Provinz Posen
Die Provinz Posen mit der gleichnamigen Hauptstadt Posen war 1793 - 1920 eine Provinz des Staates Preußen, die jedoch nach dem Ersten Weltkrieg nur noch als kleiner Teil unter neuem Namen fortbestand. Sie entspricht ungefähr der historischen Region Großpolen, im 10. Jahrhundert Entstehungsort der polnischen Nation und hatte insgesamt eine mehrheitlich polnische Bevölkerung. Fast alle Polen in der Provinz Posen waren katholisch, 90 Prozent der Deutschen jedoch protestantisch. In den Städten lebte eine jüdische Minderheit, meist Handwerker, Geschäftsleute und Händler. Je kleiner eine Gemeinde war, um so eher war sie entweder rein polnisch oder rein deutsch besiedelt. Der Nordwesten der Provinz war eher deutsch geprägt, der Südosten eher polnisch. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts stieg der deutsche Bevölkerungsanteil im Zuge der preußischen Germanisierungspolitik auf etwa 42 %. Danach kehrte sich die Migration zur so genannten Ostflucht um und der deutsche Bevölkerungsanteil sank bis 1910 auf etwa 38 %, trotz der Bemühungen der Regierung in Berlin: Sie hatte eine Ansiedlungskommission ins Leben gerufen, die Land von Polen kaufte und nur Deutschen zum Kauf anbot. Die so genannte Ostflucht erfasste gleichwohl auch viele Polen, die in das Ruhrgebiet abwanderten.
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Landschaft
Die Landschaft ist meist flach, entwässert von zwei großen Flüssen, der Netze (polnisch: Noteć) im Norden und der Warthe (Warta) im Zentrum. Die Gletscher der Eiszeit ließen Moränenablagerungen zurück; über das Land sind zahlreiche schmale Seen verstreut, die von Nebenflüssen der beiden großen Flüsse durchflossen werden.
Der wichtigste Wirtschaftszweig war die Landwirtschaft. In einer Dreifelderwirtschaft wurden zahlreiche Getreidearten angebaut, vor allem Roggen, Zuckerrüben, Kartoffeln, anderes Getreide und etwas Tabak und Hopfen. Bedeutende Waldflächen stellten Baumaterial und Feuerholz zur Verfügung. Es gab einen eher kleinen Viehbestand, darunter Gänse, aber auch ziemlich viele Schafe.
Als das Gebiet unter preußische Herrschaft kam, herrschte immer noch ein feudales System, das jedoch von den Preußen schon 1807 im Rahmen der Bauernbefreiung und der Abschaffung der Erbuntertänigkeit durch die Reformen des Freiherrn vom Stein beseitigt wurde, während Polen unter russischer Herrschaft weiterhin feudal geprägt blieb. Überwiegend lebten und arbeiteten vor 1807 beziehungsweise 1810 Leibeigene auf den Gütern der freien Landbesitzer und -pächter. Eine Besitzung bestand üblicherweise aus einem Gutshof und einem nahe gelegenen Dorf für die Arbeiter, möglicherweise auch noch einer weiteren Siedlung und einem Forsthaus im Wald. Die Grundbesitzer, meist deutsche Adlige, besaßen die örtliche Getreidemühle, oft auch weitere Mühlen oder auch eine Schnapsbrennerei. An vielen Orten war das Land von Windmühlen übersät, die an die ersten Siedler aus den Niederlanden erinnerten, die begonnen hatten, unfruchtbares Marschland für den Ackerbau zu kultivieren. Dieser Prozess wurde von deutschen und polnischen Siedlern fortgesetzt.
Wechselnde Besitzer
Ursprünglich ein Gebiet des polnischen Königreichs, entsprach das Gebiet ungefähr der Region Großpolen. Es wurde in den Polnischen Teilungen vom Königreich Preußen annektiert: in der ersten Teilung 1772 nur der Teil beidseits der Netze ("Netze-Distrikt"), in der zweiten Teilung 1793 der Rest. Während des Kosciuszko-Aufstands von 1794 verlor Preußen vorübergend die Kontrolle über das Gebiet, das ursprünglich "Südpreußen" genannt wurde.
Preußen, später das Deutsche Reich, blieben bis zum Ende des Ersten Weltkriegs im Besitz des Gebiets, abgesehen von der Zeit der Napoleonischen Kriege 1807 bis 1815. 1807 wurde das Großherzogtum Warschau in Folge der preußischen Niederlage im Frieden von Tilsit errichtet. Die Polen waren die wichtigsten Verbündeten Napoleons in Mitteleuropa, nahmen am polnischen Aufstand von 1806 teil und stellten Truppen für seine Feldzüge bereit.
Mit dem Wiener Kongress von 1815 fiel Posen zurück an Preußen und wurde zum "Großherzogtum Posen", einer autonomen Provinz unter preußischer Herrschaft mit dem Recht der "freien Entwicklung der polnischen Nation, Kultur und Sprache", außerhalb des Deutschen Bundes gelegen. Zu dieser Zeit war die Stadt Posen das Verwaltungszentrum und Sitz des Statthalter s Fürst Anton Radziwill. 1830 (oder 1846?) wurde das Gebiet in eine normale preußische Provinz umgewandelt.
Mit der deutschen Reichsgründung wurde die Provinz wie ganz Preußen ein Teil des zweiten Deutschen Reiches (1871-1918), und die Stadt Posen wurde offiziell zur kaiserlichen Residenzstadt ernannt. Die Provinz Posen war bis 1920 in die beiden Regierungsbezirke Posen und Bromberg gegliedert, die sich weiter in Stadtkreise und Landkreise aufgliederten.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der überwiegende Teil der Provinz gemäß den Bestimmungen des Vertrags von Versailles an Polen abgetreten. Ein kleiner bei Deutschland verbliebener westlicher Teil wurde 1922 mit dem westlichen Teil der ebenfalls überwiegend an Polen beziehungsweise an die Freie Stadt Danzig gelangten Provinz Westpreußen zur neuen Provinz "Grenzmark Posen-Westpreußen" vereinigt. Provinzhauptstadt wurde Schneidemühl (Piła). 1938 wurde diese Provinz unter den benachbarten Provinzen Schlesien, Pommern und Brandenburg aufgeteilt.
Von 1939 bis 1945 wurde der polnische Teil der ehemaligen Provinz Posen wieder an Deutschland zurückgegliedert und als "Reichsgau Posen" bezeichnet (ab 1940 "Reichsgau Wartheland"), bis auf den Netze-Distrikt, der wieder wie zwischen 1772 und 1807, in die Provinz Westpreußen (ab 1940 "Reichsgau Danzig-Westpreußen") eingegliedert wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam das ganze Gebiet wieder zu Polen und bildet heute ungefähr die Woiwodschaft Großpolen.
Ethnischer Konflikt
Wegen des großen deutschen Bevölkerungsanteils (1910 38 %, in einzelnen Regionen mehr als 50 %); erst nur als Siedler, später je nach Einzelfall als Siedler oder Besatzer), der Präsenz der Militärmacht Preußen und des Unfriedens zwischen den drei großen Glaubensrichtungen war das Gebiet oft Schauplatz von ethnischen Konflikten. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs der deutsche Bevölkerungsanteil auf Grund der staatlich geförderten Kolonisierung. In der zweiten Hälfte wuchs der polnische Bevölkerungsanteil allmählich, wegen einer höheren Geburtenrate und der sog. Ostflucht, obwohl auch viele Polen die Provinz Posen verließen (vor allem Richtung Ruhrgebiet). Die Auseinandersetzung gipfelte im Kulturkampf, als sich viele deutsche Katholiken in der Provinz Posen mit Polen zur Opposition gegen die protestantische preußische Regierung solidarisierten. Mit der sog. Germanisierung des Gebiets versuchte die Preußische Regierung, die polnische Sprache allmählich aus Schule und Verwaltung zu verdrängen. 1925 enteignete die Regierung Pilsudski im Rahmen einer Bodenreform viele Deutsche, die Land im Zuge der Germanisierungspolitik Bismarcks vom Preußischen Staat erworben hatten.
Statistik
Fläche: 28.970 km2
- Regierungsbezirk Posen 17.503 km2
- Regierungsbezirk Bromberg 11.448 km2
Bevölkerung
- 1816: 820.176
- 1868: 1.537.300 (Bromberg 550.900 - Posen 986.400)
- 1871: 1.583.843
- Religionszugehörigkeit: 1871
- Katholiken 1,009,885
- Protestanten 511,429
- Juden 61,982
- andere 547
- Religionszugehörigkeit: 1871
- 1875: 1.606.084
- 1880: 1.703.397
- 1900: 1.887.275
- 1905: 1.986.267
- 1910: 2.099.831 (Bromberg 763.900 - Posen 1.335.900)
Verwaltungsgliederung vor 1920
| Kreis | Polnische Bezeichnung | Bevölkerung 1905 | Polen | Deutsche ¹ | Juden ² | ursprünglicher Kreis |
| Regierungsbezirk Posen (südlicher Teil) | ||||||
| Stadtkreis Posen | Poznań | 55% | 45% | |||
| Landkreis Adelnau | Odolanów | 90% | 10% | Ostrowo | ||
| Landkreis Birnbaum | Międzychód | 51% | 49% | |||
| Landkreis Bomst ³ | Babimost | 49% | 51% | |||
| Landkreis Fraustadt ³ | Wschowa | 27% | 73% | |||
| Landkreis Gostyn | Gostyn | 87% | 13% | Kröben | ||
| Landkreis Grätz | Grodzisk | 82% | 18% | Buk | ||
| Landkreis Jarotschin | Jarocin | 83% | 17% | Pleschen | ||
| Landkreis Kempen | Kępno | 84% | 16% | Schildberg | ||
| Landkreis Koschmin | Koźmin | 83% | 17% | Krotoschin | ||
| Landkreis Kosten | Kościan | 89% | 11% | |||
| Landkreis Krotoschin | Krotoszyn | 70% | 30% | |||
| Landkreis Lissa | Leszno | 36% | 64% | Fraustadt | ||
| Landkreis Meseritz ³ | Międzyrzecz | 20% | 80% | |||
| Landkreis Neutomischel | Nowy Tomyśl | 51% | 49% | Buk | ||
| Landkreis Obornik | Oborniki | 61% | 39% | |||
| Landkreis Ostrowo | Ostrów | 80% | 20% | |||
| Landkreis Pleschen | Pleszew | 85% | 15% | |||
| Landkreis Posen-Ost | Poznań, Wsch. | 72% | 28% | Posen | ||
| Landkreis Posen-West | Poznań, Zach. | 87% | 13% | Posen | ||
| Landkreis Rawitsch | Rawicz | 55% | 45% | Kröben | ||
| Landkreis Samter | Szamotuły | 73% | 27% | |||
| Landkreis Schildberg | Ostrzeszów | 90% | 10% | |||
| Landkreis Schmiegel | Śmigiel | 82% | 18% | Kosten | ||
| Landkreis Schrimm | Śrem | 82% | 18% | |||
| Landkreis Schroda | Środa | 88% | 12% | |||
| Landkreis Schwerin an der Warthe ³ | Skwierzyna | 5% | 95% | Birnbaum - 1877 | ||
| Landkreis Wreschen | Września | 84% | 16% | |||
| Regierungsbezirk Bromberg (nördlicher Teil) | ||||||
| Stadtkreis Bromberg | Bydgoszcz | 16% | 84% | |||
| Landkreis Bromberg | Bydgoszcz | 38% | 62% | |||
| Landkreis Czarnikau 4 | Czarnków | 27% | 73% | |||
| Landkreis Filehne 4 | Wieleń | 28% | 72% | Czarnikau | ||
| Landkreis Gnesen | Gniezno | 67% | 33% | |||
| Landkreis Hohensalza | Inowrocław | 64% | 36% | |||
| Landkreis Kolmar in Posen 4 | Chodzież | 18% | 82% | |||
| Landkreis Mogilno | Mogilno | 76% | 24% | |||
| Landkreis Schubin | Szubin | 56% | 44% | |||
| Landkreis Strelno | Strzelno | 82% | 18% | |||
| Landkreis Wirsitz | Wyrzysk | 47% | 53% | |||
| Landkreis Witkowo | Witkowo | 83% | 17% | |||
| Landkreis Wongrowitz | Wągrowiec | 77% | 23% | |||
| Landkreis Znin | Żnin | 77% | 23% | |||
¹ mit zweisprachiger Bevölkerung
² Angehörige des jüdischen Glaubens, unabhängig von ihrer Muttersprache
³ gehörten ab 1922 zur neuen Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen
4 aus Teilen dieser Kreise wurde der Netzekreis gebildet, der ebenfalls der neuen Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen eingegliedert wurde
Oberpräsidenten der Provinz Posen
| Amtszeit | Name | Lebensdaten |
| 1815 - 1824 | Joseph von Zerboni di Sposetti | 1766 - 1831 |
| 1825 - 1830 | Johann Friedrich Theodor von Baumann | 1768 - 1830 |
| 1830 - 1840 | Eduard Heinrich Flottwell | 1786 - 1865 |
| 1840 - 1842 | Adolf Heinrich Graf von Arnim-Boitzenburg | 1803 - 1868 |
| 1843 - 1850 | Carl Moritz von Beurmann | 1802 - 1870 |
| 1850 - 1851 | Gustav Carl Gisbert Heinrich Wilhelm Gebhard von Bonin (1. Amtszeit) | 1797 - 1878 |
| 1851 - 1860 | Eugen von Puttkamer | 1800 - 1874 |
| 1860 - 1862 | Gustav Carl Gisbert Heinrich Wilhelm Gebhard von Bonin (2. Amtszeit) | 1797 - 1878 |
| 1862 - 1869 | Carl Wilhelm Heinrich Georg von Horn | 1807 - 1889 |
| 1869 - 1873 | Otto Graf von Königsmarck | 1815 - 1889 |
| 1873 - 1886 | William Barstow von Guenther | 1815 - 1892 |
| 1886 - 1890 | Robert Graf von Zedlitz-Trützschler | 1837 - 1914 |
| 1890 - 1899 | Hugo The. Wich.Freiherr von Wilamowitz-Moellendorff | 1840-1905 |
| 1899 - 1903 | Karl Julius Rudolf von Bitter | 1846 - 1914 |
| 1903 - 1911 | Wilhelm August Hans von Waldow-Reitzenstein | 1856 - 1937 |
| 1911 - 1914 | Philipp Schwartzkopf | ? |
| 1914 - 1918 | Joh. Karl Friedr. Moritz Ferd. v. Eisenhart-Rothe | 1862-1942 |
Weblinks
- Provinz Posen
- Polnisches Digitalisierungsprojekt mit einer kleinen Anzahl deutschsprachiger Titel u.a. Gemeindelexikon der Provinz Posen
- Abschrift Gemeindelexikon von 1905 und Karten der Landkreise.
- Provinz Posen Posen-L Mailing List (Wiki Teilung)
- Provinz Posen (Genealogy.net)
