Geschichte Tasmaniens

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Inhaltsverzeichnis

Kurzgeschichte

Die Entdeckungsgeschichte Tasmaniens findet sich im Artikel Entdeckung Tasmaniens, die Geschichte ab 1901 im Artikel Geschichte Australiens.

Kolonialgeschichte


Um jeglichen anderweitigen Besitzansprüchen zuvorzukommen, gründeten die Engländer im September 1803 ihre erste Siedlung auf Tasmanien, der im Laufe eines Jahres noch zwei weitere folgen sollten.

Robbenfang und Frauenraub

Chronologisch überlappend fand neben der Kolonialisierung eine weitere Entwicklung statt, deren Anfänge in die neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts zurückreichen (Robson 1983 : 230). Diese Entwicklung - die Etablierung des Robbenfangs und die Jagd nach anderen Meeressäugern in der Bass-Straße und der Westküste Tasmaniens - hatte bereits in vorkolonialer Zeit die Einstellung der Insulaner gegenüber den Europäern stark getrübt. Anfänglich wurden die Robbenfänger nur saisonal auf den Inseln abgesetzt und am Ende der Fangzeit wieder abgeholt. Nachdem die Nachfrage nach Tran, Fleisch, Haut und Haaren der Meeressäuger angestiegen war, etablierten sich zunehmend feste, ganzjährig bewirtschaftete Fangstationen. Der Handel blühte, und die Jagd nach Meeressäugern aller Art wurde zum expandierenden Wirtschaftsfaktor. Im Zuge dieser Entwicklung steigerte sich das Interesse der Robbenfänger an tasmanischen Frauen. Anfänglich brachten sie die Frauen am Ende der Saison wieder aufs Festland zurück und begnügten sich mit jeweils einer Aboriginal. Nachdem man jedoch die Effizienz ihrer Arbeitskraft sowohl bei der Robbenjagd, als auch bei der täglichen Nahrungsbeschaffung -inklusive der traditionell deren Männern vorbehalteten Känguruhjagd- erkannt hatte, nahmen die Entführungen ein verheerendes Ausmaß an. Zunehmend wurden die Frauen unter Zuhilfenahme von Gewalt verschleppt und auf die für die Aborigines unerreichbaren Inseln deportiert. Die Tragödien, die sich dort abspielten, sind uns aus der Anfangszeit gar nicht und mit beginnender Kolonialzeit nur rudimentär überliefert. Zu Beginn der Robbenfängerepoche hatte man Aboriginefrauen im Tauschhandel erworben. In der Regel waren diese nicht, wie teilweise behauptet wird (vgl. Ryan 1981 : 67) Frauen der eigenen Lokalgruppe, sondern solche, die sie ihrerseits von den Nachbargruppen geraubt hatten (Gerland 1872 : 813). Nach den ersten gewaltsamen Entführungen war der Weg des friedlichen Tauschhandels versperrt. Die Robbenfänger überfielen die Bewohner der Nord- und Ostküsten, töteten die Männer und verschleppten deren Frauen. So fand ein früher Siedler an der Nordküste noch Jahre später viele Skelette ( Robinson 1966 : 202f, 412; Robson 1983 : 210) - stumme Zeugen derartiger Übergriffe. An der Ostküste, die zum betreffenden Zeitpunkt von der Kolonisation noch weitgehend unberührt war, wurde eine Gruppe von achtzig bis neunzig Aborigines angetroffen, darunter waren nur zwei Frauen ( Campbell 1987 :43; Ryan 1981 : 71). Bereits in ‘vorkolonialer’ Zeit war somit der Grundstock gelegt, für das was später als ‘Black War’ (Schwarzer Krieg) in die Geschichte Tasmaniens einging (vgl. Plomley 1993 : 24).


Die erste Besiedlung (‘Risdon Cove’) wurde ausgehend von Sydney unter der Leitung von Lieutnant John Bowen in die Tat umgesetzt. Bowen, der zuvor noch nie einem tasmanischen Aborigine begegnet war, hatte sich bereits vor der Landung seine Meinung gebildet: Er bezeichnet die Ureinwohner als ohne jeglichen Wert für England und hoffte, nie einen von ihnen zu Gesicht zu bekommen ( Bonwick 1870b : 299). Er traf im September 1803 ein und gründete - in einem von George Bass vorgeschlagenen Gebiet ( Morgan 1992 : 5) im Südosten der Insel - an einem Seitenarm des Derwent die erste Siedlung . In seiner Begleitung befanden sich vierundneunzig Strafgefangene und Soldaten aus Sydney (Ryan 1981 : 73). Im darauffolgenden Februar kamen nochmals über zweihundert (Morgan 1992 : 5) Gefangene und Militärs unter der Leitung von Colonel David Collins. Diesmal direkt von England ausgesandt, errichteten sie nach einer Besichtigung von Port Phillip und Risdon Cove am gegenüberliegenden Ufer des Derwent die Siedlung Sullivan`s Cove, das spätere Hobart.

Im November kam es zur zweiten, von Sydney ausgehenden Okkupationswelle. Gouverneur Philip G. King teilte die Insel in zwei Regierungsbezirke: Südlich des 42. Breitengrades in den Bezirk ‘Buckingham’ mit den beiden bereits bestehenden Siedlungen. Im nördlichen Bezirk ‘Cornwall’ ließ er eine dritte Siedlung gründen. Unter dem Kommando von Leutnant - Gouverneur Willem Patterson wurde bei Port Dalrymple an der Mündung des Flusses ‘Tamar’ York Town gegründet.

Keine der drei Siedlungen war anfangs autark. Sie hatten auch nicht, wie zum Teil behauptet wird, den Zweck, sich der aus England deportierten Strafgefangenen zu entledigen. Dazu wäre auf dem australischen Festland Raum genug vorhanden gewesen. Die Motivation der englischen Regierung bestand darin, sich mit Hilfe der Sträflinge den Besitz Tasmaniens zu sichern, in der Gewißheit, dass sich die Kolonie in absehbarer Zeit selbst tragen und darüber hinaus noch Rendite abwerfen würde. Doch wie jede Investition in die Zukunft waren auch die neuen Siedlungen zunächst ein Zuschußbetrieb, der auf die Unterstützung von Sydney und England angewiesen war. Nachdem die Besitzansprüche Englands an Tasmanien geklärt waren, hielten sich die beiden Regierungen mit Subventionen bedeckt, so dass die Kolonialisierung Tasmaniens nur sehr langsam voranschritt :

Zwanzig Jahre nach der Erstbesiedlung erreichte die europäische Bevölkerung Tasmaniens erstmals eine Einwohnerzahl von 10.000. Selbst 1923 waren weite Teile der Insel noch unerforscht (Morgan 1992 : 19, 22; vgl. Mulvaney und Golson 1971 : 284). Neben den ersten drei Siedlungen entwickelten sich in deren Umgebung einige weitere entlang der Flußläufe - dem Tamar im Norden und dem Derwent im Süden - oder der Küstenlinie (Abb. 22). Aber selbst nach dreißigjähriger Besiedlungdauer war die Straße zwischen der Inselhauptstadt Hobart und der Hauptstadt des Nordbezirkes Launceston nur unzulänglich ausgebaut (Morgan 1992 : 22).

Nachteile der Kolonie für Siedler

Anfangs war die Kolonie für freie Siedler wenig reizvoll. Das Brachland der wenigen Ebenen musste unter Strapazen erst urbar gemacht werden. In England kursierte darüber hinaus die Auffassung, die Ureinwohner seien gefährliche Wilde (Morgan 1992 : 143, 146ff; vgl. Bonwick 1870a : B2). Auch der hohe Anteil an Strafgefangenen unter der europäischen Bevölkerung wurde mit Mißtrauen beobachtet. 1804 kamen auf einen freien Siedler mehr als vier Häftlinge (Turnbull 1963 : 56; vgl. Rowse 1974 : 44), wobei es zu bedenken gilt, dass diese 'freien' Siedler meist keinesfalls freiwillig dort ansässig wurden. Streng genommen waren es keine Siedler, sondern Soldaten, Beamte und Handwerker, die nach Van Diemen’s Land abkommandiert waren. In keine andere australische Kolonie wurden so viele Strafgefangene deportiert wie nach Tasmanien (Ryan 1981 : 259). Insgesamt wurden 74.000 auf die Insel verbannt, darunter 12 bis 13.000 Frauen (Eldershaw 1968 : 130). Erst 1825 war das Verhältnis zwischen freien und deportierten Europäern ausgeglichen: Von den circa dreizehntausend Einwohnern waren erstmals nur noch die Hälfte Strafgefangene. In den darauf folgenden Jahren verbesserte sich das Verhältnis noch etwas zugunsten der freien Siedler. Aber Mitte der dreißiger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts wurde die Abschiebung von Häftlingen noch verstärkt und erreichte in den vierziger Jahren ihren Höhepunkt, als die Deportation nach Neusüdwales eingestellt wurde (Vampley 1987 : 114). Die Bevölkerungsentwicklung der freien Siedler muss ähnlich verlaufen sein, denn 1844 kamen auf insgesamt 60.000 Europäer immer noch 30.000 Strafgefangene (Turnbull 1963 : 56). Ein anderes Ungleichgewicht begünstigte ebenfalls die zauderhafte Entwicklung der Kolonie. In den Anfangsjahren gab es auf Tasmanien kaum Frauen - zumindest keine europäischen. 1828 kamen auf vier Männer nur eine Frau. Noch 1840 gab es nicht einmal halb so viele Frauen wie Männer. Die Diskrepanz des Geschlechterverhältnisses nahm über die Jahre nur sehr langsam ab, so dass Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts noch immer kein Gleichgewicht hergestellt war (Vampley 1987 : 27, 28). Wohl gab es zahlreiche Gesuche, alleinstehende Frauen in die Kolonie zu entsenden; eine dahingehende Maßnahme wurde jedoch von der gutbürgerlichen Gesellschaft der jungen Städte angegangen, da sie befürchtete, dass die ohnehin schon stark grassierende Prostitution dadurch noch verschärft werden könnte. Diese durchaus streitbare Argumentation nährte sich aus der damalig vorherrschenden Einstellung; eine ehrbare Frau würde eine solche Reise niemals alleine antreten (Atkinson u. Aveling 1987 : 70).

Ein weiteres Hemmnis war die Tatsache, dass viele Sträflinge bereits zu Beginn der Kolonisation entflohen waren. Diese schlossen sich zum Teil den Robbenfängern der umgebenden Inseln an oder durchstreiften in Banden raubend, plündernd und mordend das Land (Morgan 1992 : 3). Um einer drohenden Hungersnot in der jungen Kolonie zu entgehen, erlaubte man ihnen 1805, sich ihre Nahrung durch Jagd selbst anzueignen (Bonwick 1870b : 66). Viele kehrten aus den Wäldern nicht wieder zurück. Diese Banden (‘bushrangers’) wurden von den frühen Siedlern als noch größere Bedrohung empfunden als die Urbevölkerung selbst (Ryan 1981 : 78). Erst 1817 unter Gouverneur Sorell (Appendix B) wurde dieses Problem endgültig gelöst (Turnbull 1963 : 79; vgl. Ryan 1981 :73; Campbell 1987 : 19; Morgan 1992 : 3).

Gruppen, die Übergriffe auf die Aborigines unternahmen

Trotz all dieser Widrigkeiten nahm die europäische Bevölkerung langsam, aber kontinuierlich zu (Abb. 23 u. 24) Mit dem Bevölkerungszuwachs verstärkte sich zunehmend der Druck auf die voreuropäische Bevölkerung.

Im Mai 1804 töteten die Royal Marines in der Nähe von Risdon um die vierzig tasmanische Aborigines (Rowse 1974 : 45; vgl. Völger 1971 : 37). Ab diesem Zeitpunkt stieg die Gewaltbereitschaft sowie das Konfliktpotential ständig an. Die Militärs (Robson 1991 : 217) gingen immer entschlossener vor, wurden aber von den zivilen Siedlern noch übertroffen, die eine Unzahl von Verbrechen an der vorkolonialen Bevölkerung verübten. Meist werden in diesem Zusammenhang die zivilen Siedler nach Berufsgruppen unterteilt, da alle diese Gruppen bei der beginnenden Eskalation verschiedene Rollen einnahmen. Neben Soldaten, Polizisten und Beamten, die meist im Auftrag der Regierung handelten, werden fünf Hauptgruppen unterschieden:

· Die Bürger der aufkeimenden Städte, die die Ereignisse meist nur vom Hörensagen kannten, spielten nur eine untergeordnete Rolle. Sie machten jedoch als Vertreter der öffentlichen Meinung ihren Einfluß bei der Regierung geltend.

· Die bereits erwähnten Robbenfänger, die den Aborigines zwar kein Land, aber deren Frauen raubten. Durch diese Gruppe wurden wohl die meisten und grausamsten Verbrechen verübt, die häufig an Perversion kaum zu überbieten sind. Sie störten empfindlich das Geschlechterverhältnis und provozierten Fehden unter den Stämmen, die sich ihrerseits der Frauen wegen bekriegten.

· Die Bauern, die ihr in der Nähe der Siedlungen gelegenes, günstig erworbenes Land bestellten. Wie bei allen anderen Gruppen gab es auch hier individuelle Unterschiede und meist wird in den Quellen ein neutrales Bild der Bauern gezeichnet. Aber auch einige von ihnen machten sich einen Spaß daraus, Schwarzen (‘black crows’) aufzulauern und sie zu töten. Ihr größter Negativeinfluß lag wohl in der Landnahme, die im Laufe der Jahre zunehmend abwanderungsbedingten Bevölkerungsdruck bei den Aborigines auslöste (Abb. 26 bis 29). Allein im Zeitraum von 1811 bis 1814 stieg die Anbaufläche von rund 3.000 auf rund 12.000 Hektar an (Ryan 1981 : 78).

Die bekanntgewordenen, von den Strafgefangenen an den Aborigines verübten Verbrechen bildeten nur die Spitze eines Eisberges. Sie bekriegten sich sogar untereinander und machten auch den weißen Siedlern das Leben schwer. Allerdings waren sie, ebenso wie die Robbenjäger, nicht an der Landnahme beteiligt.

· Die Viehzüchter und Schafhirten, deren Stationen meist am Rande der besiedelten Gebiete und somit außer Reichweite des Gesetzes lagen, standen den Robbenfängern und Strafgefangenen in nichts nach. Diesen drei Gruppen ist gemeinsam, dass, obwohl deren Handeln weitgehend der Öffentlichkeit entzogen war, trotzdem unzählige ihrer Grausamkeiten überliefert wurden. Zwischen 1811 und 1814 stieg die Anzahl der Schafe in Tasmanien von 3.500 auf 38.000, so dass auch der Anteil der Viehzüchter am Landraub gewaltig war (Ryan 1981 : 78), zumal sie ihre Tiere häufig auch illegal zum Weiden in die Wildnis trieben (Morgan 1992 : 2).

Diese sehr schematische Einteilung kann weder der Realität und schon gar nicht dem Individuum gerecht werden. Dennoch scheinen hier tatsächlich derartige Tendenzen bestanden zu haben, denn in nahezu allen Quellen werden die Gruppen in dieser Art unterschieden, wobei die Auswirkungen genannter Gruppen auf die Aborigines von Quelle zu Quelle leicht unterschiedlich gewertet werden können.

Die tasmanischen Aborigines wurden geschändet (Turnbull 1963 : 29, 174; Robson 1983 : 246; Bonwick 1870b : 67; Muller 1973 : 40), kastriert (Robson 1983 : 246; Bonwick 1870b : 67), gefoltert (Robson 1983 : 230ff; Turnbull 1963 : 270; Wopfner 1997 : 61; Bonwick 1870b :68, 304; Robson 1983 : 50; Andree 1869 :291), versklavt (Robson 1983 : 226, 230; Rae-Ellis 1988 : 32), verstümmelt (Flood 1980 : 61; Rae-Ellis 1988 : 32), bei lebendigem Leibe verbrannt (Robson 1983 : 231, 218), vergiftet (Robson 1983 : 226; Andree 1869 : 291; Atkins 1869; Robinson 1966 : 196) gehängt (Morgan 1992 : 151) oder anderweitig getötet und danach zum Teil an die Hunde verfüttert (Andree 1869 : 291). Ihre Frauen traf es am härtesten und selbst Kinder waren von solchen Verbrechen nicht ausgenommen. Ich werde hier auf weitere Details verzichten. In den Quellen herrscht jedoch Einigkeit, dass diese Geschehnisse im Kolonialzeitalter weltweit in ihrer Brutalität eine Sonderstellung einnehmen. Nach nur dreißigjähriger Besiedlungsdauer war die ehemals mehrere Tausend zählende Aboriginalbevölkerung bis auf einen kümmerlichen Rest von zweihundert Individuen ausgerottet (Abb. 25). Die Regierung hat diese Entwicklung zwar bis 1926 nicht gebilligt, aber durch ihr unentschlossenes Vorgehen forciert.

Nur ein einziges Mal (Turnbull 1963 :72) wurden Europäer für derartige Ausschreitungen zur Rechenschaft gezogen: Zwei Männer wurden wegen Mißhandlungen von Aborigines öffentlich ausgepeitscht. Einer hatte einem Jungen ein Ohr abgeschnitten, der andere einem Mann den Finger, um ihn als Pfeifenstopfer zu benutzen.

Um so verwunderlicher ist es, dass sich die Europäer zu Beginn der Kolonialzeit unbehelligt durch größere Gruppen Aborigines bewegen konnten (Knopwood 1946 : 107; Morgan 1992 : 3, 145). Noch im Jahre 1824 schrieb die ‘Hobart Town Gazette’: „Im Ganzen genommen sind die schwarzen Eingeborenen der Kolonie die friedlichsten Geschöpfe der Welt“ (Andree 1869 : 290).


Abgesehen von Frauenraub und Mord kam die Urbevölkerung Tasmaniens durch grassierende Epidemien und den rapiden Rückgang des Wildbestandes in Bedrängnis. Anfangs haben die Europäer das Wild nur zur Ergänzung der knappen Nahrungsmittel gejagt; später entstand ein schwungvoller Handel mit den Fellen. Dazu kamen die unzähligen Hunde, die sich ungehindert auf der Insel vermehrten (Morgan 1992 : 154). Ein früher Siedler, Reverend Knopwood, vermerkte voller Stolz in seinem Tagebuch, dass seine Hunde in nur zwei Monaten fast siebzig Känguruhs erlegten. (Knopwood 1946 : 79).

Auseinandersetzung mit den Aborigines

All das bewirkte, dass sich die Aborigines - vermutlich in vollem Bewußtsein, dass es bereits zu spät war - zunehmend zur Wehr setzten. In der Folge sah sich die Regierung, die bisher nur unentschlossen an die Vernunft der Siedler appelliert hatte, gezwungen, vehement durchzugreifen. Am 01. November 1828 (Turnbull 1963 : 274; Ryan 1981 : 99; Völger 1971 : 45) verhängte sie das Standrecht (Appendix C) über die Aborigines, die somit letztlich dem legalen Abschuß freigegeben wurden.

Im Februar 1830 wurde zusätzlich für jeden lebendig gefangenen Aborigine ein Kopfgeld ausgesetzt (Campbell 1987 : 11). In diesem Zeitraum gründete man sogenannte ‘roving parties’. Kopfgeldjägertruppen, die von der Regierung offiziell beauftragt waren, die Aborigines in Reservaten festzusetzen. Zwei Führer dieser Suchtrupps sind für die Forschung als Informanten von Interesse: Jorgen Jorgenson, ein dänischer Abenteurer, und John Batman, ein Einwanderer aus Australien. Letzterer wird in den Quellen meist als den Aborigines wohlgesonnen dargestellt. Beide hielten sich häufig außerhalb des Siedlungsgebietes auf und hatten zahlreiche Kontakte zur indigenen Bevölkerung. Generell war auch diese Maßnahme kontraproduktiv. Die Regierung zahlte zwar nur für jeden lebend gefangenen Aboriginal ein Kopfgeld in Höhe von fünf Pfund (Hanns 1987 : 133), aber die meist aus Strafgefangenen rekrutierten Truppen - die zum Teil sogar von Häftlingen geleitet wurden - erschossen häufig neun, in der Hoffnung, den zehnten lebendig zu fangen (Campbell 1987 : 31ff).

Neben der Verhängung des Standrechtes sind aus dieser Zeit noch vier weitere Erlässe und Proklamationen von geschichtswissenschaftlichem Interesse:

Unter diesen stellt die Proklamation von Gouverneur Sorell eine positive Ausnahme dar (Appendix D). Es wird in den Quellen oft als das gerechteste, weitblickendste und aufrichtigste Dokument der Kolonialregierung beschrieben. Dieser vielversprechende Aufruf fand aber bei den gewaltbereiten Siedlern kein Gehör.

Am 29. November 1826, bereits zwei Jahre bevor Gouverneur Arthur das Standrecht (Appendix C) verhängte, veröffentlichte er folgende Forderung: „Sollte man bemerken, dass ein oder mehrere Stämme entschlossen sind anzugreifen, zu rauben oder die weißen Bewohner zu ermorden, so darf sich jede Person bewaffnen und dem Militär anschließen, um sie mit Gewalt zu vertreiben. Die Stämme können in diesem Fall als offene Feinde betrachtet werden“ (Turnbull 1963 : 100). Da sich die genauen Umstände der gewalttätigen Ausschreitungen in der Regel der Öffentlichkeit entzogen, hatten die Gewalttäter freie Hand (Völger 1987 : 110).

Am 15. April 1828 (Turnbull 1963 : 273, 111) beschloß Arthur, die besiedelten Gebiete durch eine bewaffnete Postenkette abriegeln zu lassen und nur Aborigines, deren Führer einen vom ihm ausgestellten Paß besaßen, passieren zu lassen. Außerdem erteilte er „hiermit allen Urbewohnern den strengen Befehl, sich sofort zurückzuziehen und [...] unter keinem Vorwand [...] wieder die besiedelten Gebiete [...] zu betreten“ (Turnbull 1963 : 111). Sicherlich hat niemals ein Aborigine von diesem Erlaß erfahren, denn dahingehende Maßnahmen sind nicht belegt, und eine Verständigung war aufgrund der Sprachbarriere unmöglich.

Vermutlich war es ebenfalls Arthur, der die Problematik, dass die Aborigines unmöglich etwas befolgen konnten, wovon sie keine Kenntnis hatten, in ihrer vollen Tragweite erfaßte. Er ließ bunte Plakate erstellen, die in Form einer Bildergeschichte darstellen sollten, dass Schwarze und Weiße vor dem europäischen Gericht gleichgestellt seien (Abb. 30). Sie wurden in den Wäldern an den Bäumen angebracht. Dieser Gipfel der Hilflosigkeit wurde in der englischen Literatur meist mit Häme überzogen (Robinson 1966 : 92; vgl. Robson 1983 : 224; Rae-Ellis 1988 : 56). Aber auch in der in Braunschweig erschienenen völkerkundlichen Zeitschrift ‘Globus’ ließ man sich bereits 1869 voller Ironie über diese „ganz im Stil der Morithatenbilder auf den Jahrmärkten“ gehaltenen Tafeln aus : „Das Auskunftsmittel galt für sinnreich. Man beschloß, den Inhalt der Decrete den beschränkten Unterthanenverstande der Wilden durch Illustrationen klar zu machen. Diese sollten, zur Nachachtung für die Schwarzen, und wahrscheinlich auch zu Nutz und Frommen des Kakadus und Oppossums an Bäume in den Wäldern angenagelt werden“ (Andree 1869 : 291).

Neben diesen Erlässen wurden in Arthurs Regierungszeit (Appendix B) auch vielversprechende Versuche unternommen, die kriegerischen Auseinandersetzungen beizulegen. Am 07. März 1829 erschien in der ‘Hobart Town Gazette’ ein Inserat der Regierung. Gesucht wurde „a steady person of good character, who can be well recommended, who will take an interest in affecting an intercourse with this important race, and reside on Brune [Bruni] Island taking charge of the provisions supplied for the use of the natives of that place“ (Rae-Ellis 1988 : 18).

Man hatte sechs Monate lang für die Einheimischen in den Wäldern Nahrungsmittel hinterlegt und daraufhin drei Aborigines gefangen. Für diese und nachfolgende Gefangene wurde ein Betreuer gesucht, dessen Aufgabe es war, auf Bruni Island eine Reservation zu leiten. Aus insgesamt neun Bewerbern wurde ein achtunddreißigjähriger Maurer ausgewählt: George Augustus Robinson schien aufgrund seines Engagements in mehreren karitativen Einrichtungen prädestiniert für diesen Auftrag. Um die Aborigines vor dem sicheren Untergang zu bewahren, faßte er den Entschluß, möglichst viele in einer Reservation, fernab der Siedler, unterzubringen.

George Augustus Robinson und die Reservation

'Black Robinson', wie er von seinen Landsleuten häufig abschätzig genannt wurde (Rae-Ellis 1988 : 171), gelang es, mehrere Aborigines für seine Mission (‘Friendly Mission’) zu gewinnen. Mit deren Hilfe war es ihm möglich, selbst die Lokalgruppen der entlegenen, unerforschten Gebiete gefügig zu machen und ihm in die Reservation zu folgen. Im April 1834 waren nahezu alle der Überlebenden auf eine Insel der Bass-Straße (Flinders Island) deportiert (Rae-Ellis 1988 : 101). Ohne jemals eine Schußwaffe zu gebrauchen, hielt er sich inmitten der Kriegswirren über fünf Jahre lang, von kurzen Erholungspausen abgesehen, in den Wäldern des Hinterlandes auf (Ryan 1981 :145ff). Mit Hilfe der Aborigines, die ihn auf seinen Reisen (Abb. 32) begleiteten, erlernte er deren Sprache. Sein insgesamt zehnjähriges Engagement machte ihn zum größten Kenner der tasmanischen Kultur und für die Wissenschaft zum mit Abstand wichtigsten Zeitzeugen. Wohl gab es auch andere Europäer, die Kontakte zu den Aborigines in der Wildnis oder in der Reservation hatten, aber nie von der Dauer und Intensität wie Robinson. Nach insgesamt sechs Reisen mit einer Gesamtdauer von vier Jahren (Robson 1991 : 221) durch unbesiedeltes Gebiet gewann er ihr Vertrauen, das er dann aber in der Reservation, die er drei Jahre leitete, nach und nach verspielte.

Seiner Ausdauer, seinen Sprachkenntnissen (Rowse 1974 : 48; Robson 1983 : 221) und seiner ungeheuren Schreibwut ist es zu verdanken, dass uns eine Vielzahl von ethnographischen Fakten überliefert sind. Deren Auswertung, mit der die ethnologische Forschung steht und fällt, ist bis heute nicht endgültig abgeschlossen. Die Wissenschaftler sind sich sowohl über seine Person als auch der Interpretation seiner häufig widersprüchlichen Aufzeichnungen meist uneins. Auf diese Diskrepanzen wird an anderer Stelle näher eingegangen. Es muss bedacht werden, dass die traditionelle Kultur während Robinsons ‘Friendly Mission’ schon weitgehend zerstört war. In den Kriegswirren waren keine intakten Lokalgruppen mehr vorhanden, und die Mutlosigkeit der Überlebenden erleichterte Robinsons Bemühungen.

Geschichte wird von den Siegern geschrieben und für die Europäer begann der Krieg mit der Verhängung des Standrechts 1828. Aus der Sicht der voreuropäischen Bevölkerung ist eine derartige zeitliche Fixierung des sogenannten ‘Black War’ nicht nachvollziehbar: Sie hatten keinerlei Zugang zu den Regierungserlässen und eine Steigerung der ihnen angetanen Gewalt war ab 1828 kaum mehr möglich. Nimmt man ihre Guerilla als Maßstab, so erscheint dieses Datum jedoch gerechtfertigt. (Abb. 31) Ihre Angriffe auf Europäer nahmen nach 1828 deutlich zu, aber ab 1831 erlahmte ihre Gegenwehr. Der erste Europäer kam bereits 1807 durch die Aborigines ums Leben. Im Laufe des Jahres 1808, zwanzig Jahre vor dem offiziellen Kriegsbeginn, hatten ihre Krieger zwanzig Europäer getötet. Insgesamt starben bereits in den ersten zwanzig Jahren der Besiedlung 176 Europäer bei Kampfhandlungen. (Ryan 1981 : 77, 122, 114ff Appendix 2; vgl. Turnbull 1963 : 282ff).

Unter den Siedlern machte sich zunehmend Panikstimmung breit. Die Regierung unter Arthur ersuchte 1830 London um militärische Hilfe, die jedoch verweigert wurde (Campbell 1987 : 110). In Anbetracht der demographischen Entwicklung der beiden Kontrahenten ist ein solches Gesuch zu diesem Zeitpunkt nicht nachvollziehbar. Von den ehemals circa fünftausend Aborigines waren nur noch weniger als dreihundert am Leben. Davon war die Hälfte weiblichen Geschlechts (Rae-Ellis 1988 : 109), so dass abzüglich der Alten, Kinder, der Gefangenen und bereits ‘Befriedeten’ weniger als einhundert kampfbereite Aborigines einer Übermacht von damals vierundzwanzigtausend Europäern gegenüber standen (vgl. Abb. 23). Dennoch sah sich Arthur genötigt, parallel zu den ‘roving parties’ und den Bemühungen Robinsons, Schritte in die Wege zu leiten, die dem Widerstand ein für alle Mal Einhalt gebieten sollte. Er organisierte eine militärische Operation ungeheuren finanziellen und organisatorischen Ausmaßes, um die Überlebenden einzufangen und aus Tasmanien zu verbannen. Ihm gelang es, eine aus Militär, Polizei, Strafgefangenen und freien Siedlern bestehende Truppe zu mobilisieren, die mindestens dreitausend Mann stark war.

Deren Einsatz begann Anfang Oktober 1830 und dauerte sieben Wochen. Ihre Aufgabe war es, in einer undurchdringlichen Kettenformation (Abb. 33) die Aborigines vor sich her zu treiben. An der Südspitze der Insel sollten sie dann aufgegriffen und auf die bereitstehenden Schiffe verladen werden. Der Plan der Regierung ging nicht auf: Das Ergebnis dieser mehrere Tausend Pfund teuren Operation war beschämend. Als die Siedler die Südspitze der Insel erreichten und sich bereit machten die Einheimischen zu umzingeln, wurde nicht ein Aboriginal angetroffen. Nur im Zuge ihres Vormarsches gelang es, zwei Aborigines zu töten und zwei weitere gefangen zu nehmen. Diese als ‘Black Line’ (‘Black String’) bekannt gewordene Maßnahme Arthurs war ein kompletter Fehlschlag. Dennoch (oder gerade deshalb ?) genießt sie in der wissenschaftlichen Literatur nahezu Kultcharakter: Kaum eine Quelle und sei sie noch so knapp und oberflächlich, die sie nicht beschreibt. Die Beschreibungen sind ebenso zahlreich wie widersprüchlich. Diese Widersprüchlichkeit gilt es an anderer Stelle herauszuarbeiten.

Wie bereits erwähnt war es Robinson, der die verbliebenen Aborigines auf friedlichem Wege in die Reservation brachte. Er hatte im Laufe seiner Mission zu allen dreihundert Überlebenden Kontakt. Weniger als vier Jahre nach der ‘Black Line’ war es ihm gelungen, alle Aborigines aus Tasmanien zu deportieren (Ryan 1981 : 183). Sein Plan war, auf einer Insel der Bass-Straße eine Siedlung zu errichten. Nach mehreren Anläufen fiel seine endgültige Wahl auf Flinders Island (Abb. 35). Insgesamt wurden 220 Aborigines (Atkinson u. Aveling 1987 : 301) nach Flinders Island deportiert, wobei niemals mehr als 130 gleichzeitig dort lebten. Auf der siebzig Kilometer langen und dreißig Kilometer breiten Insel (Turnbull 1963 : 170) waren die Überlebenden geschützt vor den mordenden Siedlern, aber das Sterben nahm kein Ende. Achtzig der dreihundert Aborigines starben, noch bevor sie Flinders erreichten (Atkinson u. Aveling 1987 : 301). Aufgrund epidemischer Infektionskrankheiten war die Todesrate auch dort von Beginn an sehr hoch. Im Dezember 1833 waren bereits dreiunddreißig Mitglieder der Westküstengruppen gestorben. Einschließlich der von Robinson eingebrachten zweiundvierzig Neuankömmlinge lebten damals 111 Einwohner in der Siedlung (Rae-Ellis 1988 : 109). Diese Gruppe mit ausgeglichenem Geschlechterverhältnis wurde anfangs von 43 Europäern betreut.

Anfang 1836 übernahm Robinson die Leitung der ‘Wybalenna’ genannten Reservation. Er unternahm den Versuch, die damalig einhundertdreiundzwanzig Aborigines zu zivilisieren und zu christianisieren. Sie wurden im Lesen und Schreiben unterrichtet und mussten regelmäßig den von Pfarrer Robert Clark abgehaltenen Gottesdienst besuchen. Aufgrund der anhaltenden Mißerfolge wurde später der Gottesdienst auf das Singen von Hymnen beschränkt und der Unterricht ganz aufgegeben. Dennoch versuchten Robinson und Clark, die ihre Arbeit regelmäßig vor der Regierung verantworten mussten, den Schein des kontinuierlichen Fortschritts zu wahren. Eines dieser Blendwerke war die Herausgabe einer eigenen Zeitung, die angeblich von den Aborigines geschrieben wurde (Atkinson u. Aveling 1987 : 305). Diese Zeitung wurde jedoch von drei schwarzen Jugendlichen verfaßt, die vermutlich schon schreiben und lesen konnten, bevor sie in die Reservation kamen (Rae-Ellis 1988 : 126).

Um die Europäisierung voran zu treiben, führte Robinson den Geldverkehr ein. Von nun an entlohnte man die Aborigines für ihre Arbeit. Die Männer wurden als Jäger (Pelzhandel), Gärtner, Schäfer, Polizisten und im Straßenbau beschäftigt. Die Frauen verrichteten Haus- und Handarbeiten und verarbeiteten die von ihnen gefangenen ‘mutton birds’. Aber auch diese Aktivitäten verliefen, nachdem sie nur zögerlich begonnen hatten, nach und nach im Sande.

Aufgrund der hohen Todesrate breitete sich eine allgemeine Mutlosigkeit unter den Bewohnern aus. 1834 starben dreißig weitere Aborigines und die Hinterbliebenen verfielen zunehmend in Resignation. Auch die Errichtung einer kleinen Krankenstation, die von einer Krankenschwester betreut wurde, konnte diese Entwicklung nicht verhindern. Das Engagement Robinsons ließ ebenfalls im Laufe der Zeit nach. Er war nur noch bemüht, seinen Ruf als Leiter von ‘Wybalenna’ zu wahren. Von den vierzig Monaten, die er die Reservation leitete, war er nur siebenundzwanzig Monate auf Flinders Island anwesend (Rae-Ellis 1988 : 165).

Bereits wenige Monate nach dem Beginn seiner Amtszeit in der Reservation hatte er sich um das Protektorat der Aborigines in Port Phillipp Distrikt in Südostaustralien beworben. Die Verhandlungen zogen sich in die Länge, so dass erst am 10. August 1838 (Rae-Ellis 1988 : 152; vgl. Atkinson u. Aveling 1987: 308) positiv über seinen Antrag entschieden wurde. Er übernahm das Protektorat in Südostaustralien, konnte aber nicht, wie ursprünglich geplant, alle tasmanischen Aborigines mitnehmen. Zum Zeitpunkt von Robinsons Aufbruch nach Australien am 25. Februar 1839 (Ryan 1981 : 193) wütete in der Reservation eine Grippeepidemie. Von den verbliebenen 96 Insassen waren nur acht transportfähig. Als Robinsons Familie später nach Port Phillipp nachkam, brachten sie weitere sieben Aborigines mit. Robinsons Sohn George blieb als Leiter des Reservats mit den Restlichen zurück, von denen bereits eine Woche nach Robinsons Abreise acht weitere starben. Von den dreizehn nach Australien deportierten tasmanischen Aborigines sahen nur fünf Tasmanien wieder (Rae-Ellis 1988 : 216). Zwei wurden in Australien öffentlich wegen Mordes gehängt, acht weitere wurden von Krankheiten dahingerafft.

1847 wurde Wybalenna auf Flinders Island aufgelöst und die inzwischen nur noch 47 Aborigines (Ryan 1981 : 203; Mulvaney u. Golson 1971 : 228) nach Oyster Cove am D´Entrecasteaux Channel in Südosttasmanien verlegt (Abb. 34). Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Robinson noch als Protektor in Australien. Er besuchte die Verbliebenen nur noch einmal im April 1851 in Oyster Cove, bevor er im Mai 1852 (Rae-Ellis 1988 : 255) für immer nach Europa zurückkehrte. Im Vergleich zu Flinders Island hatten sich ihre Lebensbedingungen noch verschlechtert. Die meisten waren krank und dem Alkohol verfallen und wurden abseits der Gesellschaft ohne nennenswerte Unterstützung dem Exitus preisgegeben (Abb. 36). Am fünfzigsten Jahrestag der Gründung Hobarts (Sullivan’s Cove) waren noch sechzehn (Muller 1973 : 273; Mulvaney u. Golson 1971 : 282) tasmanische Aborigines in Oyster Cove am Leben.

Trucanini

Am 08. Mai 1876 starb Trucanini, die als die Letzte ihres Volkes gilt: In der Literatur wurde immer wieder diskutiert, ob nicht andere Aborigines auf den Inseln der Bass-Straße nach Truganinis Tod noch am Leben waren (Barnard 1890b; Aplin u. Foster 1987a : 91; Ryan 1981 : 220; Rae-Ellis 1981 : 133, 149; Turnbull 1963 : 259; Jones 1970 : Appendix G; Horton 1994 : 157). Diese Diskussionen sind letztlich für das Ansehen von Trucanini in zweierlei Hinsicht unbedeutend:

Trucanini nimmt unter den bekanntgewordenen tasmanischen Aborigines zumindest für die Forschung eine herausragende Stellung ein. Nicht etwa wegen ihrer vielgepriesenen Schönheit, sondern aufgrund ihrer schillernden, charismatischen Persönlichkeit, die durch zahlreiche Berichte belegt ist. Sie ist die Aboriginal, über die wir die meiste Detailinformation besitzen und ihre Biographie ist eine Rekapitulation des Untergangs ihres Volkes. Als langjährige Begleiterin Robinsons in Tasmanien und Australien kann sie außerdem als dessen Hauptinformant gelten.

Den zweiten längst überfälligen Grund hat Gisela Völger wie kein anderer Autor vor ihr auf den Punkt gebracht: „Den Tod des letzten Mannes und der letzten Frau 1869 und 1876 als das Ende der tasmanischen Rasse [?] zu betrachten, ist ein sentimentaler Standpunkt. Die tasmanische Kultur und ihre Träger waren bereits fünfzig Jahre [mindestens !] vorher desintegriert. Die letzten Überlebenden William Lanné [...] und Trugernanna [Trucanini] [...] waren nur ihre letzten Schatten.“ Denn häufig wird auch heute noch in der Literatur das Todesdatum Trucaninis mit dem Verfall der tasmanischen Kultur gleichgesetzt.

Meines Erachtens ist es bedenklich, dass die indigene Bevölkerung Tasmaniens meist als mit Trucanini ausgestorben bezeichnet wird, obwohl heute in Tasmanien und auf den Inseln der Bass-Straße mehrere Tausend Nachkommen weiblicher Aborigines und europäischer Robbenfänger leben. Diese dunkelhäutige Bevölkerung (vgl. Abb. 40), die noch vor wenigen Jahren von der Regierung als Europäer eingestuft wurde, bezeichnete sich selbst, obwohl jeglicher Landrechte aberkannt (vgl. Abb. 39), als Aborigines. Diese sogenannten ‘Cape Barren Islanders’ als eine Art ‘Homunkulus der Kolonialgeschichte’ völlig aus der Forschung auszuklammern, halte ich für nicht mehr zeitgemäß. Aufgrund der weltweiten Entwicklungen ist die Ethnologie zunehmend ‘gezwungen’, sich solcher Minoritäten anzunehmen und die Forschungsthemen des Kulturwandels beziehungsweise der Akkulturation stärker zu betonen.

Andererseits sollte man sich nicht der Illusion hingeben, die Kultur der tasmanischen Aborigines sei aufgrund der überlebenden ‘Islanders’ nicht unwiederbringlich verloren.

Literatur

Dirk Halfmann: Die Tasmanischen Aborigines , Magisterarbeit 1998 Besprechung der Arbeit


Kategorie:Australische Geschichte Kategorie:Kolonialismus Kategorie:Tasmanien

See also: Geschichte Tasmaniens, 1642, 1798, 1803, 1836, 1843, 1853, 1856, 1901