Hans Friedrich Karl Günther

Hans Friedrich Karl Günther (* 16. Februar 1891 in Freiburg im Breisgau; † 25. September 1968 ebenda) war in der Weimarer Republik und im "Dritten Reich" als "Rasseforscher" tätig und als so genannter "Rassengünther" oder "Rassepapst" bekannt. Vielen gilt er als Urheber des nationalsozialistischen Rassegedankens.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Günther wurde als Sohn eines Kammermusikers geboren. Zunächst studierte er vergleichende Sprachwissenschaft und Germanistik an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg, besuchte jedoch auch naturwissenschaftliche Vorlesungen über Zoologie und Geographie. Auch hörte er den damals führenden Anthropologen Eugen Fischer in Freiburg und erwarb bei ihm die Grundlagen für seine späteren Rassetheorien. Das Sommersemester 1911 verbrachte er an der Sorbonne in Paris. 1914 wurde er kurz vor Beginn des 1. Weltkriegs in Freiburg zum Dr. phil. promoviert. Er meldete sich als Kriegsfreiwilliger, erkrankte jedoch schon während der Ausbildung beim Freiburger Infanterie-Regiment 113 an Gelenkrheumatismus und verbrachte deshalb mehrere Monate im Krankenhaus. Manche meinen, diesen Makel als Heeresuntauglicher habe er nie richtig verwunden. Sein heldisches Männlichkeitsideal habe der Kompensation gedient. Während des Krieges war er beim Roten Kreuz tätig.

1919 legte er die Kriegsteilnehmerprüfung für das höhere Lehramt an Schulen ab und war im Probedienst tätig. Günther verstand sich jedoch als Schriftsteller. Sein Erstlingswerk war die "Bekenntnisschrift" mit dem Titel "Ritter, Tod und Teufel. Der heldische Gedanke", in dem sich der heidnisch-romantische Nationalismus des "deutschen Spiels" zum biologischen Nationalismus wandelte. Heinrich Himmler war 1924 von diesem Buch sehr beeindruckt.

In der kurzen Zeit von 1920 bis 1922 erstellte der im Grunde "fachfremde" Autor im Auftrag seines Verlegers Julius Friedrich Lehmann sein bereits damals relativ weit verbreitetes und populäres Hauptwerk "Rassenkunde des deutschen Volkes".

1922 studierte Günther am Anthropologischen Institut der Universität Wien und arbeitete im Museum für Tier- und Völkerkunde in Dresden bei Bernhard Struck. Weiteres Studium 1922 bei Theodor Mollison in Breslau. Seit 1923 lebte er zusammen mit seiner 2. norwegischen Frau in Skandinavien. Er erhielt gelegentlich von verschiedenen Universitäten wissenschaftliche Aufträge (unter anderem von der Universität Uppsala und vom Schwedischen Staatsinstitut für Rassenbiologie des Herman Lundborg). In Norwegen lernte Günther Vidkun Quisling kennen und schätzen. Bereits damals verkehrte Günther in deutschen nationalsozialistischen Kreisen. Der völkische Architekt und Schriftsteller Paul Schultze-Naumburg vermittelte ihm Kontakte zu Richard Walther Darré und Baldur von Schirach.

Finanzielle Engpässe, die auch ihn im Zuge der Weltwirtschaftskrise einholten, zwangen ihn 1929 zur Rückkehr nach Deutschland. In Dresden fristete er mit einer halben Lehrerstelle recht kümmerlich vor sich hin, bis Wilhelm Frick, der erste nationalsozialistische Minister in einem deutschen Land, ihm 1930 gegen den Willen der Universität Jena zu einem für ihn eigens eingerichteten Lehrstuhl für Sozialanthropologie verhalf. Günther hatte in akademischer Hinsicht außer seiner Promotion hierfür keinerlei Voraussetzungen, was zu scharfen Protesten von Ordinarien aus ganz Deutschland führte. Seine - im übrigen nicht weiter bemerkenswerten - Antrittsvorlesung erhielt durch die Anwesenheit von Hitler und Göring eine symbolhafte Bedeutung. 1931 unternahm aus nicht mehr völlig aufklärbaren Motiven ein 18-jähriger Arbeitsloser aus Wien auf ihn einen Anschlag, was von den Nationalsozialisten politisch weidlich ausgeschlachtet wurde. 1932 wurde Günther Mitglied der NSDAP.

1935 wurde er o. Professor für Rassekunde, Völkerbiologie und Ländliche Soziologie an der Universität Berlin, von 1940 bis 1945 war er o. Professor und Institutsdirektor an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau. Günther erhielt im 3. Reich zahlreiche Ehrungen. So war er 1935 der erste Preisträger des "Preis der NSDAP für Wissenschaften", 1937 erhielt er die "Rudolf-Virchow-Plakette" der "Deutschen Philosophischen Gesellschaft". 1941 erhielt er von Hitler die "Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft".

März 1941 nahm er als Ehrengast an der Eröffnungstagung von Alfred Rosenbergs "Institut zur Erforschung der Judenfrage" teil. In den Vorträgen wurde der "Volkstod" der Juden als Ziel formuliert. Er sollte durch "Verelendung der europäischen Juden bei Zwangsarbeit in riesigen Lagern in Polen" erreicht werden. Günthers Kommentar war nur, die Veranstaltung sei langweilig gewesen.

Nach Kriegsende verbrachte Günther 3 Jahre in Internierungslagern. Sein Entnazifizierungsverfahren endete damit, dass er als "Mitläufer" eingestuft wurde. Die Universität Freiburg hatte in diesem Verfahren vorgetragen, Günther habe sich in seiner Rassekunde in Grenzen gehalten, die auch von Gelehrten dieses Zweiges moderner Wissenschaft in anderen Staaten eingehalten würden.

Auch nach Untergang des Dritten Reiches zog Günther seine Theorien nicht zurück. In dem unter seinem eigenen Namen Ende 1951 veröffentlichten Buch "Gattenwahl" unterbreitete er - nach Auffassung heutiger Literatur - auch in den fünfziger Jahren noch allgemein konsensfähige Warnungen wie beispielsweise vor der Heirat mit "Zuckerkranken, Frauenrechtlerinnen und Gewohnheitstrinkern". In dem Schlusskapitel dieses Buches verharmloste er die Zwangssterilisationen der NS-Zeit und stellte die gesetzlich vorgeschriebenen NS-Ehegesundheitszeugnisse als richtungsweisend dar.

Günther, der in seinen letzten Lebensjahren in Emmendingen lebte, publizierte auch nach 1945, unter anderem auch unter den Pseudonymen Ludwig Winter und Heinrich Ackermann. In seinem 1959 veröffentlichen Buch "Der Begabungsschwund in Europa" warnte er vor einer zunehmenden "Verdummung der Bevölkerung", weil sich die sittlich Haltlosen unkontrolliert und die Begabten viel zu selten fortpflanzten. Der "Untergang des Abendlandes könne nur durch eine überlegte Familienpolitik aufgehalten werden, die von den Tatsachen der Vererbung, Siebung, Auslese und Ausmerze ausgingen".

Die nationalsozialistischen Verbrechen bezweifelte Günther bis an sein Lebensende. "Wieviele Greuel würden über das Konzentrationslager Buchenwald zusammengelogen" (so Günther in dem Buch "Mein Eindruck von Adolf Hitler").

Ideologie

Ausgehend von seinem Werk "Ritter, Tod und Teufel" wurde Günther zum Begründer des sogenannten "Nordischen Gedankens", mit dem die vermeintliche Gefährdung der "Nordischen Rasse" propagiert und Wege aufgezeigt wurden, diese durch "Aufnordung" biologische aufzuwerten.

Dabei schrieb er jedem von ihm entwickelten Menschentyp bestimmte seelische Eigenschaften zu, die gemeinsam mit den äußerlichen Rassemerkmalen vererbt würden.

Günther entwickelte eine "Wertigkeitsskala" in der die "nordische Rasse" sich besonders durch Merkmale wie "Urteilsfähigkeit", "Wahrhaftigkeit und Tatkraft" auszeichnen sollte. Weiter seien dabei der "Gerechtigkeitssinn", das "Einzeltum" und die "Leidenschaftslosigkeit", "Zurückhaltung bei der Geschlechtlichkeit" besonders kennzeichnend für diese "Rasse". Dagegen zeichne sich die "westische (mediterrane) Rasse" durch "Leidenschaftlichkeit" und "geistige Beweglichkeit" sowie "Heiterkeit" und "Geselligkeit" aus. Der "ostischen Rasse" - gemeint sind dabei entgegen der verwirrenden Begrifflichkeit Personen, die überwiegend im Südwesten des deutschen Sprachraums leben - schreibt er "Verschlossenheit", "Geduld", und "Fleiß" zu, wobei diese "empfänglich für Leitung und Führung" sowie "bequem" und damit "fügsam als Untertan" sei und eine besondere "Anhänglichkeit an Familie und Örtlichkeit" habe.

Als weiteren Typ beschreibt Günther die "dinarische Rasse", die sich durch ihren "besonderen Sinn für Ehre" auszeichne und "überall eine stark vaterländische, besser: heimatliche Gesinnung" habe. Besonders bemerkenswert an dieser Rasse sei "Verlässlichkeit", "Tapferkeit" und "Stolz". Sie habe eine "gewisse händlerische und kaufmännische Begabung" und neige "zu leichter Erregbarkeit" sowie "zu schnellem Aufbrausen, ja zum Jähzorn und zu besonderer Rauflust". Die "dinarische Rasse" sei darüber hinaus "gutmütig", "derb", "roh" und "sentimental".

Die "Vergleiche", die Günther anstellte, liefen darauf hinaus, dass die "nordische Rasse" die höchst entwickelte, aber auch die in ihrem Bestand gefährdetste sei. Seine Theorien wurden zeitweise zur maßgeblichen ideologischen Grundlage der nationalsozialistischen Rassenpolitik, die in der Vernichtung nicht nur der Juden und Zigeuner sondern auch der als minderwertig diskriminierten slawischen Völker führte. Allerdings hielt Günther selbst das Thema Judentum für untergeordnet und meinte bereits in den zwanziger Jahren, der Begriff des Ariers sei veraltet. Das hinderte ihn allerdings nicht, sich in seiner Rassekunde ausgiebig antisemitischer Klischees zu bedienen. Sein Wunsch war, dass die Juden nach "Palästina oder ein anderes, ihren Erbanlagen angemessenes Gebiet" auswandern.

Das deutsche Volk sollte "aufgenordet" werden. Die Leitsätze der Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene stellten dabei für Günther in seinem Buch "Der nordische Gedanke unter den Deutschen", 2.Auflage 1927 nur die Mindestforderung dar. Dort war langfristig die Zwangssterilisation "minderwertiger" Menschen sowie deren schnellstmögliche Isolation in Arbeitslagern vorgesehen. Günther befürwortete nicht nur in weitem Umfang Zwangssterilisationen von Menschen mit "minderwertigen Erbanlagen", sondern auch Zwangsabtreibungen oder die zwangsweise Expatriierung beispielsweise der damals so genannten "Rheinlandbastarde", Kindern von farbigen französischen Besatzungssoldaten und deutscher Mütter.

Ziel der Güntherschen Aufnordung war, dem Bauerntum zu neuer Größe zu verhelfen und die notwendige "Entstädterung" einzuleiten.

Günther war zwischen den beiden Weltkriegen einer der meistgelesenen und meist umstrittenen deutschen Publizisten, dessen Schriften (wenn auch nur in kleiner Auflage) noch bis die 60-er Jahre herausgegeben wurden und ein Publikum fanden.

Vor allem in den USA, wo in einigen Staaten noch bis um 1970 die Politik der Rassentrennung teilweise gesetzlich verankert war, wurden Günthers Rassetypologien und Anschauungen auch nach 1945 noch "gewürdigt", was unter anderem dazu führte, dass ihn die in der Wissenschaft hoch angesehene "American Society of Human Genetics" 1953 zum korrespondierenden Mitglied wählte.

Schriften

Literatur

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Personendaten
Günther, Hans Friedrich Karl
nationalsozialistischer „Rasseforscher“
16. Februar 1891
Freiburg im Breisgau
25. September 1968
Freiburg im Breisgau

See also: Hans Friedrich Karl Günther, 16. Februar, 1891, 1914, 1919, 1922, 1923, 1935, 1937