Hammond-Orgel
thumb|Hammond E-100 Eine Hammond-Orgel (auch kurz "Hammond") ist eine nach ihrem Erfinder Laurens Hammond benannte elektromechanische Orgel oder auch Dicker Saak.
Ursprünglich als Ersatz für die Pfeifenorgel gedacht, wurde sie über den Einsatz als Unterhaltungsinstrument schnell zum Instrument des Jazz; als billiger Orgelersatz in amerikanischen Kirchen wanderte sie in die Gospel-Musik ein. Von dort breitete sich die Hammond-Orgel in Rock, R&B, Soul, Funk, Fusion etc. aus.
Größte Popularität erlangte sie in den 1960er und 1970er Jahren; damals kam im Mainstream kaum eine Band ohne Orgel aus. Aber auch heute noch sind ihr unverwechselbarer Klang bzw. Nachahmungen dieses Klanges aus der Popularmusik nicht wegzudenken. Im Laufe der Jahrzehnte wurde die Hammond-Orgel (vor allem das Modell B3 in Verbindung mit einem Leslie-Lautsprechersystem) zu einem klassischen Instrument wie der Steinway-Flügel oder das Saxophon.
| Inhaltsverzeichnis |
Geschichte
Am 15. April 1934 wurde Laurens Hammond in Washington, D.C. das Patent für den "packing box prototype" zugesprochen. Beantragt wurde es am 19. Januar 1934. Zuerst wurde die Orgel am 15. April 1935 vom Organisten Pietro Yon bei einer Pressevorführung in der New Yorker ST. Patrick Karthedrale der Öffentlichkeit vorgestellt. Kein geringerer als Henry Ford erteilte kurz darauf einen Auftrag über sechs Orgeln. Weitere prominente Erstbesteller waren George Gershwin und Count Basie. Im Laufe der Jahre entwickelte sich die Orgel zu einem Maßstäbe in der Musik setzenden Instrument, nicht zuletzt durch die perfekte Symbiose mit dem berühmten Leslie, einer Lautsprecherbox, bei der der Klang mittels rotierender Reflektoren einen unnachahmlichen Effekt bekommt (erfunden durch Donald Leslie).
Technik
Die Tonerzeugung der Hammond-Orgel beginnt im sogenannten „Generator“. Dabei rotieren metallene Tonräder mit einem gewellten Rand vor elektromagnetischen Tonabnehmern (Eisenkernen in Spulen). Durch die Wellenform entfernt und nähert sich der Rand des Rades periodisch dem Eisenkern. Dies ändert das Magnetfeld, wodurch in der Spule eine Wechselspannung induziert wird, die dann einen Wechselstrom ergibt. Auf Grund der Form des Rades ergibt sich eine sinusähnliche Schwingung. Diese wird durch eine Filterschaltung weiter geglättet, so daß eine fast ideale Sinusform entsteht. Die erzeugten Wechselspannungen, die Amplituden von lediglich rund 5 Millivolt (!) haben, werden dann durch die Manuale, die Zugriegel und den Scanner (Vibrato- und Chorusschaltung) geleitet und erst am Ende verstärkt.
Der Generator enthält zwischen 86 und 96 Tonräder unterschiedlicher Zahnanzahl. Sie alle werden von einem Synchronmotor angetrieben, der mit einer Umdrehungszahl von 20 Hz rotiert. Das tiefste Tonrad hat zwei "Zähne"; der tiefste Ton der Orgel hat demnach 40 Hz. Alle Tonräder sind über ein Getriebe mit dem Motor verbunden und drehen sich in geeigneten Umdrehungszahlen, um alle notwendigen Töne zu erzeugen. Durch die starre mechanische Vorgabe der Frequenzen über die unterschiedliche Zahnzahl der Räder kann sich die Orgel übrigens in sich nicht verstimmen, jedoch schwankt die Tonhöhe des Instrumentes im Ganzen mit der Netzfrequenz. Eine Hammond-Orgel lässt sich somit in keiner Weise stimmen; alle anderen Instrumente haben sich nach ihr zu richten. (Abhilfe kann hier ein nachgerüsteter Frequenzumrichter schaffen, der in Spezialgeschäften erhältlich ist.)
Die Stimmung der Orgel ist notwendigerweise nur angenähert gleichschwebend, da das Frequenzverhältnis von einem Ton zum nächsten Halbton in der temperierten Stimmung die 12. Wurzel aus 2, also 1,059463094.... beträgt. Das kann mit einem Zahnradgetriebe nicht verwirklicht, sondern nur angenähert werden, da die Übersetzungsverhältnisse in Zahnradgetrieben nur Integer-Mathematik realisieren können.
Klangformung
Die nachfolgenden Betrachtungen gelten für das bekannteste Modell B3, andere Modelle weisen Unterschiede dazu auf, ohne daß sich das Grundprinzip ändert.
Zugriegel und Fußlagen
Ein Ton der Orgel setzt sich aus 9 verschiedenen Frequenzen zusammen, deren Intensitäten über die sogenannten Zugriegel (engl. Drawbars) eingestellt werden können (sog. Additive Synthese). Man bezeichnet diese Orgel deshalb auch als 9-chörig. Jeder Zugriegel hat 9 verschiedene Intensitätsstufen (von 0 bis 8). Diese Zugriegel werden nach sog. Fußlagen bezeichnet. Die Fußlagen sind (in der Einheit Fuß, ' :) 16', 5⅓', 8', 4', 2⅔', 2', 1⅗', 1 ⅓', 1'. Sie entsprechen den folgenden Obertönen (bezogen auf die Basisfußlage 8'):
- 16': eine Oktave tiefer,
- 5⅓': eine Quinte höher,
- 4': eine Oktave höher,
- 2⅔': eine Oktave und eine Quinte höher,
- 2': 2 Oktaven höher,
- 1⅗': 2 Oktaven und eine Terz höher,
- 1⅓': 2 Oktaven und eine Quinte höher,
- 1': 3 Oktaven höher.
Man unterscheidet deshalb gerade Harmonische (even harmonics, Fußlagen 4', 2', 1'; weiße Zugriegel), ungerade Harmonische (odd harmonics, Fußlagen 2⅔', 1⅗', 1⅓'; schwarze Zugriegel) und Subharmonische (subharmonics, Fußlagen 16', 5⅓'; braune Zugriegel). Die Subharmonischen gehören nicht zu den natürlichen Obertönen eines 8-Fuß-Registers.
Es ist klar, daß die 91 Frequenzen des Generators nicht ausreichen, um alle Tasten mit den kompletten Obertönen zu versorgen. Dazu wären viel mehr Frequenzen notwendig. Aus dem Fehlen der hohen Töne ergäbe sich nun eine Schwierigkeit: Wenn man nun einen hohen Ton spielte, würden dessen höhere Harmonische nicht erklingen, weshalb er leiser und kraftloser klingen würde. Ein Ausweg aus diesem Dilemma stellt das sog „Harmonic Foldback“ dar: Wenn ein Oberton außerhalb des Frequenzumfangs des Generators liegt, erklingt er einfach eine Oktave tiefer. Dadurch ändert sich die Frequenzcharakteristik der hohen Töne natürlich maßgeblich. Das Harmonic Foldback ist der Grund, warum eine B3 in den hohen Lagen so „schreit“.
Chorus und Vibrato
Ein Choruseffekt ist prinzipiell nichts anderes als eine Schwebung. Diese entsteht gewöhnlich dann, wenn zwei Töne mit ganz leicht unterschiedlichen Frequenzen erklingen. Um 1940 erreichte man das bei Hammond-Orgeln noch, indem man einen zweiten Tongenerator (den sog. Chorus-Generator) einbaute, der gegenüber dem Hauptgenerator ganz leicht verstimmt war. Die Frequenzen dieses zusätzlichen Generators wurden mit denen des Hauptgenerators überlagert, wodurch sich ein Choruseffekt ergab. Da die so ausgestatteten Orgeln übermäßig schwer waren, ging man später dazu über, einen sog. „Scanner“ einzubauen.
Der Scanner besteht aus 8 analogen (über LC-Filterschaltungen realisierten) Delay-Lines oder Phase-Shift-Schaltungen, die das Tonsignal unterschiedlichen Phasenverschiebungen unterwerfen. Durch einen an die Motorachse gekoppelten umlaufenden Drehschalter werden diese phasenverschobenen Signale nacheinander auf den Ausgang geschaltet (entsprechend dem Muster 1-2-3-4-5-6-7-8-7-6-5-4-3-2-1). Das Resultat ist eine Tonhöhenschwankung (Vibrato) des Orgeltons. Mischt man dieses Vibrato-Signal mit dem unveränderten Signal, so ergibt sich ein besonderer, lebendiger Chorus-Effekt, der von unzähligen Hammond-Aufnahmen bestens bekannt ist. Die B3 besitzt einen Drehschalter für je 3 verschiedene Intensitäten von Chorus und Vibrato.
Percussion
Das Percussion-Register ist nur auf dem Obermanual (dem sog. „Swell“; das Untermanual heißt „Great“) verfügbar, und auch nur auf einem der zwei Zugriegelsätze. Das Erklingen und schnelle Abklingen einer Fußlage ergibt den Percussion-Effekt. Die Percussion erklingt nicht bei jedem Tastendruck, sondern nur, wenn davor alle Tasten losgelassen wurden. Die Fußlagen 2' und 2 2/3' sind als Percussion-Register schaltbar, wobei eine kurze (ca. 200 Millisekunden) und eine lange (eine knappe Sekunde) Ausklingzeit gewählt werden kann. Zusätzlich ist die Lautstärke zwischen „Normal“ und „Soft“ schaltbar.
Effekte
Hammond-Orgeln wurden vielfach mit einem Federhall ausgestattet, um dem Klang mehr Räumlichkeit zu verleihen. Zudem ist der Sound der Hammond für viele untrennbar mit dem Leslie verbunden. Dieses sog „Motion Sound System“ beruht auf dem Klang rotierender Lautsprecher, der das bekannte „Jammern“ des Klanges verursacht. Kurioserweise wurden Hammond-Orgeln nicht ab Werk mit einem Leslie-Anschluß ausgestattet, da Laurens Hammond den Klang des Leslies nicht mochte. Dieser mußte vielmehr mit einem „Leslie Connector Kit“ nachgerüstet werden.
Modelltypen
Man unterscheidet prinzipiell zwei Typen von Hammond-Orgeln:
Konsolenmodelle. Diese besitzen 2 Manuale mit je 61 Tasten und ein mindestens 25-töniges Baßpedal (Vollpedal). Weiterhin sind 4 9-chörige Zugriegelsätze (2 pro Manual) und 9 Presets pro Manual vorhanden. (Die farblich invertierten Tasten am linken Manualende sind Schalter, über die die Presets und Zugriegelsätze ausgewählt werden). Das Baßpedal besitzt 2 Zugriegelregister (16' und 8'). Konsolenmodelle waren für den Konzert- und Kirchenmusikbereich bestimmt. Zu ihnen zählt man die technisch identischen Modellreihen A100, B3 und C3 sowie RT3, D100, E100 und H100 (Liste unvollständig).
Spinettmodelle. Sie besitzen üblicherweise 2 Manuale mit je 44 Tasten (von F bis C), einen Zugriegelsatz pro Manual, keine oder wenige Presets und ein Ein-Oktaven-Stummelpedal. Das Untermanual ist nur 7- oder 8-chörig, die Subharmonischen Register (16' und 5 1/3') fehlen. Spinettmodelle waren für den Heimbereich konzipiert. Wichtigste Vertreter sind die Baureihen L100, M3, M100 und T100.
Die Konsolenmodelle besitzen zudem das „Harmonic Foldback“, was bei den Spinettmodellen nicht zu finden ist. Daraus resultieren in jedem Fall grundsätzliche klangliche Unterschiede zwischen beiden Modelltypen.
Die wichtigsten Modelle
A100 (1959-1965), B3 und C3 (1955-1974): Der Archetyp der Hammond-Orgel. Tonerzeugung und Klangformung sind bei diesen Modellen identisch. Der Tongenerator erzeugt 91 Frequenzen. Alle besitzen 2 Manuale à 61 Tasten, 9 Presets und 2 Zugriegelsätze pro Manual, ein 25töniges Baßpedal, Percussion, Scanner-Vibrato und Hall. Die A100 war für den Heimbereich bestimmt und besitzt einen eingebauten Verstärker und Lautsprecher. Die B3 ist das Konzertmodell und die C3 das Kirchenmodell. Sie unterscheiden sich lediglich in der Gehäuseausführung und sind technisch identisch.
M3 (1955-1964) Die auch „Baby-B3“ genannte M3 ist ein Spinettmodell mit 2 Manualen à 44 Tasten und einem 12-tönigen Baßpedal. Der Generator erzeugt 86 Frequenzen. Sie besitzt 9 Zugriegel für das Obermanual, 8 für das Untermanual und einen Baßzugriegel (16'), außerdem Percussion und Scannervibrato. Eine Besonderheit ist der 8. Zugriegel für das Untermanual, der die Terz über dem 1'-Register erklingen läßt, Die M3 besitzt keinerlei Presets, aber einen eingebauten 12-Watt-Verstärker und einen Lautsprecher. Übrigens wurde der Hit „A Whiter Shade of Pale“ von Procol Harum auf einer M3 eingespielt.
M100 (1961-1968) Diese stellt eine Weiterentwicklung der M3 dar. Sie besitzt zusätzlich noch Presets, Hall, einige Zusatzschalter für die Choruseffekte und 13 Basspedale. Der eingebaute Verstärker steuert 2 Lautsprecher an, und es existiert ein dritter Lautsprecher für die Halleffekte. Trotzdem ist die M3 für den Organisten das bessere Instrument, da die M100 Kunststofftasten anstelle der M3- und B3-üblichen Holztasten besitzt und sich deshalb weniger gut spielen läßt.
L100 (1961-1972) Die Keith Emerson Orgel. Die L100 war das „Billig-Spinett“ von Hammond. Sie ist technisch ähnlich zur M100, besitzt aber im Gegensatz zu dieser kein Scannervibrato und nur 7 Zugriegel für das Untermanual. Eine Variante ist die P100, eine L100 in einem transportablen (2-teiligen) Gehäuse. Die P100 ist die einzige transportable elektromechanische Hammond-Orgel, die jemals von Hammond gebaut wurde.
Musiker, bei denen die Hammondorgel stilprägend war und ist
- Brian Auger (Jazz-, Fusion- und Rockorganist)
- Tony Banks (Genesis)
- Hugh Banton (Van der Graaf Generator)
- Vincent Crane (Atomic Rooster)
- Barbara Dennerlein (Jazzorganistin)
- Keith Emerson (Emerson, Lake & Palmer, The Nice)
- Dave Greenslade (Colosseum, Greenslade)
- Jon Lord (Deep Purple)
- Jean Jaques Kravetz (Frumpy, Udo Lindenberg)
- Rhoda Scott (Jazzorganistin)
- Shirley Scott (Jazzorganistin)
- Ethel Smith (Jazzorganistin)
- Jimmy Smith (Jazzorganist)
- Rick Wakeman (Yes)
- Larry Young (Jazzorganist)
- Matthew Fisher (Procol Harum)
- Joey DeFrancesco (Jazzorganist)
- Eddie Hardin (Hardin & York)
- Richard Wright (Pink Floyd)
- Steve Winwood (Spencer Davis Group Traffic Blind Faith)
Hammond-Orgel heute
Nachfolger und Eigentümer des Namens Hammond ist eine japanische Firma namens Suzuki (nicht zu Verwechseln mit dem gleichnamigen Motorradhersteller), die moderne Orgeln im alten Stil und Sound unter dem Namen "Hammond-Suzuki" vermarktet. Bei diesen wird der Sound des Tongenerators mittels digitaler Technik simuliert. Der deutsche Distributor in Langenau bei Ulm unterhält jedoch gleichzeitig eine Fachwerkstatt für die Instandsetzung der alten Modelle; im großen Verkaufsraum befinden sich auch Original-Hammond-Orgeln.
Auch einige Fremdhersteller bieten Masterkeyboards mit dem Hammond-Sound an, darunter die Firmen Clavia, KORG, Roland, Oberheim und Kurzweil, die teilweise eine beachtliche Authentizität des Klanges erreichen.
Daneben gibt es unterdessen Computerprogramme, die den Klang und teilweise auch - z.B. mittels spezieller Zugriegel-Adapter - die Spielbarkeit von Hammond-Orgeln nachzuahmen versuchen; zu den bekanntesten zählt die Software "B4" der Firma Native Instruments.
Weblinks
- Geschichte Hammond-Orgel
- Geschichte der Firma Hammond
- Jeff Dairikis HammondWiki
- Im EBoardmuseum in Österreich sind Hammondorgeln zu besichtigen
- Wer war Laurens Hammond?
- Detaillierte Liste aller Hammond- und Leslie-Modelle.
CDs zum Hören
- Sampler - Hammond Heroes - 60s R&B Organ Grooves (Bear Family Records)
