Zeit mysteriös, und vieles ist auch heute noch ungeklärt. Aristoteles gilt als der erste Aal-Forscher. Er glaubte, dass Aale von Erdwürmern geboren werden, dass sie aus dem Staub ohne Befruchtung erwachsen, dass sie aus den "Eingeweiden feuchten Schlammes" schlüpfen können. Lange Zeit konnte ihn niemand widerlegen. Später glaubten Wissenschaftler, dass die Aalmutter Zoarces viviparus die Aale gebiert.
1777 entdeckte dann aber der Italiener Mondini die Gonaden und wies nach, dass Aale Fische sind.
Bis 1893 wurde eine transparente, weidenblattartige, durchsichtige Ozeankreatur als eine eigene Art geführt: Leptocephalus brevirostris (aus dem Griechischen Leptocephalus - Dünn- oder Flachkopf).
Bereits 1886 zeigte Yves Delage in einem Labor im französischen Roscoff, dass es sich bei der "Art" Leptocephalus morisii um junge Seeaale handelte. (Die Weidenblattlarve war bereits früher als Larve z.B. von Muränen eingeschätzt worden.)
framed|Weidenblattlarve des Meeraals
Ab 1887 untersuchte der italienische Zoologe Professor Giovanni Batista Grassi mit seinem Kollegen Calandruccio im Mittelmeer Leptocephali. 1894 publizierten sie die Feststellung, dass der die bisherige "Art" Leptocephalus brevirostris die Larve des europäischen Aals darstelle.
Der Name für die ungewöhnliche Larvenform wird noch heute benutzt. Die Suche nach dem Laichgebiet blieb aber erfolglos und es ist bis heute noch nicht vollständig geklärt, wie die Aale sich fortpflanzen. Wir wissen mehr über andere Planeten als über die ersten Tage der Aale.
Der Däne Johannes Schmidt, begann 1904 von der Königin und der CARLSBERG STIFTUNG Geldmittel einzuwerben und stattete im Laufe der Jahre viele Expeditionen aus, die zuerst bis in das Mittelmeer und dann weiter und weiter hinaus in den Atlantik führten. Aus der Ähnlichkeit aller Leptocephali, folgerte er, dass sie alle von der gleichen Elternart abstammen müssen. Je westlicher er in den Atlantik vordrang, desto kleinere Leptocephali gingen ihm ins Netz. Im Jahre 1922 kreuzte er südlich von Bermuda, wo es ihm gelang, die kleinsten je gesehenen Aal-Larven zu erbeuten: in der Sargassosee, dem Teil des Atlantiks, der seit jeher als einer der geheimnisvollsten Orte des Planeten galt, mit Wassertiefen von über 5000 Metern. Aber das Ablaichen selbst, oder ein laichreifes Elterntier ist noch nie in der Natur beobachtet worden. Aus der Größenverteilung der Larven folgernd formulierte Schmidt diesen Teil der Lebensgeschichte:
framed|left|Verteilung und Größe der Leptocephalus Larven des Europäischen Aals, Anguilla anguilla.
Die Larven des Europäischen Aales wandern mit dem Golfstrom über den Ozean und erreichen nach drei Jahren England bei einer Größe von 45 mm. Der berühmteste Ort für den massenhaften Fang von Glasaalen (als Delikatesse und als Salzaal) ist Epney am Severn in England. Sie wandern dann die Flüsse hinauf, überqueren alle möglichen Hindernisse, oft indem sie ihre Körper aufeinander türmen, zu Hunderttausenden, und erreichen so die kleinsten Bäche und Rinnsale. Sie schlängeln sich selbst durch nasses Gras und wühlen sich durch feuchten Sand, oft viele Hunderte Meter in der Erde. So erreichen sie Teiche und Tümpel und kolonisieren den Kontinent. Im Süßwasser beginnen sie Pigmente zu entwickeln und verwandeln sich in braune Elvers. Sie fressen nun Krebstiere, Würmer und Insekten. In 10 bis 14 Jahren wachsen sie zu einer Länge von 60 bis 80 cm heran. Sie werden jetzt aufgrund ihrer goldgelben Färbung Gelbaale genannt.
Aber dann eines Tages im Juli treibt sie ihr Instinkt zurück zum Meer: sie wandern des Nachts über feuchte Wiesen, zurück in ihre Bäche, ihre Flüsse bis ins Meer. Die Aalwanderung in der Ostsee durch die dänischen Belte war die Basis für eine große traditionelle Fischerei mit charakteristischen Netzen (Bundgarn).
Ob die Erwachsenen es je schaffen, eine 6000 km weite Ozeanreise zu ihren Laichgründen nördllich der Antillen, Haiti und Puerto Rico zu bewältigen bleibt Spekulation. Zu der Zeit, in der sie den Kontinent verlassen, bilden sie ihren Verdauungstrakt zurück, und sind von da an allein auf ihre Energiereserven angewiesen. Ihr Körper erfährt weitere drastische Veränderungen: die Augen wachsen, die Pigmente in den Augen passen sich den Verhältnissen des schwachen, bläulichen Lichtes des klaren Ozeanwassers an, die Körperseiten werden silbrig, gut angepasst um auf der langen, vor ihnen liegenden Ozeanreise so wenig wie möglich gesehen zu werden, vorbei an den dort wartenden diversen Fressfeinden. Viele nennen die Aale jetzt Silberaale oder "Big Eyes".
Der deutsche Biologe Friedrich-Wilhelm Tesch, einer der bekanntesten Aalexperten und Autor des Buchs Der Aal, stattete viele Expeditionen mit Hightech-Instrumenten aus, um die Aalwanderungen zu verfolgen, erst entlang der Ostsee, dann entlang der Küsten von Norwegen und England, verlor dann aber schließlich die Transmitter-Signale am Kontinentalhang, als die Batterien starben. Auch auf der von Tesch 1979 geleiteten ersten deutschen Sargasso-Meer-Expedition wurden laichreife Aale nicht gefunden. So beruht unser Wissen über das Leben der Aale im offenen Ozean auf drei Aalen, die im Magen eines Tiefseefisches gefunden wurden, und Walen vor Irland und den Azoren, sowie einem Experiment mit 5 Aalen.
[[bild:rostrataluk.jpg|framed|Glasaal auf dem online in situ Mikroskop des Longterm Ecological Observatory Projektes]] Niemand weiß warum, aber seit den mittleren 1980ern hat die Anzahl der ankommenden Leptocephali und Glasaale im Frühjahr darastisch abgenommen, in Deutschland auf 1/10, Frankreich auf 1/7 - darüber stimmen selbst konservative Experten überein. Auch aus Maine und von anderen nordamerikanischen Küsten werden Rückgänge gemeldet, wenn auch nicht so drastische. In New Jersey wurde ein Projekt gestartet, um mit neuesten IT-Systemen und einem online in situ Mikroskop die Glasaalwanderung besser zu untersuchen. Sobald das Internet schnell genug wird, um Video zu tragen, wird man sich jederorts in das System der LEO-sites einloggen können.
In Europa konnte bereits 1997 die Nachfrage nach Glasaalen nicht gedeckt werden. Selbst Händler aus Asien erschienen und kauften alles auf. Das traditionelle "Aal-Besatz-Programm" konnte nicht länger konkurrieren: jede Woche stieg der Preis für ein Kilogramm um weitere 60 DM. Lange bevor die '97 Generation überhaupt die Küsten erreichten, hatten allein die Händler aus China Bestellungen gesetzt für 250,000 kg, wobei Gebote von über 2200 DM per kg keine Seltenheit waren.
Der Bedarf an Glasaalen explodierte in den nächsten drei Jahren. Deutschland importierte Aale im Wert von über 100 Millionen DM. In Europa werden 25 000 000 kg jedes Jahr konsumiert (Adulte), und in Japan über 100 000 000 kg im Jahr 1996. Neue Aquakulturanlagen sprießen in China jeden Monat aus dem Boden, modernste Fabriken, und die Kapazität des Japanischen Aals Anguilla japonica ist längst um Größenordnungen überschritten. Bisher gelang es nicht, Aale künstlich aufzuziehen. Japan stellte gerade 4 privaten Zuchten über 14 Millionen DM an Forschungsmitteln zur Verfügung. Eier von künstlich abgelaichten Aalen (mit Hormonen) sind 1 mm groß, jedes Weibchen kann 2 bis 10 Millionen Eier produzieren.
Da sind Befürchtungen, dass der europäischen Population eine weitere Gefahr droht: durch Infektionen mit Anguillicola crassus, einem fremden Parasiten (Nematode), der in der Schwimmblase von Aalen lebt. Dieser Parasit aus Ostasien (ursprünglicher Wirt: Anguilla japonica) erschien zum ersten Mal in Europäischen Aalen Anfang der 1980er Jahre. Seit 1995 wird er auch aus den USA (Texas und South Carolina) gemeldet, wahrscheinlich eingeschleppt durch unkontrollierte Aquakultur-Importe. In Europa sind die Populationen bereits zu 30 % bis 100 % mit dem Nematoden infiziert. Kürzlich wurde aufgezeigt, dass der Nematode die Funktion der Schwimmblase als hydrostatisches Organ beeinträchtigt (Wuertz et al. 1996). Für einen Ozeanwanderer, besteht ohne die Tragekapazität der Schwimmblase (ca. 3-6 % des Körpergewichtes) kaum Hoffnung, dass er je den Ozean überqueren kann, ausschließlich auf die gespeicherten Energien angewiesen.
framed|Verteilung und Größe von Leptocephali des amerikanischen Aales, Anguilla rostrata.
Es gibt eine weitere atlantische Aal-Spezies: den Amerikanischen Aal, Anguilla rostrata. Erst glaubte man, sie wären gleichen Ursprungs, so ähnlich sind sie in Habitus und Verhalten. Aber vor einigen Jahren zeigten genetische Arbeiten, dass es zwei getrennte Arten sind. Die Laichgebiete müssen aber ziemlich nahe beieinander liegen. Sie wandern in die Flüsse der Ostküste im Februar und sind gerade gefragte Beute von weltweit operierenden "Dealern": Sie kaufen die Glasaale von Fischern und Abenteurern auf, die in günstigen Nächten weit über 10 000 Dollar erbeuten können, und verfrachten die Glasaale zu Aquakultur-Farmen in Asien. Sie erlangen Preise viermal so hoch wie Silber und seit 1995 gibt es an der Ostküste einen "Gold Rush", der teilweise mit Pistolen ausgetragen wird und oft Schlagzeilen macht.
