Geschichte Südtirols

Die Geschichte Südtirols beginnt mit den Verträgen von Saint Germain im Jahr 1919, in denen diese Region von den Siegermächten des ersten Weltkrieges dem italienischen Staat zugesprochen und damit zur nördlichen Region Italiens wurde. Zuvor war die Region mit dem Tiroler Land (im heutigen Österreich) verbunden und gehörte der Habsburger Kaisermonarchie Österreich-Ungarn. Im Mittelalter gehörte das von Baiern, Langobarden und Rätoromanen besiedelte Land zum Teil zu Bayern und zum Teil zu Italien; von den Grafen von Tirol geeint ging es 1363 über an das Haus Habsburg und war Teil der Gesamtregion Tirol (im Deutschen Reich bzw. HRR). Deren Geschichte findet sich unter Geschichte Tirols.

Inhaltsverzeichnis

1918 - 1939

Anschluss an Italien

Nach dem für das Habsburger Vielvölkerreich (Kaiserreich Österreich-Ungarn) verlorenen Ersten Weltkrieg wurde 1920 das zu 97 % deutschsprachige Südtirol von Italien annektiert. Dies kam durch den Umstand zustande, dass die Truppen des Habsburger Kaisers den vereinbarten Waffenstillstand 24 Stunden zu früh, nämlich am 3. November, angetreten hatten und die italienischen Truppen dadurch die österreichisch-ungarischen Stellungen überwinden und innerhalb weniger Tage von der Front im Trentino bis nach Innsbruck vorstoßen konnten.

Obwohl die neue Republik Deutschösterreich ganz Deutschtirol für sich beanspruchte, wurde im Friedensvertrag von Saint Germain die Angliederung des südlich des Brenner liegenden Teils Tirols, gegen den Willen der Südtiroler, an Italien besiegelt: England und Frankreich hatten bereits im Londoner Vertrag von 1915 Italien die Brennergrenze und andere Gebiete zugesichert, um dessen Kriegseintritt an der Seite der westlichen Alliierten zu erkaufen. In Österreich, vorwiegend in Innsbruck, wurden daraufhin als Solidaritätsbekundungen Straßen und Plätze nach Südtiroler Orten umbenannt.

1921 kamen die Schlägertrupps der faschistischen Partei Italiens (Schwarzhemden) auch nach Südtirol, wo sie vornehmlich Überbleibsel und Symbole der ihr „verhassten Doppelmonarchie” (etwa Donauadler) zerstörten. Vorläufiger Höhepunkt dieser Szenarien war ein Übergriff auf einen Trachtenumzug in Bozen am 24. April 1921, bei dem der Marlinger Lehrer Franz Innerhofer ermordet wurde. Am 2. Oktober 1922 zogen 700 italienische Faschisten nach Bozen und besetzten das Rathaus unter den Augen der Polizeikräfte, die aber nicht einschritten.

Mit der Machtergreifung des Duce Benito Mussolini begann für die Südtiroler der Beginn der Italianisierung und eine Phase der Unterdrückung. Die folgenden Zeiten trugen vor allem die Handschrift des extremen Faschisten Ettore Tolomei, ein Mann aus dem Trentino, der sich die Italienisierung Südtirols zur Lebensaufgabe gemacht hatte. Ab 1923 wurden sämtliche Orts- und Flurnamen italienisiert und die Verwendung des Names Tirol verboten. Bereits 1916 hatte Tolemei eine Liste herausgegeben, in der die Ortsnamen ins italienische übersetzt waren, teilweise schlichte Übersetzungen der gebräuchlichen deutschen Namen. Auch die deutschen Familiennamen der Bevölkerung waren darin bereits übersetzt (Details zum Werk Tolomeis).

Zwischen 1923 und 1925 wurde Italienisch zur einzig zugelassenen Amts- und Gerichtssprache, deutschsprachige Zeitungen wurden verboten. Ab 1927 durften Michael Gampers Dolomiten und einige andere Zeitschriften aus dem (damals) kirchlichen Verlagshaus Athesia wieder erscheinen. Ab 1924 stand Südtirol außerdem unter Militärprotektorat; Gebäude durften nur nach Zustimmung des Militärs errichtet werden.

Im Zuge der faschistischen Schulreform von 1923 wurde in den folgenden Schuljahren an allen Schulen die deutsche Sprache verboten. Kirchliche Schulen mussten sich ebenfalls fügen oder schließen. Einzig die Knabenseminare Vinzentinum in Brixen und Johanneum in Dorf Tirol konnten auf grund der Lateranverträge von 1929 weiterarbeiten.

Als kein Protest die Wiedereinführung der deutschen Sprache brachte, mussten neue Formen gefunden werden. Im Schuljahr 1925/26 nahmen die deutschen Geheimschulen (Katakombenschulen) ihre Tätigkeit auf.

In diese Zeit fällt auch der Bau des bis heute umstrittenen faschistischen Siegesdenkmals von 1928 und die Zerstörung von Denkmälern aus der Habsburger Kaiserzeit.

1928 begann die 2. Phase der Italianisierung. Da die bisherigen Bemühungen nicht von großem Erfolg gekrönt waren, wurde in Bozen eine große Industriezone angelegt. Firmen erhielten großzügige Subventionen und Steuerbegünstigungen, wenn sie Niederlassungen in Bozen errichteten. So wurde innerhalb weniger Jahre die Einwohnerzahl Bozens durch italienische Zuwanderer vervielfacht (Die Bevölkerung wuchs von 30.000 Einwohnern zur Jahrhundertwende auf zwischenzeitlich bis zu 120.000).

1939 - 1945

Als 1938 der Diktator des Dritten Reiches Adolf Hitler seine österreichische Heimat an das Deutsche Reich anschloss, schöpften viele Südtiroler neue Hoffnungen auf Loslösung vom italienischen Staat und Wiedervereinigung mit dem übrigen Tirol. Am Brenner wehte die Hakenkreuzfahne und viele Südtiroler hofften, Hitler würde das Land heim ins Reich holen. Die Enttäuschung folgte als Details über das Hiter-Mussolini Abkommen (1939) bekannt wurden. Danach sollten die Einwohner Südtirols optieren zwischen Verlassen der Heimat und Reichsbürgerschaft oder italienische Staatbürgerschaft. Die zweite Möglichkeit war zudem verbunden mit der (fast sicher geglaubten) Möglichkeit, nach unterhalb des Flusses Po deportiert zu werden. Später stellte sich jedoch heraus, das dies eine Lüge des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels war. Rund 86% der Südtiroler Bevölkerung entschieden sich daraufhin für die Umsiedlung ins Reich. (Damit hatten weder die italienischen Faschisten noch Hitler gerechnet.) Tatsächlich ausgewandert sind bis zum Sturz des Diktators Mussolini nur einige tausend Südtiroler.

Nach dem Sturz Mussolinis, dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht und Errichtung der Operationszone Alpenvorland im Jahr 1943, wurde sowohl die Auswanderung der Optanten als auch die Zuwanderung von Italienern beendet. Der Einzug der deutschen Truppen wurde daher in Südtirol zunächst mit Begeisterung aufgenommen. Die NSDAP war zwar in Südtirol nie zugelassen worden (sehr wohl aber der NSDAP nahestehende Verbände, wie der VKS, der Völkische Kampfring Südtirols), aber auch hier fand das Nazi-Regime (über das eigene Heimatanliegen hinaus) seine Unterstützer, denn - wie sich später herausstellte - waren auch einige Südtiroler in Kriegsverbrechen verwickelt. Es kam auch häufig zu gewaltätigen Auseinandersetzungen zwischen Dableibern und Optanten.

Zwischen 1943 und 1945, während die Nationalsozialisten das Land beherrschten, waren mehr Todesopfer zu beklagen, als während der Zeit des faschistischen Regimes von 1922 bis 1942. In diese Zeit fällt auch die Errichtung eines Durchgangslagers in Bozen, unter Mischa Seifert.

Widerstand gegen den Nationalsozialismus kam selten vor (mit Ausnahme einiger Widerstandsgruppen, wie dem Südtiroler Andreas-Hofer-Bund). Kurz nach Kriegsende, für Italien endete der Krieg am 25. April, hisste die italienische Widerstandsbewegung CLN (Comitato di Liberazione Nazionale, d.h. Komitee zur nationalen Befreiung) am 3. Mai 1945 am Brenner wieder die italienische Fahne.

Obwohl Italien zuerst auf Seiten Hitlers gekämpft hatte und den Krieg durch Kapitulation verlor, blieb Südtirol beim italienischen Staat.

1945 - 1972

Wiederaufbau und Kampf um Autonomie

Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand für die Südtiroler kurzzeitig die Hoffnung auf Wiedervereinigung mit Tirol, zumal das wiedererstandene Land Österreich versuchte, sich als Opferstaat gegenüber den alliierten Siegermächten darzustellen (österreichischer Opfermythos), was von den Alliierten so aber nicht gesehen wurde (denn zu sehr waren Österreicher, wie Hitler, Kaltenbrunner, u.a. für Kriegsverbrechen verantwortlich). Als daher die Südtirol-Verhandlungen 1945 in Paris begannen, hatte das unter einem Besatzungsstatut stehende Österreich gegenüber Italien die deutlich schlechtere Position und konnte die Siegermächte nicht von dem demokratischen Anspruch der Bevölkerung auf Wiedervereinigung überzeugen; so blieb Südtirol bei Italien.

Da Italien 1946 schon die Halbinsel Istrien an Jugoslawien abtreten musste, wurde im Pariser Vertrag, auch als Gruber-De Gasperi-Abkommen bekannt, den Südtirolern lediglich autonome Rechte im Rahmen der Region Trentino-Südtirol zugestanden; Österreich wurde als Schutzmacht anerkannt. (Zur Beurteilung des Gruber-De Gasperi-Abkommens sei auf den Artikel zum Abkommen verwiesen.)

In Italien verzögerte man die Umsetzung einiger Punkte des Pariser Vertrages. In Südtirol war man über diese Situation alles andere als glücklich und so formierte sich langsam der Widerstand gegenüber diesem ersten Autonomiestatut. Besonders umstritten war die italienische Wohnbaupolitik, die 1957 ihren Höhepunkt erreichte, als 5000 Wohnungen in Südtirol, natürlich vornehmlich für italienische Zuwanderer, errichtet werden sollten. Die Südtiroler wollten dies nicht hinnehmen und versammelten sich zur bisher größten Kundgebung in der Geschichte Südtirols, als sich 35.000 Südtiroler auf den Aufruf der neuen Südtiroler Volkspartei Führung unter Silvius Magnago auf Schloss Sigmundskron versammelten, und "Los von Trient" skandierten. Unmittelbaren Folge war ein großes, auch internationales Interesse, an der Südtirolproblematik.

Seit dem Staatsvertrag 1955 war Südtirol außerdem zentrales Thema der Außenpolitik Österreichs, sodass das Südtirol-Problem nach diversen erfolglosen Sondierungsgesprächen zwischen Rom und Wien erstmals auf der Tagesordnung der UN-Vollversammlung kam. Mit der UN-Resolution 1497/XV vom 31. Oktober 1960 wurde festgestellt, dass der Pariser Vertrag bindend sei und dessen Punkte einzuhalten seien. Italien erklärte sich zwar zur besseren Durchführung des bestehenden Autononomiestatutes bereit, in der Praxis änderte sich aber kaum etwas.

Zwischen 1956 und 1969 kam es daher aus Frustration über die Südtirol Politik Italiens zu einer Serie von Bombenattentaten. Die Anschläge der ersten Serie (bis 1961), richteten sich nicht gegen Menschen, sondern sinnbildlich gegen Hochspannungsmasten, die den Strom in die italienischen Industriegebiete lieferten (vgl. dazu Sepp Kerschbaumer). Die zweite Serie ab 1961 bis 1969 war hingegen sehr viel gewalttätiger und blutiger; dabei kamen auch einige Menschen ums Leben. Unter anderem wurde die Grabstätte von Tolomei zerstört. 1963 erreichten die diplomatischen Beziehungen zwischen Italien und Österreich einen neuen Tiefpunkt, als 10 italienische Carabinieri wegen einer Generalamnestie freigesprochen wurden, nachdem sie nachweislich Attentäter gefoltert hatten.

Große Beachtung fanden schließlich auch die Prozesse gegen insgesamt 94 Angeklagte der Anschläge im Dezember 1963. Die vergleichsweise milden Urteile (Anklagen wegen Hochverrats wurde fallengelassen) wurden in Südtirol und Österreich anerkennend als Entgegenkommen der Italiener betrachtet.

Neue Anschlagsserien führten jedoch zu einer erneuten Eskalation, die mit einem Veto Italiens zum EWG Beitritt Österreichs ihren Höhepunkt erreichte. Der Streit zwischen den beiden Staaten kam schließlich im November 1961 erneut vor die UNO, die die Resolution von 1960 bestätigte; zeitgleich nahm auch die sogenannte Neunzehnerkommission ihre Arbeit auf, die eine Lösung für die Südtirolproblematik finden sollte.

Die Kommission präsentierte 1964 die Ergebnisse, die als Paket bezeichnet wurden und eine Reihe von Gesetzes- und Verfassungsänderungen beinhalteten, die später das 2. Autononmiestatut bilden sollten.

Im Jahr 1972 wurde das Paket schließlich endgültig ratifiziert.

Eine ausführliche Erklärung zur Entstehung des 2. Autonomiestatutes findet sich unter Südtirol-Paket

nach 1972

Heute gilt Südtirol zwar als Modellregion für eine Autonomie von ethnischen Minderheiten; wegen der verschiedenen Umstände, wie den ethnischen Proporz, den Gebrauch des deutschen Dialekts und durch die Herkunft der Italiener aus den verschiedensten italienischen Regionen, ist das Unbehagen der Italiener in den letzten Jahren nicht zurückgegangen. Dies zeigt sich auch darin, dass viele Italiener - obwohl sie in Südtirol leben - die deutsche Sprache nur mangelhaft beherrschen. Trotzdem kristallisiert sich derzeit ein friedliches Nebeneinander der Bevölkerungsgruppen heraus - ein echtes Miteinander dagegen ist es nicht. Dies wird auch vielleicht durch das getrennte Schulsystem, aber bestimmt durch die Konzentration der Italiener auf die größeren Ortschaften gefördert.

Literatur

Weblinks

See also: Geschichte Südtirols, 1363, 1915, 1916, 1919, 1920, 1921, 1922, 1923, 1924