Geschichte der Geschichtswissenschaft

Die Geschichte der Geschichtswissenschaft beginnt zwar schon in der Antike, Geschichtswissenschaft wird aber erst seit dem 19. Jahrhundert systematisch betrieben.

Inhaltsverzeichnis

Einführung


Es gibt eine lange und vielfältige Tradition von Geschichtsschreibung in den verschiedensten Kulturkreisen. Diese Werke waren aber in den allermeisten Fällen rein zweckpraktischer Natur (z.B. kommentierte Herrscherlisten, astronomische Kalender etc.) oder wurden als eine Gattung der Literatur verfasst und rezipiert. Im Verlauf der Geschichte der Geschichtsschreibung entwickelten einzelne Autoren immer wieder Ansätze zu einer wissenschaftlichen, methodischen Durchdringung des behandelten Stoffs, auf die spätere Historiker auch zurückgriffen, eine systematische, allgemein anerkannte wissenschaftliche Methodik entstand aber erst Anfang des 19. Jahrhunderts. Diese Entwicklung verlief allerdings nicht gleichförmig, so wurde das Fundament der Quellenkritik für die Altertumswissenschaft bereits in der Renaissance gelegt. Im 19. Jahrhundert entwickelten Wilhelm Wachsmuth und Johann Gustav Droysen die ersten grundlegenden methodischen Anleitungen für ein Geschichtsstudium, die sogenannte Historik. Auch der Institutionalisierungsprozess der Geschichte als akademisches Fach ist im 19.Jahrhundert zu verorten. Anfangs noch Teildisziplin anderer Wissenschaften wie der Rechtswissenschaft, etablierte sich die "Geschichte" als eigenständige Disziplin.

19. Jahrhundert

Hauptcharakteristik der Geschichtsschreibung 19. Jahrhundert

Die Geschichte als wissenschaftliche Disziplin beginnt sich mit den preußischen Reformen im Jahre 1810 unter Wilhelm von Humboldt zu etablieren für die Einführung solcher wissenschaftlich-systematischer Kategorien. Das wissenschaftliche Konzept nennt man auch Historismus. Barthold Georg Niebuhr setzt in seiner Römischen Geschichte von 1812 erstmalig dieses wissenschaftliche Konzept um. Unverkennbar steht das im Zusammenhang mit der Reorganisation des preußischen Staatswesens mit einer antinapoleonischen Zielstellung. Leopold von Ranke entwickelt etwas später eine quellenkritische Methode zur Geschichtsschreibung, die eine Verbindung herstellt zwischen der erzählenden Methode, wie wir sie seit der Aufklärung kennen und der neuen quellenkritischen Methode, die die Geschichte auf die Grundlage der überlieferten Quellen stellt. Letztere hat allerdings das Primat. Die literarische Aufgabe der Geschichtsschreibung insgesamt wird nicht zwingend infragegestellt. So ist es nicht zufällig, daß im Jahre 1902 Theodor Mommsen für seine "Römische Geschichte" den Nobelpreis für Literatur erhält.

Im wesentlichen ist die Geschichtsschreibung die primäre Personen- und Staatengeschichte. "Männer machen die Geschichte", wie einst Heinrich von Treitschke sagte. Die Kulturgeschichte oder auch Sozial- und Wirtschaftsgeschichte wird in der zünftigen deutschen Geschichtswissenschaft als sekundär aufgefaßt, wenn wir Johannes Janssen einmal ausnehmen, der gerade die sozialen Folgen der Reformation betont. Jedoch kommen hier konfessionelle Besonderheiten zum tragen. Es kommt Ende des 19. Jahrhunderts auch zu einem Methodenstreit mit Karl Lamprecht, für den Personen und Staaten sekundär sind, während die kultur- und sozialgeschichtlichen Prozesse das Primäre sind. Wie sehr Lamprechts Auffassungen an die Grundlagen bisheriger Geschichtsdarstellung rütteln, zeigt sich an den Reaktionen seiner Gegner, die ihm auch des Positivismus und Materialismus bezichtigen. Das kommt auch daher, als ein Band seiner Deutschen Geschichte von dem sozialdemokratischen Historiker Franz Mehring positiv rezensiert wird. Zu seinen entschiedendsten Gegnern zählen Georg von Below, Felix Rachfahl, Heinrich Rickert und Max Lenz. Die Auseinandersetzungen tragen dabei nicht selten das Gepräge offener Feindseligkeit, bei denen die eigentliche Diskussion zurücktritt. Einzelne Streits wie zwischen Dietrich Schäfer und Eberhard Gothein, die sich vorher abspielten, erlangten nicht diese grundsätzliche Schärfe. Im Grunde stellte die Naturwissenschaft, die eine generische Methode hat, die deskriptive Methode, wie sie in der Geschichtswissenschaft angewandt wird, infrage. Man nennt das auch die "Krise der Geschichtswissenschaft", so jedenfalls ist bei Luise Schorn-Schütte zu finden. Die bisherige Methode der Geschichtsschreibung trägt den neuen sozialen Anforderungen durch die Industrialisierung nicht entsprechend Rechnung. Lamprecht sucht hierzu nach entsprechenden methodischen Alternativen. Lamprecht versucht unter dem Einfluß des Psychologen Wilhelm Wundt und dessen Völkerpsychologie die Kulturzeitalter von der psychischen Beschaffenheit des Volkes abhängig zu machen und entwickelt daraus seine Theorie der Psychogenese. Auch wenn allgemein der Zustand der Volksseele anerkannt wird als zu berücksichtigenden Faktor, so verwirft man in der Regel Lamprechts Ansatz für die Universalgeschichtsschreibung.

In den anderen Staaten Westeuropas und in den Vereinigten Staaten von Amerika können wir einen analogen Prozeß beobachten. Auch hier wird zunächst Staatengeschichte geschrieben. Für Frankreich wollen wir hier einmal beispielsweise die Namen nennen Alexis de Tocqueville, Adolphe Thiers und Jules Michelet. Für England nennen wir hierbei Thomas Babbington Macaulay. Allerdings im Unterschied zur deutschen Geschichtswissenschaft wird der methodologische Ansatz von Karl Lamprecht positiv aufgenommen. Das wiederum hat seine Ursachen, weil seine Geschichtsauffassung die Entwicklung der sozialen Verhältnisse stärker berücksichtigt als es sonst in der deutschen Geschichtswissenschaft der Fall ist. Im Westen sucht man auf solche Fragen verstärkt Antworten. Nicht zufällig studieren besonders viele ausländische Studenten in Leipzig bei Lamprecht. Sehr viel stärker wirkt in der westlichen Geschichtsschreibung die philosophische Auffassung des Positivismus (Auguste Comte, Henry Thomas Buckle), welche in der deutschen Geschichtsschreibung weitgehend abgelehnt wird, wenn wir von Karl Lamprecht einmal absehen.

Institutionen

Insgesamt vollzieht sich ein Wandel auch an den Universitäten, wo bislang die Geschichte in Rahmen der Philosophie und der Rechtswissenschaft gelehrt wird, hin zur Herausbildung einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin. Das betrifft zum einen die Herausbildung von institutionellen Strukturen wie auch den Professionalisierungsprozeß an sich, der sich in der Ausprägung der Ausbildung von Fachistorikern und Lehrern äußert. In Deutschland vollzieht sich dieser Prozeß bereits zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In den USA und Frankreich bereits Mitte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In Großbritannien dagegen erst kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts.

20. Jahrhundert

Im beginnenden zwanzigsten Jahrhundert kommt es allerdings zu einer verstärkten Hinwendung zur Kultur, -Wirtschafts- und Sozialgeschichte, ohne allerdings die politische Geschichte zu vernachlässigen. Das geschieht unter maßgebenden Einfluß von Karl Lamprecht und dem Begründer der Soziologie Max Weber. Zunächst müssen wir für die weitere Entwicklung sagen, daß zunächst Sozialgeschichte sich mit den Strukturen der Gesellschaft befaßt. Später, in den 1980er Jahren kommt es zu einer deutlichen Akzentverschiebung zur Alltagsgeschichte. Von dieser ausgehend kommt es zur Herausbildung einer historischen Sozialwissenschaft. Das bedeutet eine verstärkte Verbindung von Geschichtswissenschaft und Soziologie. Die letztere Grundlagendisziplin erfährt hierbei eine deutliche Aufwertung. Weiterhin muß hier die Annales-Schule der französischen Geschichtswissenschaft genannt werden, welche eine Strömung darstellt, die versucht, Methoden benachbarter Disziplinen wie der Soziologie oder Geographie in die Geschichtsbetrachtung zu integrieren. Wichtige Vertreter sind Lucien Febvre und Marc Bloch. In der marxistischen Literatur wird der sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Aspekt ohnehin besonders betont, weil die Frage nach den Produktionsverhältnissen von außerordentlicher Bedeutung ist. Seitens der amerikanischen Sozialgeschichtsforschung ging man seit den beginnenden 1980er Jahren dazu über, zu Einzelaspekten der jüngeren Alltagsgeschichte auch mündliche Quellen, also Informationen durch gezieltes Befragen von Personen, zu sammeln und auszuwerten. Diese Methode ist als "oral history" in die Geschichte der Geschichtswissenschaft eingegangen. Inzwischen ist sie weltweit verbreitet. Zu den bedeutendsten deutschen Historikern dieser Zeit gehören Thomas Nipperdey und Hans-Ulrich Wehler. Ebenfalls in den 1980er Jahren kam es zum sogenannten "paradigm breakdown" (deutsch Paradigmenwechsel) bzw. zum "linguistic turn" in den Sozialwissenschaften. Unter dem Einfluß des Postmodernismus bzw. des Poststrukturalismus kam es zu einer Abkehr von dem Anspruch, historische Wahrheiten "hinter" Sprache und Diskurs zu entdecken. Man wandte sich statt dessen dem Diskurs selbst als Ausdruck sozialer Bedeutung zu. Als Wegbereiter dieses Ansatzes können Michel Foucault sowie der Geschichtstheoretiker Hayden White gelten. Infolgedessen traten eine Vielzahl neuer Fragestellungen und Methoden auf, so z.B. die Neue Kulturgeschichte, die historische Anthropologie, die Mikrogeschichte sowie die Frauen- und Geschlechtergeschichte (im Rahmen der Gender Studies).

Die Ereignisse des 2. Weltkrieges führen in den 1980er Jahren in der deutschen Geschichtswissenschaft zu einem sogenannten Historikerstreit, der hauptsächlich zwischen Jürgen Habermas, Ernst Nolte und Michael Stürmer ausgetragen wird. Hier stehen Fragen der Vergangenheitsbewältigung und der Aufarbeitung der Vergangenheit des Nationalsozialismus oder dessen Revisionismus zur Debatte. Sehr deutlich zeigt sich hier die große Schwierigkeit der Geschichtswissenschaft, das Phänomen Nationalsozialismus wissenschaftlich und methodische aufzuarbeiten, ohne daß Vorwürfe wie "Geschichtsrevisionismus" oder Ähnliches laut werden. Das betrifft im besonderem Maße die Problematik des Holocaustes.

Allerdings bleiben die Bereiche der Alten Geschichte, der Mediävistik und auch die Geschichte der Frühen Neuzeit weiterhin wichtige Betätigungsfelder der Geschichtswissenschaft, wobei auch ein breites Interesse der Öffentlichkeit für die Geschichte des Mittelalters festzustellen ist (wenn auch oft durch populäre Vorstellungen verzerrt).

Ab den 1990er Jahren spricht man anstatt von Weltgeschichte immer stärker von Globalgeschichte oder Global History, mit dem Ziel, den nationalstaatlichen Habitus, der der Weltgeschichtsschreibung anhaftet, zu überwinden. Dieses Ziel verfolgt auch die transnationale Geschichte oder die histoire croiseé.

Literatur

Siehe auch

Weblinks

See also: Geschichte der Geschichtswissenschaft, 19. Jahrhundert, 1902, Adolphe Thiers, Alexis de Tocqueville, Alltagsgeschichte, Alte Geschichte, Alternative, Altertumswissenschaft, Annales-Schule