Sozialstruktur

Sozialstruktur, ein Begriff aus der Soziologie, bezeichnet die Struktur einer Gesellschaft bzw. allgemeiner eines sozialen Systems. "Soziale Schichtung", manchmal auch "Stratifikation" genannt, ist eine mögliche und von Soziologen oft benutzte Art der Strukturierung einer Gesellschaft.

Inhaltsverzeichnis

Bedeutung

Allgemein kann man unter Sozialstruktur die "Wirkungszusammenhänge in einer mehrdimensionalen Gliederung der Gesamtgesellschaft in unterschiedlichen Gruppen nach wichtigen sozial [relativ] relevanten Merkmalen sowie in den relativ dauerhaften sozialen Beziehung dieser Gruppen untereinander" verstehen (Geißler 2002).

Wichtige strukturgebende Merkmale sind:

Wichtige Beziehungen bestehen zu:

Untersuchungen über die Sozialstruktur interessieren sich zum einen für den sozialen Wandel, also für die Veränderung der Sozialstruktur einer Gesellschaft über die Zeit, zum anderen für den Vergleich der Sozialstrukturen mehrerer Gesellschaften (und die damit verbundenen Einflussfaktoren). Zudem wird versucht, sozialstrukturelle Unterschiede innerhalb einer Gesellschaft zu erforschen. So gibt es noch immer wesentliche Unterschiede zwischen der ländlichen Sozialstruktur und der städtischen Sozialstruktur.

Gliederung der Schemata

Neben soziologischen und volkswirtschaftlichen Betrachtungsweisen haben sich auch Gliederungen etabliert, die nach Konsumverhalten, nach persönlichen Bindungsgleicheiten oder dem Zugang zu Ressourcen unterscheiden. Ihnen gemeinsam ist eine vertikale Gliederung der Gesellschaftskreise in Schichten bzw. Klassen.

Da im Englischen class sowohl "Klasse" als auch "Schicht" oder gar "Stand" bedeuten kann, ist die wissenschaftliche Befassung geeignet, mehrere "Klassen"- und "Schichten"-Begriffe nebeneinander zu benutzen.

Die nachfolgende Gliederung richtet sich zwar noch nach der auffindbaren Unterteilung in "Schichten" bzw. "Klassen", mit dem Ziel, zunächst zu orientieren. Es geht aber immer um eine ganzheitlich nutzbare Übersicht der sozialen Gliederung der Gesellschaften und um das Aufzeigen der Parallelen zwischen den sonst getrennt gehandhabten Begriffsinstrumenten. Daher finden sich auch die bürgerlichen Stände des Mittelalters sowie die religiös orientierten Gesellschaftsordnungen der Kasten. Die Anordnung erfolgt zunächst ressourcenorientiert, im weiteren Verlauf dann verhaltens- bzw. handlungsorientiert.

Ökonomische Betrachtung

Die ursprüngliche Bestimmung der Klassenzugehörigkeit einer Person richtete sich im wesentlichen nach ihrer Stellung im Produktionsprozess, insbesondere im Verhältnis zum Eigentum an Produktionsmitteln. Zwischen gesellschaftlichen Gruppen können soziale Ungleichheiten auftreten, auch im Bezug auf den Zugang zu anderen Ressourcen (Bildung, Reichtum, Macht etc.). Diese Kriterien lassen ökonomische Hierarchien entstehen. In diesem Bereich wird klassisch von sozialen Klassen gesprochen.

Die vertikalen Gesellschaftsmodelle, in denen ökonomische Gesichtspunkte in den Vordergrund gestellt werden, sind durch die englische Politische Ökonomie durch Karl Marx in die gesellschaftswissenschaftliche Debatte eingeführt worden. Die Unterscheidung zwischen sozialer Klasse und sozialer Schicht wird bei diesen Schema häufig nicht gemacht, da sich der Unterschied auf soziale Mobilität und die Entstehung politischer Bewegung bezieht und somit keinerlei Bedeutung für die Konsumforschung besitzt.

Da Menschen unterschiedlicher sozialer Stellung auch unterschiedliche Bedürfnisse haben, ist der Umgang mit ihnen aus Sicht der Soziologie, der Psychologie sowie des Marketing differenziert zu betrachten. So sind beispielsweise die Wahlprogramme der politischen Parteien auf bestimmte Gesellschaftsschichten ausgerichtet. Eine andere Verwendung für diese Einteilung sind die wirtschaftlichen Interessen der Unternehmen, die ihre Leistungen zielgruppengerecht vermarkten möchten. Der Begriff der Zielgruppe umfasst darüber hinaus allerdings eine Reihe weiterer Merkmale. Für tiefer gehende Darstellungen sei auf die einzelnen Fachartikel verwiesen.

Soziologische Betrachtung

"Schicht" als Leitbegriff

Die Gliederung der Gesellschaftsmitglieder basiert hier auf ihren typischen Soziallagen und es kommt üblicherweise der Schichtenbegriff zur Verwendung. Dabei werden objektive und subjektive Kriterien unterschieden. Im Gegensatz zu Kasten, Klassen und Ständen sind zwischen sozialen Schichten Wechsel möglich (Aufstieg und Abstieg: soziale Mobilität), welche dadurch zur ständigen sozialen Mischung einer Gesellschaft verhelfen.

Die einzelnen Schichtungsmerkmale bilden meist konträre (gegensätzliche, aber gestufte) soziale Gegensätze ab (z.B. Einkommen, Bildungsstufen, soziales Ansehen und Lebensstandard, -risiken, -chancen, Zufriedenheit etc.), teils aber auch kontradiktorisch auffassbare (gegensätzliche und dichotomische: Eigentum, Macht). Moderne Modelle berücksichtigen stärker die gesellschaftliche Mobilität und die sozialen Differenzen innerhalb gesellschaftlicher Milieus. Die jeweilige Gewichtung dieser einzelnen Merkmale wirft schwierige methodische Fragen auf, wenn man mit einem Modell weniger Schichten auskommen will. Einen Ausweg bilden hier Milieustudien. Ur- und frühgeschichtliche Schichtungsmerkmale (Schönheit, Fertilität, Kraft, Ausdauer) werden nicht erhoben.

In der Soziologie dient das Konzept der Schichten somit der vertikalen Untergliederung der Gesellschaft. Sowohl soziale Tätigkeitsveränderungen innerhalb einer Gruppe als auch Rangunterschiede bzw. Auf- bzw. Abstieg in andere Gruppen können so modelliert werden. Im Unterschied zum starren Klassenbegriff (s.u.), der sich z.B. ausschließlich auf die Stellung im Produktionsprozess bezieht, ist der Schichtbegriff damit weiter gefasst. Das Schichtmodell erweitert die einfache zweipolige Anschauung von obenstehenden "Anführern", die so genannten Eliten, und der "Masse", die "Dominierten", denn zwischen diesen beiden Extremen existieren intermediäre Schichten. Gerade auf diesen Zwischenschichten ruht die Stabilität der politischen Ordnung nach Aristoteles. Sie stelle den Großteil der Bevölkerung. Helmut Schelsky hat hier die (umstrittene) Hypothese formuliert, dass moderne Gesellschaften zur "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" tendieren.

Überblick

Als Begründer der Schichtungssoziolgie gilt Theodor Geiger, dieser entwickelte Ansätze des Schichtbegriff für die Sozialstrukturanalyse als eine Auseinandersetzung mit dem Klassenbegriff. Die soziale Stratifikation (lat. stratum : Schicht) bezeichnet einen aus der Geologie entlehnten und von den US-amerikanischen Soziologen Edward Alsworth Ross eingeführten Begriff in die Soziologie.

Bei dieser Konzeption wird ohne nähere Begründung die Gesellschaft in eine unbestimmte Zahl von sozialen Schichten oder Gruppen eingeteilt, die nach Merkmalen wie Beruf, Bildung, Erziehung, Lebensstandard, Macht, Art der Kleidung, Religion, Rasse, politische Meinung und Organisation, definiert werden. Der Begriff ist eng verknüpft mit den Auffassungen über die soziale Mobilität und die Kriterien der Industriegesellschaft

Die bekanntesten Schichtmodelle für Deutschland sind von Ralf Dahrendorf (1965), Karl Martin Bolte (1967) die "Bolte-Zwiebel" und Rainer Geißler (1967). Das Modell von Geißler ähnelt dem von Dahrendorf (zu ihm unten), wird jedoch dadurch ergänzt, dass es zu dem Dahrendorfschen "Haus" einen Anbau gibt, in dem spezielle Schichten für Ausländer definiert werden. Der Schichtenbegriff ist, verglichen mit dem Klassen- und Ständebegriff, verhältnismäßig neu.

Definition nach Erikson und Goldthorpe

Das häufig auch nur "Goldthorpe-Klassenschema" genannte Schema, ist weniger in der Soziologie als in der Marktforschung weit verbreitet. Es stellt eigentlich eher ein Schichtenschema mit milieubezogenen Merkmalen dar. Denn Goldthorpe unterteilt die Bevölkerung in sieben Schichten (die teilweise jedoch weiter untergliedert sind). Er unterscheidet diese Klasse anhand ihres Beschäftigungsverhältnisses. Dieses Messkriterium hat den Vorteil, dass es für empirische Marktforschung einfach zu operationalisieren ist.

Da bei ihm auch die oberste Klasse noch als Dienstklasse bezeichnet wird, fehlt ihm praktisch die (für Massenmärkte unbeachtliche) Spitzenklasse, die empirisch in der Soziologie überhaupt sehr schwer zu erforschen ist (vgl. Elite).

  1. Obere Dienstklasse und
  2. Untere Dienstklasse mit hohen Qualifikationen, die in einem Angestelltenverhältnis stehen, beispielsweise höhere Beamte, Ärzte, Professoren
  3. Angestellte der ausführenden nicht-manuellen Klasse mit Autonomie und Entscheidungsbefugnis (Klasse 3a) sowie mit gering qualifizierten Routinetätigkeiten (Klasse 3b, z.B. Kassiererin)
  4. Selbständige außerhalb der Landwirtschaft (4a und 4b) und Landwirte (4c)
  5. Arbeiter(-innen), Techniker, Facharbeiter (5)
  6. gelernte Arbeiter mit Ausbildung (6)
  7. Arbeiter ohne Berufsausbildung (7a) sowie in der Landwirtschaft Beschäftigte ohne Ausbildung (7b)

Definition nach Engel, Blackwell und Kollat

Siehe auch Klassenmodell nach Engel, Blackwell und Kollat als Hauptartikel.

Ein weiteres Modell, das hauptsächlich zur Erklärung des Konsumentenverhaltens dient, ist das Modell von Engel, Blackwell, Kollat. Dieses verwendet einen dem Begriff der sozialen "Schicht" ähnlichen Begriff von "Class". Dieser hat mit dem marxschen "Klassen"-Begriff jedoch praktisch nichts gemein, da er vom "Konsum" her kommt und den Aspekt des Zugangs zu "Produktions"-Mitteln komplett ausspart. Das System kategorisiert 6 soziale Klassen nach typischem Kaufverhalten und Qualitätsvorlieben sowie nach Schichtungstendenzen, also dem Bindungswillen der Beteiligten in ihrer Klasse.

  1. Obere Oberklasse Das Konsumverhalten ist von Repräsentation und internationalen Verpflichtungen geprägt.
  2. Untere Oberklasse Das Konsumverhalten ist auf Gesellschaftliche Anerkennung und Aufstieg ausgerichtet.
  3. Obere Mitteklasse Das Konsumverhalten ist auf Bildung und einzelne Statussymbole ausgerichtet.
  4. Untere Mittelklasse Das Konsumverhalten ist gezielt kostenbewusst und auf Statuserhalt ausgerichtet.
  5. Obere Unterklasse Das Konsumverhalten ist auf Preiswürdigkeit und Angst vor Verlusten ausgerichtet.
  6. Untere Unterklasse Das Konsumverhalten ist spontan und Statussymbole werden abgelehnt.

"Klasse" als Leitbegriff

Definition nach Marx

Nach der ursprünglichen Definition von Marx, die dann tief in die Soziologie hinein wirkte, sind "Klassen" durch die Stellung der ihr Angehörigen im Produktionsprozess definiert. Er unterscheidet zwei Klassen: die Nichtbesitzer und die Besitzer von Produktionsmitteln, die sog. Proletarier und Kapitalisten.

Aus der Analyse der ökonomischen Verhältnisse wird deutlich, so Marx, dass die Mitglieder der Gesellschaft, die allein ihre Arbeitskraft zu verkaufen haben, diametral andere Interessen haben als diejenigen, die über Produktionsmittel verfügen, und Arbeitskräfte einstellen. Die Einen wollen beispielsweise ihre Arbeitskraft möglichst teuer verkaufen und wenig dafür tun, die anderen die Arbeitskraft billig einkaufen und möglichst lange und intensiv schaffen lassen. In der Volkswirtschaftslehre ist dies als das sog. "MiniMax-Prinzip" bekannt, wonach beide Seiten einander kontradiktorisch gegenüber stehen. Dieser grundsätzliche Antagonismus bestehe unabhängig von den Vorstellungen der Menschen über ihre eigene Lage (siehe auch: Fetisch).

Sobald Mitglieder einer Klasse die Gemeinsamkeit ihrer Interessen erkennen und danach zu handeln beginnen, spricht Marx von einem Übergang von der "Klasse an sich" (einer Klasse, die nur begrifflich durch die Stellung im Produktionsprozess gekennzeichnet ist) zur "Klasse für sich", also zu einer Klasse, die sich ihrer selbst bewusst und bereit wird, für ihre Interessen gemeinsam einzutreten. Bewusst oder unbewusst befänden sich demnach die beiden analytisch bestimmbaren Klassen "Lohnarbeit" und "Kapital" in einem permanenten Aushandlungprozess, dem sog. Klassenkampf.

Beachtliche Ansätze, mit Hilfe einer marxistischen "Klassen"-Analyse den 'Realsozialismus' zu kritisieren, waren nicht selten (vgl. Milovan Djilas, Rudi Dutschke u.a.m.).

Definition nach Weber

Der Begriff der sozialen Klasse wurde innerhalb der Soziologie von Weber differenziert und ausgeweitet. Er definierte "Klasse" als die

Typische Chance ..., welche aus Maß und Art der Verfügungsgewalt (oder des Fehlens solcher) über Güter und Leistungsqualifikationen und aus der gegebenen Art ihrer Verwertbarkeit für die Erzielung von Einkommen und Einkünften innerhalb einer gegebenen Wirtschaftsordnung folgt.

Weber unterscheidet im folgenden drei Klassen:

  1. Besitzklasse (wird durch den Besitz bestimmt)
  2. Erwerbsklasse (wird durch die Erwerbschancen bestimmt) und,
  3. soziale Klasse (Chance des sozialen Auf- und Abstiegs).

Definition nach Wright

Wright unterteilt eine Gesellschaft in 12 Klassen und ist eng an dem marxschen Klassenbegriff orientiert. Es gibt ein altes und ein neues Klassenschema von Wright, hier soll nur die aktuellste Version erklärt werden. In diesem Schema gibt eine Unterteilung in:

Die Klassen 1-3 (Bourgeoisie, Small employers, Petty Bourgeoisie) dienen dazu, die Unternehmer (Besitzer von Produktionsmitteln) einzuteilen, hierbei gilt:

  1. Bourgeoisie sind Unternehmer die typischerweise mehr als 10 Mitarbeiter beschäftigen, sie besitzen ausreichend Kapital um Arbeiter einzustellen, sie selber müssen hierbei nicht arbeiten
  2. Small employers (Kleinunternehmer) haben typischerweise weniger als 10 Mitarbeiter, können es sich leisten, Mitarbeiter einzustellen, müssen jedoch selber mitarbeiten
  3. Petty Bourgeoisie (Kleinbürgertum), sind eigenständige Unternehmer, die genügend Kapital besitzen um ein eigenes Unternehmen zu gründen, es sich jedoch nicht leisten können, Mitarbeiter einzustellen, und daher gezwungen sind zu arbeiten.

Arbeitnehmer (Nicht-Besitzer von Produktionsmitteln), werden bei Wright anhand von zwei Dimensionen unterteilt, ihre Qualifikationsresourcen (Bildungsabschlüsse) und Organisatorische Ressourcen (Verfügungsgewalt über Material und Untergebene).

Definition nach Dahrendorf

Nach Ralf Dahrendorf (vgl. dort, 1956) sind "Klassen" nicht nur durch Besitz bzw. Nichtbesitz speziell von "Produktionsmitteln", sondern schlechthin von Machtmitteln zu definieren. Damit sind z.B. sogar Gewaltmittel einbezogen.

Obwohl Macht überall wirkt, führen ihre Antagonismen doch nicht zu einem universalen Bürgerkrieg, da alle sozialen Akteure unterschiedliche soziale Rollen inne haben (vgl. dazu: homo sociologicus) und in jeder Rolle in einem anderen Klassen-Antagonismus stehen können. Dies erklärt, warum sie sich ggf. nirgends 100%ig engagieren, und warum auch ihre Klassengegner innerhalb eines Machtverhältnisses (z.B. im Betrieb) Antagonisten, innerhalb eines anderen (z.B. in der Kirchengemeinde oder Partei) dagegen ihre Machtverbündeten sind, was die Gewaltsamkeit und Intensität sozialer Konflikte mildert.

Definition nach Bourdieu

Nach Bourdieu sind drei große Klassenlagen zu unterscheiden: das Großbürgertum/Bourgeoisie, das Kleinbürgertum und die Arbeiterschaft. Diese verteilen sich im sozialen Raum entlang einer vertikalen Achse, die mehr oder weniger mit Herrschaftsverhältnissen gleich zu setzen ist und in ihrem Distinktionsvermögen differenziert sind. Innerhalb der einzelnen Klassen unterscheidet Bourdieu - auf einer horizontalen Achse - Klassenfraktionen mit einem je spezifischen Lebensstil, also etwa das Besitzbürgertum (Unternehmer; an Tradition und Luxus orientiert), die neue Bourgeoisie (leitende Angestellte; an Fortschritt orientiert) und das Bildungsbürgertum (Intellektuelle, Lehrkräfte an Universitäten; an Boheme oder (erzwungener) Askese orientiert). Die einzelnen Klassenfraktionen unterscheiden sich anhand der Struktur ihres gesamten Kapitals. Dabei unterscheidet Bourdieu ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital und symbolisches Kapital; so ist etwa beim Bildungsbürgertum ein hohes "kulturelles Kapital", aber nur ein für die Klassenlage insgesamt relativ gering ausgeprägtes "ökonomisches Kapital" vorzufinden. Die einzelnen Klassenfraktionen werden teils auch als Milieus bezeichnet.

Die Bedingungen der sozialen Lage, also der Verortung im sozialen Raum, determinieren einen jeweils unterschiedlichen und aus Sicht Bourdieus lebenslang stabilen Habitus. Dieser prägt den spezifischen Geschmack, aber auch die Praxisformen, also die jeweils ausgeübten und präferierten sozialen Praktiken (d.h.: den Lebensstil). Zugleich ermöglicht der Habitus eine Unterscheidung zwischen der Eigengruppe und Fremdgruppen. Der je nach Klasse und Klassenfraktion unterschiedliche Lebensstil wurde von Bourdieu in einer umfangreichen Untersuchung vor allem der Konsumverhältnisse im Frankreich der 1960er und 1970er Jahre empirisch bestätigt (Die feinen Unterschiede, dt. 1987).

Eine Weiterentwicklung des Bourdieuschen Modells der sozialen Gliederung der Gesellschaft findet sich in der Milieutheorie, wie sie von Michael Vester und anderen (Uni Hannover) verwendet wird.

"Soziales Milieu" als Leitbegriff

Siehe auch Soziales Milieu als Hauptartikel.

Als Soziales Milieu wird nach Émile Durkheim die soziale Umgebung beschrieben, in der ein Individuum aufwächst und lebt. Durkheim unterscheidet zwischen innerem und äußerem sozialen Milieu. Rainer Lepsius hat den Begriff später aufgegriffen um Wahlverhalten zu erklären, er unterscheidet innerhalb der Weimarer Republik drei große sozial-moralisches-Milieus, in welchen die Personen "von der Wiege bis zur Bahre" umgeben waren:

In der Lebensstil- und Ungleichheitsforschung wurde in den 1980er Jahren der "Milieu"-Begriff spezifiziert und eine Unterscheidung zwischen sozialer Lage, Lebenszielen und Lebensstilen getroffen, die Handlungsmuster zur Erreichung von Lebenszielen beschreiben. Der "Milieu"-Begriff geht davon aus, dass der Lebensstil von Menschen nicht nur aufgrund äußerer Umstände sondern auch von inneren Werthaltungen geprägt wird. Der Begriff soziales Milieu bezieht sich damit auf Gruppen von Individuen mit ähnlichen Lebenszielen und Lebensstilen und umfasst Mentalität und Gesinnung der Personen. Durch die zunehmende Pluralisierung der Gesellschaften und die Individualisierung der Lebensstile wird die vormals enge Verknüpfung zwischen sozialer Lage und Milieus entkoppelt, auch wenn soziale Milieus weiterhin nach Status und Einkommen hierarchisch eingeordnet werden können.

"Stand" als Leitbegriff

Siehe Ständeordnung als Hauptartikel.

Die mittelalterliche und frühneuzeitliche Gesellschaft Europas gliederte sich in mehrere Stände. Das Ständesystem war ein gesellschaftliches Ordnungsmodell, wie es für spätere Zeiten die von Marx beschriebenen Klassen oder die von von Ralf Dahrendorf, Karl Martin Bolte und anderen in die Gesellschaftslehre eingeführten sozialen Schichten wurden.

Verbreitet war die Drei-Stände-Ordnung, wie sie insbesondere für Frankreich charakteristisch war:

Das ständische System galt den Menschen des Mittelalters und der frühen Neuzeit als feste von Gott gegebene Ordnung, in der jeder seinen unveränderlichen Platz hatte. In seinen Stand wurde man hineingeboren. Ein Aufstieg war in der Regel nicht möglich. Verdienst oder Reichtum hatten nur wenig Einfluss darauf, welchem Stand man angehörte. So konnte etwa ein Bürger, der als Kaufmann zu viel Geld gekommen war, wesentlich vermögender sein als ein armer Adliger. Das ständische System ist ein statisches Gesellschaftsmodell. Nicht von ungefähr haben statisch und status, das lateinische Wort für Stand, die selbe etymologische Herkunft.

Die politisch berechtigten Stände (oder Landstände) sind eng mit den gesellschaftlichen Ständen verknüpft, ja letztere sind die Voraussetzung für deren Existenz. Die politische und militärische Macht konzentrierte sich im Mittelalter keineswegs in der Hand des Landesherren bzw. Königs. Vielmehr war dieser bei seiner Herrschaft auf die Mitwirkung der gesellschaftlichen Eliten angewiesen. Zunächst brauchte er die militärische Leistung seiner adligen Vasallen, dann finanzielle Hilfen, die er aber nur mit Zustimmung der Grundherren - also den Adligen oder den Klöstern und Stiftern - einheben lassen konnte. Der Höhepunkt ständischer Macht lag in den meisten europäischen Ländern in der Zeit vom 15. bis zum 17. Jahrhundert. In manchen evangelisch gewordenen Territorien verschwanden die Klöster und Stifte im Laufe des 16. Jahrhunderts aus dem ständischen System, in anderen (z.B. Württemberg) nahmen evangelische Prälaten die Rechte ihrer katholischen Vorgänger wahr.

"Kaste" als Leitbegriff

Siehe Kaste als Hauptartikel.

Der Begriff "Kaste" wird in erster Linie mit einem aus Indien bekannten sozialen Phänomen assoziiert. Der soziologische Bezug wird durch die lebenspraktischen Auswirkung auf formelle Umgangsrestriktionen deutlich. Der Begriff wird aber auch umgangssprachlich oder soziologisch allgemein benutzt und auf einzelne Gruppierungen anderer und sogar moderner Gesellschaften angewandt. Eine bedeutende Rolle beim "Kasten"-Begriff spielt hier seine hohe, da auch religiös verfestigte Starrheit (vgl. Soziale Mobilität"), die noch diejenige der Ständeordnung übertrifft. Doch ist auch hier sozialer Aufstieg möglich (z.B. oft durch Aufspaltung einer Kaste), was in der indischen Soziologie als sanscritization bezeichnet wird.

Auch die Kastenzugehörigkeit des Individuums wird, ähnlich der Ständeordnung durch die Geburt bestimmt, wobei Ein- oder Austritt theoretisch ebenfalls nicht möglich sind. Die soziale Mobilität innerhalb der Kasten ist tatsächlich jedoch existent. So kann in der Praxis ein Mitglied aus seiner Kaste ausgeschlossen werden, was in etwa der mittelalterlichen Exkommunikation im christlichen Abendland entspricht. Ebenso sinkt ein Mitglied in die Kaste eines niedrigeren Ehepartners ab, und zwar unabhängig davon, ob es sich um den Mann oder die Frau handelt.

Das Kastenwesen ist insbesondere bei den kurdischen Jezidi, in Indien, auf Ceylon, in Nepal und auf Bali verbreitet. Vorwiegend durch Kasten geprägte Gesellschaften sind zudem bei einigen Stämmen im übertragenen Sinne anzunehmen, in der Neuzeit sonst nicht mehr vorhanden. Doch können auch in nach sozialen Schichten und Funktionen reich untergliederten und sehr durchlässigen (mobilen) Gesellschaften einzelne Gruppierungen dennoch ausgeprägte "Kasten"-Züge aufweisen (z.B. im Klerus, im Offiziersstand, als Kader einer Diktatur). Sie werden dann meistens als andere soziale Muster ausgedeutet.

Andere Leitbegriffe

Die Ethnologie hat, vor allem bei Stammesgesellschaften, weitere Leitbegriffe heraus gearbeitet (siehe dort), z.B. Clan oder Phratrie.

Literatur

Weblinks

Siehe auch

Bürgertum - Großbürger - Strukturalismus - Strukturfunktionalismus - Bildungsparadox - Berufsstand - Marketing - Zielgruppe - Statussymbol - Soziale Schichten im Mittelalter - Sozialgeschichte - Differenzierung (Soziologie) - Soziale Ungleichheit - Sozialer Raum


Kategorie:Soziologie Kategorie:Wirtschaftstheorie Kategorie:Struktur

See also: Sozialstruktur, Adel, Akteur, Antagonismus, Arbeiterschaft, Arbeitnehmer, Aristoteles, Bali, Begriff, Beruf