Halbbildung
Halbbildung war umgangsdeutsch eine seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts benutzte halb verächtliche Kennzeichnung für Emporkömmlinge des Bürgertums. Begrifflich wurde er zumal von dem (der Frankfurter Schule angehörenden) Philosophen Theodor W. Adorno theoretisch vertieft. Ihm nach soll "Halbbildung" eine je nach Perspektive des Urteilenden lückenhafte, oberflächliche oder nur als Selbstzweck oder zur Anpassung erworbene Bildung bezeichnen. Er wird häufig selbst (genau im Sinne seiner eigentlichen Bedeutung) nicht richtig verstanden und rein polemisch gebraucht.
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Bildung als Vorbedingung von Halbbildung
Halbbildung geht nach Adorno nicht der Bildung voraus, sondern folgt ihr. Die Kritik einer Bildung als Halbbildung setzt einen Bildungsbegriff voraus, von dessen Standpunkt aus eine ihm nicht entsprechende Bildung überhaupt als unzulänglich bewertet werden kann. Ein halbgebildeter Mensch hat sich dasselbe Wissen angeeignet, über das auch ein Gebildeter verfügt, aber er gebraucht sein Wissen in verdinglichter, domestizierter Weise, z.B. indem er Phänomene rein mechanisch klassifiziert und subsumiert, anstatt sie in ihrer Lebendigkeit zu begreifen. Aufgrund dieser Starrheit ist der Halbgebildete sogar dem völlig Ungebildeten unterlegen, denn dieser verfügt zwar nicht über das fachliche Hintergrundwissen, wohl aber über den naturwüchsigen unvoreingenommenen Blick. Diese naive Unvoreingenommenheit ist dem Halbgebildeten durch sein verdinglichtes Verständnis von Wissen als bloße Faktizität im Zuge seines Bildungsprozesses abhanden gekommen. Das Phänomen der zunehmenden Verbreitung von Halbbildung in der modernen Gesellschaft begreift Adorno in seiner Analyse als "Allgegenwart des entfremdeten Geistes".
Entstehung des neuzeitlichen Bildungsbegriffs
Seine bis heute fortwirkende Festlegung erfuhr der Bildungsbegriff in der Emanzipation des Bürgertums. Er ist gekennzeichnet durch die "Entdeckung" eines von Herkommen und Vermögen unabhängigen persönlichen Standes, in dem sich der Mensch nicht als Funktion eines überkommenen Standes, sondern als Mensch selbst begreift. Im deutschen Humanismus entfaltet sich der Begriff vollends, indem Bildung als einzige Alternative aus den selbstgeschaffenen entwürdigenden Verhältnissen verstanden wird, als welche die enthumanisierende Mechanisierung verstanden wird. Bildung ist in dieser Perspektive Selbstzweck und soll den Menschen zu seiner Bestimmung gelangen lassen, mithin Selbst-Bildung sein.
Um den Menschen hierzu zu befähigen, bedarf es nach humanistischer Vorstellung der Sprach-Bildung, des Geschichtswissens und des Kunstverständnisses. Das wahre Element der Bildung ist die Geselligkeit, insbesondere das Gespräch als offene wechselseitige Anregung.
Verflachung des Bildungsbegriffs
Bereits im 19. Jahrhundert zeigte sich, dass das humanistische Bildungsdenken abgelöst von seinen theoretischen Bezügen zu Vereinseitigungen und Verkehrungen führte. Bildung kennzeichnete alsbald eine Ansammlung von Kenntnissen, die sich wichtigen neuen Bereichen wie Wirtschaft, Technik und Politik versperrte und den angenommenen kulturellen Tiefstand der Bildung von einer veräußerlichten humanistischen Bildungsnorm her kritisierte. Bildung in diesem Sinne ist nicht länger autarke, sondern musisch-literarische Bildung, die den Gebildeten befähigt, über alles Nichtspezielle mitzureden, mithin ist sie nicht mehr als ein unspezifisches Wissen über Geschichte, Literatur, Kunst und Philosophie. Besonders sprichwörtlich ist solche Halbbildung, wenn sie sich nur aus Listen von Zitaten (siehe dazu: geflügeltes Wort) oder aus Kreuzworträtselwissen zusammensetzt.
Neueres Bildungsverständnis
Neue Bildungsbegriffe heben sich bewußt von humanistischen Bildungsvorstellungen ab und wenden sich technischen und naturwissenschaftlichen Bereichen zu. Eine zeitgemäße Grundbildung soll sowohl dem Bewahrenswerten der überkommenen Bildung als auch der zunehmenden Verwissenschaftlichung aller Lebensbereiche Rechnung tragen.
Halbbildung aus humanistischer Perspektive
Die Kritik einer Bildung als Halbbildung ist also abhängig vom jeweiligen Bildungsbegriff. Aus der Perspektive eines humanistischen Bildungsideals mit seinem bis heute fortwirkenden dreigliedrigen Schulwesen, dem ein gewisser ständischer Charakter nicht gänzlich abgesprochen werden kann, ist der Vorwurf einer Halbbildung polemisch gegen die über die Natur- und Ingenieurwissenschaften vermehrt aufsteigenden Kleinbürgersöhne und Abkömmlinge der Arbeiterschaft gerichtet.
Halbbildung unter den Gebildeten
Zuweilen richtet sich die Kritik am bürgerlichen Bildungsideal, wie beispielsweise jene Adornos, gegen Aspekte des Bildungsbürgertums. Diese Kritik greift Ansätze des ursprünglichen Bildungsgedankens wieder auf, indem sie festhielt, dass Bildung und Kultur einen Doppelcharakter haben: einerseits Geisteskultur und andererseits Kultur als reale Lebensgestaltung. Halbbildung entsteht nach dieser Auffassung, wenn dieser Doppelcharakter verloren geht. Bildung kann danach nicht getrennt werden von der Einrichtung der menschlichen Dinge. Bildung, welche davon absieht, sich selbst setzt und verabsolutiert, ist schon Halbbildung geworden, nämlich Geisteskultur als Selbstzweck. So verstandene Bildung verkommt zur Attitüde, zum bloßen Aushängeschild gesellschaftlicher Zugehörigkeit. Das bloße fetischartige Sammeln von "Highlights" geistiger Erkenntnisse ersetzt das durchdringende Verständnis aus konkretem sachlich motivierten Überlebensinteresse. So wird bei einer Bildung, die sich beschränkt auf "Kultur, die das reale Leben gestaltet", einseitig das Moment der Anpassung hervorgehoben, mithin ebenfalls nur Halbbildung erlangt.
Als Bildung vermarktete Halbbildung in heutiger Zeit
Bildungskompendien
Eine besondere Ausprägung von Halbbildung dürften die in neuerer Zeit in Mode geratenen Kompendien zur Bildung wie beispielsweise "Bildung. Alles, was man wissen muss" darstellen. In ihnen wird versprochen, auf rund 500 Seiten ein Buch zu bieten "mit dem ganzen Marschgepäck, das man Bildung nennt" (Schwanitz). Diese Bücher greifen letztlich einseitig den bereits aus dem Humanismus bekannten Bildungskanon Sprache, Geschichte, Kunst, vermehrt um Philosophie und ein wenig Religionswissen wieder auf - unter fortdauernder Ausblendung naturwissenschaftlichen Wissens und haben entsprechende Kritik naturwissenschaflicher Autoren hervorgerufen (vgl. Fischer: Die andere Bildung). Die Lektüre solcher Werke wird, da auf zügige und komprimierte Aneignung von Bildung gerichtet, um gebildet zu scheinen, unter Gebildeten regelmäßig als Halbbildung erkannt werden, zumal sie nur der Anpassung an einen vermeintlichen Bildungskanon dient. Schon der Weg von Bildung alleine über solche Formen von Sekundärlitar scheint wirklicher Bildung nicht förderlich, ohne dass hier eine sich durchaus anbietende Einzelkritik der Inhalte solcher Schriften geleistet werden soll.
Wer wird Millionär?
Großer Beliebtheit erfreuen sich daneben Fernsehshows wie die Sendung "Wer wird Millionär" und Gesellschaftsspiele, in denen Kandidaten Wissensfragen unterschiedlichster Gebiete gestellt werden. Der außerordentliche Publikumserfolg solcher Formate basiert darauf, dass ein Wissen abgefragt wird, bei dem jeder Zuschauer eine theoretische Chance hätte, wenn er auf dem Kandidatenstuhl säße, in die oberen Gewinnränge zu gelangen. Blendet man einmal aus, dass das bloße Abfragen von Wissen noch keinen Schluss auf Bildung im eigentlichen Sinne zulässt, bleibt zu fragen, ob Wissen, das jedem noch so "ungebildeten" Zuschauer eine theoretische Chance auf einen Gewinn ließe, in seiner Gesamtheit bildungsnotwendiges Wissen darstellt. Denn darin liegt der Erfolg der Sendung. Würde in engerem Sinn bildungsnotwendiges Wissen abgefragt, würden sich weite Teile der für die Werbung interessanten Zuschauergruppen vermutlich alsbald von der Sendung abkehren.
Bildung über das Internet
Zu beobachten bleibt der zunehmende Einsatz des Internets bei der Informationsbeschaffung. Viele Schüler beispielsweise gehen heute eher ins Internet, als dass sie zunächst ein Buch in die Hand nehmen. Es stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien solche Internetnutzer entscheiden, ob sie eine Information für wahr und richtig halten und in ihren eigenen Wissensbestand implementieren. Eine Information wird für wahr gehalten, wenn der Informationssuchende den Mitteilenden für eine Autorität hält oder selbst über ein Instrumentarium verfügt, sich anderweitig ein Urteil über die Wahrheit von Informationen zu bilden - beispielsweise durch Abgleich mit bereits vorhandenem Wissen. Da die im Internet sich äußernden "Autoritäten" häufig im Nebel bleiben oder nicht unmittelbar überprüfbar sind, setzt die optimale Nutzung des Internets in besonderem Maße bereits vorhandene Bildung voraus, die aufgrund der beschriebenen Mechanismen regelmäßig nicht bzw. nicht alleine über das Internet erworben werden kann. Es besteht daher durchaus die Besorgnis der Zunahme von Halbwissen, sofern nicht Plattformen wie beispielsweise Wikipedia genutzt werden, welche den geschilderten Risiken durch die Vielzahl der Teilnehmer und deren regen Austausch entgegenwirken.
Literatur
- Adorno, Theodor W.: Theorie der Halbbildung. Soziologische Schriften, Frankfurt am Main 1959
- Schwanitz, Dietrich: Bildung. Alles was man wissen muß. Eichborn, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-8218-0818-7
- Fischer, Ernst Peter: Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte. Ullstein, Hamburg 2001, ISBN 3-548-36448-9
- Charles P. Snow: The Two Cultures., erstmals erschienen 1959, erste Thematisierung der Fragmentierung des Wissens in Geistes- und Naturwissenschaft, "nerds" und "bohemians". ISBN 0-52145730-0
