Geschichtsphilosophie

Inhaltsverzeichnis

Begriff

Die Geschichtsphilosophie ist der Versuch, Geschehenes in einen systematischen Vermittlungszusammenhang zu stellen. Die geschichtlichen Daten selbst sind subjektiv und objektiv unvollständig und ergeben wie Puzzlestücke von selbst keinen sinnvollen Zusammenhang; der wird vielmehr erst in der philosophischen Schau oder Theorie hergestellt. Das Ergebnis sind die verschiedenen Geschichtsbilder.

Fragestellungen

  1. Wer oder was spielt die Hauptrolle im historischen Prozess? Die so genannten welthistorischen Persönlichkeiten? Oder ein Kollektiv wie die Stadt oder der Staat? Die Kultur oder die ganze Menschheit?
  2. Welche Gestalt hat die Menschheitsgeschichte? Gibt es nachweisbare Entwicklungslinien? Zum Beispiel Beweise für Fortschritte? Oder für die ewige Wiederkehr des Immergleichen? Oder lässt sich nur ein sinnloses Durcheinander feststellen?
  3. Wenn eine bestimmte Richtung angenommen wird: Was treibt die Geschichte in diese Richtung?
  4. Welche Gesetzmäßigkeiten zeigen sich eventuell? Haben etwa vergleichbare Situationen aus vergleichbarer Notwendigkeit zu vergleichbaren Lösungen geführt?
  5. Welchen Einfluß hat der Zufall im historischen Geschehen?

Beispiele

I. Marie-Jean-Antoine-Nicolas Caritat, Marquis de Condorcet

Bezeichnend für das Geschichtsbild der Aufklärer ist Condorcets "Entwurf einer historischen Darstellung der Fortschritte des menschlichen Geistes" (1795). Im Bewusstsein der unleugbaren Beschleunigung der Wissensmehrung in der damals überschaubaren Geschichte sind die Erwartungen an die Zukunft hoch. Die Grenzen des Menschenmöglichen erscheinen nicht absehbar. Das Vertrauen in die positiven Fähigkeiten des Menschen und in den auf Fortschritt programmierten historischen Prozess sind das Credo des Aufklärers.

II: Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Der Berliner Staatsphilosoph wird oft zitiert mit dem Prinzip des dialektischen Geschichtsverlaufs. Inhaltlich bedeutet seine "Philosophie der Geschichte" (1837) eine Antithese zum Geist und Buchstaben der Aufklärung. Nicht der Mensch sei das Subjekt der Geschichte, heißt es da, sondern der "Weltgeist", der seine "Geschäftsführer" fernsteuere. Wes Geistes Kind Hegel ist, verrät er, wenn er konkret wird. Seine angeblichen "Geschäftsführer des Weltgeistes" heißen Alexander der Große, Cäsar und Napoleon. Er verherrlicht die Gewalt im Staat ("Der Staat ist die göttliche Idee, wie sie auf Erden vorhanden ist.") und im Krieg.

III: Karl Marx

Aus dem "kommunistischen Manifest" (1848) ist der Satz geläufig: "Alle bisherige Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen." Von der Sklavenhaltergesellschaft bis zum Kapitalismus tritt das Kollektiv geschichtsmächtig auf. Die Masse der Unterdrückten und Ausgebeuteten bestimmt danach den Gang der Geschichte maßgeblich. Vor dem Klassenkampf habe es den Kommunismus der Urgesellschaft gegeben. Der Sieg des Proletariats werde zum Kommunismus der klassenlosen Gesellschaft führen. Diese These wird deshalb kritisiert, weil sie benutzt wurde, um ein anderes System der Unterdrückung unter dem Namen "Diktatur des Proletariats" zu rechtfertigen.

IV: Oswald Spengler

Seine "Morphologie der Weltgeschichte" (1918) steht im Gegensatz zu allen drei genannten Ansätzen, weil sie keinen Fortschritt mehr kennt. Vielmehr wird die Geschichte vorgestellt als ein ländlicher Jahrmarkt mit acht Karussells als "Kulturen". Die Kulturkarussells drehen sich nicht gleichzeitig und mit gleichem Tempo, haben aber alle die gleiche Laufzeit von ungefähr 1000 Jahren. Grundlage von Spenglers Geschichtsbild ist die Vorstellung, dass es vergleichbare Phasen der Entwicklung in verschiedenen Regionen und Zeitaltern gibt. So war z. B. schon lange vor Spengler die griechische Sophistik mit der westeuropäischen Aufklärung verglichen worden oder die Antike mit der deutschen Klassik. Das Durchbuchstabieren dieser Erkenntnis zum biologistischen Schema der Weltgeschichte und der Behauptung, Geschichte erstmalig vorhersagen zu können, begründet zum einen den gewaltigen Verkaufserfolg, zum anderen auch die Attraktivität, die Spenglers Vorstellung immer noch hat.

Die totalitären Verwerfungen sowie die unvorhersehbare Beschleunigung geschichtlichen Wandels und historischer Wenden im 20. Jahrhundert könnten aber allen großen geschichtsphilosophischen Würfen seit der Aufklärung den Gnadenstoß gegeben haben. Für die von Karl Popper propagierte offene Gesellschaft, die mit der Auflösung des Sowjetimperiums nach dem Ende des Kalten Krieges für einen Fukuyama plötzlich so alternativlos dastand, dass er bereits das „Ende der Geschichte“ einläuten mochte, dürfte es sich empfehlen, Poppers einschlägige pluralistisch-offene Geschichtsbetrachtung nicht aus den Augen zu verlieren. Sie ist unspektakulär und in Teilen weit weniger zeitbedingt, als man denken mag. Adrogans jedenfalls sieht Popper in dem folgenden Zitat ganz in der Nähe des antiken Philosophenkaisers Marc Aurel: „Die offene Zukunft enthält unabsehbare und moralisch gänzlich verschiedene Möglichkeiten. Deshalb darf unsere Grundeinstellung nicht von der Frage beherrscht sein ‚Was wird kommen?‘, sondern von der Frage ‚Was sollen wir tun: Tun, um womöglich die Welt ein wenig besser zu machen? Und zwar auch dann, wenn wir wissen, daß, wenn wir wirklich etwas zu verbessern imstande waren, spätere Generationen vielleicht alles wieder verschlechtern können.‘“

Literatur

Siehe auch:

Determinismus, Freier Wille, Geschichtswissenschaft, Laplacescher Dämon, Hermeneutik, Zufall

See also: Geschichtsphilosophie, Alexander der Große, Antike, Antithese, Arnold J. Toynbee, Aufklärung, Das Kommunistische Manifest, Determinismus, Diktatur des Proletariats, Freier Wille